19. April 2020

„Nachhaltigkeitsbarometer“ des Instituts für transformative Nachhaltigkeitsforschung Kippt die Energiewende?

Jenseits der Corona-Heiligsprechung von Merkel warten massive Probleme

von Michael Klein

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Bildquelle: shutterstock Auf der Kippe: Energiewende

„Wie lange kann etwas auf der Kippe stehen, bevor es kippt? Im vergangenen Jahr konstatierten wir angesichts der 2018er-Befragungsergebnisse genau dies: dass die Energiewende auf der Kippe stehe. Nun, ein Jahr später, müssen wir feststellen, dass die Situation noch schlechter, noch gravierender geworden ist. Die Umsetzung der Energiewende wird von noch mehr Menschen als zu teuer, zu chaotisch und zu ungerecht empfunden.“

Das schreibe nicht ich, das schreiben diejenigen, die ihr Auskommen, das ihnen die Energiewende beschert hat, in Gefahr sehen. Das Zitat findet sich im Fazit des vom Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) herausgegebenen Nachhaltigkeitsbarometers. Weil Nachhaltigkeit nicht auf eigenen Füßen stehen kann, schon gar nicht als Manifestation eines Instituts, werden Institut und Barometer vom Land Brandenburg und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert. Zwei Quellen von Steuergeldern: Doppelt genäht hält besser. Rent Seeking ist eine wahre Kunst in Deutschland. Diejenigen, die sie beherrschen, machen jedes Unternehmen, das sich, anders als die Günstlinge von Zahlungen aus Ministerien, dem Wettbewerb stellen muss, neidisch: Wer hat das schon: Mehrere Abnehmer, die alle für dasselbe Gut bezahlen.

Das aktuelle Gut, das das Bundesbildungsministerium und das Land Brandenburg in trauter Eintracht finanziert haben, nennt sich „Nachhaltigkeitsbarometer“ und besteht aus einer Umfrage, die von Forsa durchgeführt wurde. Wir wollen nicht vergessen, dass auch Umfrageinstitute an den Früchten des Rent Seekings von Nachhaltigkeitsgewinnlern teilhaben wollen. Dieses Mal ist es Forsa. Emnid oder Infratest kommen ein anderes Mal bei einem anderen der unzähligen, von Steuerzahlern am Leben gehaltenen „Institute“, die Umfragen in Auftrag geben, um sich eine Legitimation zu verschaffen, an die Reihe. Zurück zum Nachhaltigkeitsbarometer, das, da es im Haushaltsplan als Posten steht, auch durchgeführt und dessen Ergebnisse veröffentlicht werden müssen. Misslich für diejenigen, die sich volle Unterstützung und begeisterte Zustimmung erhoffen, es sei denn, man macht aus den schlechten Nachrichten insofern gute Nachrichten, als man sie zum Anlass nimmt, das eigene lukrative Anliegen zum Allgemeingut zu erklären, das durch schlechte Politik gefährdet ist, gefährdet deshalb, weil die Bürger, die rund 6.500, die von Forsa für das Nachhaltigkeitsbarometer befragt wurden, die Nase voll haben.

Das „Nachhaltigkeitsbarometer“ greift übrigens auf das Haushalts-Panel von Forsa zu, ist also als longitudinale Studie konzipiert, wenngleich es kein einziges Ergebnis gibt, das die univariate Ebene deskriptiver Betrachtung verlässt. Man muss deshalb annehmen, das Paneldesign diene einzig dazu, die Kosten in die Höhe zu treiben, nicht dazu, Ergebnisse, zum Beispiel wie sich die Akzeptanz von Kernenergie bei individuellen Befragten über die Zeit verändert hat, zu generieren.

Aus dem 36-Seiten-Bericht habe ich die Ergebnisse herausgefischt, die ich für besonders bemerkenswert halte und auf deren Grundlage man zeigen kann, dass die Energiewende, was die Akzeptanz bei Bürgern angeht, in Deutschland auf dem letzten Loch pfeift. Die Covid-19-Krise wird für viele Bürger mit Kosten verbunden sein, die ihnen zusätzlich bewusst machen, dass die Energiewende dazu geführt hat, dass die Stromversorgung in Deutschland nicht nur zur teuersten in Europa geworden ist, sondern

auch zur störungsanfälligsten. Der große Blackout ist keine Frage des „ob“, sondern eine Frage des „wann“.

Wenn man Umfragen analysiert, die im Auftrag von Lobbyisten für den Gegenstand der Umfrage in Auftrag gegeben wurden, dann tut man gut daran, sich die Fragen genau anzusehen: „Wenn Sie an Ihren persönlichen Beitrag zur Energiewende denken, welche der folgenden Aussagen trifft am ehesten auf Sie zu?“ Gefragt wird also nach dem „persönlichen Beitrag“. Gleich die Antwortkategorie, die mit 82 Prozent am häufigsten gewählt wird und die angeblich hohe Akzeptanz der Energiewende zeigen soll, hat aber gar nicht den persönlichen Beitrag zum Gegenstand. Vielmehr wird Befragten die Möglichkeit geboten, in der Menge unterzugehen, sich als Mitläufer einzuschließen, vollkommen unabhängig vom persönlichen Beitrag: „Die Energiewende ist eine Gemeinschaftsaufgabe, bei der jeder, mich eingeschlossen, in der Gesellschaft einen Beitrag leisten sollte“. Die Zustimmung zu Antwortkategorie 1 wird auch dadurch erhöht, dass die Antwortkategorien 2 und 3 so formuliert sind, dass sie abschrecken müssen: „Ich finde, die Energiewende ist eine gute Sache. Ich selbst kann oder möchte dazu aber wenig beitragen“, und: „Hauptsache, ich habe ausreichend und preisgünstige Energie, alles andere ist mir nicht so wichtig.“ Wer bezeichnet sich schon gerne als Trittbrettfahrer beziehungsweise merkt es nicht, wenn er sich als solcher kategorisiert (nur acht Prozent). Und wer gibt sich in diesen von Pseudomoral so durchtränkten Zeiten als jemand zu erkennen, dem alles egal ist, solange es keinen Einfluss auf sein Leben hat (drei Prozent). Nach einem solchen Bombardement mit gezinkten Antwortmöglichkeiten ist es kein Wunder, dass nur fünf Prozent zugeben, dass sie sich an der Energiewende nicht beteiligen wollen („Ich halte die Energiewende für falsch und möchte mich nicht daran beteiligen“).

Ist Ihnen gerade an der Formulierung „möchte mich nicht daran beteiligen“ etwas aufgestoßen? Das ist ein besonders fieser suggestiver Trick, der die ganze Umfrage durchzieht: Die Energiewende wird als etwas dargestellt, das es nicht zu hinterfragen gibt. Sie ist Faktum. Sie wird den Befragten als Positivum präsentiert, Befragten, die die erwarteten Antworten, wie man im weiteren Verlauf gut sehen kann, beherrschen, die wissen, dass sie der Umwelt und den nachfolgenden Generationen zuliebe behaupten müssen, sie seien für Windkraft und würden all die Formen ineffizienter Energieerzeugung unterstützen, die wenigen einen großen Gewinn und vielen hohe Kosten dafür bringen. Insofern ist die Umfrage von Forsa nicht viel anderes als die Abfrage von auswendig gelerntem Stoff. Und so wenig wie einem die „Glocke“ von Schiller gefallen muss, obwohl man sie auswendig kennt, so wenig kann man von den Antworten, die Befragte geben, die im Hinblick auf ihre Fähigkeit, politisch korrekte Floskeln aufzusagen, abgefragt werden, auf Zustimmung zur Energiewende schließen. Wollte man wissen, wie Befragte tatsächlich zur Energiewende stehen, dann würde man sie genau die Grundlage hinterfragen lassen, die in der Forsa-Umfrage als unumstößlich und unhinterfragbar präsentiert wird.

Aber wie immer ist es nicht möglich, selbst in noch so suggestiven und mit den dunklen Künsten der Umfrageforschung arbeitenden Umfragen, zu verhindern, dass Widersprüche in den Daten aufscheinen. Das tun sie unwillkürlich.

Nehmen wir zum Beispiel die Frage: „Im Folgenden sehen Sie eine Liste mit verschiedenen Eigenschaftspaaren. Bitte markieren Sie jeweils, wie Sie ganz spontan die Energiewende in Deutschland bewerten würden“, die auf semantischen Differentialen beruht „teuer“ – „kostengünstig“, „chaotisch“ – „geplant“, „ungerecht“ – „gerecht“, „elitär“ – „bürgernah“, „schlecht“ – „gut“. Faktisch gibt es hier genau zwei Gegensatzpaare, „gerecht“ – „ungerecht“, „schlecht“ – „gut“, der Rest ist Humbug, mit dem versucht wird, noch miserablere Ergebnisse zu verhindern. Das Gegenteil von „teuer“ ist „billig“, nicht „kostengünstig“. Warum man die Relation aus Kosten und Nutzen, die in „kostengünstig“ eingeschlossen ist, „teuer“ gegenüberstellt? Weil man hofft, dass die Verbindung von „kosten“ und „günstig“ mehr Zustimmung produziert als das korrekte Adjektiv „billig“. Das Gegenteil von „chaotisch“ ist nicht „geplant“, sondern „nicht chaotisch“. Wer Planwirtschaften kennt, der weiß, dass Planung häufig mit Chaos einhergeht, es gerade nicht ausschließt. Schließlich ist das Gegenteil von „elitär“ nicht „bürgernah“, sondern, na, was wohl? Richtig: „populär“, „egalitär“… Wie auch immer und trotz aller Vorkehrungen halten 47 Prozent der im Jahr 2019 Befragten die Energiewende für eher schlecht, nur 32 Prozent halten sie für eher gut. Und das, obwohl angeblich die Zustimmung zur Energiewende so hoch ist. Welches Ergebnis, das in ein und derselben Umfrage gewonnen wurde, ist nun Humbug, das, nach dem die Zustimmung zur Energiewende hoch ist, oder das, nach dem eine Mehrheit der Befragten die Energiewende für schlecht hält? 68 Prozent der Befragten halten die Energiewende für eher zu teuer, 66 Prozent halten sie für eher chaotisch, 56 Prozent für eher ungerecht, 52 Prozent für elitär. Kann man einer Politik schlechtere Noten als diese ausstellen? Und dieselben Leute, die diese Ergebnisse veröffentlichen, sind der Ansicht, ihre Ergebnisse würden zudem zeigen, dass „die Unterstützung der Energiewende in der deutschen Bevölkerung weiterhin sehr hoch“ ist.

Lobbyisten wollen eben eine ganz eigene Sicht der Realität präsentieren und benötigen dazu Umfrage-Material, das entsprechend darstellbar ist, das eine Realität vorgaukelt wie die, die durch die folgende Frage vorgegaukelt werden soll: „Sind Sie grundsätzlich dazu bereit, höhere Kosten für Benzin und Heizöl beziehungsweise Erdgas zu tragen, um zum Klimaschutz beizutragen?“ Es ist aus meiner Sicht erstaunlich, dass so viele Befragte sich trauen, auf diese Frage „nein“ zu sagen, wo es doch um den Klimaschutz geht, die nachwachsenden Generationen, Land unter in Hamburg, Wasser bis zu den Alpen, weil Grönlands Eisschild schmilzt, und Temperaturen von 40 Grad im Schatten auf der Zugspitze, auf der es bekanntlich keinen Schatten gibt – so die Erzählung. Nach dem Trommelfeuer der letzten Jahre, nach all den Lügen, Verdrehungen, der Panikmache, nach all dem, was die Klimahysteriker an Geschützen aufgefahren haben, trauen sich immer noch Befragte, zu sagen: Sie wollen für den Klimaschutz keine höheren Kosten tragen. Erstaunlich. Der Manipulation der öffentlichen Meinung sind offensichtlich recht enge Grenzen gesetzt.

Auf den ersten Blick zeigen die Antworten nicht nur ein erstaunliches Maß an Resistenz gegen die Klimahysterie, sie zeigen auch die Abnahme dieser Resistenz mit zunehmendem Einkommen. Was von den Autoren des Berichts natürlich als Zustimmung zu noch höheren Kosten für Energie gewertet wird, ist nichts anderes als eine Form des modernen Ablasshandels. Da Klimahysterie eine Variante von Sozialismus ist und Sozialismus, egal in welcher Spielart er gerade daherkommt, immer vom Neid auf Besserverdienende getragen ist und sich Besserverdienende in politischen Systemen, in denen Sozialisten präsent sind, einem Stakkato von Medien und Politikdarstellern, von Aussagen, die von Hass und Drohung (Reichenabgabe) getragen sind, gegenübersehen, ist die Bereitschaft zu höheren Preisen, die hier mit dem Einkommen steigt, als eine Form des Freikaufens zu sehen. Wir zahlen mehr, wenn ihr uns in Ruhe lasst. Die Hoffnung, die sich damit verbindet, entspricht der Hoffnung, man könne ein Rudel Haifische dadurch vertreiben, dass man ihm Fleischbrocken zuwirft.

Da meine Interpretation der Ergebnisse natürlich erheblich von dem abweicht, was die Lobbygruppe, die hinter dem Nachhaltigkeitsbarometer steht, als Interpretation der Ergebnisse verkaufen will, bedarf es noch einer letzten Begründung meiner Ansicht, dass mit der Forsa-Umfrage, der forcierten Umfrage, erstens abgefragt wurde, ob die Befragten auch den Energiewende-Katechismus aufsagen können und wissen, welche Antworten die politisch korrekten auf die gestellten Fragen sind, und zweitens ein Umfragerahmen vorgegeben wird, in dem es keinerlei Möglichkeit gibt, der Prämisse, nach der die Energiewende unabwendbar, unumkehrbar und vor allem: gut sei, zu widersprechen.

Den Beleg für diese Ansicht liefern die Autoren der Umfrage selbst: Letztlich wird mit dem Nachfragebarometer die Ergebenheit der Befragten in ihr Schicksal gemessen. 78 Prozent sehen für sich ohnehin kaum bis keinen Einfluss auf die Energiewendepolitik, 75 Prozent sehen kaum oder keine Mitwirkungsmöglichkeit bei dem, „was die Regierung im Bereich Energiewende tut“. Drastischer kann man das eigene Unterworfensein unter autokratische Strukturen, die immer noch als Demokratie verkauft werden, seine eigene Wahrnehmung der Machtlosigkeit, kaum zum Ausdruck bringen. Alle Fragen, die im Rahmen der Forsa-Umfrage gestellt werden, müssen daher vor dem Hintergrund gesehen werden, dass die Mehrheit der Befragten ohnehin der Meinung ist, sie könne an der Energiewende nichts mehr ändern, die Energiewende sei über ihre Köpfe hinweg beschlossen worden, man müsse sich nun damit, so gut es eben geht, arrangieren. Somit wird keine Zustimmung, sondern die Bereitschaft, sich zu arrangieren, gemessen, und vor diesem Hintergrund ist das miserable Zeugnis, das die Befragten bei der ersten Gelegenheit dem, was als „Energiewende“ bezeichnet wird, ausstellen, erstaunlich.

Das Sich-in-sein-Schicksal-Ergeben wird unterbrochen durch einen fast schon revolutionären Akt sprachlichen Widerstands. Die Grundlage für aktiven Widerstand ist damit gelegt. Es bedarf nur noch des Initialereignisses, des Anlasses, um den Widerstand auch offen zutage treten zu lassen. Ein länger anhaltender Blackout würde dazu vermutlich genügen. Die wirtschaftlichen Folgen der Covid-19-Krise wohl auch, denn es mag in Deutschland erste Lockerungen geben, in den Nachbarländern und den großen Absatzmärkten der deutschen Unternehmen jedoch nicht. Nun, da Inlandsnachfrage gefordert wäre, wird es sich rächen, dass die deutsche Regierung seit Jahrzehnten den Anteil ihres eigenen Einkommens, über den die Bürger frei verfügen können, systematisch reduziert hat.

IASS Potsdam: „Soziales Nachhaltigkeitsbarometer der Energiewende 2019“

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Sciencefiles“.


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