23. Januar 2020

Jens Spahns gescheiterte Novelle zum Transplantationsgesetz Die überleben wollen

Die Organspende muss endlich vom Spender her gedacht werden

von Phil Mehrens

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Bildquelle: shutterstock Freier Akt des Altruismus: Organspende

Wenn ich einmal so alt geworden bin, dass ich nicht mehr Rad fahren kann, dann möchte ich mein Fahrrad gern verschenken. Ich kann es nicht mehr nutzen, und das Geld, das ich für den alten Drahtesel noch bekommen könnte, ist auch nicht der Rede wert. Aber das Ding fährt noch. Was liegt also näher, als es zu verschenken? An Freunde, Verwandte, Menschen, die mir nahestehen, vielleicht sogar an Fremde wegen gleicher weltanschaulicher oder religiöser Überzeugungen oder wegen der gleichen Herkunft. Vielleicht ist es mir auch egal, wer mein Fahrrad bekommt, solange es kein Kinderschänder ist.

Wenn ich einmal so alt geworden bin, dass ich mich um meinen geliebten Struppi nicht mehr kümmern kann, dann möchte ich ihn Menschen überlassen, von denen ich glaube, dass sie gute Menschen sind, dass sie sich gut um Struppi kümmern werden, dass sie verantwortungs- und liebevoll mit so einem Tier umgehen können. Nie würde es mir in den Sinn kommen, Struppi einem verurteilten Mörder, einem verwahrlosten Alkoholiker oder einem Menschen zu überlassen, der so alt ist, dass die Gefahr besteht, dass Struppi auch ihn überleben könnte. Und ich kann mir noch eine ganze Menge anderer Ausschlusskriterien vorstellen.

Nun kommt ein Staat ins Spiel, dem seit einiger Zeit nicht mehr sehr viel an bürgerlichen Freiheiten zu liegen scheint. Dieser Staat entzieht den Besitzern aller Fahrräder und aller Hunde, die für diese keine Verwendung mehr haben, ihre Besitzrechte und überträgt sie: auf sich selbst. Die Fahrräder und die Hunde kommen in einen großen Hunde- und Fahrrad-„Pool“ und werden nun auf der Grundlage einer Liste, auf der sich jeder Interessent registrieren lassen kann, an Menschen verteilt, die sich schon lange ein Fahrrad oder einen Hund wünschen.

So ungefähr stellte sich der Pseudo-Christdemokrat Jens Spahn, unser Gesundheitsminister, das überarbeitete Transplantationsgesetz vor, das er gemeinsam mit Neosozialisten wie Karl Lauterbach (SPD) und Petra Sitte (Linke) – da wächst zusammen, was zusammengehört –‍ zur Abstimmung vorlegte: als Kollektivierung des Organbestandes. Sozialismus statt Freiheit. Selbst der linksliberale „Spiegel“ kommt da nicht mehr mit und kritisierte in Ausgabe 2/2020: Spahn und seine linken Mitstreiter täten „so, als gehöre der Körper eines Toten der Gemeinschaft“. Unbelehrbare Eigenbrötler, Individualisten, die da nicht mitmachen wollen, müssten künftig eigens Widerspruch einlegen, um den staatlichen Zugriff auf das Ureigenste zu unterbinden. Schon jetzt ist es so, dass jeder durch ein entsprechendes Kreuz in seinem – bisher noch freiwillig ausgefüllten – Organspendeausweis mit Eintritt des Hirntodes seine sterblichen Überreste abtritt an – ja, an wen eigentlich? Wer beim zuständigen Ministerium nachhakt, erhält ausweichende Antworten, die zudem den Eindruck erwecken, als habe Jens Spahn mit der sogenannten Widerspruchslösung gar nichts zu tun: „Zu den derzeit diskutierten Regelungsentwürfen können wir als Bundesministerium für Gesundheit keine Auskunft geben, da es sich nicht um Regierungsentwürfe handelt.“ Klar ist: Auf die weitere Verwendung seiner Organe hat der Spender schon jetzt (und auch nach der völlig unzulänglichen Neuregelung, die am 16. Januar beschlossen wurde) nicht mehr Einfluss als auf die Richtung, aus der der Wind weht. Aber wird tatsächlich die schuldlos vom Schicksal geschlagene 18-Jährige aus dem Imagefilm der Organspendelobby, die noch das ganze Leben vor sich hat, mit meiner Niere weiterleben? Oder ist es nicht doch eher die drogenabhängige Prostituierte, deren Niere nach 40 Jahren verantwortungslosen Lebensstils ihren Dienst versagt und die es auch nach der Transplantation nicht schaffen wird, dem Milieu zu entrinnen, das sie krankgemacht hat? „Eine zielgerichtete postmortale Spende ist nicht möglich“, teilt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) auf Anfrage lakonisch mit. Der Staat dürfe wegen des Diskriminierungsverbots keinen Organempfänger bevorzugen. Aber: Ich darf das schon. Deshalb ist es so wichtig, dass der Staat – als legitimer Repräsentant der Gemeinschaft – sich zunächst per Transplantationsgesetz die Kontrolle über meine Organe sichert, ehe anschließend Eurotransplant, die zentrale Vermittlungsstelle, meine Organe europaweit (!) weitergibt. Zugegeben, der Fahrrad-Hund-Vergleich hinkt an einigen Stellen. Weder das erworbene Haustier noch der erworbene Gegenstand gehören schließlich so unveräußerlich und existentiell zu mir wie ein Organ meines eigenen Leibes. Insofern muss das, was Jens Spahn vorhat, noch mehr befremden: Wie kann der Staat von mir verlangen, Teile von dem, was mich als Menschen mit der dem Menschen eigenen Würde konstituiert, dem Gemeinwesen rückhaltlos und ohne das geringste Mitspracherecht aufzuopfern? Ist etwa das Besitzverhältnis zwischen Mensch und Fahrrad weniger eng gewoben als das Besitzverhältnis zwischen Mensch und eigener Niere, eigener Leber, eigenem Herzen? Der Staat kann mich nicht zwingen, einen von mir erworbenen Gegenstand postmortal an eine Person abzutreten, der ich diesen Gegenstand nicht abtreten will, aber wenn es sich um mein eigenes Herz handelt, dann schon? Was aus Struppi wird, entscheidet nicht die Position auf einer anonymen Haustierspendeliste. Sondern: Ich kann mir prämortal eine Person meines Vertrauens aussuchen. Das ist Freiheit, wie sie Demokratien ihren Bürgern gewähren. Dass Freiheit auf der Werteskala des Gesundheitsministers ziemlich weit unten rangiert, bewies freilich bereits sein Vorstoß zum Verbot der sogenannten „Konversionstherapie“.

Da es die Widerspruchslösung noch nicht gibt (und vorerst nicht geben wird), ist Überredungskunst vonnöten. Die bemüht die BZgA auf jedem Organspendeausweis, indem sie salbungsvoll die „Chance auf ein neues Leben“ proklamiert und sich mit der Aussage „Organspende schenkt Leben“ als Hort des Lebensschutzes inszeniert, was freilich die in Deutschland gängige Abtreibungspraxis als klingende Schelle, als scheinheilige Rhetorik entlarvt. Nicht jeder wird jedenfalls einen Staat, der tatenlos zusieht, wie die Zukunft des Landes in Abtreibungskliniken vernichtet wird, wo jeden Tag zehn künftige Schulklassen ausradiert werden, in seinem Bekenntnis zu „neuem Leben“ für glaubwürdig erachten. Nicht jeder wird es plausibel finden, dass dieselbe BZgA, die es seit der Reform des Paragraphen 218 des Strafgesetzbuchs noch zu keiner einzigen groß angelegten Pro-Life-Kampagne gebracht hat (das Geld wurde lieber in pro-libertinistische und promiskuitätsbejahende „Kondome schützen“-Anzeigen investiert), nun bei der Organspende so tut, als sei Lebensrettung ihre zentrale Triebfeder. Er wird wohl eher einer anderen Wahrheit auf die Schliche kommen: dass nicht die Aktion Lebensrecht, sondern eine einflussreiche Mediziner-Lobby auf die von Spahn gewünschte Verschärfung des Transplantationsgesetzes gedrungen hat. Lebensverlängerung und Lebensvernichtung haben nämlich eine auffällige Gemeinsamkeit: Kliniken verdienen dabei Geld. Bei jeder lebensrettenden Organtransplantation schaut eine gewinnorientierte Kaste von Pseudo-Hippokratikern auf denselben Geldstrom, der bei jeder Lebensvernichtung in der Abtreibungsklinik fließt. Wer glaubt denn allen Ernstes daran, dass wir die Organspendedebatte jemals geführt hätten, wenn Kliniken und Krankenhäuser damit kein Geld verdienen könnten? Oder dass es jährlich 100.000 Abtreibungen gäbe, wenn Ärzte verpflichtet wären, diese pro bono vorzunehmen.

Wie aber kann die bürgerliche Freiheit sich gegen den Angriff des Staates auf das Selbstbestimmungsrecht zur Wehr setzen, ohne sich den Vorwurf der Selbstsucht einzuhandeln?

Erstens: durch ein entschiedenes Ja zur eigenen Geschöpflichkeit und damit: Endlichkeit. Nur wer sich darüber klar wird, dass es keine Garantie für ein langes Leben gibt, entgeht der Erpressbarkeit durch die hybriden Heilsversprechungen einer seelenlosen Technokratie. Nur wenn ich selbst bereit bin, nicht um jeden Preis und notfalls mit Fremdorganen weiterzuleben, verleihe ich meinem Leben wieder die Würde des Geschöpfes und befreie es von der gottlosen Hybris, es um eine Maximalspanne verlängern und den Tod entsprechend lange aussperren zu können.

Zweitens: durch ein entschiedenes Nein zu staatlicher Übergriffigkeit. Über den Leib des Geschöpfes dürfen nur verfügen: das Geschöpf selbst und der Schöpfer, niemals aber die Allgemeinheit oder – als ihr Exekutivorgan – der Staat.

Drittens: durch ein klares Ja-aber zur jetzigen Organspendepraxis, das die Balance zwischen christlicher Ethik und bürgerlicher Freiheit hält. Der eigene Leib kann in einem freien Akt des Altruismus, den der Schöpfer dem Geschöpf nahelegt, dem Nächsten hingeopfert werden. Wer aber dieser Nächste ist, das muss im Ermessen des Individuums verbleiben. Ein Übergriff des Staates auf diese Entscheidungsfreiheit muss ausgeschlossen sein.

Der Organspendeausweis in seiner jetzigen Form und das Transplantationsgesetz in seiner jetzigen Fassung gehören in die Mülltonne für illiberale Auswüchse. Sie machen den Spender zur Leiche im Keller einer selbstherrlichen Plutokratie. Die Achtung vor der Würde des Menschen ist darin so tot, wie sie es bei den umstrittenen „Körperwelten“-Ausstellungen des Extrem-Anatomen Gunther von Hagens war. Noch zynischer war das weder christliche noch demokratische Gesetzesvorhaben von Jens Spahn, das alle Menschen schon zu Lebzeiten zu Ersatzteillagern für die später Sterbenden degradieren wollte. Sicher wird die mächtige Medizinerlobby, nachdem sie zwar eine Schlacht, aber keineswegs den ganzen Propagandafeldzug verloren hat, nicht so schnell aufgeben. Es droht die irre Vision des Science-Fiction-Klassikers „… Jahr 2022 … die überleben wollen“ von 1973 Wirklichkeit zu werden. Dort sind die Verstorbenen bloße Verfügungsmasse einer totalitären Obrigkeit und dienen ebenfalls dem „höheren“ Ziel, Leben zu retten. Doch in dem offenbar gar nicht mehr so utopischen US-Spielfilm werden den Toten keine Organe entnommen; sie werden zu Futter verarbeitet, weil Lebensmittel knapp geworden sind.


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