11. März 2020

Aktuelle Forschungsergebnisse zu Corona Warum die Panik um das Virus gefährlicher ist als die dadurch ausgelöste Lungenkrankheit Covid-19

Uns steht ein tiefer wirtschaftlicher Einbruch bevor

von Edgar L. Gärtner

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Bildquelle: shutterstock Gefährlicher als Covid-19: Corona-Panik

Ich habe in einer früheren Veröffentlichung über die Verbreitung des neuen Coronavirus Sars-CoV-2 auf „European Scientist“ die begründete Vermutung geäußert, dass durch die durch audiovisuelle Massenmedien vielfach verstärkte Panik über die weltweite Ausbreitung der vom Virus ausgelösten Lungenkrankheit Covid-19 viel größerer ökonomischer (und kultureller) Schaden entstehen dürfte als durch die Krankheit selbst (Link am Ende dieses Artikels). Inzwischen steht zweifelsfrei fest, wie richtig ich damit lag. Ich möchte hier aber keineswegs eine Monopolstellung beanspruchen, denn ich stütze mich auf die Urteile führender Infektiologen und Risikoforscher.

Einer von ihnen ist der Virologe Prof. Dr. Christian Drosten von der Berliner Charité. Drosten erwartet, dass sich in einem Zeitraum von zwei Jahren oder mehr bis zu 70 Prozent aller Deutschen mit Sars-CoV-2 infizieren werden. Bei immerhin etwa 15 Prozent von ihnen (hauptsächlich ältere Personen mit Vorerkrankungen) dürfte die dadurch ausgelöste Krankheit Covid-19 einen schwereren Verlauf mit Atemproblemen oder gar einer Lungenentzündung oder Ähnlichem nehmen. Über 80 Prozent werden symptomfrei oder mit nur leichten Symptomen davonkommen. Drosten ist nach wie vor davon überzeugt, „dass wir das Virus hier bei uns auf sehr, sehr kleiner Flamme halten können…“ Selbst bei einer von ihm angenommenen Sterberate von nur 0,4 bis 0,7 Prozent bedeutet das aber, dass die Zahl der Todesopfer durchaus in die Hunderttausende gehen kann. Bei der aktuell aus einer zweifelhaften Gesamtzahl von Infizierten errechneten Sterberate von über drei Prozent müsste bereits mit Millionen von Todesopfern gerechnet werden. Kanzleramtsminister Helge Braun, selbst gelernter Notfallmediziner, hält eine Eindämmung der Epidemie schon nicht mehr für möglich, weil sich immer mehr Sars-CoV-2-Infektionen nicht mehr bis zu ihrem Ursprung zurückverfolgen ließen. Erste Politiker schlagen deshalb eine „kontrollierte Durchseuchung“ der Bevölkerung vor.

Das Team von Daniel Wrapp von der University of Texas hat entschlüsselt, warum Sars-CoV-2 viel ansteckender ist als das alte Sars-Virus: Die Spike-Glykoproteine des neuen Virus docken mit zehn- bis 20-fach höherer Affinität an den bekannten ACE2-Rezeptor der Rachen- und Lungenzellen an. Infektionsbiologen des Deutschen Primatenzentrums (DPZ) am Leibniz-Institut für Primatenforschung in Göttingen unter Leitung von Prof. Dr. Stefan Pöhlmann haben im Verein mit Infektiologen anderer deutscher Forschungseinrichtungen das Enzym identifiziert, das für den Eintritt von Sars-CoV-2 in Lungenzellen unabdingbar ist: die Protease TMPRSS2. Damit haben die Forscher einen wichtigen Ansatzpunkt für die medikamentöse Bekämpfung von Covid-19 aufgedeckt. Denn in Japan gibt es bereits das Medikament Camostat Mesilate gegen Pankreasentzündungen, das gerade die Protease TMPRSS blockiert. Erste Versuche zeigen, dass das auch bei Covid-19-Patienten funktioniert. Das müssen klinische Studien allerdings noch bestätigen. Wann das Medikament in Europa verfügbar sein wird, lässt sich derzeit noch nicht abschätzen. Aber auch das bewährte Anti-Malaria-Medikament Chloroquin von Bayer gehört zu den heißen Kandidaten für eine erfolgreiche medikamentöse Behandlung von Covid-19-Patienten.

Gleichzeitig liefern sich etliche private und halbstaatliche Institute, angelockt von enormen Umsatz- und Gewinn-Aussichten, einen Wettlauf um den erstverfügbaren Impfstoff. Dabei scheint zurzeit das private israelische Migal Galilee Research Institute die Nase vorn zu haben. Weit gediehen ist auch die Arbeit der US-Firma Moderna an einem RNA-Impfstoff, der ein abgewandeltes Glykoprotein S produziert.

Doch bevor Impfstoffe oder Medikamente zur Verfügung stehen, wird die Massenpanik um den Corona-Ausbruch allerdings erst einmal zu einer harten Probe für unsere Gesundheitssysteme und in deren Folge zu einem tiefen wirtschaftlichen Einbruch führen, der die Auswirkungen der Finanzkrise von 2008 deutlich übertreffen dürfte. Die Börsen der Welt verzeichneten in der zweiten Märzwoche Kursstürze im zweistelligen Bereich, der Ölpreis ist zeitweise um mehr als ein Drittel gefallen. In Norditalien, wo jetzt schon Covid-19-Patienten wie in Kriegszeiten einem Triage-Verfahren unterliegen, das die am meisten gefährdeten älteren Personen von intensiver Krankenhausbehandlung ausschließt, kann man schon jetzt studieren, was anderen europäischen Ländern wohl noch bevorsteht. Jean-Patrick Grumberg, der von den USA aus die französische Internet-Plattform Dreuz.info betreibt, glaubt übrigens herausgefunden zu haben, warum das Coronavirus vor allem in Italien so stark wütet: Das Virus sei wohl von den Tausenden von Chinesen aus der Provinz Wenzhou, die in Italien unter zum Teil unsäglichen hygienischen Bedingungen Dior- und Prada-Handtaschen nähen, nach dem Ende des chinesischen Neujahrsfestes am 25. Januar eingeschleppt worden.

„European Scientist“: „Coronavirus weniger gefährlich als die Panik um ihn“

„Business Insider“: „Vertrauliches Gespräch mit Kanzleramtsminister: Eindämmung von Corona wird in Deutschland nicht funktionieren“

Hoffmann et al.: „SARS-CoV-2 Cell Entry Depends on ACE2 and TMPRSS2 and Is Blocked by a Clinically Proven Protease Inhibitor“ (Englisch)

Dieser Artikel erschien zuerst auf „European Scientist“.


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