04. Dezember 2019

Interview mit der Soziologin Jutta Allmendinger auf „Zeit Online“ über Wohnungslosigkeit Multikulturalismus versus kulturelles Kapital

Generalisiertes Vertrauen entsteht nur über große Zeiträume

von Michael Klonovsky

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Bildquelle: shutterstock Misstrauen gegenüber Fremden: Fragmentierte Gesellschaft

Die Soziologin Jutta Allmendinger beobachtet derzeit den Wohnungsmarkt in Übersee. Gegenüber „Zeit Online“ beteuert sie: „Es gibt dicke rote Flecken auf der Landkarte, wo nur noch Wohngeldbezieher leben. Andererseits Viertel mit einem überproportional hohen Anteil von Immobilienbesitzern und Beziehern hoher Einkommen. Dabei brauchen wir durchmischte Wohnviertel. Sonst findet keine Begegnung mehr statt. In dieser Hinsicht ist Amerika ein Höllenvorbild.“

Als Hölle. Hm. Warum eigentlich nicht Venezuela? Oder Kuba? Immerhin haben wir derzeit immer noch eine Partei in der Regierung, deren Vorsitzender von Kollektivierung redet, und was Kollektivisten an der Macht zustande bringen, lässt sich derzeit in diesen Ländern am eindrucksvollsten studieren. Schlimmer als Amerika geht immer.

„Zeit Online“ erkundigt sich besorgt: „Welche Gefahr birgt diese Entwicklung für unsere Gesellschaft?“ Allmendinger repliziert: „Letztendlich steht die Demokratie auf dem Spiel. Weil eine Demokratie immer davon abhängt, dass sich Menschen zugehörig fühlen. Dass die kleinen Wirs der Familien miteinander verbunden sind und sich als Teil von großen Wirs fühlen. Dass das partikulare Vertrauen in Einzelne zu einem generalisierten Vertrauen in die Mitmenschen wird. Das aber setzt voraus, dass es Orte der Begegnung gibt. Die müssen wir wieder schaffen. Begegnungen sind die einzige Möglichkeit, ein Übermaß an Stereotypisierungen und Stigmatisierungen zu überwinden, unter denen unsere Gesellschaft zunehmend leidet. Ich glaube, es kann keine demokratische Gesellschaft geben, wenn bestimmte Gruppen langfristig ausgeschlossen sind. Aber genau das geschieht gerade.“

Jedem AfD-Wähler kommen diese Töne irgendwie bekannt vor. Aber Allmendinger (in deren Namen die „Allmende“ kaum verborgen fortwest) meint es nicht im Sinne der Somewheres. In ihrem Interview über fehlenden Wohnraum und wachsende Obdachlosigkeit in Kein-schöner-Land fällt weder das Wort „Migration“ noch das Wort „Ausländer“, denn die Tatsache zu erwähnen, dass irgendein Zusammenhang bestehen muss zwischen circa zwei Millionen seit 2015 neu Hereingeschneiten, nach wie vor in großer Zahl Hereinschneienden und in der Regel sowohl ohne Aufenthaltsrecht als auch ohne solide Jobaussicht hier Lebenden, das wäre fremdenfeindlich und nationalistisch und sicherlich auch rassistisch. Da diese uns aufgezwungenen, von einem großen Teil der Gesellschaft jedoch irgendwie gewollten Deutschland-Debütanten ja irgendwo wohnen müssen, sich eine Wohnung freilich meist nicht leisten und auf dem freien Markt besorgen können, werden sie eben auf Kosten der Steuerzahler und zu Nutz‘ und Frommen der Vermieter irgendwo untergebracht, was im Umkehrschluss dazu führt, dass für schon länger hier Lebende der Wohnraum knapp wird und manche, wie man in den Gazetten liest, nach vielen Jahren Mieterdasein ihre Bleibe verlieren, weil das Geschäft mit den staatlich finanzierten Dauergästen sicherer und lukrativer ist. So weit das.

Jetzt zu den „Wirs“, dem „generalisierten Vertrauen in die Mitmenschen“ und den „Orten der Begegnung“. In multiethnischen, multikulturellen Gesellschaften kann es so etwas nur geben – ich wiederhole mich auch hier –‍, wenn der Magen der Aufnahmegesellschaft bei der Verdauung des Fremden nicht überlastet wird, wenn die Einwanderer nicht separate Milieus vorfinden, in die sie sich gar nicht erst einfügen müssen, weil es ihre eigenen sind, und wenn die Neuen nicht alimentiert werden, sondern für ihr eigenes Auskommen sorgen müssen. Wenn, mit einem Wort, die Aufnahmegesellschaft von Zurechnungsfähigen regiert wird. Das ist seit spätestens 2015 hierzulande nicht (mehr) der Fall. Deswegen meiden viele Einheimische die „Orte der Begegnung“, nicht nur den Görlitzer Park oder das Kottbusser Tor in Berlin, sondern überhaupt den nächtlichen Park, die Hauptschule, den Problembezirk. Auch fast alle Befürworter von mehr Einwanderung tun das, denn der perversen Logik dieser Gesellschaft folgend muss jeder abwägen, ob ihm das Trommeln für den Merkelismus und gegen „rechts“ mehr nutzt, als diese Politik ihm und dem Land, zumindest aber seiner näheren Wohnumgebung schadet.

Generalisiertes Vertrauen entsteht in einer Gesellschaft jedenfalls nur über große Zeiträume. Dem Fremden gegenüber ist der Mensch aus guten Gründen skeptisch. Eine fragmentierte Gesellschaft – und diese Fragmentierung wird nicht nur durch soziale, sondern weit öfter und drastischer durch ethnisch-kulturelle Identitäten gestiftet – ist eine Gesellschaft der Vorsicht, des Misstrauens und der „Verwerfungen“ (Yascha Mounk). Kollektive Mentalitäten sind das Riff, an dem der Multikulturalismus regelmäßig scheitert. In einer Rede habe ich dazu Folgendes ausgeführt: „Ein etwas profanes Kompositum zur Beschreibung solcher kollektiven Mentalitäten heißt: kulturelles Kapital. Es verbindet die Sphäre der Alltagskultur mit jener der Ökonomie. Das ist bekanntlich eine sehr praktische Sphäre, weshalb die universitäre Idee, alle Völker seien letztlich irgendwie gleich, dort nie Fuß gefasst hat. Das Konsumverhalten der Völker unterscheidet sich erheblich. Ein und dasselbe Produkt wird in verschiedenen Ländern unterschiedlich beworben. Es handelt sich um eine Art Racial Profiling der Marketingabteilungen. Die typisch deutsche Werbung mit dem Mann als Depp und der Frau als Wegweiser wäre anderswo der Image-Tod des Produkts. Kein Unternehmen wird in einem Land investieren, ohne zuvor zu recherchieren, was für ein Menschenschlag dort lebt, das heißt Kalkulationen über das kulturelle Kapital anzustellen. Dazu gehören: Bildung, Intelligenz, Arbeitsmoral, Leistungswille, Pünktlichkeit, Verlässlichkeit, Vertragstreue, Rechtstreue, Fairness. Wo kulturelles Kapital dieser Art über Generationen akkumuliert wurde, wird man mit höchster Wahrscheinlichkeit eine Gesellschaft vorfinden, in der Achtung vor den Rechten des Individuums inklusive Meinungs- und Religionsfreiheit herrscht, die Staatsgewalt kontrolliert wird, die Kriminalität gering ist, eine gute Balance zwischen Egoismus und Gemeinwohlorientierung besteht sowie ein allgemeines Interesse an Bildung und Aufstieg für ein entwicklungsfreudiges Klima sorgt. ‚Eine wesentliche Leistung des kulturellen Kapitals besteht im Aufbau von Vertrauen‘, schreibt Rolf Peter Sieferle, er ruhe in Frieden. ‚Menschen, die sich kulturell unter Gleichgesinnten bewegen, neigen dazu, diesen Vertrauen entgegenzubringen und nicht in jeder Situation misstrauisch Betrug zu wittern und Schutzmaßnahmen zu ergreifen. In ökonomischer Sicht handelt es sich hierbei um ein Senken von Transaktionskosten.‘ Sieferle erinnert an die heute märchenhaft erscheinende Instanz des Geldbriefträgers, der bis in die 1960er Jahre Bargeld an private Adressen zustellte. ‚Da läuft ein älterer Mann mit einer schweren Geldtasche durch die Straßen, von jedem erkennbar, und es geschieht ihm nichts. Heute müsste er von einem Aufgebot an Bodyguards begleitet werden.‘ Das hier in Rede stehende Vertrauen erreichte in den ethnisch-kulturell eher homogenen Ländern Nord- und Westeuropas eine erstaunliche Stabilität und war ein Hauptgrund für deren wirtschaftliche und geistige Leistungsfähigkeit. Dieses Vertrauen und das ihm zugrundeliegende kulturelle Kapital werden gerade mit dem Segen der Bundesregierung abgeräumt. Wenn wir heute von deutschen Rentnern lesen, die Betrügern mit dem berühmten daseinsveredelnden Hintergrund auf den Leim gegangen sind, erleben wir, wie gewissermaßen die Restbestände abgemolken werden. Diese alten Leute sind ja nicht zwingend senil, aber in einer Umwelt des gegenseitigen Vertrauens aufgewachsen. Ich will hier keine gesellschaftliche Entwicklung beschreiben oder beklagen, sondern nur darauf hinweisen, dass kulturelles Kapital in verschiedenen Völkern oder meinethalben Kulturkreisen verschieden verteilt und alles andere als ein Konstrukt ist. Auf die Frage: ‚Can most people be trusted?‘, ‚Kann man den meisten Menschen vertrauen?‘, haben 1990 52 Prozent der Amerikaner und Kanadier mit Ja geantwortet. Anno 2000 waren es nur noch 36 beziehungsweise 39 Prozent. Im selben Jahr antworteten immer noch 67 Prozent der Dänen mit Ja, aber nur drei Prozent der Brasilianer. Wer Vertrauen misst, misst nicht nur den Zivilisationsgrad, er treibt zugleich Völkerpsychologie. Ein Linker würde sagen: Er schürt Vorurteile. Das Ethos einer Leistungsgesellschaft ist viel zu komplex und hat viel zu tiefe Wurzeln, als dass irgendwer es ‚konstruieren‘ könnte. Es ist ein über Generationen gewachsenes Phänomen. Deswegen dauert es auch vergleichsweise lange, solches kulturelles Kapital zu zerstören. Sie können sich ausmalen, wie kräftig ein Organismus sein muss, der zugleich die Grünen hat und am Morbus Merkel laboriert, aber trotzdem noch wirtschaftlich leistungsfähig ist. Nur: Wenn keine Medizin verabfolgt wird, kommt unvermeidlich der Tag, an dem der Organismus kollabiert. Wenn das kulturelle Kapital einmal zerstört ist, kommt es nie wieder. Halten wir fest: Kulturelles Kapital ist ethnisch-kulturell verschieden verteilt. Der Fluch des Multikulturalismus besteht darin, dass die Sicherheiten einer über Generationen eingeschliffenen Alltagskultur nicht mehr gelten, dass im Umgang der Menschen keine Selbstverständlichkeiten mehr existieren, weil plötzlich unterschiedliche Gruppen auf ein und demselben Territorium unterschiedlichen Verhaltenscodes folgen. Das Missverständnis wird zur Regel, seine Vermeidung zum ersten Gebot. Ein falsches Wort, eine falsche Geste kann katastrophale Folgen haben. Dann müssen die Regeln des Zusammenlebens tatsächlich täglich neu ausgehandelt werden, und zwar nach den Kriterien des Stärkeren. Das gesellschaftliche Ritual der Geschlechter beispielsweise, der ganze Kosmos von Galanterie, Koketterie, Flirt, Rendezvous, ist dann endgültig passé, nicht nur an amerikanischen Universitäten oder in der Redaktion der ‚Zeit‘. Unbegleitete männliche Flüchtlinge oder glaubensfeste Neumitbürger verklickern ohnehin gerade deutschen Willkommensmädels die Besitzverhältnisse in der neuen Geschlechterhierarchie.“

Das sind einfache Wahrheiten. Aber wer sie ignoriert, zerstört genau das, was Allmendinger für die Grundlagen einer Demokratie hält.

Interview mit Jutta Allmendinger auf „Zeit Online“: „‚Amerika ist ein Höllenvorbild‘“

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Acta diurna“.


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