08. Dezember 2019

Albrecht von Lucke verhört den AfD-Vorsitzenden in der ARD Meut(h)en bei Maischberger

In der Arena der brüllenden Löwen

von Phil Mehrens

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Bildquelle: © Robin Krahl, CC-by-sa 4.0. Source: Wikimedia Commons Erst Angeklagter, dann Parteivorsitzender: Jörg Meuthen

Jörg Meuthen wurde vor einer Woche als AfD-Vorsitzender bestätigt. Die mediale Steilvorlage kam von Sandra Maischberger und ihrem Chefankläger Albrecht von Lucke.

„Er hat sich wie ein wildgewordener Kleinbürger benommen“, schimpfte der „Spiegel“. Besser kann man den Auftritt des Politik-Experten Albrecht von Lucke bei „Maischberger – Die Woche“ am 27. November nicht beschreiben. „Er war unhöflich, aufdringlich und laut, er war grenzüberschreitend und dabei von einem vorgetäuschten Willen zur politischen Härte und Aufklärung getrieben. Er beleidigte, er unterbrach mit kindischer Penetranz, was im geschmacksverstärkten Gebührenfernsehen ja ein Moment der tragischen Schönheit und der Wahrheit hätte sein können – wenn dieser Auftritt nicht viel zu armselig und damit auf unangenehme Weise erhellend gewesen wäre.“ Es war, mit den Worten von „Spiegel“-Autor Georg Diez, „eine Art rhetorischer Zangenübergriff“, den Maischberger gemeinsam mit Albrecht von Lucke ausübte, um den Gast in die Mangel zu nehmen. Und dann das erbarmungslose Fazit, ein vernichtendes Urteil über das deutsche Zwangsbezahlfernsehen: „symptomatisch missglücktes Interview“, „Fiasko“, „Farce“. Sogar von Wut auf eine Gesprächsführung, „die verlässlich versagt“, war die Rede: „Es ist die Wut auf einen Sender und auf ein System, das einen wesentlichen Teil seiner Zuschauer seit Jahren mit Verachtung straft.“

Lieber Kollege Diez: Chapeau! Man kann den erbärmlichen Auftritt der Moderatorin Sandra Maischberger und ihres Glaubensgenossen Albrecht von Lucke am 27. November nicht besser beschreiben. Schade, dass Sie es nicht gemacht haben.

Aber der Reihe nach: Im Vorfeld seiner Wiederwahl zum Bundessprecher der AfD hatte Jörg Meuthen am 27. November einen Spießrutenlauf der besonderen Art zu überstehen. Der AfD-Frontmann hatte es gewagt, sich den Fragen von WDR-Talkkönigin Sandra Maischberger zu stellen. Um besonders effektiv auf den Europaabgeordneten einprügeln zu können, hatte sie sich in ihre Sendung „Maischberger – Die Woche“ auch den linken Politologen Albrecht von Lucke eingeladen, der schon häufiger dadurch aufgefallen ist, dass er Talkshows mit seinem demagogischen Grundgebaren gern zu einer Art Gerichtshof umfunktioniert, in dem er exklusiv Gericht halten kann über politische Abweichler und Renegaten. Nach dem von ständigen Unterbrechungen geprägten Maischberger-Interview mit Meuthen – früher nannte man diese Form der Befragung „Inquisition“ – lud Albrecht von Lucke den eigentlich bereits entlassenen Talkgast noch einmal zum persönlichen Verhör und ließ, nachdem er beim Thema Burka seinen ersten Aufschlag als bissigen Return um die Ohren geknallt bekommen hatte („Wissen Sie, was ich menschenverachtend finde? Frauen so zu verschleiern, das finde ich menschenverachtend!“), seinem Gesprächspartner kaum noch Zeit zum Antworten. Wahrlich keine Sternstunde des öffentlich-rechtlichen Fernsehens und seines Auftrags, Meinungsvielfalt professionell abzubilden.

Dass ein erfahrener Politiker in einer Talkshow auch mal etwas härter angefasst wird, mag noch unbeanstandet durchgehen, schließlich teilen AfD-Politiker verbal ja auch ganz gern aus. Dass es dabei jedoch Grenzen des guten Geschmacks und des für einen Talkgast Zumutbaren gibt, bewiesen die Reaktionen auf den Verbal-Schraubstock, in den ZDF-Talker Markus Lanz – richtig, der Junge mit der schicken Pomadefrisur – vor einer gefühlten Ewigkeit die ehemalige Linken-Fraktionsvorsitzende Sahra Wagenknecht spannte. Der „Spiegel“ ließ seinen Kulturexperten Georg Diez in einer Kolumne auf das ZDF los, um die vermeintlich Geschundene in Schutz zu nehmen. „Der Pesthauch des Konformismus“ nannte der „Spiegel“-Kolumnist seine Abrechnung mit Markus Lanz und seinem Umgang mit Talkgast Sahra Wagenknecht, aus der die besten Sätze oben zitiert wurden. Nach der Ausstrahlung der Maischberger-Sendung am 27. November 2019 hätte Diez dieselbe Kolumne eigentlich noch einmal schreiben können, und vielleicht hätte er es auch getan, würde der Pesthauch des Konformismus nicht auch seine eigenen Redaktionsräumlichkeiten durchwehen. Der „Spiegel“-Autor hätte lediglich den Namen „Lanz“ gegen „Maischberger“, „Hans-Ulrich Jörges“ gegen „Albrecht von Lucke“ und „ZDF“ gegen „ARD“ austauschen müssen. Der Text stammt jedoch aus einer ganz anderen Ära: aus jener in der Rückschau nahezu paradiesisch anmutenden Zeit vor dem großen Dammbruch, vor dem Umsiedlungsirrsinn, der Deutschland mit dankbaren und arbeitswilligen Entwurzelten, aber auch mit undankbaren, arbeitsscheuen Sozialschmarotzern überflutete. So komplex und zugleich so einfach ist die Wahrheit. „Parasit“ war einer der Begriffe, für den Albrecht von Lucke Meuthen in die Mangel nehmen wollte. Die Vokabel sei bei einer Pegida-Veranstaltung gefallen, die Björn Höcke verbal unterstütze, der ein Parteikollege von Meuthen sei – ein besonders abstruser unter den vielen Versuchen der letzten Jahre, die Meinungsfreiheit durch eigens aus Anlass der Massenmigration von selbsternannten Tugendwächtern erlassene begriffliche Tabuverordnungen zu beschneiden. In Wahrheit ist „Parasit“ oder „Schmarotzer“ eine völlig legitime, wenn auch provokante Metapher für Menschen, die sich von einer Gesellschaft alimentieren lassen, ohne selbst einen Beitrag zur Volkswohlfahrt zu leisten. Dasselbe gilt für Gottfried Curios Burka-Kritik „schwarze Säcke mit Schlitzen“, in der Albrecht von Lucke ebenfalls einen skandalösen Tabubruch sehen wollte. Wer früher demagogische Birne-Karikaturen von Helmut Kohl in Umlauf brachte oder so was lustig fand, wer – wie Joschka Fischer – bei linken Krawallen Steine auf Polizisten warf oder bei Chaos-Tagen mitmarschierte, wer – wie Albrecht von Lucke – für die im Umgang mit politischen Gegnern nie besonders zart besaitete „taz“ geschrieben hat, woher nimmt der eigentlich das Recht, auf satirische oder polemische Zuspitzungen auf einmal zu reagieren wie eine Mimose aus dem politischen Niemandsland?

Damit ist klar: Argumentativ konnte der streitbare Politologe nur mit Platzpatronen schießen. Die inhaltliche Dürftigkeit suchte er offenbar durch ein bewusst galliges Auftreten zu kaschieren. Aber sein Gift- und Geiferauftritt fiel so borniert und unausgewogen aus, dass man sich ernsthaft fragen muss, was er mit solchen Kapriolen zu bezwecken hofft: Will er AfD-Wähler, die er offensichtlich für von Ewiggestrigen verführte Dumpfbacken hält, so für die zahnlosen Konsensparteien zurückgewinnen? Das kann ja nur gelingen, wenn er überzeugend darlegt, dass erstens nicht er selbst eine Dumpfbacke ist und zweitens die Kritik der klassischen AfD-Klientel am selbstgerechten Establishment unbegründet ist. Das kann man aber mit einem dumpfbackig-selbstgerechten Auftritt nicht erreichen. Will er bei den Zuschauern aller Parteien für demokratische Werte werben? Dann darf er nicht unangenehm auffallen durch Intoleranz gegenüber Standpunkten, die vom eigenen abweichen, und verblendete Angriffe auf legitime Oppositionskräfte. Und Maischberger? Dem journalistischen Objektivitätsgrundsatz ebenso verpflichtet wie den trivialen Geboten der Fairness und Höflichkeit, hätte sie dem völlig jedes Maß verlierenden Polit-Demagogen so entschieden ins Wort fallen müssen, wie sie es wenige Minuten zuvor noch so überzeugend im Gespräch mit Jörg Meuthen demonstriert hatte. So aber war die Moderatorin ein wandelndes Werbeplakat für Anti-GEZ-Initiativen.

AfD-Mitglieder und ‑Sympathisanten dürften die peinlichen Entgleisungen von Luckes und den Kontroll- und Gesichtsverlust Maischbergers mit Spottlust zur Kenntnis genommen haben: So demontiert man sich stilvoll selbst. Und so hatte diese Ausgabe von „Maischberger – Die Woche“ zwei Verlierer: Albrecht von Lucke und die von symptomatischem Kontrollverlust gepeinigte Moderatorin; und zwei Gewinner: die beim Thema Strafzinsen um Sachlichkeit bemühte Wirtschaftsexpertin Sandra Navidi und Jörg Meuthen, der sich mit dem mutigen Auftritt in der Arena der brüllenden Löwen als tapferer Gladiator fühlen durfte.

Da konnte es auf dem AfD-Parteitag drei Tage später nur heißen: Daumen hoch.

ARD-Mediathek: „Maischberger – Die Woche“ vom 27.11.2019


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