28. April 2020

Reaktorunglück in Tschernobyl im April 1986 Die größte Gefahr ist die Obrigkeitshörigkeit

Wäre es nach der Politik gegangen, wären große Teile Osteuropas heute unbewohnbar

von Vera Lengsfeld

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Bildquelle: Katsiuba Volha / Shutterstock.com Tschernobyl heute: Denkmal für die Helden der Reaktorkatastrophe

Es ist eine zeitlose Erkenntnis: Wenn wir genug Lügen hören, erkennen wir die Wahrheit nicht mehr. Die Lüge ist eines der wohlfeilsten Machtmittel, schon immer gewesen. Um kaum ein Ereignis sind so viele Lügen drapiert worden wie um das Reaktorunglück in Tschernobyl im April 1986. Wegen dieses Lügengespinsts, hauptsächlich gesponnen, um das Ansehen der Sowjetunion nicht zu beschädigen, ist die Wahrheit bis heute kaum zu erkennen. Allerdings hat es den Machthabern nichts genützt. Michail Gorbatschow, damals ziemlich frischer Generalsekretär der KPdSU und Staatschef der Sowjetunion, hat später vermutet, dass zwei Faktoren den Zusammenbruch der Sowjetunion bewirkt haben: der von den Sowjets angezettelte Krieg in Afghanistan und die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl.

Ich kann mich noch genau an den warmen, sonnigen Aprilsonntag erinnern. Wir hatten einen Ausflug zum Urwald bei Eberswalde unternommen, lagen auf dem Rückweg auf den Hängen des Oderbruchs und genossen den Sonnenschein. Zurück in Berlin erfuhren wir aus den Abendnachrichten, dass ein Atomkraftwerk in Schweden radioaktiven Staub entdeckt hatte, der von einem ukrainischen Kernkraftwerk stammen musste. Von da an war die Welt eine andere als vorher.

Ich basiere diese Reflexion der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl in Teilen entlang der exzellenten Sky-Fernsehserie gleichen Namens, wohl wissend, dass das eine oder andere Detail eine Verdichtung und Dramatisierung des Geschehens ist. Und bitte sehen Sie es mir, als ausgebildeter Philosophin und langjähriger Abgeordneten und Publizistin, nach, wenn das eine oder andere technisch-naturwissenschaftliche Detail nicht hundertprozentig so beschrieben ist, wie es ein Nuklearwissenschaftler beschreiben würde.

Die Hebamme dieser Katastrophe war die Parteipolitik. Nachdem es der Sowjetunion erfolgreich gelungen war, die Amerikaner im Atombombenbau einzuholen, gab es die Direktive, die Atomkraft auch friedlich zu nutzen. Dabei gab es, grob gesagt, zwei unterschiedliche Lobbygruppen. Die eine bildete sich um die Atombombenexperten, die nun bemüht waren, billige Energieerzeuger bereitzustellen, die andere gruppierte sich um das Energieministerium, das für eine vorsichtigere Herangehensweise plädierte. Man muss nicht hinzufügen, welcher Gruppe vom Politbüro der Vorzug gegeben wurde. Das Robert-Koch-Institut, das die Regierung beriet, hieß damals „Kurtschatow-Institut für Atomenergie“, benannt nach Igor Kurtschatow, dem Leiter des sowjetischen Atombombenprojekts. Gebaut wurde in Tschernobyl eine sowjetische Eigenkreation, eine Erfindung des Kurtschatow-Instituts, der RBMK, ein graphitmoderierter Siedewasser-Druckröhrenreaktor. Dieser Reaktortyp wurde ausschließlich in der Sowjetunion gebaut, der erste 1954, weitere später in Leningrad, Kursk und Smolensk. Im Grunde war der Reaktor eine modifizierte Urananreicherungsanlage, die für die Gewinnung von Plutonium entwickelt worden und nun für die Energiegewinnung umkonstruiert worden war. Reaktor Nummer 4 in Tschernobyl war der neueste Block der zweiten Generation, frisch in Betrieb genommen am Jahresende 1983.

Was war der große Vorteil des RBMK-Typs? Er konnte schnell und billig gebaut werden – genau richtig für den expandierenden Sowjetkommunismus. Und wie erreicht man dies? Natürlich auf Kosten der Sicherheit.

Der RBMK war ein inhärent unsicherer Reaktor, was zwar seine Konstrukteure vom Kurtschatow-Institut wussten und was sich auch in diversen sorgsam vertuschten Vorfällen und Unfällen mehrfach manifestiert hatte, was aber ein sorgsam gehütetes Staatsgeheimnis war.

Der eigentliche Auslöser war, wie so oft im kommunistischen Regime, der politische Druck. In diesem Fall ein noch offener Sicherheitstest, der vor Planerfüllungs-Inbetriebnahme schlicht nicht mehr geschafft wurde. Ein Test, in dem die Auswirkungen und Maßnahmen bei einem vollständigen Stromausfall simuliert werden sollten, der vorher in einem anderen Block von Tschernobyl gescheitert war. Die Werksleitung und insbesondere der mit dem Test beauftragte stellvertretende Chefingenieur des Kraftwerks, Anatoli Djatlow, wollten sich unbedingt die politischen Lorbeeren für einen erfolgreich durchgeführten Test verdienen.

In der verhängnisvollen Nacht vom 26. April zwang Djatlow den Schichtleiter Alexander Akimow, der anfangs die Durchführung des Tests aufgrund des Zustands des Reaktors ablehnte, mit der Drohung einer Kündigung aber zur Fortsetzung des Tests.

Ich kann hier nicht alle Vorstufen der Katastrophe aufzählen. Entscheidend ist, dass es am 26. April um 1:23 Uhr zu einem unkontrollierten Leistungsanstieg kam, der zur Explosion des Reaktors und zum Brand des als Moderator eingesetzten Graphits führte. Die Explosion erfolgte, als der Schichtleiter Alexander Akimow befahl, manuell die Reaktorschnellabschaltung im Notfallschutz auszulösen. Hier schlug das inhärente Sicherheitsrisiko des Reaktors zu: Statt den Reaktor notabzuschalten, lösten die Graphitspitzen der Moderatorstäbe die letztlich katastrophale Explosion aus.

Die Möglichkeit, dass ein graphitmoderierter Reaktor vom Typ RBMK-1000 explodieren könnte, erschien so unwahrscheinlich, dass Ingenieur Djatlow und die Werksleitung zunächst alle Meldungen, den Reaktorkern gebe es nicht mehr, ignorierten. Wie kopflose Hühner versuchten die Ingenieure, den vollkommen zerstörten Reaktor noch zu kühlen und abzuschalten. Statt sofort zu evakuieren, erhielten die Schichtarbeiter und die anrückenden Feuerwehrleute tödliche Dosen Radioaktivität – die offiziell 31 Toten von Tschernobyl rühren von der Schicht und den Ersthelfern.

Von der Explosion sind viele Bewohner von Prypjat, das sich keine vier Kilometer vom Atomkraftwerk entfernt befindet, aufgewacht. Sie sehen den Brand durch das Fenster. Einige besonders Neugierige gehen mit ihren Kindern auf eine nahegelegene Eisenbahnbrücke, um besser sehen zu können. Sie wundern sich, woher die Farben wohl kommen, finden den Brand aber schön. Als ein Ascheregen niedergeht, spielen die Kinder damit, als wäre es Schnee. Von diesen Menschen hat niemand überlebt, deshalb heißt die Brücke heute „Todesbrücke“ und ist einer der Hotspots für Tschernobyl-Touristen, die einen speziellen Gruselurlaub erleben wollen.

Im Krankenhaus, wo während der Nacht immer mehr Feuerwehrleute mit Strahlenschäden eintreffen, gibt es nicht einmal Jodtabletten. Pervers, aber in sich logisch, denn die Feuerwehr war ja auch nicht mit irgendwelchen Strahlenschutzutensilien ausgerüstet. Eine Schwester kommt auf den Gedanken, dass die Männer unbedingt ihre Anzüge ausziehen müssen. Das Personal trägt sie ohne Schutzkleidung und Handschuhe in den Keller, wo sie noch heute liegen.

Während die Feuerwehrleute versuchen, den Brand zu löschen, versammeln sich der Parteichef, der Direktor und andere Funktionäre zur Krisensitzung im Atombunker unter der Werksleitung, der für den Fall eines amerikanischen Angriffs gebaut worden war. Hier spricht Chefingenieur Nikolai Fomin immer noch davon, dass der Reaktor lediglich gekühlt und das Feuer gelöscht werden müsse. Man habe das Problem unter Kontrolle. Die bisher gemessene Radioaktivität betrug 3,9 Sievert, weil das die Grenze war, die das Dosimeter anzeigen konnte. Als das „gute“ Dosimeter, das in einem Schrank weggeschlossen war und erst nach Stunden zum Einsatz kommt, die wahre Strahlenbelastung anzeigt, wird es kurzerhand für kaputt erklärt. Nach Moskau wird weitergeleitet, dass es lediglich eine schwache Strahlung innerhalb des Atomkraftwerks gebe und alles unter Kontrolle sei. Ein alter Parteifunktionär erhält viel Beifall von der Runde, als er sagt, man dürfe nichts nach außen dringen lassen. Man solle der Bevölkerung alle Telefone abstellen. Und die Stadt abriegeln. Wenn die Menschen Fragen stellten, deren Antworten nicht gut für sie wären, solle man ihnen raten, sich um ihre eigenen Angelegenheiten zu kümmern und dem Staat zu vertrauen. Vor allen „Falschinformationen“, neudeutsch „Fake News“, müsse gewarnt werden.

Weil die Botschaft, dass der Reaktor explodiert ist, weder vom Chefingenieur noch vom Parteichef geglaubt wird, schickt man einen Physiker, der die Nachricht bestätigt hat, auf das Dach des Reaktorgebäudes, wo er sich von seinem Irrtum überzeugen soll. Damit er wirklich geht, wird ihm ein bewaffneter Soldat als Begleitschutz gegeben. Das ist die Tschernobyl-Variante dessen, dass der Überbringer der Unglücksbotschaft geköpft wird.

In Moskau setzt Michail Gorbatschow am Freitag einen zusätzlichen Tagesordnungspunkt „Tschernobyl“ auf die Sitzungsagenda. Nachdem der stellvertretende Vorsitzende des Ministerrats Boris Schtscherbina versichert, dass „wir alles im Griff“ haben, will Gorbatschow die Sitzung beenden. Es ist dem Vizedirektor des Kurtschatow-Instituts Waleri Legassow zu verdanken, dass er Gorbatschow klarmacht, dass die Lage ernst ist und der Reaktor explodiert sein muss, wenn auf dem Gelände Graphitteile herumliegen.

Gorbatschow verfügt, dass Schtscherbina und Legassow nach Tschernobyl fliegen sollen, um sich an Ort und Stelle zu informieren. Es sollte sich als großes Glück herausstellen, dass Schtscherbina ein lernfähiger Parteifunktionär war. Bei ihrer Ankunft wird vom Parteichef und dem Kraftwerks-Direktor immer noch behauptet, es habe keine Reaktorexplosion gegeben. Aber Schtscherbina hatte beim Landeanflug die Graphitteile auf dem zerstörten Dach liegen sehen und den außerordentlichen Ernst der Lage begriffen. Ein inzwischen von der Armee beschafftes Hochdosimeter misst 15.000 Röntgen. Das entspricht einer Belastung, die doppelt so hoch ist wie bei der Hiroshima-Bombe – pro Stunde. Der offenliegende Reaktorkern wird mit Sand und Bor, später auch mit Blei, per Hubschrauberabwurf abgedeckt. Aber die 50.000 Menschen in der Umgebung des Kraftwerks werden erst evakuiert, nachdem ein schwedisches Atomkraftwerk erhöhte Strahlung gemessen und Tschernobyl zugeordnet hat. Am Sonnabend gehen die Kinder noch in die Schule, ehe 36 Stunden nach der Explosion die Evakuierung endlich beginnt.

In Moskau konzentriert man sich auf die Desinformation der Welt. Es wird geleugnet nach dem Motto: Unsere Macht beruht auf der Wahrnehmung unserer Macht. Es darf nicht sein, dass es in der Sowjetunion Fehler gibt. Gorbatschow war nicht weniger eifrig im Verbreiten von Propaganda als seine Vorgänger, nur weniger erfolgreich. Denn diesmal hatte das, was sich in seinem Machtbereich abspielte, Auswirkungen auf ganz Europa.

Für mich sehr interessant und relevant ist Folgendes: Von dem Reaktor ging noch eine eher unbekannt gebliebene tödliche Gefahr aus. Wie sehr die Welt damals wirklich am Abgrund stand, ist nie vollständig ins öffentliche Bewusstsein gedrungen.

Zwar war der Abwurf von Sand und Bor erfolgreich, aber der glühende Reaktorkern schmolz große Teile davon in Lava um, die sich durch die Bodenabdichtung fraß. Unter dem Reaktorboden befanden sich die Tanks, die wegen der andauernden Löscharbeiten mit Wasser vollgelaufen waren. Das haben Wissenschaftler herausgefunden, die sich aus eigenem Antrieb mit den möglichen Folgen der Katastrophe beschäftigten. Wenn die Lava die Schutzschicht durchbräche und auf Wasser träfe, würde es eine Explosion von zwei bis vier Megatonnen geben, die eine Stoßwelle von 200 Kilometern erzeugen würde. Die benachbarten Reaktoren würden explodieren, Kiew und alle anderen Siedlungen im Umkreis von 200 Kilometern würden komplett ausgelöscht, die Ukraine und Weißrussland für die nächsten 100 Jahre unbewohnbar, gravierende Auswirkungen würden auch die baltischen Staaten, Polen und Teile der DDR treffen. Um das Wasser abpumpen zu können, müsste aber eine Schleuse manuell geöffnet werden. Dafür müssten drei Männer, die sich im Keller auskennen, durch das kontaminierte Wasser tauchen und die Schleuse öffnen. Ihre Überlebenschance schätzte man auf eine Woche. Trotzdem fanden sich drei Männer, die bereit waren, das zu tun: Alexei Ananenko, Waleri Bespalow und Boris Baranow, die die eigentlichen, unbekannten Helden sind und es mehr als verdient hätten, ins Gedächtnis wenigstens des Teils der Menschheit einzugehen, die sie gerettet haben. Es gehört zu den wenigen guten Nachrichten der Katastrophe, dass alle drei überlebt haben, zwei leben heute noch. Sie taten es, weil es niemand sonst tun konnte, und sie haben auch mir und meinen Kindern ein neues Leben geschenkt.

Die anderen Helden sind die Tulaer Bergleute, die einen 100 Meter langen Tunnel bis unter den Reaktorraum gruben und dort einen 30 Kubikmeter großen Hohlraum aushoben – alles von Hand –‍, damit man unter dem Reaktor einen Wärmeaustauscher aus flüssigem Stickstoff installieren konnte, um zu verhindern, dass die Reaktorlava das Grundwasser kontaminiert, was sich bis zum Schwarzen Meer ausgewirkt hätte. Weder für die Taucher noch für die Bergleute gab es eine Garantie, dass für ihre Familien gesorgt würde, sollten sie den Einsatz nicht überleben. Für die Taucher gab es 400 Rubel Prämie – das war alles.

Die dritte Gruppe von unfreiwilligen Helden waren die 1.200 „Bioroboter“, die das Dach des Reaktorgebäudes von den Graphitsplittern räumen mussten. Vorher war es gelungen, einen Teil der Räumung mit einem Mondfahrzeug vom Typ Lunochod 2 durchzuführen, bis die Strahlung, als man dem Riesenloch zu nahe kam, unter dem sich der offene Reaktor befand, zu stark wurde und die Steuerung ausfiel. Dann versuchte man es mit einem deutschen Polizeiroboter, der aber sofort versagte. Die Politiker in Moskau hatten den Deutschen nicht die wahre Stärke der Strahlung genannt. Also mussten Menschen ran. Jeder der zum Einsatz befohlenen Soldaten wurde in einen Schutzanzug gesteckt, bekam eine Schaufel in die Hand und den Befehl, 90 Sekunden lang auf das Dach zu rennen, Granitbrocken über den Rand ins Loch zu schmeißen, aber um Gottes Willen dabei nicht über den Rand zu schauen und sofort das Dach zu verlassen, sobald das Signal ertönte. Was aus diesen jungen Männern wurde, die einer Strahlung ausgesetzt wurden, die alle Technik zum Erliegen brachte, ist unbekannt. Ich kenne keine Studie, die sich mit den gesundheitlichen Folgen dieses Einsatzes befasst hätte. Dieser Umstand ist aber bedeutsam, wenn man eine ernsthafte Diskussion über die Todesopfer von Tschernobyl führt, also auch über die, deren Leben durch Krebs oder andere Strahlenfolgen signifikant verkürzt wurde. Wir werden die wahre Zahl nie ganz sicher wissen, aber es ist offenkundig, dass sie in die Tausende geht und vor allem meilenweit über den offiziellen 31, oder sind es 37, Toten liegt.

Nachdem der Reaktor endlich mit einer Betonhülle versehen werden konnte, wurde begonnen, die Umgebung zu dekontaminieren. Dafür wurden 750.000 „Liquidatoren“ eingesetzt, anfangs hauptsächlich Afghanistankämpfer, später Freiwillige, die man mit einer Prämie von 1.000 Rubeln und freiem Wodka lockte. Diese Männer mussten alle Tiere im Umkreis von 30 Kilometern töten und unter Beton begraben. Im Umkreis von 100 Kilometern musste der Boden einen Spatenstich tief umgegraben werden, damit die kontaminierte Krume nicht durch Wind weiterverbreitet werden konnte.

Später bekamen alle Liquidatoren eine Medaille. Noch mal zur Frage der Opfer: Wir werden die wahre Zahl nie ganz sicher wissen, aber es ist offenkundig, dass sie in die Tausende geht und vor allem meilenweit über den offiziellen 31, oder sind es 37, Toten liegt.

Während man versuchte, die Auswirkungen der Reaktorexplosion zu begrenzen, begannen Wissenschaftler sich mit der Frage zu beschäftigen, wie es überhaupt zu der Explosion kommen konnte. Das schien so unmöglich zu sein, dass man erst einmal keine Erklärung dafür hatte. Natürlich wurde die Suche nach der Explosionsursache aktiv vom KGB behindert oder zumindest ganz kritisch beäugt. Aber es gab noch etwas anderes: Die Verantwortlichen im Kurtschatow-Institut hatten auch null Interesse daran, dass die Wahrheit, nämlich dass ihr sowjetischer Superreaktor inhärent unsicher war, ans Licht kam. Einfacher und effektiver war es, alle Schuld auf die Schichtverantwortlichen zu schieben, die angenehmerweise auch einer nach dem anderen starben.

Typisch für die Sowjetunion wurde es oberste Staatsdoktrin, die Erkenntnisse über die wahren Explosionsursachen zu vertuschen. Legassow, der nach Wien zur Anhörung durch die Atomenergiebehörde geschickt wurde, belog die Weltöffentlichkeit gemäß seinen Befehlen. Und die Atomgemeinschaft war ob des vorgeblich offenen Umgangs mit der Katastrophe angenehm überrascht und konnte mit der Schuldzuschreibung an die Schicht auch gut leben.

Glücklicherweise kommt die Wahrheit aber trotzdem ans Licht. Als den Hauptverantwortlichen für die Reaktorkatastrophe der Prozess gemacht wurde, entschließt sich Legassow, im Zeugenstand die Wahrheit zu sagen. Das gelang ihm, obwohl mehrmals versucht wurde, ihn am Weiterreden zu hindern. Anwesend waren unter den Prozessbeobachtern auch Wissenschaftler, die Legassows Botschaft vernahmen und weitertrugen. Legassow wurde noch im Gerichtssaal vom KGB festgenommen, von allen seinen Posten und Funktionen suspendiert und unter strengsten Hausarrest gestellt. Es gelang ihm dennoch, einen Bericht über seine Tätigkeit in Tschernobyl und seine Erkenntnisse aufzuzeichnen und auf geheimem Weg der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Eine wichtige Erkenntnis nicht nur im Kommunismus: Die Wahrheit kommt irgendwann ans Licht, selbst wenn man noch so viel tut, um sie zu vertuschen.

Für die Opposition der DDR, die sich „Unabhängige Friedens- und Umweltbewegung“ nannte, war die Reaktorkatastrophe eine Zäsur. Wir initiierten einen Appell „Tschernobyl wirkt überall“, für den wir in der ganzen DDR Unterschriften sammelten. Ich fuhr damals allein oder mit einer Freundin quer durch die Republik, von der Ostsee über das Halle-Bitterfelder Industriegebiet bis nach Eisenach, um Unterschriften zu bekommen. Wir stellten den Appell dann auf dem Kirchentag in Berlin vor, sehr zum Missfallen der Kirchenleitung. Als wir uns aber weigerten, das Gelände zu verlassen, traute man sich nicht, uns gewaltsam entfernen zu lassen. Interessant ist, dass zum ersten Mal offizielle Stellen anders als mit purer Repression auf uns reagierten. Etwa sechs Mitkämpfer und ich wurden in das Amt für Atomsicherheit und Strahlenschutz eingeladen, wo uns hochrangige Mitarbeiter, meiner Erinnerung nach war sogar der Leiter dabei, uns zu überzeugen versuchten, dass die Auswirkungen des Unglücks für die DDR zu vernachlässigen seien. Man müsse schon „Trapper“ sein und ausschließlich von Wild, Waldfrüchten und Pilzen leben, um irgendwelche Folgen zu spüren. Ich habe nie wieder so viele und so große Pilze gesehen wie 1986 in den Wäldern Brandenburgs. Dass die Staatsmacht versuchte, uns zu überzeugen, zeigt, wie ernst sie die Lage eingeschätzt hat.

Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl ist eine Geschichte des Staatsversagens und der Niederlage der staatshörigen Wissenschaft. Vor allem ist sie die Geschichte, wie eine entschlossene Zivilgesellschaft im Verein mit unabhängigen Wissenschaftlern die vermutlich größte menschengemachte Katastrophe abgewendet hat. Dass ich heute diesen Artikel schreiben konnte, habe ich der Opferbereitschaft der Feuerwehrleute und Bergarbeiter und vor allem dem Mut der Taucher zu verdanken, die ihr Leben einsetzten, um die Schleusentür zum Reaktorkeller zu öffnen, damit das Wasser abgepumpt werden konnte, bevor es mit der radioaktiven Lava in Berührung kam.

Wenn es nach der Politik und den ihr hörigen staatstragenden Wissenschaftlern gegangen wäre, würden heute große Teile Osteuropas nicht mehr bewohnbar sein. Wir sollte heute all jenen Wissenschaftlern danken, die unabhängig forschten, und vor allem den vielen unbekannten Helden, die ihr Leben riskiert und zum Teil verloren haben, um Millionen Mitmenschen ein schlimmes Schicksal zu ersparen.

Serie „Chernobyl“ auf DVD

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog der Autorin.


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