03. April 2020

Öffentlich-rechtliche Berichterstattung zur Pandemie Systemjournalismus nur zu Zeiten von Corona?

Bunte Bilder statt Fakten

von Bertha Stein

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Bildquelle: shutterstock Teils überhitzt und gedankenlos: Journalisten und Corona

Die mediale Aufmerksamkeit für Greta Thunberg und die Fridays-for-Future-Bewegung verglühte wie eine Sternschnuppe. Der Liebling der Saison, das Mädchen – mit mittlerweile einem Zopf –‍‍, wurde von einem kleinen, stacheligen Etwas, dem Covid-19-Virus, vom Thron gestoßen.

Um in der Logik verblendeter Gendersufragetten zu sprechen: „Der“ Virus hat „die“ Greta Thunberg „besiegt“. Eben gleiches Schicksal erfährt „die“ AfD. Denn links, oder richtigerweise rechts, liegengelassen wird „die“ „Alternative für Deutschland“. Weidel? Gauland? Höcke? Fehlanzeige. Wenn das mal kein Zufall ist?

Doch Scherz beiseite. Nun heißt es nicht mehr „Wir gegen AfD“, sondern „Wir gegen Virus“. Der Feind tummelt sich nun auf mikrobiologischer Ebene. War er früher identifizierbar, seine Töchter trugen Kleider und Zöpfe, so ist er heute ungreifbar, unsichtbar, unberechenbar. Weil das Virus nicht ausgegrenzt oder sozial geächtet werden kann, müssen sich seine Gegner mit ihm auseinandersetzen. Ob sie es wollen oder nicht.

Was aber bleibt weiterhin bestehen? Die Gleichförmigkeit in der Berichterstattung. So wie etwa der Medienjournalist Andrej Reisin die gegenwärtige Lage beurteilt. „Es ist aber auch in Krisenzeiten nicht die eigentliche Aufgabe der Medien, den verlängerten Arm der Regierung zu spielen und Kampagnen à la ‚Wir vs. Virus‘ (die ‚tagesschau‘ auf Social Media) zu inszenieren.“

Statt professioneller Datenaufbereitung liefern die öffentlich-rechtlichen Anstalten bei der Berichterstattung zum Coronavirus unzureichende Informationen aufgepeppt mit bunten, interaktiven Graphiken. Die absolute Zahl der Infizierten pro Tag mit bunten Balken ist zwar schön und gut anzusehen, wie die interaktive Karte der „Coronavirus-Infektionen in Deutschland“ der „Tagesschau“. Aber sie sagt nicht alles über das Ausmaß der Ausbreitung aus.

Sinnvoller wäre es, zusätzlich zu den bunten Balken eine graphische Kurve zu erstellen, die den relativen Anstieg von Tag zu Tag seit Auftreten des Virus in Deutschland anzeigt. Zudem „wird jede Person, die stirbt und gleichzeitig an Corona erkrankt ist, als ‚Todesfall im Zusammenhang mit einer Corona-Infektion‘ gezählt, unabhängig davon, wie alt die Person ist oder welche Vorerkrankungen sie hat“ („Nordkurier“). Die Corona-Toten nach Alter und spezifischen Vorerkrankungen zu unterteilen, das wäre ein weiterer Schritt in die richtige Richtung, für eine sachliche, informative und professionelle Berichterstattung.

Doch das erfordert unideologisches, vernunftgeleitetes Recherchieren. Und die Vergangenheit zeigt, dass Sachlichkeit und Vernunft rare Zutaten darstellen. Die Tat in Hanau? Weil der Täter ausschließlich Migranten und Ausländer tötete, sprachen die meisten Beobachter, wie aus der Pistole geschossen, von einer rechtsextremen Tat. Gar von Terror war die Rede.

Doch wer, außer dem Täter, weiß über die wahren Beweggründe Bescheid? Niemand. Und dass Telepathie zu den zentralen journalistischen Fähigkeiten gehörte, wäre in der Tat eine Sensation. Realistischer in diesem Zusammenhang scheint ein reflexives Schlussfolgern vieler Spitzfedern, mit dem Ziel die eigenen Überzeugungen und Einstellungen zu untermauern. Zudem sehen Ermittler des Bundeskriminalamtes nach eingehenden Analysen eine rechtsextreme Gesinnung nicht als Hauptmotiv.

Corona verdeutlicht diese teils überhitzte und gedankenlose Berichterstattung. Statt unabhängig und sachlich zu berichten, spielen die Öffentlich-Rechtlichen den „verlängerten Arm der Regierung“. Statt kritisch und unvoreingenommen die Feder zu zücken, kuscheln sie liebedienerisch mit den Regierenden.

Ihr ideologischer Stern der Berichterstattung leuchtet noch zu hell. Ihre Supernova ist noch zu weit entfernt.

„Übermedien“: „Staatsräson als erste Medienpflicht?“

tagesschau.de: „Coronavirus-Ausbreitung in Deutschland“


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