20. Oktober 2019

„Salut-Jubel“ türkischer Fußballspieler Verbotener Friedensgruß

Wirklich politisch?

von Holger Finn

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Bildquelle: shutterstock Signalisiert friedliche Absichten: Militärgruß

Sie missbrauchen den Sport als Bühne für ihre Beifallsbekundungen für Recep Erdoğans militärisches Abenteuer in Syrien, das weder mit Deutschland noch mit der EU abgesprochen war. Alle Mahnungen deutscher Zeitungen, ja sogar die des mächtigen deutschen Außenministers, hat die Türkei in den Wind geschlagen. Statt sich zu besinnen und den Kurden in Nordsyrien zu helfen, als Dank für ihre selbstlosen Bemühungen im Kampf gegen den IS einen eigenen Staat auf dem Gebiet von Irak, Syrien und, nun ja, der Türkei aufzubauen, schlägt der frisch wiedergewählte Diktator vom Bosporus wild um sich. Und Fußballer, zum Teil sogar junge deutsche Männer, die ihre Wurzeln im Ruhrgebiet und anderen Regionen der alten Bundesrepublik haben, beeilen sich, der Offensive der zweitgrößten Nato-Armee zuzujubeln.

Die besteht aus alten und verlässlichen Waffenbrüdern der maladen Bundeswehr, der zackige Gruß gilt also eigentlich einem Verbündeten. Doch so einfach ist die Lage nicht.

In Hamburg, wo die moralischen Maßstäbe besonders streng sind, musste ein Jubelperser Erdoğans seinen Verein verlassen. In der deutschen Nationalmannschaft wurden zwei Profis gezwungen, sich mit Hilfe frei erfundener Verschwörungstheorien zu unpolitischen Schwachköpfen zu erklären, um ihre Chancen auf eine Teilnahme an der nächsten Europameisterschaft zu wahren. Der DFB steht derweil weiter unter Druck, weil der Krieg längst auf Neuss übergegriffen hat und die deutschen Medien in Ermangelung europäischer Initiativen zum Friedensschluss in Nordsyrien gezwungen sind, die Schuld am Konflikt weiterhin bei Donald Trump, Wladimir Putin, İlkay Gündoğan und Emre Can zu suchen.

Nun allerdings geht die Chefetage des deutschen Fußballverbandes streng gegen Nachahmungstäter für den sogenannten Salut-Jubel vor, der von Fachmedien als „politische Meinungsäußerung“ („Spiegel“) eingeschätzt wird, obwohl Militär für gewöhnlich erst eingesetzt wird, wenn die Politik mit ihren Möglichkeiten am Ende ist. Nicht politisch sind DFB, Uefa und Fifa zufolge Bekundungen gegen Rassismus und für „Respect“, wie sie seit Jahren breitbandig in allen Stadien verkündet werden. Politisch aber ist der militärische Ehrengruß, der historisch ausschließlich friedliche Absichten signalisiert: Die Hand am Kopf ahmt das Hochklappen des Visiers bei einem mittelalterlichen Ritter nach und zeigt dabei die Bereitschaft des Grüßenden zur Aufgabe des Kopfschutzes, weil ein Kampf nicht geplant ist.

In Zeiten der Gesamtverwirrung, in denen Europa und insbesondere Deutschland sich strikt weigern, irgendeine Art von Verantwortung für irgendetwas zu übernehmen, was innerhalb oder außerhalb der Grenzen der mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichneten Gemeinschaft geschieht, ist es nur logisch, dass nicht die Frage gestellt wird, wieso eigentlich Donald Trump einen Waffenstillstand bei Erdoğan erzwingen muss und wieso es Wladimir Putin ist, bei dem die in Deutschland so hochgelobten kommunistischen Kurdenmilizen Hilfe und Beistand finden.

Stattdessen tobt eine Diskussion darüber, wie schwer türkische Fußballer bestraft werden müssen, „die den umstrittenen Salut-Jubel ausführen“ („tz“). Denn dabei handele es sich um den demonstrativen Ausdruck eines aggressiven Nationalismus, der rundheraus abzulehnen sei. Und das, aus nationaler deutscher Sicht gesehen, selbstverständlich auch von denen, die die nationale türkische Sicht teilen, dass es sich beim Krieg in Nordsyrien um einen Antiterroreinsatz handelt.

Gelbe Karte? Rote Karte? Ausschluss aus der Nationalmannschaft? Kündigung durch den Verein? Ausländer raus, wie im Fall von Cenk Şahin beim FC St. Pauli beispielhaft exerziert? Frankreich, regiert von Emmanuel Macron, dem französischen Charismaten, der für deutsche Politiker längst eine Art Sehnsuchtsfigur geworden ist, hat einen Ausschluss der Türken aus dem laufenden Qualifikationswettbewerb gefordert. Die türkischen Spieler hätten „die Grenze zwischen Sport und Politik überschritten“, hieß es zur Begründung. Spanien ist da nicht so entschieden, denn wegen der befürchteten Vorbildwirkung für den katalonischen Separatismus ist die Madrider Zentralregierung kategorisch gegen jede Unabhängigkeitsbestrebung, auch gegen die der Kurden. Deutschland, das seinen alten Rivalen England einst mit mildem Druck zwang, seiner Fußballmannschaft einen kollektiven Hitlergruß zu verordnen, wird die Diskussion noch ein paar wenige quälende Tage fortsetzen, immer auf der Suche nach einer Adresse, an die sich eine Klage möglichst folgenlos zustellen lässt. Und dann wird man weitereilen, in die nächste Schlacht gegen den nächsten Popanz, auf der Suche nach einem Rezept gegen das nächste Symptom.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Politplatschquatsch“.


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