17. März 2020

Umgang mit Covid-19 Wahnsinn ist ein Meister aus Deutschland

Wie viele Menschen erkrankt sind, weiß niemand

von Michael Klein

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Bildquelle: shutterstock Wahnsinn in Deutschland: Sorgloser Umgang mit Covid-19

In Italien sind nun mehr als 2.000 Menschen an Covid-19 verstorben. In Deutschland regiert der Wahnsinn. Und ein Geheimnis deutscher Statistik ist gelüftet.

Ich gehöre sicher nicht zu denen, die zu übertriebener „Pray for“-Symbolik tendieren, aber angesichts der Zahlen, die aus Italien kommen, ist es an der Zeit, zumindest moralisch unterstützend tätig zu werden und den Italienern den Rücken zu stärken – wie auch immer. Spanien ist gemeinsam mit Deutschland angetreten, die italienischen Zahlen noch zu übertreffen. Die USA sind im Kommen, was kein Wunder ist, denn zwischenzeitlich wird dort getestet, was bislang nur vereinzelt der Fall war. Österreich gehört seit gestern auch zum Club der Vierstelligen. Die Pandemie nimmt Fahrt auf. Sowohl Spanien als auch Deutschland haben die vergleichbaren Zahlen, die Italien vor rund acht Tagen im Fall von Spanien und vor rund neun Tagen im Fall von Deutschland aufgewiesen hat, übertroffen. Auch heute zeigt sich, dass die Herangehensweise im Vereinigten Königreich so falsch nicht sein kann. Die Entwicklung im Vereinigten Königreich ähnelt derzeit der Entwicklung Singapurs, das bekanntlich einen hervorragenden Job mit Blick auf die Eindämmung von Sars-CoV-2 gemacht hat.

Seit gestern ist das Geheimnis der „zwei“ gelöst. Jener zwei, die sich auch in der aktuellen Statistik wiederfinden, die zwei ernsthaft an Covid-19 Erkrankten, die Deutschland seit Tagen vorzuweisen hat, nachdem davor neun ernsthaft Erkrankte wochenlang die Stellung behauptet hatten. Wie kommen die zwei zustande? Nun, was niemand für möglich gehalten hätte: Es sind fiktive Zahlen, keine reellen, Zahlen, die von irgendwo kommen, denn: „Wie viele Covid-19-Patienten derzeit bereits auf Intensivabteilungen liegen, ist nicht bekannt. Die RKI-Sprecherin Susanne Glasmacher teilt dazu auf Anfrage mit: ‚Den Gesundheitsämtern dürften die Informationen häufig nicht vorliegen oder können aus Kapazitätsgründen nicht recherchiert werden. Dementsprechend liegen dem RKI nur zu einem geringen, nicht aussagekräftigen Teil der Patienten diese Informationen vor.” (tagesschau.de) Ja, wie viele Menschen derzeit ernsthaft an Covid-19 in Deutschland erkrankt sind, das weiß niemand. Wozu sollte man das auch wissen wollen? Das ist so deprimierend. Tun wir lieber so, als gäbe es keine ernsthaft Erkrankten.

Nun nach Bamberg und zu einer Geschichte eines Lesers, die zeigt, dass Franz Kafka vor Jahrzehnten in „Der Prozess“ nichts beschrieben hat, was seitdem ausgestorben wäre.

„Ich wohne in Bayern im Landkreis Bamberg. Genau heute vor zwei Wochen kehrte ich von einem viertägigen Aufenthalt in Berlin zurück. Ich habe ein Basketballspiel besucht, war auf dem Fernsehturm, im Zoo – vor allen Dingen in den warmen Hallen mit extrem vielen Besuchern, in einem Theater und bin zweimal ICE gefahren und hatte selber keine Schutzmaßnahmen wie eine Maske getroffen. Handdesinfektion hatte ich dabei. Am Dienstagabend bekam ich Fieber – nicht schlimm –‍, so um die 38 Grad, und ich hustete teilweise länger anhaltend. Morgens um vier wachte ich auf und hatte immer noch Fieber. Um sechs hätte ich arbeiten müssen. Ich bat einen Kollegen, einzuspringen, weil ich ja dachte, ich hätte möglicherweise Corona. Und dann versuchte ich, etwas herauszufinden. Erster Anruf Hausarzt: Schilderung der Problematik: Antwort: Sie können nicht vorbeikommen. Wir haben keine Schutzausrüstung, und einen Test machen können wir auch nicht. Zuständig ist der Bereitschaftsarzt. Rufen Sie die 116117 an. Diese Nummer ist schon zu normalen Zeiten am Freitagnachmittag und am Wochenende hoffnungslos überlastet. Ich musste drei Mal die Erfahrung machen, als ich Hilfe für meinen Nachbarn und für meine Mutter benötigte. Also rief ich an. Es kam eine Bandansage. Ich musste meine Postleitzahl eingeben. Dann wurde ich über Corona informiert, was sie damals schon wussten. Absolut nichts Neues für mich. Nach sechs Minuten und 34 Sekunden war ich dann so weit, dass ich die Auswahl treffen konnte, einen Mitarbeiter zu sprechen. Ich tätigte die Auswahl. Und es kam eine Bandansage, dass mein Anruf derzeit nicht entgegengenommen werden könne. Ich solle zu einem anderen Zeitpunkt nochmals anrufen. Das Spiel wiederholte sich noch zwei Mal. Also drei Mal sieben Minuten in der Leitung, ohne irgendetwas zu erreichen. Dann rief ich wieder in der Praxis an. Gleiche Antwort: Ich könne nicht kommen. Zwischenzeitlich fand ich die Sondernummer des Landratsamtes. Ich rief dort an. Natürlich besetzt. Nach mehreren Versuchen landete ich in der Zentrale des Landratsamtes. Die Dame war sehr nett und erklärte, dass sie eine Sonderrufnummer geschaltet hätten, weil ja die sonstige Arbeit des Landratsamtes auch gemacht werden müsse und sonst keiner mehr durchkomme. Stellt sich die Frage: Warum lande ich dann in der Telefonzentrale? Jedenfalls versprach sie mir, dass mich ein Mitarbeiter innerhalb von einer Stunde zurückrufen würde. Das passierte dann auch – nach zwei Stunden. Die Dame war sehr nett, aber es kam das übliche Blabla, das ich eh schon kannte, und der Hinweis, dass ich mich an die 116117 wenden müsse. Auf meinen Hinweis, dass die Nummer völlig überlastet sei, bekam ich zur Antwort, dann solle ich es doch noch mal in der Hausarztpraxis versuchen. Das tat ich dann auch. Eine Helferin meinte, sie würde mit der Ärztin sprechen und mich anrufen. Das tat sie dann auch und meinte, ich solle kurz vor Ende der Sprechstunde gegen elf Uhr vorbeikommen. Habe ich gemacht. Niemand arbeitete mit Schutzmasken. Die Ärztin erklärte mir dann, sie habe keine Angst vor mir. Sie meinte, wenn ich nur 38 Grad Fieber habe, sei das unproblematisch – bei Corona sei das Fieber wesentlich höher – es sei also ein normaler grippaler Infekt – sie würde Ibuprofen verordnen. Das habe ich mir dann aus der Apotheke geholt. Auch dort arbeitete niemand mit Schutzmasken. Und die Ärztin erzählte, sie glaube nicht, dass Corona in dieser Grippesaison ein Problem werden würde. Sobald die Temperaturen steigen, sei es damit vorbei. Sie habe viel mehr Angst vor der nächsten Saison, wenn es bis dahin keinen Impfstoff gäbe. Dann würde es sehr viele Fälle geben, wenn die Grippesaison beginnen würde. Meine Erkenntnis schon vor zwei Wochen: Deutschland nimmt das überhaupt nicht ernst. Es ist nichts organisiert. Sie sind auf nichts vorbereitet. Niemand vom medizinischen Personal ist mit Atemschutzmasken ausgestattet. Es ist nichts, absolut nichts vorhanden, das man in der derzeitigen Situation brauchen könnte. Ich hatte das Glück, dass ich vor circa vier Wochen in zwei Apotheken, wo ich nicht mal Kunde bin, noch jeweils ein Fläschchen richtige Apothekenhanddesinfektion kaufen konnte und ein Päckchen Masken. Ich sagte noch zur Apothekerin völlig erstaunt: ‚Ihr habt Masken? Da nehme ich doch gleich ein Päckchen mit, damit ich welche habe, wenn ich sie brauche.‘ Jetzt gibt es nichts mehr – nirgends –‍, sogar die Angebote zu völlig überteuerten Preisen im Internet sind ausverkauft. Und was ich in den Medien gesehen habe, wenn sie überhaupt was bringen, trägt nicht zur Beruhigung bei. Da kommen Reisende aus dem Iran zurück – einem Hochrisikogebiet – und werden nicht getestet – nicht einmal, wenn schon Symptome da sind. Rückreisenden aus Italien wird mit Hinweisen auf der Autobahn empfohlen, freiwillig zwei Wochen in häuslicher Quarantäne zu bleiben. Flüchtlinge werden nach wie vor eingeflogen und in den Lagern untergebracht. Obwohl man weiß, dass das Risiko hoch ist, dass Infizierte dabei sind, dürfen sie frei in der Stadt herumlaufen. Ein Bekannter, der in der Nähe eines beliebten Kinderspielplatzes wohnt, schrieb mir, dass es gestern dort nur so vor Asylbewerbern wimmelte. Österreich hat die Spielplätze komplett abgesperrt. In Suhl in Thüringen gab es jetzt Infektionsfälle in der Aufnahmeeinrichtung. Jetzt passiert in Deutschland das, was ich erwartet und befürchtet habe: Da niemand vom Pflegepersonal und von den Ärzten Schutzausrüstungen – nicht mal Masken – zur Verfügung hat, werden immer mehr Ärzte und Pfleger selbst erkranken und im günstigsten Fall längere Zeit ausfallen. Die ersten Fälle gibt es bereits. Das wird noch gewaltig ansteigen. Und dann? Was nützen dann die schönen Intensivbetten, wenn niemand mehr da ist, der sie bedienen und die Leute behandeln kann? In Berlin wartet man sieben Stunden, bis man getestet wird. Dahin kommen alle diejenigen, die einen Verdacht haben. Wenn also jemand noch nichts hat, nach sieben Stunden in der Warteschlange hat er garantiert Corona, wenn nur ein einziger Fall dabei ist. Und dann sehe ich das Interview eines Berliner Kinderarztes, der sagt, dass die Regelung so sei, dass die niedergelassenen Ärzte auf eigene Kosten Schutzausrüstung für eine Pandemie anschaffen und lagern müssen. Wer hat sich das denn ausgedacht? Ärzte sind Unternehmer. Wer sorgt da schon in ausreichender Zahl für eine Pandemie vor – zumal die wenigsten Arztpraxen ausreichend Lagermöglichkeiten haben dürften? Und wenn Politiker was machen: Zögern, Zaudern – wir müssen auf die EU warten. Ich würde mir zumindest jemanden wie Kurz bei uns im Kanzleramt wünschen, der klare Anweisungen gibt, nichts beschönigt und sein Kabinett hinter sich hat… Wenn man das vergleicht mit Singapur, mit Südkorea, mit China, mit Taiwan: Das ist der absolute Wahnsinn bei uns. Da wird mir himmelangst. Dort läuft alles geordnet ab. Die Schutzmasken werden vom Staat verteilt. Jeder hat zunächst einmal vier Stück erhalten. Draußen läuft niemand ohne Maske herum. Das verhindert vieles. Hätte man auch bei uns machen können. Schutzmasken und Handdesinfektion von den Kommunen vorgehalten und sukzessive an die Bevölkerung verteilt – verhindert Hamsterkäufe. Für die Tests wurden Drive-in-Schalter eingerichtet. Man fährt mit dem eigenen Auto vor, kurbelt das Fenster herunter, und dann sind da Menschen in Raumanzügen, die den Test machen. Das ist weitaus ungefährlicher, als Stunden mit anderen Leuten in einer Schlange zu warten oder eine Arztpraxis aufzusuchen. Das medizinische Personal arbeitet in Schutzkleidung mit Gummistiefeln, Ganzkörperanzügen und Gesichtsschutz. Und unsere Kanzlerin sagt: ‚Es werden so oder so 70 Prozent der Bevölkerung krank werden. Ist halt so.‘ Wie bei den Flüchtlingen: ‚Jetzt sind sie halt da.‘ Es gibt ja auch schon das ganz böse Gerücht, dass Deutschland bewusst nicht gehandelt habe, weil Pflegenotstand herrsche und es ganz gut wäre, wenn ein großer Teil der Alten stürbe, um wieder Platz in den Pflegeheimen zu schaffen. Ein Kommentar eines Bekannten, der sich bei der Linken in der Kommunalpolitik engagiert: ‚Es sterben zwischen 800.000 und einer Million Menschen in Deutschland – jedes Jahr.‘“

tagesschau.de: „Bundesweite Datenbank für Beatmungsplätze“

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Sciencefiles“.


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