09. Dezember 2019

Krassimir Stojanov über Pisa und die „unbewusste“ soziale Herkunft Perle der Bildungsforschung

Auch Mittelschichtseltern geben keine Nachhilfe in Trigonometrie

von Michael Klein

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Bildquelle: shutterstock Unterstützen ihre Kinder angeblich mehr: Eltern der High Society

Was politische Korrektheit aus Personen macht, die man – ohne politische Korrektheit und aufgrund eines guten Willens, den man allen, na ja, den meisten Positionsinhabern an Hochschulen entgegenbringt –‍, für mehr oder weniger intelligent gehalten hätte, zeigt die folgende Passage, die ich in einer Pressemeldung des „Informationsdienst Wissenschaft“ entdeckt habe: „Dabei wird selten ein empirischer Befund wahrgenommen: Die Spreizung der Leistungen abhängig von der Herkunft nimmt erst nach der Grundschule richtig Fahrt auf“, erklärt Prof. Dr. Krassimir Stojanov, Inhaber des Lehrstuhls für Bildungsphilosophie und Systematische Pädagogik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.

Die Unterschiede im Bildungserfolg führt der Wissenschaftler insbesondere auf das dreigliedrige Schulsystem mit Haupt- beziehungsweise Mittelschule, Realschule und Gymnasium zurück. „Aus empirischen Untersuchungen wissen wir, dass insbesondere Gymnasien die elterliche Unterstützung voraussetzen. Zudem wird bei Übertrittsempfehlungen unbewusst auch nach Herkunft selektiert, nicht nur nach Leistungen“, so Stojanov. Dies erfolge nicht aufgrund bestimmter Vorurteile, sondern weil man wohl davon ausgehe, dass ein Kind mit guten Leistungen in der Grundschule nicht erfolgreich in der weiterführenden Schule sein werde, wenn geringe elterliche Unterstützung vermeintlich absehbar scheine. „Einige Bildungsforscher sprechen in diesem Zusammenhang mittlerweile von einer ,Parentokratie‘ im deutschen Bildungssystem, in dem die Rolle der Eltern in vielerlei Hinsicht immer stärker wird.“

Wenn in der Grundschule soziale Herkunft keinen besonderen Zusammenhang mit der Leistung von Schülern aufweist; wenn nach der Grundschule die soziale Herkunft plötzlich einen starken Zusammenhang mit der Leistung von Schülern aufweist, weil die Schüler, deren Familien sozial unten verortet werden, auf Hauptschulen und Realschulen abgeschoben werden, während die, deren Familien sich für soziale High Society halten, auf Gymnasien gehen und das Leistungsniveau zwischen Hauptschulen und Gymnasien eben differiert (Bremen und Berlin einmal ausgenommen); wenn die Tatsache, dass Kinder aus Herkunftsfamilien, die als sozial unten angesehen werden, auf Haupt- und bestenfalls Realschulen landen, im Wesentlichen darauf zurückzuführen ist, dass Lehrer Grundschulempfehlungen und sonstige Mittel anwenden, um zu verhindern, dass die nämlichen Kinder auf Gymnasien auftauchen und dort in direkte Konkurrenz zu Kindern aus der sich selbst oben verortenden Mittelschicht treten; wenn diese Lehrer ihre Handlung mit dem Mythos begründen, dass man am Gymnasium nur erfolgreich sein kann, wenn die Eltern einen stark unterstützen, was natürlich dem Zweck dient, den entsprechenden Eltern eine kognitive Kompetenz zuzuweisen, die die meisten nicht einmal entfernt mitbringen; was ist dann, so lautet die Frage, das gebräuchliche Wort, um die Handlungen zu beschreiben, die Mittelschichtslehrer in der Mittelschichtsinstitution Schule ausführen, um die Mittelschichtskinder gegen die Konkurrenz aus Arbeiterfamilien abzuschirmen? Richtig. Diskriminierung.

Und wie erklärt Prof. Dr. Krassimir Stojanov, Inhaber des Lehrstuhls für Bildungsphilosophie und Systematische Pädagogik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt den Umstand? Als unbewusste Selektion nach Herkunft. Dass die Selektion unbewusst ist, muss der Professor behaupten, um sich nicht den Zorn der Gutmenschen zuzuziehen, die durch die moralische Hoheit, die sie für sich beanspruchen, ihre schamlose Diskriminierung anderer und ihren schamlosen Griff nach gesellschaftlichen Ressourcen rechtfertigen wollen. Wie man sich eine „unbewusste Selektion nach Herkunft“ vorzustellen hat, bei der der Mythos in Rechnung gestellt wird, dass Kinder, die ein Gymnasium besuchen, dort nur erfolgreich seien, wenn sie Unterstützung von ihren Eltern hätten, so als wären auch nur 15 Prozent der Mittelschichtseltern in der Lage, ihren Kindern Nachhilfe in Trigonometrie oder der Avogadro-Konstante zu geben, das ist ein Geheimnis, das nur unser Herr Professor lösen kann.

Vielleicht fragt ihn ja jemand, wie man sich eine unbewusste Diskriminierung, die dem angesprochenen Kalkül folgt, vorzustellen hat. Aber selbst wenn man ihm folgt und vermutet, was ja nicht wirklich unbegründet ist, dass seine Aussagen in der Presseabteilung von Eichstätt-Ingolstadt etwas verzerrt wurden, dann muss man doch feststellen, dass Lehrer, die im Jahre 50 plus nach dem Beginn der Diskussion über die soziale Selektion im deutschen Bildungssystem immer noch „unbewusst“ oder „ignorant“ derselben gegenüberstehen, ihren Beruf verfehlt haben.

„Informationsdienst Wissenschaft“: „‚Soziale Herkunft wird erst nach der Grundschule entscheidend für Bildungserfolg‘: Hintergründe zur Pisa-Studie“

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Sciencefiles“.


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