24. September 2019

Der „Zwarte Piet“ wird abgeschafft Ausgeknechtet

Die Entwicklung hat „mehrere Jahre gedauert“

von Archi W. Bechlenberg

Artikelbild
Bildquelle: robert paul van beets / Shutterstock.com Politisch unkorrekt: Sinterklaas mit Zwarte Pieten

Seit Monaten warne ich, wo immer mir jemand zuhört: „Bald ist Weihnachten!“ Der Applaus für diesen wichtigen Rat ist endenwollend; stattdessen schallt es mir „Schnüss!“, „Hör bloß auf!“ oder gar „Defätist!“ entgegen. Dass niemand „Nazi“ sagt, liegt einzig daran, dass ich mich nur mit Nazis unterhalte. Gut, dann sage ich eben nichts und behalte für mich, dass nur wenige Tage später Silvester ist und davor ein paar Wochen lang Weihnachtsmarkt. Und kalt wird es sein und matschig und rutschig, und das morgendliche Fahren zur Arbeit per Fahrrad oder mit öffentlich-rechtlichen Bazillenschleudern wird... Nein. Ich sage nichts mehr.

Dabei sollte seit spätestens Mitte August auch dem sonnigsten Gemüt klar sein: Der Stinkstiefel hatte mal wieder recht. Mitte August trudelten die ersten Werbemails ein („Rechtzeitig an Weihnachten denken!“ „Vorweihnachtsrabatte jetzt abgreifen!“, „Wohin wollen Sie Weihnachten entfliehen?“), und seit gut zwei Wochen beobachte ich, wie sich Geschäfte nach und nach mit Weihnachtszeuch füllen. Wo gestern noch Gartenzwerge mit LED-Beleuchtung, Springbrünnlein mit sonnenenergiebetriebenen Pumpen und Gartenliegenauflagen mit Flamingo- und Hibiskusmuster feilgeboten wurden, warten auf einmal Elche mit LED-Beleuchtung, mit Äthanol betriebene Wohnzimmerfeuer und Kuscheldecken mit Katzen- und Schneeflockenmuster und dazu natürlich jede Menge weihnachtlich dekoriertes Süßzeuch darauf, heim ins Heim geholt zu werden.

Da ich vor ein paar Tagen die ersten Adventskalender sichtete, fuhr ich heute Morgen zu einem nahegelegenen Discounter. Es gibt nämlich etwas, das ich jedes Jahr kaufe, um den Schreibtisch dekorativ zu veredeln. Dabei handelt es sich eigentlich um eine Süßware, doch gegessen wird die, wenn überhaupt, erst lange Zeit später.

Es handelt sich dabei um eine in den Niederlanden und in Belgien populäre, in buntes Stanniolpapier gehüllte Schokoladen-Hohlfigur, die den Zwarte Piet darstellt. Der Zwarte Piet hat ein lustiges, farbenfrohes Kostüm mit Pluderhosen und Pludermütze und begleitet Sinterklaas (alias Nikolaus) bei seinen Umzügen und beim Geschenkeverteilen. So einen Zwarte Piet kaufte ich jedes Jahr und stellte ihn neben den Monitor. Es gab ihn in verschiedenen Varianten, als große Figur von 100 Gramm Melkschokolade und auch als Mini-Hohlkörper, und in besagtem Geschäft gab es ein Sortiment, in dem paritätisch abwechselnd je ein Sinterklaas und ein Zwarte Piet, insgesamt sechs Figuren, in einer hübschen Schachtel angeboten wurden.

Bis heute. Das Sortiment fand ich sofort im Regal, nur entdeckt man darin jetzt drei Sinterklaase und drei Stiefel! Ich durchwühlte das ganze Fach, an die 50 Schachteln. Nur Stiefel, kein Zwarte Piet mehr. Das gleiche Ergebnis beim Sichten der 100-Gramm-Figuren. Nur noch Sinterklaase. Und in den Tüten mit jeweils zehn kleinen Männchen ebenfalls.

Ein harter Schlag. Den Zwarte Piet vom letzten Jahr hatte ich, trotz gegenteiliger Vorsätze, irgendwann im Februar in einem Anfall von Schokoladen-Jieper verzehrt; natürlich war ich davon ausgegangen, dieses Jahr einen neuen kaufen zu können. Und nun das!

Ob der gleich nebenan handelnde Konkurrenzdiscounter vielleicht...? Ich hatte keine Hoffnung und verzichtete auf die Suche. Wer geht schon gerne am Samstagvormittag in einen Discounter, erst recht in zwei? Ich fuhr stattdessen nach Hause und ging der Sache online nach.

„De laatste Zwarte Piet is verdwenen“, lese ich im flämischen „Standaard“. „Der letzte Zwarte Piet ist verschwunden.“ Warum? „Deze stap is de uitkomst van een geleidelijke ontwikkeling die een aantal jaren nodig heeft gehad.“ („Dieser Schritt ist das Ergebnis einer schrittweisen Entwicklung, die mehrere Jahre gedauert hat.“)

Nun kann man Zwarte Pieten nicht einfach in den Ruhestand schicken, alleine in Amsterdam sind in der Vorweihnachtszeit 400 der Gesellen offiziell unterwegs, von Amateur-Pieten ganz zu schweigen.

Daher – die Entwicklung hat ja „mehrere Jahre gedauert“ – wurden sie, wenn auch nicht als Süßigkeit, quasi relauncht. Wo bisher schwarze Haut zu sehen war, ist nun ein geschecktes Äußeres vorhanden, Zwarte Pieten sehen daher heute eher so verkommen aus wie Aktivisten für politische Schönheit. Für (im Original) weiße Zwarte Pieten wird das mit brauner Schuhcreme erreicht, für (im Original) schwarze Zwarte Pieten vermutlich mit weißer. Außerdem wurden ihnen sehr lange blonde Haare verpasst, aber wenigstens keine Dreadlocks. Ihre Kostüme hingegen sind im Grunde gleich geblieben, schon immer waren Zwarte Pieten elegant und vornehm gewandet; nur Details haben sich jetzt geändert.

Völlig verschwunden, so erfahre ich aus dem „Standaard“, ist der Zwarte Piet aus niederländischen Malbüchern für Kinder. Auch das ein Ergebnis des im vergangenen Jahr beschlossenen „Pieten Pact“, einer Vereinbarung, die nicht nur auf Zustimmung stößt. Den einen geht es nicht weit genug, die anderen halten die dahinterstehende politische Korrektheit für reichlich hysterisch. Aus welcher Motivation auch immer: Der Zentralrat der Zwarten Pieten ist empört.

Ich fand schon als Kind den Zwarten Piet ausgesprochen sympathisch. Es ging ganz und gar nichts Bedrohliches von ihm aus, so wie von seinem deutschen Pendant Knecht Ruprecht. Mit dem wurde mir das ganze Jahr über gedroht, schließlich stammte ich aus einem guten christlichen Haus, und Drohen und Angst gehören im Christentum zu den wesentlichen Kernkompetenzen. Ich sage nur Fegefeuer und Hölle. Es gehört zu meinen frühesten Erinnerungen, dass mir bei einer familiären Weihnachtsfeier ein solcher Kerl damit drohte, er würde mich in seinem Sack mitnehmen, da ihm zu Ohren gekommen sei, dass ich ein böser Bube wäre. Mein Geschrei hallt mir noch heute in den Ohren; der Sack war nämlich groß genug, um mich tatsächlich darin verschwinden zu lassen. Ich schwor damals Rache. Letztendlich hat das Erlebnis auch sein Gutes gehabt. Ein „heiliger“ Nikolaus, der einen solchen Begleiter mit sich führte, konnte kein Vertreter von Nächstenliebe und Kinderfreundlichkeit sein, und wenn ich einmal groß wäre, würde ich beide Gestalten locker in den Sack stecken.

Heute tut mir der Nikolaus (alias Sinterklaas) hingegen leid. Während der Zwarte Piet – dem ich ob seiner eleganten Aufmachung ohnehin nie zugetraut habe, seinem Chef viel zur Hand zu gehen – umhätschelt und -tätschelt wird, ist es natürlich wieder mal der alte weiße Mann, an dem alles hängenbleibt. Bedauert jemand den Nikolaus? Sagt jemand: „Dem Alten kann man doch wohl nicht mehr zumuten, die ganzen Geschenke zu transportieren, damit durch Kamine zu rutschen und sich permanent mit Tierschützern rumzuschlagen, die das Führen von Rentierschlittengespannen verurteilen und verbieten lassen wollen?“ Ich habe so etwas jedenfalls bisher nicht zu Ohren bekommen. Woher auch? Alte weiße Männer sind gut, wenn sie arbeiten und Steuern zahlen und eignen sich hervorragend als Hass-Projektionsfläche für jeden geistigen und materiellen Habenichts. Gibt es etwa einen Nikolaus-Pakt, in dem seine Rechte und Pflichten neu definiert wurden? Der ihn davon befreit, einen fusseligen, unbequemen, viel zu langen Bart tragen zu müssen? Der es ihm endlich abnimmt, mit unfassbarer Geschwindigkeit unterwegs sein zu müssen, damit jedes Blag, selbst die, die bei FFF mit aufmarschieren, ein neues Smartphone unterm Weihnachtsbaum vorfindet?


Artikel bewerten

Artikel teilen

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Politische Korrektheit

Mehr von Archi W. Bechlenberg

Über Archi W. Bechlenberg

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige