09. April 2020

Berichterstattung über Corona Krieg ohne Bilder

Kennt man keine Quoten mehr?

von Frank Jordan

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Bildquelle: shutterstock Keine Bilder von der Front: Krieg gegen Corona

Was mir nicht aus dem Kopf gehen will: Obwohl Staatsoberhäupter rund um den Globus im Zusammenhang mit den Geschehnissen im Zug der Ausbreitung von Sars-CoV-2 martialisch von „Krieg“ sprechen und soziale und andere Medien mit Berichten von der „Front“ in dieselbe Kerbe schlagen, scheint diesmal doch etwas anders zu sein. Ist im Fall anderer Krisen und Kriege auch immer wieder von einem „Krieg der Bilder“ als mächtigem Propagandainstrument die Rede, so ist es das diesmal definitiv nicht: Es gibt keine Bilder „von der Front“ außer den immergleichen Szenen: Zelte im Central Park, ein Kühllastwagen, Militärkonvois, Sargstapel, leere Notlazarettbetten, Notfalltragen mit Personal in Ganzkörperanzügen, Ambulanzen, Spitalfassaden und noch mehr Särge.

Das will nicht passen in einer Zeit der totalen Visualität und des All-Darstellbaren, wo es an der Tagesordnung ist und zum guten Ton gehört, vollkommen unbelastet von Pietät bis in die Särge hinein zu filmen. Nach einem Attentat, einem Anschlag oder einem Terrorakt wird den Opfern auf fast penetrante Art „ein Gesicht gegeben“, mit Nachbarn, Freunden, Verwandten, Exfrauen, Stiefkindern, Vorgesetzten und Schulkameraden gesprochen. Mit Arbeitskollegen und jener Person, die die letzten Worte gehört haben will.

In Kriegs- und Krisengebieten werden ganze Korrespondententeams „eingebettet“, um ja der Öffentlichkeit „echte“ Bilder und „objektive“ Berichte zu präsentieren. Egal ob in Syrien, im Irak oder in Venezuela: Es gibt Reportagen von all dem Elend, den Schäden und Kollateralschäden. Frauen kommen zu Wort, Männer, Kinder, Vertreter aller Parteien. Betroffene berichten und erinnern sich. Dasselbe bei Erdbebenkatastrophen, Tsunamis, Unwettern und Lawinenunglücken. Bei Seenotrettungen und auf Flüchtlingstrecks finden Interviews am laufenden Band statt, Kinder, tot oder lebend, werden bis an die Grenze des Erträglichen gefilmt und fotographiert. Gespräche mit Flüchtlingen, Kapitänen, Polizisten und Einheimischen findet man zu Tausenden bei Google.

Und jetzt, bei Corona, nichts von alledem. Nur ab und zu wieder eine Krankenschwester oder ein Arzt, die sich zu Wort melden und deren Verlautbarungen und Handyfilme wie nach Drehbuch viral gehen und von den Mainstream-Medien übernommen werden. Ansonsten Stille – keine Angehörigen von Opfern, keine Nachbarn, keine Genesenen. Keine Exfreunde, niemand, der über Behandlung und Verlauf und seine Erfahrungen im Krankenhaus spricht. Auch keine Gespräche – nicht mal am Telefon – mit ganz normalen Menschen, die an der sogenannten Front und im Kriegsgebiet leben, in New York, wo angeblich Massengräber angelegt worden sein sollen.

Kein Aufschrei, keine Interviews mit Anwohnern, Busfahrern, Verkäuferinnen oder Handwerkern darüber, wie sie das Ganze erleben in der Stadt, die niemals schläft, das Leben, die Nachrichten im Abgleich mit der Realität. Nichts – eine fast gespenstische Stille. Nur das und die immergleichen Bilder.

Bilde ich mir das alles nur ein oder fällt das anderen auch auf? Und wenn ja – verhält es sich so, weil die Korrespondenten der großen Medienhäuser allesamt Weisung haben, sich an die Verbote und Beschränkungen zu halten, und dies, ungeachtet ihrer aufklärerischen Mission, die sie nicht zu betonen müde werden, auch tun? Weil man keine Quoten mehr kennt, keine Ambitionen, sondern nur noch Viren und Angst vor dem Tod? Oder weil dieselben Personen im Angesicht der Seuche ihre Pietät entdeckt haben? Oder aber schlicht, weil es nichts zu berichten gibt? Und keine Bilder zu zeigen?

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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