11. November 2019

30 Jahre Mauerfall Feier ohne provokante Nationalistensymbole

Eine Fete der Regression

von Holger Finn

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Bildquelle: Gerrit Ebneter / Shutterstock.com Ohne Nationalistensymbole wie vor 30 Jahren: Mauerfallfeier mit klimaneutralen bunten Bändern

Es war ein rauschendes Fest, eine kurzzeitige Rückkehr in das Land der Verzückung, das Deutschland vor 30 Jahren war, als die Mauer fiel und die Geschichte sich öffnete. Berlin, die Öko-Hauptstadt des weltweit führenden Umweltstaates, leistete sich eine Massenparty, geschmackvoll beleuchtet mit Braunkohlestrom und verziert mit einem Kohlendioxid-Feuerwerk, das jede Rücksichtnahme auf die Befindlichkeiten der Generation Greta ebenso verweigerte wie die Einsparung von Kohlendioxidverbrauch, wie sie die Bundespolitik bis vor einigen Tagen nicht müde wurde zu predigen.

„Mauerfall 30“ war wie Deutschland im Restrausch, eine Fete der Regression, mit Liedern von gestern und Moderatoren aus dem Osten, mit dem Pomp eines Industrielandes, das noch Reserven hat, und der guten Laune einer Bevölkerung, deren renitenteste Vertreter nun wieder nicht ein Volk, sondern das Volk zu sein behaupten, denen hier aber deutlich ihre Grenzen aufgezeigt wurden.

Das Volk wovon? Der Blick auf die feiernden Hunderttausend am Brandenburger Tor zeigte deutlich, wie nachhaltig sich das Land verändert hat, von dem seine Nachbarn vor drei Jahrzehnten noch geglaubt hatten, es könne, ungeknebelt durch eine gemeinsame Währung und ungefesselt durch eine gesamteuropäische Union, jeden Moment wieder losmarschieren und sich holen wollen, was ihm nicht gehört.

Niemals, das zeigte die zentrale Festkundgebung am Brandenburger Tor. Hier, wo Menschen damals nach der Öffnung des antifaschistischen Schutzwalls mit nationalistischen Symbolen wie der deutschen Fahne feierten, als sei das nicht eine ernste Bedrohung für alle Nachbarn, hatte die Party-Regie diesmal peinlich genau darauf geachtet, alle nationalistischen Symbole vom Festplatz fernzuhalten. Wo 89 im nationalen Taumel selbst oben auf dem Tor noch eine Nationalfahne gehisst worden war, durfte die Quadriga jetzt auch im Festgewühl wie schon länger gute Praxis ohne schwarz-rot-goldene Flagge gen Osten fahren.

Hatte Berlin den großen Tag vor fünf Jahren noch mit dem Aufbau einer „Lichtgrenze“ begangen, wurden diesmal härtere Erinnerungsbandagen aufgezogen. Vor dem Brandenburger Tor, das zur Feier des Tages erstmals wieder komplett geschlossen war, schwebte ein „Skynet“ in Gestalt einer überdimensionalen ukrainischen Flagge aus – natürlich – Polyamidbändern, der ersten vom Menschen erdachten Faser, die vollständig synthetisch aus Kohlenstoff, Wasser und Luft hergestellt wird und im alten Teil der Bundesrepublik als „Perlon“ und in den Anschlussgebieten als „Dederon“ bekannt ist. Ein starkes Statement nicht nur für die Zugehörigkeit der Ukraine zu Westeuropa, sondern auch gegen kleinliche Kohlendioxid-Aufrechnerei beim Klimaschutz: Bei der Herstellung der für die Nylonproduktion unerlässlichen Vorläufersubstanz Adipinsäure entsteht das Klimagift Distickstoffmonoxid, das zudem die Ozonschicht aggressiv angreift. Aber das war es wert, dieses Mal!

Ein Sieg Europas über nationale Egoismen, der ganz in Europa- und AfD-Blau getaucht war. 8.000 klimaneutrale Heliumballons schwebten in die Berliner Luft, ein Zeichen auch dafür, dass sich Klimaextremisten mit ihren Verbotsforderungen noch längst nicht überall durchgesetzt haben. Bunte Leuchtspuren in Rot, Blau oder Gelb – den Landesfarben des befreundeten EU-Partnerlandes Rumänien – verzauberten die neue Einheitsnacht.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Politplatschquatsch“.


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