01. April 2020

Verhalten in der Corona-Krise Funktionäre, Mitläufer und Blockwarte – sie sind wieder da!

Die Familie ist gefleddert

von Franka Frey

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Bildquelle: shutterstock Können in der Corona-Krise nicht mehr besucht werden: Alte Eltern

Ich werde hier ein wenig aus meinem Nähkästchen als Familienmensch, Mutter dreier mehr oder weniger erwachsener Töchter und als Schwester in einer achtköpfigen Geschwisterrunde plaudern. Die Corona-Krise polarisiert uns nämlich als Familie ähnlich, wie es die Migrationskrise tat und noch immer tut. Es gibt jetzt nicht nur einen, sondern mindestens zwei Risse, die durch die Familie gehen, und diese verlaufen nicht an denselben Fronten. Wir sind jetzt sozusagen komplett gefleddert.

Es steht die zentrale Frage im Raum, ob es sich bei der Corona-Krise um eine Krise der körperlichen oder der geistigen Gesundheit handelt. An genau dieser Frage scheiden sich im Moment die Geister.

Die einen halten Corona für eine induzierte Massenpsychose. Sie stellen fest, dass das, was zuerst gelitten hat, der gesunde Menschenverstand ist. Sie sehen das Virus ähnlich den Computerviren, die mit einer Exe-Datei auf dem Rechner landen: Ein Osterhase hüpft über den Bildschirm, legt viele bunte Eier und bannt die Aufmerksamkeit. Im Hintergrund jedoch läuft ein anderes Programm, das den Rechner schrottet.

Die andere Position hält Corona für eine äußerst ernst zu nehmende Gefahr, von deren Bannung die physische Existenz des deutschen Volkes beziehungsweise der Menschheit abhängt; je nachdem, ob das politische Denken eher national oder international ist, ob man eher völkisch oder menschistisch eingestellt ist. Diese Gefahr wähnt man so groß, dass man für ihre Bannung seine Freiheitsrechte und die wirtschaftliche Existenz in die Waagschale zu legen bereit ist. Man wurde dazu zwar nicht befragt, aber man stimmt im Nachhinein eben zu, weil man der „Führung“ – jedenfalls in diesem Fall – vollstes Vertrauen schenkt.

Es gibt in meinem Umfeld mehrere Personen, die im Gesundheitssystem beschäftigt sind, unter anderem im Management einer großen Krankenkasse und als Mitarbeiter eines Gesundheitsamts. Ein Schwager meiner Tochter ist Internist an einer großen Klinik und eine meiner Freundinnen Notärztin und Intensivmedizinerin an einer mittelgroßen Klinik. Diese Gruppe hat über die Corona-Krise eine gewisse Aufwertung erhalten und scheint sie mehrheitlich zu genießen. Es finden sich in ihr, meiner Wahrnehmung nach, die vehementesten Verteidiger der momentanen Beschneidung unserer Freiheitsrechte. Vergessen scheinen hier bei manchem die ehemals vorhandenen Vorbehalte gegen unsere Regierung und die Kritik am Staat.

Ich gönne diesen Menschen die zusätzliche Aufmerksamkeit. Den meisten Menschen tut Aufmerksamkeit gut. Ich beobachte allerdings, dass diese Aufmerksamkeit zu korrumpieren scheint, denn sie wird zunehmend mit handfesten Vergünstigungen verbunden. In Bayern wird jetzt beispielsweise die Verpflegung des Pflegepersonals in den Kliniken von der Regierung übernommen, und es werden von der SPD steuerfreie Extrazahlungen für die außerordentlichen Leistungen des Pflegepersonals gefordert.

Dann gibt es Leute, die durch die Krise so wichtig geworden sind, dass sie so etwas wie einen Passierschein besitzen, falls es im Katastrophenfall zu einer kompletten Ausgangssperre kommt.

Das sind so die Incentives, mit denen geködert wird. Damit hat man sie eingefangen, und diese Leute entpuppen sich, jedenfalls in meinem Bekannten- und Verwandtenkreis, als die eifrigsten Multiplikatoren der Staatsräson. Diese etwas wichtigeren Rädchen im Getriebe, sogenannte Funktionäre, spielen in jedem totalitären System eine besondere Rolle. Wenn der Zustand, in dem wir uns momentan befinden, nicht totalitär ist, welcher ist es dann?

Mich irritiert auch das abendliche gemeinschaftliche Applaudieren für das Gesundheitspersonal um 21 Uhr an den Fenstern. Solcherart volksumfassenden Gemeinsinn und Korpsgeist stiftende Massenaktionen gab es hierzulande wohl zuletzt während der 30er und frühen 40er Jahre des letzten Jahrhunderts. Es werden ganz gewöhnliche Tätigkeiten und ganz normale Berufe heroisiert, so wie man es damals mit der Mutterschaft tat. Man sollte davon ausgehen, dass das Gesundheitspersonal einfach seine Pflicht erfüllt, so wie es auch eine Mutter tut. Aber nein, das Gesundheitspersonal befindet sich jetzt im Krieg. Es kämpft an einer Front, so wie damals das Wochenbett zum Kriegsschauplatz der Mütter erklärt wurde. Dort konnte man sich die Orden in Gold, Silber und Bronze verdienen. Es würde mich nicht wundern, wenn unser Gesundheitsminister demnächst Tapferkeitsorden an das Gesundheitspersonal verteilt.

Der größte Teil meines Verwandten- und Bekanntenkreises fällt jedoch in die Kategorie der Mitläufer. Hierzu gehören all diejenigen, die sagen: „Wir haben keine anderen oder besseren Erkenntnisse als unsere Bundesregierung, und darum befürworten wir sämtliche Maßnahmen.“ Ansonsten verhalten sie sich defensiv, scheinen jedoch durchaus zu leiden.

Die dritte Gruppe, die wieder da ist, sind die Blockwarte. Auch sie gibt es wieder: Menschen, die sich berufen fühlen, andere zurechtzuweisen und auf Linie zu bringen. Diese Übereifrigen, die noch nicht einmal einen irdischen Lohn dafür brauchen. Folgende Nachricht erhielt meine älteste Tochter von einer Nachbarin: „Ich finde es sehr schade, dass du ‚Wir bleiben zu Hause‘ benutzt, aber dich nicht daran hältst! Ist das alles nur Show für dich? Hauptsache, meine Follower denken, ich ziehe mit? Verstehst du nicht, wie ernst es mit dem Corona ist? Es sterben immer mehr Menschen dadurch! Es ist kein Spaß! Wieso muss man unbedingt mit einer Person spazieren gehen, auch noch sehr nahe (sogar mit Kindern). Es ist verboten, und das aus gutem Grund! Gehe doch das nächste Mal alleine mit deiner Tochter spazieren oder halte den Abstand ein! Genau wegen solcher Menschen wird es noch mehr in die Länge gezogen.“

Interessant ist, dass eine der wenigen, die der Meinung sind, dass die Corona-Krise eine Krise der geistigen Gesundheit ist, eine Altenpflegerin ist. Eine meiner Schwestern arbeitet seit fast 20 Jahren in der mobilen Pflege. Sie wundert sich, dass man der Hochrisikogruppe der Alten mit Vorerkrankungen auf einmal einen solchen Stellenwert beimisst, dass man bereit ist, für sie eine ganze Volkswirtschaft an die Wand zu fahren und die Bürger ihrer Freiheitsrechte zu berauben. Meine Schwester hat in den beiden letzten Jahrzehnten die Beobachtung gemacht, dass man sich eher wenig um diese Menschen und ihr Wohlergehen schert. Sie benötigt zu dieser Erkenntnis keine höheren Kenntnisse der Epidemiologie und auch keine Verschwörungstheorien. Das nüchterne Beobachten dessen, was im nächsten Umfeld passiert, der Familien- und Arbeitsverhältnisse, wie und vor allem wie schnell sich alles verändert, reicht hier aus. Zuerst wunderte sie sich, dann rieb sie sich die Augen, doch spätestens als die jetzt Wichtigen in der Familie, die über Passierscheine für den Katastrophenfall verfügen, verkündet haben, dass sie nicht mehr wie bisher nach unseren Eltern (beide über 80 Jahre alt, Pflegegrad 2, damit Hochrisikogruppe und wirklich bedürftig) schauen könnten, da sie an wichtiger Stelle unabdingbar seien, wurde klar, dass irgendetwas komplett schiefläuft, dass es verrückt ist.


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