08. Mai 2020

Rainald Becker in den „Tagesthemen“ zu den Lockerungen der Corona-Maßnahmen „Typen solchen Charakters“

Öffentlich-rechtlicher Faschismus

von Michael Klein

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Bildquelle: shutterstock Lockdown in Deutschland: Keine Rückkehr zur Normalität?

Wenn mich die letzten Jahre etwas fasziniert hat, dann ist es die Unbekümmertheit, mit der ehemalige Hühnerzüchter oder „Typen solchen Charakters“, Personen, deren Kompetenz man nicht einmal erahnen kann, deren Qualifikation unbekannt ist und die mit Sicherheit von den meisten Themen, zu denen sie sich äußern, nicht die geringste Ahnung haben, den Mund weit, sehr weit aufreißen. Dieses Phänomen gibt es natürlich unter Politikern, die von Kobolden in Batterien nahtlos zum Stromspeichern im Stromnetz kommen. Es gibt dieses Phänomen in Form der Faktenfinder, Fake-News-Checker und anderer Versuche, am Fake-News-Geschäft zu verdienen, die Personen zum „Faktenfinden-Checken-Prüfen“ abstellen, die weder die Ausbildung noch die Kompetenz noch die Intelligenz haben, um das zu tun, was sie tun sollen. Ergo verbreiten sie ihre organisationale Version des Autoritäts-Fehlschlusses, reißen, gestützt auf andere Großmäuler, ihre Klappe zum Thema auf und wollen die Korrektheit der Beiträge anderer zu Themen beurteilen, von denen sie selbst keine, aber auch wirklich gar keine Ahnung haben. Oder kennen Sie einen Faktenfinder oder sonstigen Popanz, der auch nur in der Lage wäre, eine Differentialgleichung zu lösen, selbst wenn er wüsste, was das ist? Schließlich gibt es das Großmaulgetue institutionalisiert im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Hier ist quasi Ground Zero, der Klumpungspunkt für diejenigen, die nichts Richtiges können, nichts gelernt haben, weder Methoden noch Techniken beherrschen, um die Tätigkeit auszuüben, die nicht einmal eine geschützte Berufsbezeichnung ist: Journalist.

Nicht erst seit George A. Akerlof seine Arbeit zum „Zitronenmarkt“ („Market for Lemons“) veröffentlicht hat, ist bekannt, welche Faktoren den Zitronenmarkt auszeichnen: asymmetrische Informationen über die Qualität eines Produkts, entsprechend geringe Erwartungen der Nachfrager an die Qualität des Produkts, sich in der Folge verringernde Marktpreise, die gefolgt werden von einem Rückzug der Anbieter guter Produkte, was in letzter Instanz zum Zitronenmarkt führt.

Eine journalistische Zitrone, die im Markt der Zitronen steckt, steht somit vor dem Problem, bei nicht vorhandener Erwartung an die Qualität der eigenen Leistung, bei bekannter Inkompetenz, dennoch einen Weg zu finden, um sich von anderen Zitronen zu differenzieren. Was macht man, wenn man weder die Kompetenz hat, sich von anderen durch Qualität abzuheben (das Grundproblem, denn hätte die Zitrone Kompetenz, wäre sie nicht im Markt der Zitronen gelandet), noch die Phantasie, sich etwas Interessantes auszudenken? Die Antwort auf diese Frage ergibt sich aus einer Zusatzannahme, die ein paar Ergebnisse der Sozialpsychologie zur Hand nimmt, Ergebnisse, die zeigen, dass wandelnde Minderwertigkeitskomplexe, die auf dem Zitronenmarkt massiert zu finden sein werden, ihre fehlende personale Identität durch eine soziale Identität kompensieren wollen, die sie dann quasi übererfüllen, indem sie sich besonders intensiv bei dem, was sie für „die Obrigkeit“ halten, einschleimen; besonders markige Worte für diejenigen finden, die im Gegensatz zur „Obrigkeit“ stehen; versuchen, die Obrigkeitskritiker zu diskreditieren, was aufgrund mangelnder Intelligenz und Kompetenz nur über Kraftausdrücke oder Diffamierung geht; die Ideologie, die ihre soziale Identität trägt, verabsolutieren und alle, die abweichen, nicht nur beleidigen, diffamieren und diskreditieren, sondern aus der Gesellschaft der Richtigen ausschließen, ihrer Persönlichkeitsrechte entkleiden, Zwangsmaßnahmen unterwerfen. Stanley Milgrams Experimente haben gezeigt, dass kleine Persönchen, die die Not verspüren, Identität durch die Übernahme einer sozialen Rolle zu gewinnen und diese Identität überzuerfüllen, um sich „der Obrigkeit“ zu empfehlen, kein Problem damit haben, Menschen, die sie nicht kennen, die ihnen lediglich als abweichend präsentiert werden, physische Schmerzen zuzufügen und sie zu quälen, und häufig genug auch vor der Tötung der Abweichler nicht zurückschrecken. Milgrams Arbeit war nicht nur wichtig im Hinblick auf die Möglichkeit, gesellschaftliche Zeitbomben zu identifizieren, sie war auch wichtig, um die Normalität der Denunziation, des Menschenquälens und des Tötens von Menschen im Nationalsozialismus und im Kommunismus zu verstehen, zu wissen, worauf sie zurückzuführen ist.

Kommen wir nun zu Rainald Becker. Er hat sich am Mittwoch durch einen „Kommentar“ hervorgetan, jedenfalls ist man beim SWR, dort ist bekanntlich Kai Gniffke Intendant, der Ansicht, es sei ein Kommentar. Ich habe so meine Zweifel, aber sehen Sie unter dem Link unten selbst.

Hier der Wortlaut der entscheidenden Stellen: „Der Status quo ante, also zurück zur alten Normalität, ist vielen Wirrköpfen, die sich im Netz unter ‚Widerstand 2020‘ und anderen Namen tummeln, nachgerade ein Herzensanliegen. All diesen Spinnern und Corona-Kritikern sei gesagt: Es wird keine Normalität mehr geben wie vorher. Madonna, Robert De Niro und rund 200 andere Künstler und Wissenschaftler fordern zu Recht, Lebensstil, Konsumverhalten und Wirtschaft grundlegend zu verändern. Diese weltweite Pandemie muss zu etwas Neuem führen.“ – „Wir können froh sein, dass Hasardeure wie Trump, Johnson oder Bolsonaro hier nichts zu melden haben und Typen solchen Charakters in diesem Land hoffentlich auch nicht gewählt werden.“

Was soll man von einem öffentlich-rechtlichen Angestellten halten, der es notwendig hat, sich bei „Madonna und Robert De Niro“ Rückendeckung zu holen? Er erfüllt alle Kriterien, um sich als Teil des Zitronenmarkts auszuzeichnen. Wenn einer, der es notwendig hat, sich bei „Madonna und Robert De Niro und 200 anderen Künstlern und“ Achtung: „Wissenschaftlern“ (die er bezeichnenderweise im Gegensatz zu Madonna und Robert De Niro nicht nennt) anzubiedern, eine gesellschaftliche Gruppe nur deshalb, weil sie in einem Punkt anderer Meinung als er selbst ist, als Wirrköpfe und Spinner bezeichnet, dann hat man damit bereits den klassischen Fall, an dem Milgram sein Erschrecken gehabt hätte: ein öffentlich-rechtlicher Angestellter, der kein Problem damit hat, in seiner Eigenschaft als öffentlich-rechtlicher Angestellter Menschen anderer Meinung zu diskreditieren und sie öffentlich zu beschimpfen. Ein solches Feindbild, notwendig, um die eigene soziale Identität aufrechtzuerhalten, ist die Einstiegsdroge in den Wachturm am Rande des Konzentrationslagers, (bis auf weiteres) figurativ gesprochen.

Was ist davon zu halten, wenn einer, der es notwendig hat, sich „bei Madonna und Robert De Niro“ einzuschleimen, und der Ansicht ist, ausgerechnet diese beiden würden sein Geschwätz mit mehr Durchschlagskraft, am Ende intellektueller Überzeugungskraft versorgen, was ist also davon zu halten, wenn ein solcher öffentlich-rechtlicher Angestellter abweichende andere nicht nur als Wirrköpfe und Spinner bezeichnet und ihnen damit ihr Recht auf freie Meinungsäußerung streitig macht, sondern ihnen zudem Zwangsmaßnahmen ankündigt, um sie auf die Linie zu bringen, die er für diejenige hält, auf der es sich lohnt, die größte Schleimspur zu hinterlassen, und in ultimativer Verwirrung sich eine soziale Macht zuschreibt, die er nicht hat?

Der Faschismus wird immer getragen durch kleine Menschen ohne Persönlichkeit mit viel Not, sich anzubiedern, um eine soziale Ersatzidentität übernehmen und sich als richtiger Kerl fühlen zu können. Und was ist davon zu halten, wenn ein solcher öffentlich-rechtlicher Angestellter mit Blick auf die politischen Führer der USA, des Vereinigten Königreichs und Brasiliens von Hasardeuren und „Typen solchen Charakters“ sprechen zu können glaubt, wenn er diese Aussage über demokratisch Gewählte machen zu können glaubt?

Nun, Anstand, Moral, Fairness, all das, was früher einen zivilisierten Menschen ausgezeichnet hat, das sucht man bei vielen öffentlich-rechtlichen Wilden ohnehin nicht mehr. Die faschistischen Konzepte, in der ein Essentialismus wieder zum Vorschein kommt, der seine Anhänger glauben macht, sie könnten den Charakter anderer Menschen nicht nur aus der Ferne und vollständig erfassen, sondern für alle Zeit festschreiben, sie machen betroffen.

Das Beste, das man Becker zugutehalten kann, ist, dass er nicht weiß, was er sagt. Das wäre im Einklang mit der Tatsache, dass er sich auf dem Zitronenmarkt befindet, auf dem nur endet, wer nicht kompetent genug ist, den Wettbewerb des ersten Arbeitsmarkts zu bestehen. Hält man ihm indes nicht zugute, dass er nicht weiß, was er sagt, dann kommt man unwillkürlich zu dem Schluss, dass in totalen Anstalten wie der ARD Boshaftigkeit und Menschenfeindlichkeit Währungen sind, die gehandelt werden können, um sich anstaltsintern Status zu erkaufen. Der Mechanismus dahinter ist nicht neu. Er ist aus der Forschung zu Jugendbanden, zu Randständigen bekannt, in denen Status zum Beispiel dadurch zu gewinnen ist, dass Vertreter der Mehrheitsgesellschaft beleidigt werden, gerade so, wie Becker das tut. Man hätte es nicht unbedingt in einer totalen öffentlichen Anstalt gesucht, wenngleich sich die Verwunderung in Grenzen hält, denn – wie gesagt – ein Zitronenmarkt ist keine Anhäufung von Kompetenz, ganz im Gegenteil, er ist eine Ansammlung der Defizitären, der Zurückgebliebenen, derjenigen, die ihre Persönlichkeit dadurch zu schaffen versuchen, dass sie sich lautstark ihrer „Obrigkeit“ als besonders aggressive Vertreter der Obrigkeitsideologie andienen.

Es sei noch angefügt, dass Fritz Perls der Ansicht war, Personen wie Becker seien das Ergebnis einer kranken Gesellschaft. Auch wenn ich der Ansicht bin, dass gesellschaftliche Strukturen krank machen können, so fehlt mir bei Perls doch die persönliche Verantwortlichkeit, und man kann Personen, die denken, sie könnten sich selbst auszeichnen, wenn sie Gruppen von Menschen pauschal beschimpfen und in bester tausendjähriger Tradition deren Wesen festschreiben, nicht aus der Verantwortung lassen. Wie hieß es in den 1970er Jahren: Wehret den Anfängen! Zeit, damit anzufangen, den Anfängen zu wehren.

Becker wünscht sich nach der Corona-Krise, „Lebensstil, Konsumverhalten und Wirtschaft grundlegend zu verändern“. Fangen wir mit seinem Lebensstil an und fordern seine Entlassung, das wird sein Konsumverhalten mit Sicherheit verändern, und selbst kleinste Auswirkungen auf die Wirtschaft, wie sie dadurch entstehen, dass man ein Gehalt beim SWR einsparen kann, helfen schon in der Post-Corona-Zeit.

tagesschau.de: „Rainald Becker, SWR, kommentiert die beschlossenen Lockerungen in der Corona-Pandemie“

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Sciencefiles“.


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