05. Dezember 2019

Beliebte Begriffe im politischen Gefasel und ihre wirklichen Hintergründe Was haben Mündigkeit und Verantwortung mit Freiheit und Demokratie zu tun?

Ein Kollektiv kann nicht verantwortlich sein

von Hilmar Hacker

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Bildquelle: shutterstock Immer individuell: Verantwortung

Nie wurde so viel geschrieben und geredet wie heute, nie zuvor wurde Sprache in diesem Maße strapaziert, gequält, verbraucht und verunstaltet. Als Favorit im politischen Dauergefasel steht „Verantwortung“ ganz vorne, dicht gefolgt von „Freiheit“ und „Demokratie“. Um „Mündigkeit“ ist es eher leise geworden.

Während des „Wahlkampfs“ zur letzten Bundestagswahl wurden die Vokabeln „Verantwortung“, „Freiheit“ und „Demokratie“ auffällig häufig und teils sogar als Kampfbegriffe gebraucht. So sprach man dem politischen Gegner jegliche Verantwortung einfach ab. Wolfgang Thierse, zeitweiliger Parlamentspräsident, trieb die Schmähung auf die Spitze und beschimpfte alle Bürger, die mit der AfD sympathisieren, als verantwortungslos.

„Deutschland muss wieder Verantwortung in der Welt übernehmen!“, tönt unser Bundespräsident. Die Grünen faseln von „verantwortungsbewusster Bürgerlichkeit“, und Cem Özdemir kann es kaum erwarten, als Außenminister Verantwortung zu übernehmen.

„Verantwortung“ in aller Munde, auch außerhalb der Politik. Die spanische Gurke erklärte man verantwortlich für die Verbreitung des EHEC-Virus. Kohlendioxid ist neuerdings für die Klimaerwärmung verantwortlich, für den Feinstaub Dieselautos. Und natürlich ist Deutschland verantwortlich für die Verbrechen während der Nazizeit.

„Verantwortung“ ist zu einem Allerweltswort degeneriert, dem man alles zuordnet, was im weitesten Sinne mit Macht, Zuständigkeit, Haftung, Schuld und Ursache zu tun hat.

Während Politik, Wirtschaft und Medien in Verantwortungswelten schwelgen, wird die Eigenverantwortung des einzelnen Bürgers zunehmend eingeschränkt. In der Attitüde des fürsorglichen Vaters nimmt der Staat dem Bürger jede Eigenverantwortung ab, um ihn schließlich mit einem All-inclusive-Versorgungspaket wie ein unmündiges Kind in totaler Abhängigkeit zu halten.

Was bedeutet nun „Verantwortung“? Ursprünglich kommt der Begriff aus der Sphäre der Gerichtsbarkeit. Dort ist er vermutlich in Entsprechung zu den im römischen Recht geläufigen Begriffen „respondere“, „responsum“ und so weiter gebildet worden. Danach hieß „verantworten“: Vor einem Richter auf die Frage antworten, was man getan hat, weil einem eine bestimmte Tat zugerechnet wird.

Hier werden drei Elemente sichtbar, ohne die Verantwortung nicht stattfinden kann. Da ist einmal die verantwortliche Person, das Verantwortungssubjekt. Dann der Gegenstand, für den das Verantwortungssubjekt verantwortlich ist, das Verantwortungsobjekt, sowie die Verantwortungsinstanz, vor der sich das Verantwortungssubjekt zu verantworten hat.

Das zentrale Element ist offenbar das Verantwortungssubjekt, an das, um überhaupt Verantwortung wahrnehmen zu können, unverzichtbare Voraussetzungen geknüpft sind. Zumindest muss das Verantwortungssubjekt eine konkrete lebende Person sein, die imstande ist, sich mit den Anforderungen des Daseins bewusst auseinanderzusetzen.

Das Verantwortungsobjekt kann dagegen alles Mögliche sein, je nachdem, ob es um Zuständigkeits- beziehungsweise Haftungsverantwortung oder um moralische Verantwortung geht. In beiden Fällen kann das Verantwortungsobjekt jedoch weder die Natur noch das Klima noch die Menschheit noch das Volk noch ein anderes Kollektiv oder irgendwelche Abstrakta sein, es sei denn, das jeweilige Kollektiv oder Abstraktum würde durch konkret lebende Personen als Ankläger vertreten.

Haftungsverantwortung ist immer dann gegeben, wenn das Verantwortungssubjekt für eine Aufgabe oder einen Sachverhalt zuständig ist, zum Beispiel ein Kapitän für Schiff und Besatzung oder ein Minister für die fachspezifische Arbeit seines Ministeriums. In beiden Fällen spielt aber auch moralische Verantwortung hinein, weil der Kapitän über seine Dienstpflichten hinaus für das Wohl seiner Besatzung zu sorgen hat und der Minister für eine ehrliche, nutzbringende Politik die Verantwortung trägt. In den meisten Fällen lassen sich Haftungsverantwortung und moralische Verantwortung nicht trennen. Aus Platzgründen beschränke ich mich dennoch auf moralische Verantwortung.

Wer ist nun im Falle von moralischer Verantwortung die Verantwortungsinstanz? Für viele Moralphilosophen ist dann auch Gott die oberste und letzte Verantwortungsinstanz. Andere bevorzugen die Stimme des Gewissens oder, wie Immanuel Kant sagte: „das moralische Gesetz in mir“; eine These, der ich mich weitgehend anschließe. Die zweite Aussage geht im Grunde davon aus, dass die Person (das Verantwortungssubjekt) ihre Handlungen (das Verantwortungsobjekt) vor ihrem eigenen Gewissen (der Verantwortungsinstanz) gleichsam selber zu verantworten hat. Insofern sprechen wir von „Eigen‑“ oder „Selbstverantwortung“. Moralisch „verantwortungsrelevant“ sind indes sämtliche Handlungen, die eine Person ohne Zwang, das heißt freiwillig begeht oder nicht begeht (zum Beispiel bei verweigerter Hilfe im Notfall). Auch sprachliche Äußerungen gehören dazu. Da Handlungen immer auch Folgen verursachen, sind sie in der Verantwortung jeweils inbegriffen.

Wie steht es mit Macht und Verantwortung? Wer Macht vor allem über Lebewesen, insbesondere über Menschen, hat, trägt auch Verantwortung. Nur ist die Frage: Wer zieht den Mächtigen zur Verantwortung, wenn er seine Macht missbraucht? Die Frage ist hochaktuell, kann aber hier nicht beantwortet werden.

Wie gesagt sollte das Verantwortungssubjekt neben anderen Voraussetzungen hinreichend mündig sein. Was heißt das? Was bedeutet „Mündigkeit“? „Mündigkeit“ stammt wie „Verantwortung“ aus dem Rechtswesen. Dabei wurde Besitztum mit Macht und Verstand in Beziehung gesetzt. Die „munt“ galt als das Recht des germanischen Hausherrn, über sein Anwesen zu herrschen. Sie galt zudem als seine Pflicht, für seine Frau, die Kinder und sein Gesinde zu sorgen, für sie zu haften und sie zu beschützen.

Später wechselte das Verständnis von Mündigkeit von der äußeren, rechtsrelevanten Lebenssphäre in die psychisch-mentale Innenwelt des einzelnen Menschen. Der Herr und Beschützer ist nun zu verstehen als Herr über sich selbst, der die Macht und Kraft besitzt, seine Affekte zu beherrschen sowie über seinen Verstand frei zu verfügen, was auch heißt, dass er in der Lage sein sollte, aus freiem Entschluss seine Handlungen jenen Zwecken unterzuordnen, die er verantworten kann.

Mündigkeit, Verantwortlichkeit und Entscheidungsfreiheit sind sozusagen Dispositionen des subjektiven Bewusstseins, Dispositionen, die sich gegenseitig bedingen und eigentlich untrennbar sind. Eine freie, verantwortungsbewusste Entscheidung setzt ein gewisses Maß an Mündigkeit voraus. Daraus ergibt sich, dass Mündigkeit gleichsam die Bedingung für Entscheidungsfreiheit und Verantwortung ist. Wie es freilich mit den fraglichen Dispositionen einer Person bestellt ist, kommt allein durch ihre Äußerungen in Form von Handlungen (Folgen inbegriffen) zum Ausdruck.

Eine Person muss also hinreichend mündig und in ihrer Entscheidung frei sein, um verantwortungsvoll handeln zu können. Dafür muss jedoch die Person über die Auswirkungen ihrer Handlungen Bescheid wissen, was wiederum einen gewissen Sachverstand, Wissen und Bildung voraussetzt.

Natürlich ist der mündige Bürger ein Idealtypus, den es in Wirklichkeit nicht gibt. Wenn ich vereinfacht dennoch vom mündigen Bürger spreche, meine ich eine Person, die sich des Mangels ihrer Mündigkeit bewusst ist und deshalb danach strebt, die Mängel zu beseitigen. Sicher ein höchst anspruchsvolles und mühsames Geschäft, dem wohl nicht jeder gewachsen ist.

Von einem mündigen Menschen darf man also erwarten, dass er sich um seine Mündigkeit kümmert. Dazu gehören ständiges Hinterfragen, Reflektieren und Lernen, um so über die Folgen seiner Handlungen Bescheid zu wissen und sich dafür verantwortlich zu fühlen. Eine verantwortungsvolle Handlung setzt in der Regel Mündigkeit mit Entscheidungsfreiheit voraus: Mündigkeit ist das Prinzip der Verantwortung.

Wir sprachen von Dispositionen des subjektiven Bewusstseins, dessen Träger naturgemäß eine lebende Person sein muss, deshalb ist es auch nur einer solchen Person möglich, mündig und verantwortungsbewusst zu handeln. Ein Kollektiv, gleich welcher Größe, hat kein Bewusstsein, folglich kann es weder mündig sein noch für irgendetwas Verantwortung tragen.

Es gibt es also weder kollektive Mündigkeit noch kollektive Verantwortung. Eine mündige Wählerschaft, eine mündige Armee, eine mündige oder verantwortungsbewusste Gemeinschaft sind Gehirngespinste. Ebenso wenig kann Deutschland in der Welt Verantwortung übernehmen, noch kann es für den Holocaust verantwortlich gemacht werden. Weder eine Gurke noch der Rattenfloh noch Kohlendioxid noch Russland ist für irgendetwas verantwortlich. Solche Zuschreibungen sind einfach Nonsens.

Was hat das alles mit Demokratie zu tun? Es mag wohl stimmen, was Theodor W. Adorno sagt, dass eine echte Demokratie ohne mündige Bürger nicht vorstellbar sei. Auf die Bevölkerung Deutschlands bezogen deuten alle Zeichen auf einen desaströsen Mangel an Mündigkeit der meisten Bürger, von Verantwortungsbewusstsein und Eigenverantwortlichkeit ganz zu schweigen. Wäre das nicht der Fall, würden die Bürger weder Political Correctness noch Genderwahn noch Masseneinwanderung noch militärische Aufrüstung dulden. Sie würden nicht leichtfertig ihre Privatheit preisgeben, sich nicht vorschreiben lassen, was gut oder böse, richtig oder falsch ist, was sie zu lobpreisen und zu hassen haben, und sie würden unfähige Politiker, die ihnen ein X für ein U vorzumachen versuchen, kurzerhand abwählen und zur Verantwortung ziehen.


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Dossier: Kulturelles

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Hilmar Hacker

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