02. März 2020

Politiker und Wissenschaftler zum Coronavirus Ist die AfD auch daran schuld?

Tatsächlich ist die Sterberate höher als gedacht

von Michael Klein

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Bildquelle: shutterstock Löst bei Schwätzperten Wahnsinn aus: Coronavirus

Deutschland ist gut gerüstet! Die Anzahl der Polit-Schwätzperten ist riesig. Da kann nichts schiefgehen – oder? Nun, wenn man zusammenstellt, was Polit-Schwätzperten und Verwaltungen von sich geben, dann muss man schaudern, heftig schaudern.

Im Landkreis Neu-Ulm zum Beispiel wurde, nachdem ich auf meinem Blog darüber berichtet hatte, der Hinweis entfernt, dass man sich mit SARS-CoV-2 nur dann infizieren könne, wenn man mindestens 15 Minuten von Angesicht zu Angesicht mit einem Infizierten konfrontiert sei. Derart gefährlicher Blödsinn ist nicht die Ausnahme. Er ist die Regel.

SARS-CoV-2 kann sehr leicht übertragen werden, und zwar über Tröpfchen, die nicht ausgehustet werden müssen, es reicht, sie auszuatmen, denn SARS-CoV-2 beherrscht die Kunst, selbst kleinste Tröpfchen zu nutzen, um sich über größere Distanzen einen neuen Wirt zu suchen. Sie können sich über eine normale Oberfläche infizieren. Jemand niest auf die Oberfläche. Sie wissen nichts davon, fassen auf die Oberfläche, fassen anschließend mit Ihrer Hand ins Gesicht: Bingo! So einfach ist es, sich mit SARS-CoV-2 zu infizieren.

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner tut sich damit hervor, zu behaupten, dass SARS-CoV-2 in der Umwelt nicht stabil sei. Tatsächlich ist SARS-CoV-2 in der Umwelt erstaunlich stabil. Das macht das Virus so gefährlich. Deshalb desinfizieren Südkoreaner, Chinesen, Briten und andere Flächen und Plätze, um zu verhindern, dass das Virus über Türgriffe, Handläufe oder Aufzugsknöpfe übertragen werden kann.

Nun hat Olaf Scholz, der begnadete Mensch, der sich, nachdem er den G20 in Hamburg so erfolgreich gesteuert hat, nunmehr als Finanzminister versuchen darf, Folgendes von sich gegeben: „Wenn die Lage es erforderte, dass ein Impuls nötig wird, der Ausbreitung des Virus für die Wirtschaft entgegenzusteuern, haben wir auch die Mittel, ein Konjunkturprogramm aufzulegen.“ Deutschland sei für den Kampf gegen den Erreger Sars-CoV-2 gewappnet. Medizinische Nothilfe könne aus dem laufenden Etat bestritten werden: „Sollte es darüber hinaus zu schweren Verwerfungen in der Weltwirtschaft kommen, etwa weil weltweit Märkte und Produktionsstätten beeinträchtigt werden, haben wir alle Kraft, um darauf schnell, entschieden und stark zu reagieren“, so Scholz.

Ein Journalist, der etwas auf sich hält, hätte natürlich nachgefragt, wie man sich die schnelle und entschiedene Reaktion in der Praxis vorzustellen hat. Aber wo gibt es in Deutschland noch Journalisten? Sicher nicht beim Staatsfunk. Das ganze Scholz-Geschwätz basiert auf der Prämisse, dass es für Deutschland nicht so schlimm kommen werde, dass es möglich sein werde, eine Epidemie zu verhindern. Wie, das steht in den Sternen, da, wo sich auch die Wolkenkuckucksheime finden, die Olaf Scholz baut.

Es gibt derzeit keinen Grund, anzunehmen, dass Deutschland in irgendeiner Weise besser davonkommen wird als Italien. Deshalb muss man die Frage stellen, wie man mit einem Konjunkturprogramm den Folgen einer Epidemie im eigenen Land, die Teil einer Pandemie ist, begegnen kann? Scholz denkt vielleicht, man könne SARS-CoV-2 in irgendeiner Weise dafür bezahlen, dass es dem Sankt-Florians-Prinzip folgt: Lieber SARS-CoV-2, verschon‘ Deutschland, leb‘ dich in Italien aus. Wer denkt, das sei übertrieben, dem möchte ich die Frage in Erinnerung rufen, die ein Leser wohl eher halb im Ernst gestellt hat: „Ich bin ja gespannt, mit welcher ‚Begründung‘ der AfD das Coronavirus angelastet wird (um gegen die AfD zu hetzen, ist schließlich kein ‚Argument‘ absurd genug).“

Lieber Leser, die Frage ist beantwortet. Name: Kordula Schulz-Asche; Fraktion: Bündnis90/Die Grünen; Tatort: Aktuelle Stunde im Bundestag, 12.Februar 2020. Im Originalton: „Sachgerechte Informationen sind bei Infektionskrankheiten zentral; denn mit ihnen sind immer Verunsicherung und Angst verbunden. Die Kompetenzen sind hier in Deutschland im Robert-Koch-Institut gebündelt, und ich kann nur immer wieder empfehlen, wenn es zu Infektionskrankheiten Fragen gibt: Informieren Sie sich auf den Seiten des Robert-Koch-Instituts! Hier ist die wissenschaftliche Kompetenz gebündelt. Machen Sie das bitte, bevor Sie allen möglichen Leuten glauben – die mir nämlich auch Sorgen machen –‍, die Fake News und Verschwörungstheorien verbreiten und mit Rassismus vorgehen. Auch hier die Empfehlung, meine Damen und Herren: Halten Sie sich an das, was das Robert-Koch-Institut empfiehlt, und glauben Sie nicht irgendwelchen falschen Botschaften! Viren machen nicht vor vernagelten Türen oder Grenzen halt. Verschwörungstheorien und Rassismus fördern die Verbreitung von Viren, und zwar nicht nur in China, sondern auch hier bei uns. Der WHO-Chef rief dieser Tage zur globalen Solidarität auf. Genau das ist die richtige Antwort zur Vermeidung einer Pandemie und nicht, meine Damen und Herren von der AfD, Hass und Hetze; die sind genau das Gegenteil von einer vernünftigen Antwort.“ Was soll man zu derartigem Bullshit sagen? Bullshit!

Die gesammelte Kompetenz eines Studiums der Kommunikationswissenschaften, Geschichte und Politologie an der FU Berlin spricht aus diesen Worten. Die FU Berlin scheint so etwas wie Ground Zero einer antirationalen Epidemie zu sein, in deren Gefolge Behauptungen wie die obigen getroffen werden. Solidarität ist natürlich kein Mittel, eine Pandemie zu verhindern. Wenn Solidarität, wie dies bei Linken häufig der Fall ist, mit Bruderkuss und übertriebener körperlicher Nähe einhergeht, ist sie vielmehr ein Mittel, eine Pandemie zu befördern. Dass man durch Verschwörungstheorien und Rassismus die Verbreitung von Viren fördert, ist eine Aussage, die man nicht mehr in den Korpus intelligenter oder gar geistig klarer Aussagen einordnen kann. Sie gehört in das Reich des Wahnsinns. Und Viren machen natürlich an vernagelten Türen und geschlossenen Grenzen halt. Denn Viren benötigen einen Träger, einen Wirt, der sie dorthin transportiert, wo sie von allein nie hingekommen wären. Kordula Schulz-Asche repräsentiert Wähler im hessischen Main-Taunus-Kreis. Peinlich – für den Main-Taunus-Kreis.

Neue Forschungsergebnisse, die mir auf den Tisch gekommen sind und die nach soviel Bullshit, der in Mengen aus Politiker-Mäulern zu fallen scheint, wohltuend sind, kommen aus Japan und aus dem Vereinigten Königreich. Sung-mok Jung und acht Koautoren haben sich die Frage gestellt, wie hoch die Case Fatality Rate außerhalb von China ist, das heißt wie hoch der Anteil derjenigen ist, die an COVID-19 nicht nur erkranken, sondern sterben. Die Ergebnisse, mit denen sie aufwarten, sind mehr oder minder erschreckend, denn die CFR, die Sterberate außerhalb von China, die sie berechnen, beträgt zwischen 5,3 und 8,4 Prozent. Bisherige Schätzungen gingen von 2,6 Prozent aus. Die Ergebnisse von Jung könnten eine Erklärung für die erschreckenden Berichte und Bilder sein, die aus dem Iran nach draußen dringen.

Die zweite Studie stammt von Leon Dannon, Ellen Brooks-Pollock, Mick Bailey und Matt Keeling, die dankenswerterweise, man wird ja immer gerne beunruhigt, ausgerechnet haben, wie lange eine von SARS-CoV-2 ausgelöste Epidemie in England und Wales anhalten würde. Die Zahlen können für Deutschland als unterster Richtwert genommen werden, denn in Deutschland gibt es mehr Einwohner als in England und Wales. Das einigermaßen erschreckende Ergebnis der Berechnungen der vier Autoren lautet: Der Höhepunkt einer Epidemie wird nach 126 bis 147 Tagen erreicht. Das wäre dann im Juni. Diese Berechnung basiert auf der Annahme, dass es nicht mehr möglich ist, die Quelle der Ansteckung von Patienten mit COVID-19 festzustellen. Das ist bei einem Mann in Surrey und bei etlichen Infizierten in Deutschland bereits der Fall. Eine weitere Annahme lautet, dass es keine Versuche gibt, das Virus an einer Ausbreitung zu hindern. Diese Versuche gibt es in Britannien in erheblichem Ausmaß, von Deutschland wissen wir nur, dass die Inkubationszeit behördlich verkürzt wurde (Wissenschaftler sind der Ansicht, die Inkubationszeit betrage zwischen fünf und 27 Tagen), wie die Tatsache belegt, dass alle Personen, die im Kreis Heinsberg in Quarantäne gesteckt wurden, nach gut einer Woche aus derselben entlassen wurden.

Maßnahmen, um das Virus einzudämmen, führen, wie wir das in China sehen, nicht dazu, dass das Virus verschwindet, sondern dazu, dass Zeit gekauft wird, denn diese Maßnahmen eliminieren nicht das Virus, sie dehnen die Infektionszeit aus. Gibt es Kontrollmaßnahmen und kommt ein warmer Sommer dazu, dann schätzen die vier Autoren, dass der Höhepunkt des Virus bis zum Winter 2020/21 gedehnt werden könne. Das ist wichtig. Denn die meisten Länder, sei es Deutschland oder Italien oder das Vereinigte Königreich, sind mit zum Beispiel 1.000 COVID-19-Infizierten, die schwer erkrankt sind und beatmet werden müssen, überfordert, wenn die 1.000 Patienten alle mehr oder minder auf einmal oder in einem kurzen Zeitraum versorgt werden müssen. Gelingt es, die 1.000 schwer erkrankten Patienten durch eine Reduzierung der Infektionsgeschwindigkeit über Monate zu verteilen, dann ist die Überlebenschance für alle Patienten eine höhere.

Aber das ist natürlich Wissenschaft und Forschung, und Wissenschaft und Forschung treten in den Hintergrund, wenn Polit-Schwätzperten ihr gesammeltes Unverständnis in Worte packen und ihre eigene Bevölkerung gefährden.

tagesschau.de: „Quarantäne im Kreis Heinsberg teils beendet“

reitschuster.de: „Böser rechter Virus“

Kordula Schulz-Asche: „Aktuelle Stunde: Strategie zur Vorbeugung gegen das Corona-Virus“

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Sciencefiles“.


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