31. Januar 2020

Stefan Rahmstorf im „Spiegel“ über den Klimawandel Der Herr der vielen Nullen

Keine sachliche Darlegung von Fakten, sondern moralische Überhöhung

von Michael Limburg

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Bildquelle: Frédéric Batier (CC BY-SA 3.0 DE)/Wikimedia Commons Beeindruckt gerne mit großen Zahlen: Stefan Rahmstorf

Wussten Sie, was so alles in ein Litergefäß passt? Natürlich, werden Sie sagen, ein Liter Milch zum Beispiel, oder ein Liter Wasser, oder, oder, oder. Und Sie haben recht, aber das meinte ich nicht. Wussten Sie beispielsweise, dass in einem Liter Luft – aber nur wenn Sie sie einatmen, nicht, wenn Sie sie ausatmen – 3.432.000.000.000.000.000 Moleküle Kohlendioxid stecken? Nein, wussten Sie nicht? Kein Problem – wusste ich bisher auch nicht. Und das ist der Grund, warum wir – zumindest ich, vielleicht aber auch Sie – bisher nicht verstanden haben, wie das mit dem Klimawandel so funktioniert. Und damit sich das so schnell wie möglich ändert, schließlich leben wir ja mitten in einer Klimakrise, hat Professor Stefan Rahmstorf, ja, der vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), den Fridays-for-Future-Kindern und vielen weiteren wissenschaftlichen Aktivitäten, die hehre Aufgabe auf sich genommen, uns im „Spiegel“ – ja, der mit den Relotius-Preisen – aufzuklären: „Denn in jedem Liter eingeatmeter Luft stecken 3.432.000.000.000.000.000 CO2-Moleküle fossiler Brennstoffe. Gesundheitsschädlich ist das zwar nicht – aber man muss es wissen, um den Klimawandel zu verstehen.“

Und verspricht weiter, dass das Folgende keine richtige Physikvorlesung werden wird, aber, da wir uns mitten in einer – na, Sie wissen schon – befinden, sei es höchste Zeit mit den Falschinformationen, wie sie besonders im Internet, und da wiederum von den „Klimaleugnern“ beim Europäischen Institut für Klima und Energie (Eike), verbreitet werden, aufzuräumen. Wobei die Eike-Leute, die „Boten des Zweifels“, sich einer besonders fiesen Methode bedienen, weil nämlich der Leser dort „zahlreiche Quellenangaben, wissenschaftliche Sprache und ‚Belege‘ findet, die Sie von der Abwesenheit der Klimakrise zu überzeugen versuchen“. Ja, das ist schon ganz schön fies. Da muss man als beamteter Professor gegenhalten und mal so richtig aufklären. Und das tut man an besten mit schönen großen Zahlen, so richtig großen. Und da wären wir wieder beim Beginn. Wussten Sie schon? Na, nun wissen Sie es ja schon, die Sache mit den 3.432.000.000.000.000.000 Kohlendioxidmolekülen.

Und dann folgt „ein Crashkurs zu den wichtigsten Belegen“, schreibt der Professor. Und erklärt, nicht ganz falsch: „Die Strahlungsbilanz eines Planeten bestimmt dessen Temperatur.“ Das stimmt zwar auch nur unter bestimmten Bedingungen, denn die Temperatur ist nur ein Maß für die kinetische Energie, die in der gemessenen Materie steckt, egal wo sie herkommt, und es gibt auch keine Strahlungsbilanz, sondern nur eine Energiebilanz, was bedeutet, dass die empfangene Energie, nicht per se die Strahlung, im Gleichgewicht (und das steckt im Wort „Bilanz“), und nur dann, genau so groß sein muss wie die abgegebene Energie. Aber er versprach ja, dass das keine richtige Physikvorlesung sein würde, also wollen wir mal nicht so kleinlich sein, hier keine Zweifel säen und ihm das durchgehen lassen.

Kommen wir zurück zu seinen großen Zahlen und was sie mit seiner Beweisführung zu tun haben. Und leider, da werden wir enttäuscht. Da kommt nichts. Sie stehen einfach so rum und sollen wohl Eindruck schinden. Nur einmal behauptet er, dass „wir“ die Kohlendioxidkonzentration um 45 Prozent erhöht hätten. Doch viel von nix ist aber immer noch nix, oder?

Im Kommentarbereich gibt es daher neben viel Tadel auch viel Lob für diesen Versuch, eine schwierige Materie einfach zu erklären. Obwohl oder gerade weil nirgendwo die 3.432.000.000.000.000.000 Kohlendioxidmoleküle mit dem, was er uns eigentlich erklären will, nämlich dem Treibhauseffekt, in Beziehung gesetzt werden.

Der Schuss wäre auch nach hinten losgegangen, denn dann hätte er erklären müssen, dass, egal wie viele Kohlendioxidmoleküle sich im Liter befinden, es nichts an deren winziger Menge in Bezug auf das Ganze ändert. Es bleiben mickrige 0,01346 Prozent. Da nützen auch sämtliche Großzahlen nichts, die Atmosphäre ist um viele, viele Größenordnungen größer.

Daher schrieb ich dem Herrn der vielen Nullen einen Kommentar: „Lieber Herr Rahmstorf, Ihre Riesenzahlen, die man – wie Sie schreiben – unbedingt wissen muss, ‚um den Klimawandel zu verstehen‘, werden im Verhältnis trotzdem nicht mehr. Und nur das zählt. Auch 3.432.000.000.000.000.000 CO2-Moleküle fossiler Brennstoffe bleiben mickrige 0,01346 Prozent. Und auch Ihr Gift-Vergleich, der bestimmt gleich kommt, führt in die Irre, denn Gift, das oft auch in kleinsten Mengen wirkt, greift sofort die Vitalfunktionen des Organismus an, wie Atmung oder Herzschlag. Das kann das böse CO2 alles nicht. Es ist chemisch fast ein Edelgas. Und es kann nur ganz, ganz wenig Infrarotenergie absorbieren und gibt diese wieder – wegen der ungleich wahrscheinlicheren Stoßabregung – zu weniger als fünf Prozent als Strahlungsenergie ab. Natürlich nur in den dichten unteren Schichten. Oben ist es mehr, es sind aber viel weniger CO2-Moleküle da. Und noch etwas – bei Ihnen scheint offensichtlich die Sonne Tag und Nacht. Bei mir ist das anders, da scheint sie nur tagsüber. Daher kommen bei mir – und auch nur ziemlich grob – über die gesamte Halbkugel 648 Watt pro Quadratmeter an. Die Nachthalbkugel erhält keinerlei Einstrahlung. Dass Ihnen das bisher noch nie aufgefallen ist? Komisch. Die Betrachtung der Wirklichkeit ist doch Voraussetzung jeder Naturwissenschaft, also besonders der Physik. Diese so empfangene Energie muss und wird von beiden Halbkugeln wieder abgegeben werden. Und schwups ist die Strahlungsbilanz, besser die Energiebilanz, wieder ausgeglichen. Ganz ohne den bilanziellen Zaubertrick mit dem Treibhauseffekt.“ Der Kommentar blieb bisher unbeantwortet.

Im Text werden dann drei Möglichkeiten untersucht, wodurch sich die „Strahlungsbilanz“ so verändern könnte, dass sich unser „Heimatplanet aufheizen“ müsste. Nämlich: „Die Sonneneinstrahlung nimmt aufgrund der Sonnenaktivität oder der Erdbahnparameter zu. Der reflektierte Anteil der Sonnenstrahlung nimmt ab, weil die Helligkeit der Erdoberfläche oder der Wolkendecke abnimmt. Die Abstrahlung von Wärme ins All nimmt ab.“ Alle drei werden so diskutiert und mit „Messtatsachen“ so unterlegt, dass allein Option drei die Lösung sein kann.

Ein Leser merkte dann noch an, dass schon das Ausscheiden von Option eins ziemlich schräg argumentiert sei, weil die Behauptung aus dem Rahmstorf-Artikel: „Option eins scheidet aus, denn die ankommende Sonnenstrahlung hat seit Mitte des letzten Jahrhundertssogar etwas abgenommen“ schon deswegen nicht stimmen kann, weil selbst Wikipedia unzensiert schreibt: „Seit Mitte des 20. Jahrhunderts befindet sich die Sonne in einer ungewöhnlich aktiven Phase, wie Forscher der Max-Planck-Gesellschaftmeinen. Die Sonnenaktivität ist demnach etwa doppelt so hoch wie der langfristige Mittelwert, und höher als jemals in den vergangenen 1.000 Jahren.“ Der Leser merkt kritisch an: „Nun ist die Aussage von Herrn Rahmstorf nicht ganz falsch, durch Weglassen des Gesamtzusammenhangs gewinnt sie aber einen ganz anderen Wert. Dies ist für mich keine sachliche Darlegung von Fakten.“

Aber auch der Rest ist – wie bei Rahmstorf üblich – sehr selektiv. Dafür aber mit sehr großen Zahlen und deftigen Behauptungen – zum Beispiel vom „fragilen Gleichgewicht“ – unterlegt, wie beispielsweise diese Mitteilung in Bezug auf die „gemessene“ Erwärmung der Meere um ein knappes Zehntelgrad (0,07 gegenüber einem Mittelwert von 1960 bis 2015): „Auch das ist eine Messtatsache, gemessen durch Forschungsschiffe und eine Armada von Tausenden autonomen Messgeräten in den Weltmeeren, die in den vergangenen 20 Jahren mehr als zwei Millionen Temperaturprofile aufgenommen haben.“

Dazu schreibt Willis Eschenbach, der seit Jahren die Klimatologie kritisch, aber klug begleitet: „Viel beeindruckender fand ich immer die erstaunliche Stabilität des Klimasystems trotz gewaltiger jährlicher Energieflüsse. In unserem Fall absorbiert der Ozean etwa 6.360 Zettajoule (1.021 Joules) Energie pro Jahr. Das ist eine unvorstellbar immense Energiemenge – zum Vergleich, der gesamte menschliche Energieverbrauch aus allen Quellen von fossil bis nuklear beträgt etwa 0,6 Zettajoule pro Jahr.“ – „Und natürlich gibt der Ozean fast genau die gleiche Energiemenge wieder ab – wäre das nichtder Fall, würden wir bald entweder kochen oder erfrieren. Wie groß ist also das Ungleichgewicht zwischen der in den Ozean eindringenden und von diesem wieder abgegebenen Energie? Nun, im Zeitraum der Aufzeichnung betrug die mittlere jährliche Änderung des ozeanischen Wärmegehaltes 5,5 Zettajoule pro Jahr, was etwa ein Zehntel eines Prozentes (0,1 Prozent) der Energiemenge ausmacht, welche in den Ozean eindringt und von diesem wieder abgegeben wird. Wie ich sagte: erstaunliche Stabilität. Folge: Die lächerlich anmaßende Behauptung, dass ein derartig triviales Ungleichgewicht irgendwie menschlichen Aktivitäten geschuldet ist anstatt einer Änderung von 0,1 Prozent infolge Variationen der Wolkenmenge oder der Häufigkeit von El Niño oder der Anzahl der Gewitter oder einer kleinen Änderung von irgendetwas im immens komplexen Klimasystem, ist schlicht und ergreifend unhaltbar. Trotz ihrer Dürftigkeit, wie auch der selektiven und rein propagandistischen Überhöhung der Zahlen, darf die Drohung vom Weltuntergang, ebenso wie die moralische Überhöhung am Schluss des Beitrages nicht fehlen.“

Zitat aus dem Rahmstorf-Artikel: „Wer die Fakten heute noch leugnet, um damit die dringend nötigen Maßnahmen zur Vermeidung einer planetaren Katastrophe hinauszuzögern, macht sich mitschuldig an den Folgen: an stärkeren Tropenstürmen, Flutkatastrophen, Dürren und Waldbränden – und möglicherweise künftigenHungersnöten.“

Amen.

„Spiegel Online“: „Woher die gewaltige Energie des Klimawandels stammt“

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Seite des Europäischen Instituts für Klima und Energie (Eike).


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