20. Februar 2020

Der Rentenkommission der Bundesregierung droht das Scheitern Nehmen wir an, Politik könnte über Generationen in die Zukunft planen…

Was zu beweisen war

von Christian Paulwitz

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Bildquelle: shutterstock Rentenkonzept der Bundesregierung (Abbildung ähnlich): Nehmen wir einmal an...

Als ich noch studierte, erzählte man sich unter Studenten – es war an einer Technischen Universität – gerne folgenden Witz: Ein Physiker (angewandte Physik), ein Maschinenbauer und ein Mathematiker wurden jeweils in eine Zelle gesperrt, in der sich sonst nichts befand außer einigen Dosen Konserven. Nach einer Woche öffnete man die Zellen wieder. Die des Physikers war auf allen Wänden mit Formeln bekritzelt, ansonsten sah man einige mit einem sauberen Schnitt geöffnete und geleerte Konservendosen, der Physiker war offensichtlich bei guter körperlicher Verfassung. Ein Blick in die Zelle des Maschinenbauers zeigte die geöffneten Konservendosen mit unregelmäßiger, verbogener Schnittkante, aber einen ebenfalls gut genährten Insassen mit leichter Verletzung an der Handkante, die aber schon wieder am Verheilen war. Als man jedoch die Zelle des Mathematikers öffnete, saß da ein völlig abgezehrtes, beinahe verhungertes Männlein, in der einen Hand eine ungeöffnete Konservendose, die es betrachtete, mit den Fingern der anderen Hand sinnend das Kinn stützend und leise vor sich hin murmelnd: „Nehmen wir an, die Dose sei offen…“

Ich hielt dieses Bild eines Mathematikers, das mit den pragmatischen Blicken angehender Ingenieure gezeichnet wurde, immer für etwas unfair. Schließlich wird in der Welt der Mathematik die typische Einleitung „Nehmen wir an…“ nicht herangezogen, um in einer Aufgabenstellung aus einer Reihe bekannter Randbedingungen durch logische Kombination wechselseitiger Beziehungen die Lösung eines konkreten Problems abzuleiten. Vielmehr handelt es sich in den meisten Fällen um die übliche Einleitung für eine indirekte Beweisführung: man stellt eine Annahme auf, um aus ihr zwingend folgende logische Konsequenzen zu formulieren, die letztlich zu einem Widerspruch führen, der die Annahme damit eindeutig widerlegt.

Bei einem privaten Versicherungsunternehmen könnte man sich auch vorstellen, dass ein Mathematiker aus statistischen Daten der Vergangenheit Annahmen macht für die weitere Entwicklung untersuchter Parameter in bestimmten Grenzen, um der Geschäftsführung für die zukünftige Entwicklung die kalkulatorischen Risiken für ihr Versicherungsgeschäft aufzuzeigen. Doch es gibt ja auch staatliche Versicherungen – oder jedenfalls nennen sie sich so. Bei diesen liegen die größten Risiken weniger in statistischen Entwicklungen als in politischer Willkür, und man braucht auch keine Mathematiker, um diese Risiken exakt benennen zu können. Andererseits braucht man dort aber Experten von genau der Qualität des Mathematikers im oben angeführten Witz, die auch angesichts einer Annahme, die sich selbst ganz offensichtlich widerspricht, nicht in der Lage oder zumindest nicht willens sind, den offenkundigen Widerspruchsbeweis zu Ende zu führen, sondern bereit sind, die logischen Konsequenzen bis hin zur Selbstverleugnung zu ignorieren. Das ist eine harte Anforderung – wer sie erfüllt, dürfte sich für die Mitarbeit in der „Rentenkommission der Bundesregierung“ qualifizieren.

Diese Rentenkommission hat die Aufgabe, Vorschläge zu erarbeiten, um die staatliche „Rente“ mit Blick auf die Zukunft „verlässlich“ zu machen. Dazu hat ihr die Bundesregierung ein Gleichungssystem vorgegeben, in dem alle Variablen bereits vorher gegenseitig widersprechend mit festen Werten belegt wurden: Renteneintrittsalter, Beitragssatz, bedingte Rente ab 63, Mütterrente… und natürlich das Rentenniveau. Die demographische Struktur des produktiven Bevölkerungsteils und die statistische Lebenserwartung können ohnehin nicht gezielt beeinflusst werden (obwohl man sich da bezüglich des zweiten Teils angesichts des herrschenden sozialistischen Mainstreams auf Dauer nicht zu sicher sein sollte). So hat die Kommission mittlerweile knapp zwei Jahre an der Auflösung des mit Schraubzwingen fixierten Gleichungssystems gearbeitet, und es gibt kurz vor dem Termin der Vorlage des Abschlussberichts Andeutungen, dass es überraschenderweise bei der Auflösung Schwierigkeiten geben könnte.

Dabei haben die Kommissionsmitglieder wirklich alles gegeben und auf den waghalsigsten Annahmen wahre Gedankenkunstwerke aufgebaut. So warb nach einem Bericht der „FAZ“ etwa eines der Kommissionsmitglieder „für sein Modell ‚3:2:1‘ für die Aufteilung der ‚gewonnenen Lebensjahre‘: Wenn die Lebenserwartung um drei Jahre steige, müssten davon zwei Jahre auf ein längeres Berufsleben entfallen und ein Jahr auf eine längere Rentenzeit. ‚Das entspricht der Vorstellung, dass nach 40 Jahren Arbeit noch 20 Jahre Rente folgen‘, sagte er. Nach seiner Rechnung müsste das Renteneintrittsalter bis 2045 auf 68 Jahre steigen.“ Nun, man muss wohl nicht unbedingt Physiker oder Ingenieur sein, um zu erkennen, dass es sich bei solchen Gedankenexperimenten um Bürokraten-Bullshit handelt. Aber da scheint wohl doch auch etwas Verzweiflung durch, weil man ja irgendwie dem Auftraggeber doch gerne eine Brücke bauen möchte, obwohl man insgeheim durchaus gemerkt hat, dass er das eigentliche Problem ist, der den Gedanken auch an jede rustikale aber effektive Idee zum Öffnen der Konservendose durch Änderung der bisherigen Randbedingungen – zum Beispiel, indem man der Politik endlich die Kontrolle über jedes Rentenkonzept entzieht – von vornherein ausschließt.

Also warten wir ab, was am 10. März dann im Bericht der Rentenkommission stehen wird. Nehmen wir einstweilen an, die Politik halte nicht ständig produktive Menschen vom Sparen ab und verteile deren Eigentum an andere… und auch das, was morgen erst erarbeitet werden müsste… und verspräche nicht wieder anderen das, was erst übermorgen erarbeitet werden muss und von der Politik jederzeit willkürlich geplündert werden kann und wird… und verspräche überhaupt nicht Woche für Woche immer was Neues und noch Unsinnigeres auf anderer Leute Kosten… Tja. Dann wäre es eben keine Politik. Quod erat demonstrandum, wie der Mathematiker sagt.

„Frankfurter Allgemeine“: „Rentenkommission vor dem Aus“


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