08. Mai 2020

Umgang mit der Pandemie Corona – der Ernstfall für Postheroismus und Demokratie

Was wäre gewesen, wenn Covid-19 bereits 1970 aufgetreten wäre?

von Burkhard Voß

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Bildquelle: shutterstock Gedankenexperiment: Wenn Corona 1970 aufgetreten wäre

„Du musst seine Schlichtheit und Effizienz bewundern, es ist millionenfach kleiner als du und kann dich umbringen.“ – „Was willst du tun, es zum Abendessen einladen?“ – „Nein, es töten.“

So die Militärärzte in „Outbreak – Lautlose Killer“, dem Viren-Thriller von 1995. In einer kalifornischen Kleinstadt ist plötzlich eine Epidemie ausgebrochen, die sich in rasantem Tempo ausbreitet, zu grippeähnlichen Symptomen und letztlich zur Verflüssigung der inneren Organe und einem Tod innerhalb weniger Tage führt. Das städtische Gesundheitssystem kollabiert, und die Stadt wird durch das Militär hermetisch abgeriegelt. Ursache ist eine Variante des Ebolavirus, die als biologische Waffe in den Laboren des US-Militärs entwickelt wurde und eine nahezu 100-prozentige Letalität besitzt. Wenn ein Gegenmittel gefunden wird, ist die Waffe wertlos. Deswegen setzt ein zynischer Major alles daran, dies zu verhindern. Doch das Gegenmittel wird gefunden, und der Plan des zynischen Majors, die Stadt durch eine Bombe zu vernichten, wird durch den selbstlosen Einsatz der „guten“ Militärärzte vereitelt. Sie fliegen mit ihrem Hubschrauber in die Flugbahn des Bomberpiloten, der somit gezwungen wird, die Bombe über dem Meer abzuwerfen. Kleinstadt gerettet, der böse Major wird verhaftet, das Gegenmittel wirkt.

Sprung in die Vergangenheit. Die Spanische Grippe 1918/19 trat kurz nach dem Ersten Weltkrieg (1914-1918) auf und traf auf eine durch den Krieg geschwächte Bevölkerung. Wahrscheinlich entstand sie in den USA und wurde von einem Soldaten nach Europa eingeschleppt. Warum der Name „Spanische Grippe“? Weil Frankreich, Großbritannien und die Vereinigten Staaten, also die Sieger, meinten, dass die ersten Fälle in Spanien auftraten, obwohl die Pandemie schon längst in ihren Ländern wütete. Oft stirbt die Wahrheit nicht nur im Krieg zuerst.

Jenseits aller Gerüchte und Kolportagen starben durch die Spanische Grippe 50 bis 100 Millionen Menschen, das ist möglicherweise mehr als durch die Kampfhandlungen des Ersten und Zweiten Weltkriegs zusammen!

Sprung in die entferntere Vergangenheit. Durch Handelsschiffe wurde 1347/48 über Venedig und Genua aus dem Vorderen Orient eine Krankheit eingeschleppt, die rasch zu hohem Fieber, Schüttelfrost und Herz-Kreislauf-Versagen führte. Sie hatte eine Letalität von bis zu 75 Prozent, und je nach befallener Körperregion bezeichnete man sie als „Beulen (Haut)“- oder „Lungenpest“. Ungefähr ein Drittel der mitteleuropäischen Bevölkerung starb an ihr. Ursache war diesmal ein Bakterium (Yersinia pestis), kein Virus.

Ebola à la Hollywood, Spanische Grippe, Pest – von diesen mikrobiellen Apokalypsen ist die Corona-Krise Lichtjahre entfernt. Bislang sind an Covid-19 weltweit 227.723 Menschen verstorben (Stand 30.04.2020). An Covid-19? In den meisten Fällen muss es heißen: mit Covid-19. Denn dieses Virus wird vor allem für ältere und multimorbide Menschen gefährlich. Menschen, die gleichzeitig an hohem Blutdruck, Herzschwäche, chronisch obstruktiver Lungenerkrankung, Diabetes mellitus, Fettleber, einer Nierenerkrankung und so weiter erkrankt sind. Die mehr als zehn internistische Medikamente und Schmerzmittel einnehmen, deren Nebenwirkungen und Wechselwirkungen auch nicht so ganz unproblematisch sind. Covid-19 ist da manchmal „nur“ der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Natürlich erkranken auch Patienten zwischen 20 und 40 Jahren aus voller Gesundheit heraus ohne Vorerkrankungen, wo Covid-19 die einzige Todesursache ist. Aber das ist deutlich seltener. Also muss die häufige Formulierung „an Covid-19 verstorben“ korrigiert werden durch die Formulierung „mit Covid-19 verstorben“. Die Zahl der einzig durch Covid-19 Verstorbenen liegt drastisch unter der Zahl der mit Covid-19 Verstorbenen. Verglichen mit dem Pestbakterium ist Covid-19 sicher ein ernst zu nehmendes Problem, aber kein Weltuntergang.

Die Spanische Grippe war deutlich gefährlicher als Covid-19, aber auch kein Weltuntergang. Hingegen wurde die Pest von vielen Zeitgenossen als Apokalypse wahrgenommen. So wie Covid-19 von vielen Patienten mit Ängsten und Depressionen. Psychische Erkrankungen, die nicht gerade selten sind. Depressionen stehen nach den Herz-Kreislauf-Erkrankungen an zweiter Stelle der Krankheiten mit den höchsten allgemeinen Belastungen. Eine Angsterkrankung entwickeln innerhalb eines Jahres circa 18 Prozent der westlichen Bevölkerung. Doch auch viele (die meisten?) psychisch Gesunde hat Covid-19 fest im Griff. Wie kann eine Erkrankung, die objektiv betrachtet zigfach harmloser als frühere Seuchen ist, die Welt voll im Griff haben?

Durch hochempfindliche Subjekte. Einige dieser Hochsensiblen würden eher den dritten Weltkrieg per Knopfdruck auslösen als eine Gewaltszene im Fernsehen ertragen.

Die säkularen westlichen Überflussgesellschaften mit materialistisch grundierter Abschaffung der Transzendenz, hin zu Spaß- und Kichergesellschaften, die Achtsamkeit, Geduld und Sensibilität als ethische Höchstleistung predigen und deren Möchtegerneliten sich an Gender und Sprachregelungen abgearbeitet haben, muss die Pandemie mit voller Wucht treffen.

Gedankenexperiment: Was wäre gewesen, wenn Covid-19 in der chinesischen Provinz Wuhan 1970 aufgetreten wäre? Damals gab es noch kein Internet, noch nicht einmal Handys. Mao Tse-tung war der unumschränkte Diktator. 1957, so erinnerte sich der damalige Sowjet-Chef Nikita Chruschtschow, soll er von einem Atomkrieg phantasiert haben. Ein Verlust von 300 Millionen Menschen sei für ihn kein Problem gewesen. Denn: „Doch was heißt das schon? Krieg ist Krieg. Das Jahr wird vorbeigehen, wir werden uns wieder ans Werk machen und noch viel mehr Babys produzieren als zuvor.“

Wie hätte Mao auf die Seuche in Wuhan reagiert? So wie Xi Jinping heute. Er hätte zunächst einmal alle Informationswege hermetisch abgeriegelt. Klappte schon vor einem halben Jahrhundert nicht ganz so optimal, in digitalen Zeiten überhaupt nicht mehr. Die Weltöffentlichkeit hätte damals von dieser Seuche frühestens nach Monaten etwas erfahren. Jetzt erfährt sie es nach Tagen bis maximal Wochen. Der Ferntourismus lag noch in den Kinderschuhen. Der chinesische Markt begann erst ganz allmählich, sich nach Westen zu öffnen. Gut möglich, dass ein deutscher Geschäftsmann sich auf einer Reise nach China mit Covid-19 infiziert hätte. Wäre er zwischen 25 und 50, auch keine Rarität, hätte die Erkrankung wahrscheinlich einen gutartigen Verlauf genommen oder wäre gar nicht bemerkt worden. Natürlich könnte dieser Geschäftsmann bei der Rückkehr nach Deutschland seinen über 80 Jahre alten Vater infiziert haben, der daran verstorben wäre. In einer ländlichen Region mit wenig Mobilität und wenig zwischenmenschlichen Kontakten hätte die Infektion einen endemischen Verlauf genommen, wäre also regional begrenzt verlaufen. Aber auch bei einem epidemischen Verlauf wäre eine Katastrophe eher nicht eingetreten. Deutschland hatte auch schon damals ein gutes bis sehr gutes Gesundheitssystem im internationalen Vergleich. Eine Überalterung der Gesellschaft mit vielen Alters- und Pflegeheimen wie 2020? 1970 ebenfalls Fehlanzeige. Es ist gut möglich, dass eine damalige Corona-Infektionswelle gar nicht aufgefallen wäre. Oder es hätte ein „Tagesschau“-Sprecher verkündet, dass die Zahl der Grippetoten in diesem Jahr außergewöhnlich hoch gewesen sei. Eine Nachricht, die das kollektive Bewusstsein im Wirtschaftswunderland nicht erschüttert hätte.

Erschütterungen und Berge von Leichensärgen hätte es sicherlich in New York gegeben. So gut wie das Deutsche, so schlecht war Anfang der 70er das Gesundheitssystem in den USA. Zudem hatte New York damals mehr Elendsviertel als heute. Dank eines investigativen Journalismus, der den Watergate-Skandal 1972 aufdeckte, hätte die Weltöffentlichkeit davon rasch erfahren.

Ähnlich wie heute hätte das Virus in Italien und Spanien zugeschlagen. Diese Staaten hatten, wie die USA zu der Zeit ebenfalls, ein fragiles Gesundheitssystem. Stabile und gute Gesundheitssysteme wie in den skandinavischen Ländern oder der Schweiz beziehungsweise Österreich, wären wahrscheinlich genauso gut wie Deutschland mit Covid-19 fertig geworden. Die weitaus geringere Mobilität einschließlich eines deutlich geringeren Flugverkehrs hätte die Begrenztheit der Seuche auf Deutschland, Skandinavien, die Schweiz und Österreich wahrscheinlich gemacht. Viel hätte, viel wäre.

Keine Tatsache, aber recht wahrscheinlich ist die Einschätzung des erfahrenen Rechtsmediziners Klaus Püschel der Uni-Klinik Hamburg im „Spiegel“ 18/2020: „Die Gesamtzahl der Toten wird sich unter den üblichen jährlichen Schwankungen verbergen.“ Genauso wie im 1970er-Gedankenexperiment. Ist die Corona-Krise in Wahrheit eine postheroische Medien-Krise? Produzieren die Sicherheitsmaßnahmen in Form von häuslicher Gewalt und Selbstmorden, Letztere auch durch wirtschaftliche Abstürze, mehr Tote als Covid-19? Diesen Fragen sollte man sich in Kürze stellen.

Vielen (nicht nur) in Deutschland gehen die Maßnahmen zur Bewältigung der Corona-Krise im Frühjahr 2020 entschieden zu weit. Neidisch schauen einige nach Schweden, wo alles weitergeht wie bisher. Nicht nur in Deutschland konnte man die weniger sympathischen Seiten der Bürger beobachten. Fand in Lebensmittelläden nicht fast ein Krieg um Reinigungsutensilien von Körperöffnungen statt? Viele Hartz-IV-Empfänger kommen in der Corona-Krise zunehmend weniger über die Runden. Warum? Weil begüterte Hamsterkäufer ihnen die billigen Lebensmittel wegkaufen. Ob durch die Corona-Krise unsere Gesellschaft wirklich solidarischer wird? Die Krise wirft nicht nur sozialpsychologische Fragen auf. Sollte es eine Renaissance von Grenzen, in welcher Form auch immer, geben? Muss es ständig Wachstum geben? Wurde Covid-19 in einem Labor in Wuhan produziert und konnte ungewollt entweichen? Das wäre weder eine Szene aus „Outbreak – lautlose Killer“ noch aus einem James-Bond-Film. Tatsächlich wurde ein virologisches Institut in Wuhan am 7. Februar 2020 unter militärische Kontrolle gestellt, und eine Woche später forderte Xi Jinping in einer Rede auf, die „Biosicherheit in das nationale Sicherheitssystem zu integrieren“. Keine Beweise, aber nicht ganz unbedeutende Hinweise.

So ist die Corona-Krise auch ein Vergrößerungsglas für mentale Schwachstellen der westlich affizierten Welt. Und die Zeit für Oberlehrer und Denunzianten. Wie hieß es doch im Online-Portal von „SWR Aktuell“ am 31.03.2020: „Innenminister Thomas Strobl (CDU) ermutigte erneut explizit dazu, Verstöße gegen die Corona-Kontaktsperre zu melden.“ – „Bei Verstößen aus Unachtsamkeit oder aus Versehen könne aber auch schon ein freundlicher Hinweis das Mittel der Wahl sein. ‚Das nötige Gespür dafür darf man den Menschen im Land schon zutrauen‘, sagte Strobl.“ Vorsicht. Manchmal ist es nur eine Habeck-Schrittlänge („Wir wollen wieder die Welt retten“, mit einem solchen Anspruch können schon mal demokratische Grundrechte locker beiseitegefegt werden) vom Gutmenschen zum ökoethischen und gesundheitspolizeilichen Denunzianten. Aus der Moralkeule Auschwitz kann die Gesundheitskeule Corona werden.

So eine Krise ist auch die Chance für mehr staatliche Kontrolle. Es soll mit Karten gezahlt werden. Das Bargeldverbot mit reiner Kartenzahlung wäre das Instrument der Kontrolle schlechthin. Zurückzuverfolgen, wer was wann wo gekauft hat, wäre ein digitales Kinderspiel. Aktuell kann man durchaus den Eindruck bekommen, dass sich dieses Verbot schon einmal warmläuft. Wenn dann noch die Corona-App hinzukommt, wird George Orwell aus dem Jenseits stöhnen: „Ich hab‘s euch doch gesagt.“

Die wichtigste Aufgabe für die Demokratie nach Corona wird sein, die Rücknahme der Einschränkungen genauestens zu beobachten. Wenn eine Diskussion darüber von Angela Merkel mit dem hübschen Neologismus „Öffnungsdiskussionsorgien“ disqualifiziert wird, dann hat das mehr mit Basta als mit Debattenkultur zu tun. Gut möglich, dass das Merkel-Basta demokratiegefährdender als das Schröder-Basta ist.


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