14. April 2020

Moralveränderungen in der Corona-Krise Ein fragwürdiges Heldentum

Verschiebung der Moral hinweg vom Schutz des Eigenen

von Franka Frey

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Bildquelle: shutterstock Hat in Zeiten von Corona das Nachsehen: Familie

Heute werde ich wieder einmal aus meinem Nähkästchen als Familienmensch plaudern. Ich stehe seit Neuestem vor einem ethischen Problem, von dem ich mir nicht hätte träumen lassen, dass es sich mir einmal stellen würde.

Ich verstehe nun, dass die Anschaffung von Beatmungsgeräten vielleicht weniger aus dem Grund geschieht, Menschenleben zu retten, sondern vielmehr, um den Ärzten die schwierige ethische Entscheidung der Triage abzunehmen: Wem helfe ich bei begrenzten Mitteln? Welche von zwei beatmungspflichtigen Personen wird beatmet, wenn es nur ein Gerät gibt? Eine unangenehme Sache. Man muss die Verantwortung für ein Tun übernehmen, bei dem man nicht alles richtig machen kann. Es ist nicht möglich, allen moralischen Verpflichtungen gerecht zu werden. Die Entscheidung, vor der ich stehe, scheint mir ähnlich vertrackt. Der Unterschied ist, dass mir das Vorhandensein einer Maschine diese Entscheidung nicht abnehmen könnte.

Grundsätzlich gehe ich davon aus, dass niemand seinen Eltern einen vorzeitigen Tod wünscht. Ich weiß, dass es verwerfliche Ausnahmen gibt, und ich weiß auch um die berechtigte Ausnahme, wenn ein alter Mensch am Lebensende sehr leidet und sich selbst den Tod wünscht.

In fast allen Medien oder zumindest in all denen, die leicht verfügbar und damit flächendeckend meinungsbildend sind, wird man permanent dazu aufgefordert, die Alten zu schützen und sie aus diesem Grund nicht zu besuchen. Man wird geradezu beschworen, dies vor allem jetzt in der Osterzeit nicht zu tun, wo es besonders verlockend und auch guter Brauch ist, der die Familienbande festigt.

In meinem Fall geht es um meine Eltern, die ich bereits vorgestellt habe: Sie sind beide über 80 und im Pflegegrad 2 eingestuft. Leider leben sie fast 800 Kilometer entfernt.

Außerdem gibt es meinen verwitweten Schwiegervater, der in diesem Jahr 90 wird. Er lebt im Nachbarhaus und erscheint regelmäßig zum gemeinsamen Essen an unserem Familientisch. Es ist für uns alle schön. Die Tischgespräche mit ihm, einem Philosophen und Menschen von umfassender Bildung, sind für uns bereichernd, und weder er noch wir wollen diese Gemeinschaft missen.

Für die meisten Alten, die sich an ihren Kindern und Enkeln freuen, sind die wirklichen, die physischen Kontakte zu nahen Menschen das Lebenselixier des letzten Lebensabschnitts. Es ist das, was sie im günstigen Falle körperlich und seelisch gesund erhält.

Mit dem Auftreten des neuartigen Coronavirus scheint auch eine neuartige Moral ihren Auftritt zu haben. Man hört jetzt allerorten von tapferen Helden, die es unter größter Selbstüberwindung fertigbringen, sich ihre Eltern vorerst aus dem Herzen zu schneiden. Sie verkneifen es sich, die Eltern zu besuchen, weil es nach Vorgabe der neuartigen Moral als Rücksichtslosigkeit betrachtet wird. Es ist zwar für beide Seiten sehr schmerzlich, doch man hat die Größe, man verlangt es sich ab, und man verlangt es auch seinen Eltern ab, oft ungefragt. Man wird auf Besuche verzichten. Den Eltern bleibt nichts anderes übrig, als ebenso zu verzichten, da sie ohnehin von Regierungsseite angewiesen werden, das Haus am besten gar nicht mehr zu verlassen, und weil sie es oft auch einfach nicht mehr können.

Wohlgemerkt, es geht hier nicht darum, dass diese Abstinenz nur für die offensichtlich Erkrankten gilt. Nein, sie gilt ausnahmslos für alle. Bislang wurde rücksichtsvolles Verhalten stillschweigend vorausgesetzt. Man schien davon ausgehen zu können, dass sich nahe Angehörige nicht mutwillig gesundheitliche Schäden zufügen.

In der Whatsapp-Gruppe unserer Familie berichtet der „Große Bruder“, der ein Verteidiger der neuen Moral und damit einer jener Helden ist, die sich seit Wochen die Besuche im elterlichen Haus verkneifen, von einem Freund, dessen vorbildlichem Verhalten dadurch besondere Legitimation verliehen wird, dass man ihn der Geschwisterrunde als Professor der Rechtswissenschaften vorstellt. Dieser Freund befindet sich in der Situation, einziger verbliebener Angehöriger seiner 81-jährigen verwitweten Mutter zu sein. In der Nachricht heißt es: „Aus Rücksicht besucht er sie schweren Herzens nicht, auch nicht an Ostern – sehr rücksichtsvoll.“

Mir stieß das sauer auf, berichtete doch unsere Mutter kurz zuvor, dass unser Vater in vielen Dingen Hilfe benötige und sie – selbst pflegebedürftig – das nun leisten müsse, da kein Pflegedienst mehr komme. Die Antwort aus dem Haus des „Großen Bruders“ – quasi dem Nachbarhaus der Eltern – lautete, dass dann eben der Pflegedienst wieder kommen müsse.

An dieser Stelle darf man meine folgende Kritik nicht missverstehen. Ich bin nicht der Meinung, dass Familienangehörige moralisch verpflichtet sind, Pflegeaufgaben zu übernehmen, wenn man dies an einen Pflegedienst abgeben kann. Was mich allerdings irritiert, ist die Tatsache, dass diese vermeintlichen Helden, die aus Rücksicht nicht bei den Eltern vorbeischauen, doch anscheinend bereit sind, ihren Eltern eine fremde Person ins Haus zu schicken, bei der die Anzahl der täglichen Kontakte schon von Berufs wegen das in der Krise verordnete Maß bei weitem übersteigt. Es handelt sich zudem immer um eine Person, die, um ihre Arbeit auszuführen, naturgemäß auch die erforderlichen Sicherheitsabstände nicht einhalten kann. Man schickt also den Eltern den potentiellen Tod ins Haus, den man selbst auf keinen Fall verschulden möchte.

Anscheinend können diese beiden Seiten der einen Medaille nicht zusammengebracht werden, dass gerade bei den Hochrisikogruppen, die ja meist in irgendeiner Weise Hilfe benötigen, doch irgendjemand da sein muss und, wenn Familienmitglieder dies nicht mehr dürfen, es dann ein anderer tun muss. Es irritiert mich nicht nur, ich verstehe es nicht, denn man lebt doch in dem Glauben, dass dieses neuartige Virus die ihm von unserer Hygiene-Diktatur zugeschriebene besondere Gefährlichkeit auch tatsächlich besitzt. Das ist doch das Axiom, ohne das sich diese Probleme ja gar nicht stellen würden. Man scheint dem pervertierten „Nudging“ durch die regierungsnahen Medien derart ausgeliefert, dass Verstand und ethische Urteilskraft dabei vor die Hunde gehen.

Für mich entsteht hier das Dilemma. Ich hatte es gewagt, entgegen den Vorschriften der öffentlich-rechtlichen Gouvernanten, meine Eltern in Zeiten der allgemeinen Kontaktsperre zu besuchen. Ich hatte es gewagt, das Haus zu betreten, zu kochen, die Stereoanlage wieder zum Laufen zu bringen, eine heruntergefallene Vorhangstange wieder aufzuhängen... und dies alles unter den vorwurfsvollen Blicken des „Großen Bruders“, der kurz zuvor meine Mutter noch angewiesen hatte, mich nicht ins Haus zu lassen.

Ich habe mich schlecht gefühlt. Ich bin gesund. Ich weiß eigentlich immer, ob ich gesund oder krank bin. Aber jetzt heißt es, man könne den Tod auch bringen, wenn man sich gesund fühle, und es helfe dann noch nicht einmal, den Mindestabstand einzuhalten, denn man habe festgestellt, dass es sich nicht nur um Tröpfcheninfektion handle. Die Viren befänden sich auch in der reinen Atemluft. Ich bringe also den Tod, ohne es zu wissen. In mir scheint sich ein Dämon zu verbergen. Vordergründig scheine ich hilfreich und nett, dabei trage ich das Todbringende in mir.

Sollten meine Eltern in den nächsten Wochen sterben, wofür es eine nicht von der Hand zu weisende und nicht geringe Wahrscheinlichkeit gibt, da sie Vorerkrankungen haben und eben sehr alt sind, dann muss ich in den Augen der Helden, die auf Besuche verzichtet haben, die Schuld daran tragen.

Was nützt es mir, zu wissen, dass ich gesund bin? Was nützt es mir, den Eindruck gewonnen zu haben, dass alles eine Hysterie zu sein scheint und die Gefahr des Virus überbewertet wird? Was nützt es mir, zu wissen, wie Herrschaft mit dem Mittel der Angst funktioniert? Was nützt es mir, überzeugt zu sein, das Richtige zu tun, wenn die anderen berechtigt sind, mich der neuen Moral zufolge, die mit dem neuartigen Virus Einzug hielt, für eine potentielle Mörderin zu halten?

Ich habe das Leuchten in den Augen meiner Mutter gesehen, als sie in mein Auto stieg und wir zusammen zum Einkaufen fuhren. Ich habe es gesehen, als wir uns zusammen auf die Frühlingswiese am Elbdeich gesetzt und die Schwäne beobachtet haben – die Bänke waren vorsichtshalber demontiert.

Mir, und ich glaube fast auch ihr, wäre es lieber, dass sie durch mich und diese neuartigen Viren, die ich unerklärlicherweise als gesunder Mensch absondere, stirbt, als dass eine fremde Person, mit der sie vielleicht nicht einmal die Sprache, geschweige denn gemeinsame Erinnerungen teilt, die Ursache ihres Todes sein wird. Sie konnte den Sicherheitsabstand während unseres Ausflugs nicht einhalten, immer wieder berührte sie mich am Arm.

Ich habe in langem und quälendem „In-mich-gehen“ dieses Dilemma nun für mich gelöst.

Mein Schwiegervater macht es mir leichter. Ich koche wie immer. Er steht um viertel vor zwei vor der Türe und klingelt. Wer würde ihm die Tür weisen?

Wer dies zur Debatte stellt, hat seine Menschlichkeit und Fähigkeit zum ethischen Handeln verloren, vor allem dann, wenn er gleichzeitig der Meinung ist, man müsse im Mittelmeer Menschen vor dem Ertrinken retten.

Hier ist sie wieder, die Verschiebung der Moral hinweg vom Schutz des Eigenen, die seit langem im Gange ist. Hier geht es nicht um die Gesundheit der Alten, sondern um eine weitere, noch tiefergreifende und letztlich unumkehrbare Zerstörung der Familie und der direkten wechselseitigen Beziehungen zwischen den Menschen. Man muss naiv sein, zu denken, dass dies ohne Absicht geschieht.


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