14. Dezember 2019

Diskussionskultur zum Klimawandel Wenn Fairbourne nicht im Meer versinkt

Panikmache und Alarmismus sind gewollt

von Vera Lengsfeld

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Bildquelle: 4 season backpacking / Shutterstock.com Opfer des Alarmismus: Fairbourne in Wales

Am zweiten Advent erfuhr ich im Gottesdienst von Fairbourne, einem rund 1.000 Einwohner zählenden Ort in Wales, direkt an der Irischen See, nicht sehr hoch (an der höchsten Stelle etwa drei Meter) über dem Meeresspiegel gelegen und durch einen ziemlich hohen Deich (sechs Meter, hieß es) gegen das Meer und sein Hochwasser geschützt, dass dieser Ort nun, so die Entscheidung des Council of Wales, bis 2054 aufgegeben und umgesiedelt werden soll. Man will nicht mehr in den aufwendigen Küstenschutz investieren. Fairbourne ist der erste Ort in Großbritannien, den dieses Schicksal ereilt.

Grund für das Thematisieren dieses Ortes und seines Schicksals im Gottesdienst war der Predigttext: Wie am Ende des Kirchenjahres und in der Adventszeit mehrfach vorgesehen, war das ein apokalyptischer Text – Lukas 21, 25-33. Das nahe Ende der Zeiten wird sich durch furchterregende Zeichen an den Gestirnen und durch Wasserfluten ankündigen, und die Menschen werden sich fürchten. Aber den Gläubigen wird gesagt, dass diese erschreckenden Zeichen für sie das Zeichen ihrer nahenden Erlösung, der Wiederkunft des Herrn und des Anbruchs des Reiches Gottes sein werden, also ein Grund zur Freude.

Dieser Predigttext bietet natürlich eine Steilvorlage für alle, die durch den Klimawandel die Klimakatastrophe heraufziehen sehen. In dem biblischen Satz „Auf Erden wird den Leuten bange sein, und sie werden zagen“ werden wohl viele besorgte Menschen heute ihr Empfinden wiedererkennen können, und es ist naheliegend, dass die Predigt diesen aktuellen Bezugspunkt aufgreift. Die Predigt, die ich hörte, kriegte die Kurve mit dem Gedanken, dass es richtig und möglich ist, etwas zu tun. So etwa gibt es Menschen, die nun extra nach Fairbourne ziehen.

So konnte ich mit der Predigt innerlich ganz gut mitgehen. Danach entspann sich dann aber noch ein Gespräch beim Kirchenkaffee, das zu inhaltlichen Weiterungen führte. Eine Gottesdienstbesucherin fragte die Pastorin nach der Quelle der Informationen über Fairbourne, eine Radiosendung, und so landeten wir beim Anstieg des Meeresspiegels durch den Klimawandel, der der Sendung zufolge auch der Grund für das Aufgeben des Ortes Fairbourne durch die Politik sein soll. Ich sagte, was mir schon während der Predigt durch den Kopf gegangen war, dass nämlich meines Wissens größere Teile der Niederlande sogar unter dem Meeresspiegel liegen und man ja anscheinend nicht darüber nachdenkt, diese zu evakuieren. Ein Wort ergab das andere, ich fragte dann auch die mit ins Gespräch involvierte Gottesdienstbesucherin, ob sie denn wisse, um wie viel der Meeresspiegel überhaupt steige. Sie hatte keine Vorstellung.

Ich sagte, dass meines Wissens der Meeresspiegel schon seit 100 Jahren regelmäßig um wenige Millimeter pro Jahr ansteige, dass sich diese Marge wohl in den letzten Jahren nicht wesentlich erhöht habe und dass Fairbourne nach Adam Riese demnach noch ein bisschen Zeit haben dürfte, bis es vom Meer überspült wird. Meines Erachtens gebe es keinen Grund für den übertreibenden Alarmismus. An dieser Stelle nun entgegnete mir die Pastorin, dass sie mir in der Einschätzung der Fakten durchaus weitgehend zustimme, dass aber eine Haltung wie meine trotzdem gefährlich sei. Wir bräuchten nicht weniger Alarmismus, sondern mehr Alarmismus, denn sonst würden die Leute nicht ihr Leben ändern, und das müssten sie aber. Ich entgegnete darauf, dass ich es für hochproblematisch halte und zutiefst ablehnte, mit Alarmismus von oben gesellschaftlichen Wandel durchsetzen zu wollen. Das könne nie gut ausgehen. Sie blieb dabei: Sonst ändere sich nichts, und außerdem komme es auch nicht von oben, sondern sei eine breite Bewegung von unten. Ich brachte dann spontan das Argument, ob es gute Folgen habe, wenn jemand zum Arzt gehe und der ihn mit einer Krebsdiagnose alarmiere, die nicht wirklich durch Untersuchungen abgesichert sei. Das sei kein treffender Vergleich, hieß es. Aber ist der so schief? Das Gespräch endete – nachdem ich es zwischenzeitlich durch die Aussage, eine Position wie die meine sei gefährlich, als atmosphärisch ungemütlich empfunden hatte – in gutem Ton.

Zu Hause googelte ich „Fairbourne“ und fand ein paar interessante Informationen, unter anderem die, dass dieser Ort erst um 1900 im feuchten Mündungsgebiet eines Flusses direkt am Meer als Badeort gegründet wurde, durch ein Entwässerungssystem dem Meer abgerungen, also damals schon dem Hochwasser extrem ausgesetzt, und mit einem hohen Deich dagegen gesichert, weil man meinte, sich das leisten zu können. In früheren Zeiten hätte man an so einem unsicheren Ort wohl nie gesiedelt. Die lokale Regierung will diese Summen für den Küstenschutz in der relativ kleinen Ortschaft in Zukunft nicht mehr aufbringen, und man kann diese Entscheidung überdies wohlfeil auf die möglicherweise zukünftig eintretenden Folgen des Klimawandels schieben. Allerdings werden die umzusiedelnden Bewohner nicht entschädigt werden, und ihre Häuser sind aufgrund der politischen Pläne heute schon quasi nichts mehr wert – obwohl man vielleicht noch 100 Jahre gut in ihnen wohnen kann.

Nach Wikipedia-Information stieg der mittlere Meeresspiegel relativ gleichmäßig zwischen 1870 und 2009 um insgesamt circa 25 Zentimeter. Aber in der „Tagesschau“ (14.07.2019) hieß es: „Ein Dorf säuft ab“! Es ist offenbar auch nicht so, dass der steigende Meeresspiegel die Bewohner vertreibt, sondern dafür sorgt die Politik der Regierung. Und da liegt für mich dann doch die Analogie zur unzeitigen Krebsdiagnose. Da möchte man doch sagen: How dare you?

Für mich war dieses Gespräch vor allem wichtig, weil ich gelernt habe: Panikmache und Alarmismus sind gewollt, nicht nur von Greta, und finden offenbar breite Akzeptanz in der Gesellschaft. Das Argument lautet: Sonst würde sich nichts ändern; wir müssen aber unser Leben ändern. Denn die Ressourcen dieser Welt würden nicht reichen, wenn alle so leben, wie wir leben. Wir leben also auf Kosten der anderen, und das ist nicht gerecht. Ob es den Menschen in den Entwicklungsländern automatisch bessergeht, wenn wir unseren Ressourcenverbrauch drosseln, sei dahingestellt; ich will auch gar nicht bestreiten, dass es Gründe dafür gibt, dass wir in manchem unsere Lebensweise ändern sollten oder müssen. Mir geht es hier vor allem um das Argument, dass der Alarmismus notwendig sei. Dieses Argument finde ich wiederum nicht nur alarmierend, sondern es macht mir regelrecht Angst. Denn wo führt das hin? Was nimmt man dabei in Kauf? Alarmismus ist nicht rational, er lässt Vernunftgründe nicht mehr durchdringen und beruht letztlich ja doch auf einer Art Täuschung. Dass dieser Alarmismus dabei unbedingt zu den erwünschten Verhaltensänderungen führt, glaube ich noch nicht einmal. Möglicherweise führt er auch zu Abstumpfung oder – irgendwann – zu Ent-Täuschung. Die Folgen möchte ich mir nicht vorstellen.

Als schlimm empfinde ich es, dass man, wie ich es nun schon mehr als einmal erlebt habe, wenn man in einer Debatte den Part der faktenbasierten Argumentation übernimmt und Zahlen nennt, tendenziell ablehnend bis feindselig als jemand betrachtet – und behandelt – wird, der dem Guten im Weg steht. Da hat sich offenbar ein Konsens zusammengebraut, der nach Fakten gar nicht wirklich fragt und der von daher den angeblich fast 100-prozentigen Konsens der Wissenschaftler auch gar nicht hinterfragen will. Wenn das so ist, dann wird sich wohl der Zug zur zunehmenden Illiberalität in unserer Gesellschaft so schnell nicht aufhalten lassen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog der Autorin.


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