21. Dezember 2019

Der Begriff der Anarchie Unliebsames Chaos oder Freiheit von Herrschaft?

Abwesenheit von Zwang in Verbindung mit Ordnung basierend auf natürlicher Autorität

von Max Reinhardt

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Bildquelle: shutterstock Anarchie: Chaos oder Selbstbestimmung?

Meine politische Einstellung in einem Satz: Wenn wir uns zwischen links und rechts streiten, dann streiten wir uns darüber, von wem wir beherrscht werden wollen – und ich will von niemandem beherrscht werden. In einem Gespräch habe ich mal gesagt, dass ich ein Anarchist bin, der kein Problem mit Hierarchie hat. Warum ist das kein Widerspruch, und was bedeutet Anarchie im wohlverstandenen Sinne?

Schlägt man den Begriff „Anarchie“ bei Google nach, so bekommt man folgendes Ergebnis: „Anarchie, Substantiv, feminin (die), 1. Zustand der Gesetzlosigkeit, politische Wirren, „einen Staat, die Wirtschaft an den Rand der Anarchie bringen“, 2. Philosophie: gesellschaftlicher Zustand, in dem eine minimale Gewaltausübung durch Institutionen und maximale Selbstverantwortung des Einzelnen vorherrscht“

Wikipedia erklärt den Begriff ähnlich: „Anarchie bezeichnet einen Zustand der Abwesenheit von Herrschaft. Er findet hauptsächlich in der politischen Philosophie Verwendung, wo der Anarchismus für eine solche soziale Ordnung wirbt. Landläufig wird Anarchie auch mit einem durch die Abwesenheit von Staat und institutioneller Gewalt bedingten Zustand gesellschaftlicher Unordnung, Gewaltherrschaft und Gesetzlosigkeit angenommen und vor allem in vielen Medien häufig den eigentlichen Sinn verfälschend im Schlagwort ‚Chaos und Anarchie‘ verwendet. Die tatsächliche Bezeichnung für einen solchen Zustand ist jedoch ‚Anomie‘.“

Der Begriff wird also mit zwei verschiedenen Bedeutungen verwendet, negativ im Sinne von unliebsamem Chaos und positiv im Sinne von Freiheit von Herrschaft.

Wörter sind letztlich Symbole, sie haben die Bedeutung, die wir ihnen zuweisen. Wenn ein Wort zwei gegenläufige Bedeutungen hat, eine positiv und eine negativ konnotiert, dann bedeutet das doch, dass im Laufe der Zeit zwei gegenläufige Gruppen von Menschen den Begriff jeweils mit der ihnen passenden Bedeutung aufgeladen haben.

Wenn also eines Tages Philosophen die Idee einer Gesellschaft hatten, die frei von Herrschaft funktioniert, und sich dann für diese Idee auf den Begriff „Anarchie“ geeinigt haben – dann war es ab diesem Tage im Interesse der Herrscher, diesem Begriff eine negative Zweitbedeutung zuzuschreiben.

Wenn große Teile der Bevölkerung den Begriff „Staat“ mit Ordnung und den Begriff „Anarchie“ mit Chaos assoziieren, dann wertet das den Staat auf und entwertet die Anarchie. Definitiv hilfreich, wenn man beispielsweise Zwangsabgaben der Bevölkerung an den Staat propagiert.

Aber abgesehen von Framing und so weiter, was steckt inhaltlich in der positiv verstandenen Anarchie? Die Abwesenheit von Fremdbestimmung. Anarchie ist Selbstbestimmung. Wohlverstandene Anarchie ist die Abwesenheit von Fremdherrschaft, nicht die Abwesenheit von Ordnung. Anarchie bedeutet, dass jeder Mensch sein eigener Herr ist. Und niemand Sklave.

Aber wie nur würde ohne Staatsmacht Ordnung im Land entstehen? Wer sorgt in der Anarchie für Recht und Ordnung?

Ordnung in einer anarchistischen Gesellschaft entsteht durch natürliche Autoritäten. Natürliche Autoritäten sind Hans-Hermann Hoppes natürliche Aristokraten. Es sind die Personen, die in einem bestimmten Bereich besonders erfolgreich sind und so bewiesen haben, dass sie ihr Handwerk verstehen.

Diese natürlichen Autoritäten werden im Laufe der Zeit Gefolgsleute sammeln, und es werden sich Hierarchien bilden. Das geschieht ganz natürlich, so wie Menschen sich schon immer zu Kollektiven mit Anführern zusammengeschlossen haben.

Ein Gefolgsmann wird dann zwar von der Autorität, dem Häuptling, Fürst, Chef, Präsidenten, Anführer, seiner Organisation geführt – diese Führung ist jedoch etwas ganz anderes als die Fremdbestimmung, die von Staaten derzeitiger Ausprägung ausgeht. Insbesondere, weil der Gefolgsmann sich selbst ausgesucht hat, welcher Autorität und welchen Regeln er folgt.

Nicht Hierarchie und Kollektiv an sich sind das Problem, sondern die Größe der Organisation beziehungsweise des Kollektivs. Das ist in der menschlichen Natur begründet. Mitglieder einer großen Organisation wie einem Nationalstaat verhalten sich zueinander anders als Mitglieder einer kleinen Organisation, wie zum Beispiel einer Großfamilie. Das wird insbesondere im Umgang mit der Allmende, also den Gütern, die allen gehören, deutlich.

In einem kleinen menschlichen Kollektiv ist die Allmende beispielsweise die Gemeinschaftsküche inklusive der darin befindlichen Nahrung. Die Mitglieder dieses Kollektivs werden tendenziell darauf achten, dass alle Mitglieder des Kollektivs genug von der Allmende abbekommen, dass es fair zugeht. Denn die Mitglieder eines kleinen Kollektivs kennen sich untereinander und haben einen Ruf zu verlieren. Ihr Ansehen in der Gruppe ist ihnen wichtig. Und deswegen verhalten sie sich zueinander tendenziell fair, ehrenhaft, gut.

In einem großen Kollektiv wie einem Nationalstaat ist die Allmende vor allem das Geld der Steuerzahler. Da das Kollektiv so groß ist, dass erstens die Personen, die in die Allmende einzahlen, zweitens die Personen, die aus der Allmende beziehen, und drittens die Personen, die über diesen Verteilungsprozess entscheiden, sich nicht persönlich kennen, hat hier niemand einen Ruf zu verlieren. Und Menschen, die nicht auf ihren Ruf achten müssen, verhalten sich anders als Menschen, die auf ihren Ruf angewiesen sind.

Gucken wir uns das noch mal etwas genauer an: Aufgrund der Größe des Kollektivs Nationalstaat kennen sich die meisten Mitglieder untereinander nicht persönlich. Das bedeutet auch, dass Steuerzahler und Steuerkonsumenten sich nicht persönlich kennen. Warum ist das problematisch? Weil Menschen unterschiedlich handeln, je nachdem wer betroffen ist. Menschen haben unterschiedliche Kategorien von Sozialkontakten. Beispielsweise die Kategorien „enge Freunde“, „Freunde“, „Bekannte“ und „Arbeitskollegen“. Oder „Kernfamilie“ und „entfernte Verwandschaft“. Und bei ihren Handlungen differenzieren Menschen danach, welcher dieser Kategorien die betroffenen Personen angehören. Es macht ganz offensichtlich einen Unterschied, ob meine Handlungen und deren Konsequenzen beispielsweise die eigenen Kinder oder einen Arbeitskollegen betreffen. Vereinfachend könnte man sagen, dass Menschen sich tendenziell um so ehrenhafter verhalten, desto näher sie den betroffenen Personen stehen. Das ist einer der Gründe, warum große Machtkonzentrationen problematisch sind. Wenn wenige über viele herrschen, dann ist nur ein kleiner Anteil der Beherrschten den Herrschern persönlich bekannt und den Herrschern wirklich wichtig. Es ist leicht, die Söhne von Fremden in den Krieg ziehen zu lassen – während es schwer ist, die eigenen Söhne in den Krieg ziehen zu lassen. Es ist leicht, das Geld von Fremden zu verschwenden – während es schwer ist, das Geld enger Freunde zu verschwenden.

Deswegen kommt es auf die Größe an. Je kleiner das Kollektiv, desto enger wird das Verhältnis zwischen Herrscher und Beherrschten sein. Je größer das Kollektiv, desto fremder werden die Beherrschten den Herrschern sein – und je mehr die Beherrschten für die Herrscher nur graue Masse, Stimmvieh, gesichtslose Wähler, sind – desto rücksichtsloser werden die Herrscher die Beherrschten ausbeuten.

In einer anarchistischen Gesellschaft würde es viele kleine Kollektive geben, in denen sich die Menschen untereinander persönlich kennen und sich entsprechend tendenziell ehrenhaft verhalten. Natürlich hätten in diesen kleinen Kollektiven, nennen wir sie „Stämme“, „Fürstentümer“, „Clans“, „Familien“ und so weiter, bestimmte Personen eine gewisse Macht, und natürlich würde es funktionale Hierarchien geben. Diese Machthaber stehen allerdings in einer persönlichen Beziehung zu den Angehörigen ihrer Hierarchie und können sich somit nicht alles erlauben. Verhält sich der Anführer zu lange zu tyrannisch, wird er entfernt. Die Mitglieder eines kleinen Kollektivs mit Anführern, die im persönlichen Kontakt zu einer Großzahl der Kollektivmitglieder stehen, können die Anführer bei Machtmissbrauch abwählen, davonjagen, von der Abgabe des Amtes überzeugen und so weiter. Die Macht ist begrenzt.

Ganz anders in Nationalstaaten aktueller Ausprägung. Die Herrscher haben gegenüber den Beherrschten keinen Ruf zu verlieren. Die Machtverhältnisse sind so unpersönlich, dass es den Machthabern völlig egal sein kann, was die Beherrschten von ihnen denken. Die Idee von ehrenhaftem Verhalten ist irrelevant, es zählt nur Macht um jeden Preis. Und wenn nur Macht zählt, dann wird die Allmende so stark ausgebeutet, wie es den Machthabern nur irgendwie möglich ist.

Kurz gesagt: Die Herrscher leben parasitär auf Kosten der Beherrschten und halten sich mit der Revolutionsprophylaxe namens repräsentative Demokratie an der Macht.

In der wohlverstandenen Anarchie sind die Autoritäten Personen, die aufgrund ihrer Fähigkeiten und ihres Charakters von den Angehörigen des Kollektivs auf eine erhöhte Position gehoben wurden. Und vom Kollektiv wieder von dieser Position entfernt werden können, wenn die Autorität ihre Macht missbraucht. Die Autorität kann sich nicht durch Zwang und Gewalt auf ihrer Position halten.

Ganz anders bei Herrschern von Nationalstaaten. Diese befehligen über diverse „Sicherheitsbehörden“ – wobei der Begriff wohl eigentlich von „Sicherung der Macht“ kommt. Denn nichts anderes tun diese staatlichen Gangs. Zahlt man seine Zwangsabgaben nicht, wird man letztlich aus seiner Wohnung entführt und in Beugehaft gesteckt.

Wenn man bei einem freiwillig gebildeten Kollektiv seinen Beitrag nicht zahlt, dann wird man rausgeworfen und es wird einem der Zugang zur Allmende entzogen. Aber man wird zu gar nichts gezwungen.

Wohlverstandene Anarchie ist also vor allem die Abwesenheit von Zwang in Verbindung mit Ordnung basierend auf natürlicher Autorität.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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