31. Dezember 2019

Amboss oder Hammer sein? Selbstbestimmung – das große Thema des Jahrzehnts

Wie werden die nächsten zehn Jahre aussehen?

von Dushan Wegner

Artikelbild
Bildquelle: shutterstock Selbstbestimmung: Schmied sein, nicht Amboss oder Hammer

„Papa, was ist ein ‚Amboss‘?“ Manchmal lesen Elli oder ich noch immer am Abend unseren Kindern etwas vor (inzwischen lesen die Kinder auch selbst), manchmal ist es Ephraim Kishon, mal die Bibel, mal eine Sage und manchmal Goethe, und dann können eben Fragen wie die nach dem Amboss gestellt werden.

Ein besonderes Gedicht Goethes (es findet sich übrigens auch als Motto-Zitat vor Baltasar Graciáns „Kunst der Weltklugheit“) spricht vom „Amboss“, und meine Kinder wussten, als ich ihnen das Gedicht zum ersten Mal vorlas, nicht, was ein Amboss sein soll. (Um der guten Vollständigkeit willen hier die „Amboss“-Erklärung der Wikipedia: „Ein Amboss (Plural Ambosse, von althochdeutsch anabōʒ: ‚Woran (worauf) man schlägt‘, ‚Amboß‘) ist ein Block aus Stahl zur Unterlage beim Umformen, dem Bearbeiten von meist ‚warmen‘, das heißt glühenden Eisenmetallen.“)

Das Gedicht lautet: „Geh! gehorche meinen Winken,/ Nutze deine jungen Tage,/ Lerne zeitig klüger sein:/ Auf des Glückes großer Waage/ Steht die Zunge selten ein;/ Du musst steigen oder sinken,/ Du musst herrschen und gewinnen/ Oder dienen und verlieren,/ Leiden oder triumphieren,/ Amboss oder Hammer sein.“

Das Gedicht ist das zweite der „Kophtischen Lieder“. Aus dem ersten „Lied“ zitiere ich gern die berühmte Zeile: „Töricht, auf Bessrung der Toren zu harren!/ Kinder der Klugheit, o habet die Narren/ eben zum Narren auch, wie sich‘s gehört!“)

Nun spricht in diesem Gedicht nicht der Dichter selbst. Es ist eine Rolle, die er einnimmt und aus der heraus die „Weisheiten“ verkündet werden. Als reale Vorlage diente wohl der italienische Abenteurer Alessandro Cagliostro, ein weltreisender Hochstapler des 18. Jahrhunderts, der sich als „Groß-Kophta des ägyptischen Ritus“ ausgab und dessen schillernde Existenz von Goethe auch im Lustspiel „Der Groß-Cophta“ verarbeitet wurde.

Nun könnte man sich fragen, wie ernst ein Ratschlag zu nehmen ist, der offensichtlich im übertriebenen Gestus eines auf weitgereist tuenden Hochstaplers geschrieben ist, doch Goethes Biographie (selbst die trivialen, allgemein bekannten Aspekte davon) legt nahe, dass der theatralische und ins Lustige übertriebene Zynismus dem Dichter als Vehikel dient, mit einer möglichen Wahrheit zu spielen – dass er nicht „ganz dafür“ ist, heißt nicht, dass er „ganz dagegen“ wäre.

Notiz: Dies alles ist der Kontext, in dem ich dieses Gedicht kennen- und lieben gelernt habe. Nun aber, buchstäblich Jahrzehnte nachdem ich die vielen Zeilen Goethes kennengelernt habe, und Jahre nachdem ich begann, sie meinen eigenen Kindern vorzulesen, erfahre ich, dass die klangvolle Formulierung „Amboss oder Hammer sein“ in der Geschichte schon mal verwendet wurde. Ich vermute, dass die Textkräfte des „Bento“ (die digitale kleine Schwester des „Relotiusmagazins“, aber in einfacher Sprache) die Reden ihrer politischen Gegner durchgehen und Zeile für Zeile mit den Reden des Dritten Reiches vergleichen, auf jeden Fall haben sie festgestellt (bento.de, 24.06.2018), dass das Sprachbild aus dem 18. Jahrhundert nicht nur von Bernhard von Bülow im 19. Jahrhundert verwendet wurde, sondern auch vom Grundsteinleger des ersten Volkswagenwerkes: „Wer nicht Hammer sein will, der muss Amboss sein“ (und andere Varianten). Ich beschließe aber, mir die Klassiker nicht stehlen zu lassen, nicht von den einen Wichten und nicht von den anderen, und doch habe ich einige kritische Ergänzungen zu dieser Formulierung, doch dazu später.

„Amboss oder Hammer“ sein – wofür steht diese Formulierung? Wenn wir uns einmal das Bild vor Augen führen, der schwere Hammer, der metallisch krachend auf den Amboss herunterfällt, dann können wir nicht anders, als uns fragen, ob wir das eine sein wollen oder das andere… womit wir bei der jüngeren wie auch noch (ab‑) laufenden Geschichte wären – wenn auch noch längst nicht fertig mit dieser!

Zehn Jahre hinter uns, zehn Jahre vor

Ich wage es, den Nachrichtenteil in Ihre Hände zu geben, und mit „Ihre Hände“ meine ich Ihr Gedächtnis! Frage: Welches sind die nach Ihrer Einschätzung bedeutendsten historischen, politischen und geschichtlichen Ereignisse der 2010er, besonders der letzten Jahre? Und: Welche Entwicklungen sehen Sie voraus für die nächsten zehn Jahre, was ahnen Sie, was befürchten Sie, worauf hoffen Sie? Wirklich, ernsthaft: Pausieren Sie doch kurz beim Lesen dieses Textes und nennen Sie, was Ihrer Einschätzung nach wichtig war und was wichtig sein wird.

Ich wage eine These: Die meisten der Punkte, die Sie für „wichtig“ erachten und also spontan nennen, haben mit dem Schlagwort „Selbstbestimmung“ zu tun. Gehen wir doch ein paar der Ereignisse der letzten zehn Jahre durch!

Das Internet ist schon etwas älter, doch in den 2010ern wurden die sogenannten „Sozialen Medien“ zur formenden gesellschaftlichen Kraft, politische Umwälzungen wie etwa den „Arabischen Frühling“ (2010) antreibend.

Soziale Medien geben dem Menschen das Gefühl, durch sein Leseverhalten sowie etwa durch „Likes“ und „Shares“ selbst zu bestimmen, welche Informationen man zur Verfügung gestellt bekommt – und die großen Debatten um Social Media drehen sich um Fragen wie etwa die, ob es zur guten Informiertheit sinnvoll ist, ausschließlich selbst zu bestimmen, was man liest (Stichwort „Filterblase“), ob man tatsächlich selbst bestimmt, was man liest (Stichwort „NGO-Propaganda“), und natürlich, wie selbstbestimmt man hinsichtlich der Verwendung seiner Daten ist.

Der Brexit ist der manifeste Wunsch der Briten, selbst über ihr Schicksal zu bestimmen. Die Wahl Donald Trumps ist der manifeste Wunsch der „einfachen“ Amerikaner, den „Eliten“ den „Stinkefinger“ zu zeigen und selbst über die Zukunft ihres Landes und über ihr eigenes Leben zu bestimmen.

Alle Aspekte der Migrationskrise haben mit Selbstbestimmung zu tun: Die Migranten weigern sich, die Armut ihres Heimatlandes zu akzeptieren, und wollen selbst bestimmen, in welchem Land mit welchem Sozialsystem sie leben werden – und dann wollen sie dort bestimmen, wie sie dort leben werden. Die Bürger der All-Inclusive-Zielländer wollen selbst bestimmen, was mit ihrem ererbten und erarbeiteten Land passiert, und sich davor zu fürchten, am Abend in den Park zu gehen, erleben Menschen als Eingriff in ihr Recht auf Selbstbestimmung, als Einzelbürger wie auch als Volk.

„Die Eliten sind gar nicht das Problem, die Bevölkerungen sind im Moment das Problem, dass wir stärker wieder mit denen das Gespräch suchen“, sagte der damalige Bundespräsident Joachim Gauck. In der „taz“ (!) schreibt Wolfgang Schäuble einen ermahnenden Gastkommentar, und er preist die Ostdeutschen ausgerechnet für die Fähigkeit zur Anpassung (taz.de, 28.12.2019) – wie kann man seine Bürger nur so falsch lesen, wie kann man sie so gründlich missverstehen? Wie kann man in Zeiten der Sehnsucht nach persönlicher und nationaler Selbstbestimmung über eine „europäische ‚Schicksalsgemeinschaft‘“ reden?

Der Bürger sehnt sich nach Selbstbestimmung, die Eliten fürchten sie. Auf interessante Weise finanzierte NGOs treiben Propaganda (Orwellsch könnte man es „das Gespräch suchen“ nennen), und deren Botschaft hat ein immer ähnliches Ziel: den Bürgern das Recht abzusprechen, selbst über ihr Schicksal zu bestimmen. Eine Clique von Eliten-Töchtern (oft auffällig zurückhaltend darüber, aus welcher Familie sie tatsächlich stammen) wird von PR-Teams geschult und von Medien vermarktet, und ihr Ziel ist immer dasselbe: das Recht der Bürger und Völker auf selbstbestimmtes Leben zu beschneiden, via moralischen Druck, der zu Gesetzen wird. (Natürlich gelten die Einschränkungen der Selbstbestimmung nicht für die Eliten selbst – George Soros lebt selbst hinter hohen Mauern, und einige Öko-Aktivistinnen sollen über den Jahreswechsel in fernen Regionen unterwegs sein, wenn sich auch viele, nicht alle, mit der Online-Angeberei etwas zurückhalten. Auch Profi-Heuchler lernen dazu.)

Ein erweitertes Bild

Es würde schwerfallen, sich dem Sprachbild „Amboss oder Hammer sein“ zu entziehen. Wenn man einen (normalen und ehrlichen) Menschen fragte, ob er lieber der „Hammer“ sein wollte, der draufschlägt, oder der „Amboss“, auf den geschlagen wird, würde er gewiss „Hammer“ sagen.

Manche Tragödie der Weltgeschichte reicht mit ihren Wurzeln (auch) in einen logischen Fehler oder rhetorischen Trick, und der Fehler von „Amboss oder Hammer sein“ ist, dass in diesem Sprachbild schlicht ein sehr wichtiger Teil des Bildes fehlt, nämlich das Werkstück, das geschmiedet wird! Das Bild vom „Amboss oder Hammer“ ist ein „falsches Dilemma“.

Das „falsche Dilemma“ ist eine häufige Technik manipulativer Rhetorik. (Beispiel: Die aktuelle Migrationspolitik, samt der sogenannten „Seenotrettung“ (Zyniker sagen: „Schlepperhilfe“), nutzt das falsche Dilemma, man müsse entweder Menschen in Deutschland verpflegen (und so absurde Millionen in die Kassen der Wohlfahrtskonzerne, Wohnungsvermieter und sonstigen Krisengewinnler spülen) – oder man würde die Menschen ertrinken lassen. Die dritte Möglichkeit wäre, die Menschen aus dem Wasser zu holen und vor Ort an Land zu bringen und dort eine entsprechende Infrastruktur aufzubauen, doch das würde vielleicht nicht so schöne Dienstwagen bei Wohlfahrtsfunktionären finanzieren.)

Auch „Amboss oder Hammer sein“ ist ein falsches Dilemma, und implizit wird es auch heute benutzt. Weil Deutschland in der Geschichte „der Hammer“ war (sogar sich auf genau dieses Sprachbild berufend), sei es heute dazu verpflichtet, sich selbst zum Amboss zu machen, auf dem herumgeschlagen wird. Weil Deutschland früher in mörderischer Manier das Recht anderer Völker auf Selbstbestimmung verletzte, habe es heute kaum noch ein Recht mehr auf diese – es ist, wie gesagt, ein falsches Dilemma.

Ich wage es, ein erweitertes Bild zu zeichnen, das vielleicht nicht ganz so eingängig ist, aber dafür (hoffentlich) menschlicher – und weniger falsch.

Im einfachen Bild von Amboss und Hammer fehlt das Werkstück… und es fehlt der Schmied! Ich will weder Amboss noch Hammer sein, und sicher nicht nur eines von beiden! Mein Leben und mein Charakter sollen das heiße Eisen sein, das Werkstück, das geschmiedet wird. Mein Wille sei der Schmied. Der Hammer und seine Schläge seien meine täglichen Entscheidungen und Handlungen. Die Zeiten selbst, die Teil von mir sind, wie ich ihr Teil bin, sie seien der Amboss, gegen den ich mein Leben in Form schmiede – solange es sich noch schmieden lässt, solange ich nicht erkaltet bin.

Der Schmied sein

„Nutze deine jungen Tage, lerne zeitig klüger sein“, sagt das Gedicht, und wenn ich erlebe, in welchem Tempo meine Kinder lernen, müsste ich lügen, wenn ich bestritte, auch Neid zu empfinden. Was aber sollen sie lernen?

Wir ringen um Selbstbestimmung. Ferne Bürokratien, fragwürdige Gesetze und rätselhafte NGOs wollen im Namen fadenscheiniger Moral unser Recht beschneiden, die Herren unseres eigenen Schicksals zu sein.

Die Sehnsucht nach Freiheit, Würde und Selbstbestimmung war im Kern der großen Themen der letzten zehn Jahre, und es wird das große Thema der nächsten Jahre sein. Das ist es, was ich meine Kinder lehren will: den Wunsch und den Anspruch, das eigene Leben selbst zu schmieden – und den tiefen Respekt vor dem Wunsch und dem Recht jedes anderen Menschen wie auch Volkes, sein Leben und sein Schicksal zu schmieden, mit mir und neben mir, doch nie über mir und ich nicht über ihm.

Ich will weder Amboss noch Hammer sein – ich will der Schmied sein, und ich selbst sei es, das ich schmiede. Die Funken sollen fliegen! Ich will mich und mein Leben nach meinem eigenen Gusto schmieden, denn das ist Freiheit, und alles andere ist es nicht.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf dushanwegner.com.

Dushan Wegner (geb. 1974 in Tschechien, Mag. Philosophie 2008 in Köln) pendelt als Publizist zwischen Berlin, Bayern und den Kanaren. In seinem Buch „Relevante Strukturen“ erklärt Wegner, wie er ethische Vorhersagen trifft und warum Glück immer Ordnung braucht.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Kulturelles

Mehr von Dushan Wegner

Über Dushan Wegner

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige