26. September 2019

Satire über Kika-Lovestory So ging die große Liebe weiter

Bewährung im Alltag

von Holger Finn

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Bildquelle: shutterstock Beim Skypen kennengelernt: Aishe (16) und Kevin (20) (Abbildung ähnlich)

Eine Romanze wie aus dem Bilderbuch des globalisierten Zusammenwachsens war es, mit dem der in Dunkeldeutschland residierende Kinderkanal (Kika) Anfang des Jahres einen riesigen Reichweitenerfolg in den sozialen Netzwerken feierte. In seiner Doku-Reihe „Schau in meine Welt“ konzentriert sich der Sender eigentlich auf Kinder, doch für ein weiteres interkulturelles Paar machte er eine Ausnahme: Kevin (20) ist der Sohn eines Wiesbadener Supermarktbesitzers und seit drei Jahren verliebt in Aishe (16), die Tochter eines Kfz-Schlossers aus Damaskus. Eine Romanze, die viele Herzen rührte, als sie bekannt wurde. Was aber wurde aus dem Traumpaar?

Aishe (16 Jahre alt) und Kevin (19 Jahre alt)* sind seit 29 Monaten ein Paar. Aishe wurde in Syrien geboren und ist als Geflüchtete nach Deutschland gekommen. Kevins Familie lebt schon länger hier, seine Vorfahren kamen einst aus Frankreich, wo die damalige Regierung Protestanten jagte und aus dem Land vertrieb. Kevin hat also selbst auch Fluchterfahrungen, er weiß, was in dem Mädchen vorgeht, das er liebt, seit sich beide bei ihm zu Hause kennenlernten, wo Aishe am Computer skypen durfte.

Es ist eine Liebesgeschichte, die so gar nicht dem normalen Bild entspricht, aber stark genug ist, um kleine kulturelle Verschwiegenheiten auszugleichen. Nach ihrer Flucht aus Syrien im Jahr 2015, wo im Bürgerkrieg zwischen Assad, Islamisten, Kurdenmilizen, US-Truppen, Iranern, Hisbollah-Männern, Russen, Türken und Saudis Aishes (15) Heimatstadt Aleppo zerstört wurde, lebte Aishe (16) in Fulda in einem Flüchtlingsheim. Ihr Vater Ali (62), der daheim eine Autowerkstatt besaß, lebte auch in Fulda, denn er war zusammen mit Aishe (17) und ihrem größeren Bruder Diaa (22) nach Deutschland gekommen. Aishes Mutter, der kleinere Bruder und die kleinere Schwester mussten noch in Griechenland darauf warten, dass sie nach Deutschland kommen dürfen.

Als Protestant geflohen

Kevins Vater gilt hingegen als alteingesessen. Da die Familie selbst aus Frankreich stammt, wo sie während der Jagd auf Protestanten vor vielen Jahren fliehen musste, engagierte Heinz sich von Anfang an für Flüchtende. Als Besitzer eines kleinen Supermarktes spendete er Essen und warme Kleidung, später nahm er Aishe mit zu seiner Familie nach Hause, wo sie am Computer mit ihrer Mutter skypen durfte. So lernte Kevin (18) die hübsche Syrerin kennen. Oft begleitete er sie in den Wochen nach ihrer ersten Begegnung abends zurück ins Flüchtlingsheim, weil er der Ansicht war, dass die Straßen nicht mehr sicher sind.

Und wie das so ist: Kevin (21) verliebte sich. Der Fan von Poetry-Slam und Computerspielen entdeckte mit Aishe zusammen eine ganz neue Welt. Aishe, die nicht nur etwas jünger ist als er, sondern auch in einem anderen Land aufwuchs, ging es genauso: „Wie ein Blitz“, sagt sie heute, habe Amors Pfeil sie getroffen.

Anfangs hatten beide viele unterschiedliche Ansichten, was das Leben betrifft, da sie mit unterschiedlichen Kulturen aufgewachsen sind. Es passiert häufiger, dass Kompromisse für Ansichten gefunden werden müssen und sie sich dadurch auch streiten: Kevin (16) möchte ins Freibad, Aishe (14) lieber nicht, da muss eine Lösung gefunden werden. Auch wenn Kevin (18) mal ein Bier trinken wollte, war das lange ein Problem, weil Küssen danach kaum noch möglich ist. „Meine Religion verbot es mir“, sagt Aishe (20), die jetzt einen Burkini besitzt, während Kevin statt Bier lieber Cola trinkt.

Gern mal knappe Röcke

„Wir haben gelernt, uns zu einigen“, sagt Aishe (13). Sie wolle gern auch mal kurze Sachen anziehen, wenn Kevin sie seinen Freunden präsentieren müsse. Dabei fühle sie sich immer noch „kulturell unwohl“, aber „dafür schauen die Jungs dann nicht nach anderen Mädchen“. In der Praxis gefällt ihr das, Kleider zu tragen, die kaum über den Oberschenkel reichen. „Es ist wie nackt spazieren gehen“, beschreibt sie, „dann spüre ich die Freiheit, die wir hier in Deutschland haben“. Kevin (15) findet das mutig von seiner Freundin, die er „sehr sexy“ nennt. „Gucken ist erlaubt, aber wer tatscht, kriegt eine auf die Nase“, warnt er.

Die deutsche Kultur und die muslimische Religion haben eben andere Regeln als selbst eine lange Reise aus Syrien nach Fulda überbrücken kann. Aishe und Kevin tarieren die Unterschiede zusammen aus: Aishe (17) trägt heute nur noch gelegentlich Kopftuch, sie isst jetzt auch Schweinefleisch, und wenn Kevin (23) in der Kneipe doch mal ein Bier nimmt, bestellt sie sich einen Prosecco dazu, „damit ich mich nicht so ausgegrenzt fühle“. Dafür ist Kevin zum Islam konvertiert, „nicht ganz ernsthaft“, wie er sagt, „aber wenn es Aishe hilft, ist es gut“.

Eine Liebe, die sich im Alltag bewährt, die sich durchkämpft und akzeptiert wird. Aishes größerer Bruder Diaa (22) nickt. „Die beiden sind cool“, sagt er.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Politplatschquatsch“.


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