13. Mai 2020

Analyse eines Referenten des Bundesinnenministeriums zu Corona Ein extrem teurer Fehlalarm

Der Staat als größter Fake-News-Produzent

von Edgar L. Gärtner

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Bildquelle: shutterstock Corona-Panik: Extrem teurer Fehlalarm

Schon in einem früheren Beitrag über die Corona-Epidemie, der Ende Januar 2020 auf „European Scientist“ erschien, habe ich die Vermutung geäußert, dass die von Politik und Massenmedien um das neuartige Virus geschürte Panik mehr Menschenleben und Wirtschaftskraft kosten wird als die Epidemie selbst. Nun hat die über 80-seitige unvoreingenommene Analyse der Anti-Corona-Maßnahmen der Regierung aus der Feder eines Referenten des deutschen Bundesinnenministeriums (BMI), Oberregierungsrat Stephan K., Referat KM4, in Berlin genau das bestätigt. Das Fazit seines Vergleichs von Kosten und Nutzen lautet: „Die beobachtbaren Wirkungen und Auswirkungen von Covid-19 lassen keine ausreichende Evidenz dafür erkennen, dass es sich – bezogen auf die gesundheitlichen Auswirkungen auf die Gesamtgesellschaft – um mehr als um einen Fehlalarm handelt.“ Als der Referent seine Studie an die Hierarchie weiterreichte, wurde er sofort beurlaubt. Doch einer der Empfänger reichte das Papier anonym an das regierungskritische Online-Magazin „Tichys Einblick“ weiter. (Auch mir selbst liegt inzwischen das ganze Papier vor.)

Der Referent wirft den deutschen Behörden vor, nicht im Ansatz eine ganzheitliche Abwägung der Gefahren und Risiken vorgenommen, sondern die Anstrengungen auf eine einzige Aufgabe, die Bekämpfung des Coronavirus durch die Vermehrung von Intensivbetten in Krankenhäusern, konzentriert zu haben. Dabei seien die durch das einseitige Krisenmanagement verursachten Todesfälle (etwa von nicht behandelten Krebs- und Herz-Kreislauf-Patienten) schlicht verdrängt worden. Zweieinhalb Millionen Menschen seien nicht medizinisch versorgt worden. Es sei dadurch eine potentielle Lebenszeit im Umfang von mehreren Millionen Jahren geopfert worden. Bei Außenstehenden könne deshalb der Verdacht aufkommen, es gehe gar nicht um die Sicherheit und Gesundheit der Bevölkerung, sondern um die Akzeptanz der Regierung und der Regierungsparteien.

Konkret bemängelt der Referent, dass die Regierung keine „adäquaten Instrumente zur Gefahrenanalyse und -bewertung“ aufgebaut hat. Dabei war schon zu Beginn des 21. Jahrhunderts auf deren Fehlen hingewiesen worden. Ich habe selbst in meinem oben zitierten Beitrag auf den im Jahre 2003 vorgelegten Abschlussbericht der Kommission „Neuordnung der Verfahren und Strukturen zur Risikobewertung und Standardsetzung im gesundheitlichen Umweltschutz der Bundesrepublik Deutschland“ (kurz „Risikokommission“) hingewiesen, in dem klare Prozeduren zur Einschätzung von Gefahren und zur Feststellung von Notlagen gefordert worden waren. Der Referent des BMI ist der Meinung, dass die aktuellen Entscheidungen auf der Basis „ungeeigneter Informationen“ getroffen wurden. Dazu gehört vor allem die vom staatlichen Robert-Koch-Institut (RKI) in den Vordergrund gerückte Reproduktionszahl R, die ein statistisches Artefakt darstellt, weil die genaue Zahl der Infizierten unbekannt ist und die Zahl der gemeldeten Neuinfektionen lediglich eine Funktion der Zahl der durchgeführten PCR-Tests ist. Ausschlaggebend für die Gefahreneinschätzung könne nur die Mortalitätsrate sein, sagt der BMI-Referent. Diese hätte man durch die bei Meinungsumfragen und Wahlprognosen bewährte Stichprobentechnik leicht realistisch abschätzen können.

Doch außer bei der umstrittenen „Heinsberg-Studie“ der Bonner Professoren Hendrik Streeck und Gunther Hartmann im Bundesland Nordrhein-Westfalen, die im Hotspot Gangelt im Kreis Heinsberg eine Infektionssterblichkeit (IFR) von 0,37 Prozent ermittelte (das heißt in der Größenordnung einer schweren Influenzawelle), wurde das gar nicht erst versucht. Der BMI-Referent folgert: „Durch das neue Virus bestand vermutlich zu keinem Zeitpunkt eine über das Normalmaß hinausgehende Gefahr für die Bevölkerung (Vergleichsgröße ist das übliche Sterbegeschehen in Deutschland). Es sterben an Corona im Wesentlichen die Menschen, die statistisch dieses Jahr sterben, weil sie am Ende ihres Lebens angekommen sind und ihr geschwächter Körper sich beliebiger zufälliger Alltagsbelastungen nicht mehr erwehren kann (darunter der etwa 150 derzeit im Umlauf befindlichen Viren). Die Gefährlichkeit von Covid-19 wurde überschätzt (innerhalb eines Vierteljahres weltweit nicht mehr als 250.000 Todesfälle mit Covid-19 gegenüber 1,5 Millionen Toten während der Influenzawelle 2017/18). Die Gefahr ist offenkundig nicht größer als die vieler anderer Viren. Wir haben es aller Voraussicht nach mit einem über längere Zeit unerkannt gebliebenen globalen Fehlalarm zu tun.“

Der Referent gibt sich davon überzeugt, dass der Kollateralschaden der Anti-Corona-Maßnahmen „inzwischen höher ist als der erkennbare Nutzen“. Ein großer Teil dieses Schadens werde sich erst in der näheren und ferneren Zukunft manifestieren. Das betreffe vor allem den Schutz kritischer Infrastrukturen, für den sich der damalige Bundesinnenminister Thomas de Maizière im Jahr 2015 eingesetzt habe. Seither sei dieses Thema aber stiefmütterlich behandelt worden – mit der Folge, dass Politik und Gesellschaft nun schlecht für Krisensituationen gewappnet sind. Eine im Jahr 2012 durchgeführte Risikoanalyse, zu der das RKI eine Pandemie-Simulation beisteuerte, blieb ohne Konsequenzen. Die Folge: „Die Resilienz des hochkomplexen und stark interdependenten Gesamtsystems kritischer Infrastrukturen ist gesunken. Unsere Gesellschaft lebt ab sofort mit einer gestiegenen Verletzlichkeit und höheren Ausfallrisiken von lebenswichtigen Infrastrukturen. Das kann fatale Folgen haben…“

Der BMI-Referent schließt mit der zweifelsohne provokanten Bemerkung: „Die Defizite und Fehlleistungen im Krisenmanagement haben in der Konsequenz zu einer Vermittlung von nicht stichhaltigen Informationen geführt und damit eine Desinformation der Bevölkerung ausgelöst. (Ein Vorwurf könnte lauten: Der Staat hat sich in der Corona-Krise als einer der größten Fake-News-Produzenten erwiesen.)“ Immerhin hat es der widerständige Beamte damit in alle großen deutschen Zeitungen geschafft und dadurch sicher die in Deutschland wachsenden Massenproteste gegen Maulkorbzwang und Kontaktsperre befeuert.

„European Scientist“: „Coronavirus weniger gefährlich als die Panik um ihn“

Edgar L. Gärtner: „Warum die Panik um das Virus gefährlicher ist als die dadurch ausgelöste Lungenkrankheit Covid-19“

Dieser Artikel erschien zuerst auf „European Scientist“.


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