20. September 2019

Propaganda und Rufe nach Diktatur in Deutschland Das wohltuende Klima an den Hängen des Vesuv

Wenn ihr flieht, dann flieht rechtzeitig

von Dushan Wegner

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Bildquelle: shutterstock Man konnte es kommen sehen: Ruinen von Pompeji

An einem Spätsommertag des Jahres 79 brach der Vesuv aus und begrub Pompeji unter Asche, doch er brach nicht plötzlich und ganz unerwartet aus.

Die Erde hatte schon seit Tagen gebebt. Es war bekannt, dass der Vesuv ein aktiver Vulkan war, wenn er auch einige Jahrzehnte geruht hatte, und einige Bewohner Pompejis hatten ihre Sachen gepackt und hatten sich in Sicherheit gebracht, aber längst nicht alle.

Gegen Mittag brach die Spitze des Berges auf, und eine Aschewolke stieg hoch in den Himmel. Es folgt eine giftige Gaswolke, viele Tonnen Asche und dann flüssige Lava.

Wer in Pompeji und Herculaneum nicht geflohen war, der wurde erstickt und begraben – zur „Freude“ heutiger Archäologen.

Wenn Archäologen nach den Resten vergangener Zivilisationen graben, gehen sie davon aus, eben die verschiedenen Reste zu finden, also das, von dem jene Generationen wollten, dass man es als „Rest“ von ihnen findet oder zumindest, dass es bleibt, etwa Skulpturen oder Grabbeigaben, oder sie finden das Vergessene und Weggeworfene, wie die Scherben zerbrochener Schalen oder Übrigbleibsel von zurückgelassenen Siedlungen.

Was Archäologen in Pompeji finden, das ist nicht das absichtlich oder unabsichtlich Hinterlassene, sondern das in Asche konservierte Leben, eine Momentaufnahme, als hätte jemand im ganz großen Film die Pausetaste gedrückt und alles blieb stehen. Wir schauen in Innenhöfe, wo in Brunnen das Wasser plätscherte. Wir sehen die Fresken in den Badehäusern, wo die Menschen ihre Erholung suchten. Man fand Skelette und Abdrücke der Menschen in der Asche, in ihren letzten Momenten. Einige umarmen einander. Vielleicht dachten sie: „Ach, hätten wir nur früher aufs Grummeln der Erde gehört!“

Offiziell freigestellt

Schon länger hört man von Eltern, dass ihre Kinder an deutschen Schulen unter ideologischen Druck gesetzt werden, inzwischen wird es auch in Mainstreammedien berichtet, wenn auch vorsichtig, in den Kommentarspalten.

„Denn obwohl es den Kindern offiziell freigestellt wird, ob sie klimastreiken möchten oder nicht, führte die Frau den Elfjährigen vor versammelter Mannschaft, sprich seiner Schulkasse, vor. Und sagte ihm ins Gesicht: ‚Wenn Dir Deine Zukunft egal ist, dann brauchst Du natürlich nicht hinzugehen.‘ Dann fügte sie bedeutungsschwanger hinzu: ‚Mir ist meine Zukunft jedenfalls nicht egal.‘“ (Philippe Debionne, berliner-zeitung.de, 17.09.2019.)

„Das ist wie früher. Das ist genau wie in der DDR“, so liest man es heute häufiger. Im Text „Kleine Teile der sich wiederholenden Geschichte“ auf meinem Blog beschreibe ich die Erfahrungen meines Vaters bei den Pflicht-Demonstrationen im tschechischen Sozialismus, und im Text „5 Mark und Bratwurst – wenn das System zur Demonstration ruft“ spreche ich über die Mai-Demonstrationen der DDR.

Wer heute in Deutschland aufwächst, dem kann es widerfahren, dass er sich jahrelang 24 Stunden pro Tag in einer Wolke aus Propaganda bewegt. Soziale Medien zeigen ihm gleich nach dem Aufstehen, auf seinem Smartphone, auch dank Zensurgesetzen und von Staatsfunk-Prominenten beworbenen Blocklisten nur noch Meldungen, die das eine erlaubte Narrativ bestätigen. In der Schule wird auf Abweichler psychologischer Druck ausgeübt. Eltern könnten um ihren Arbeitsplatz fürchten, wenn das Kind aus Versehen in der Schule erzählen würde, dass die Eltern daheim heimlich die Regierung kritisieren oder gar die Opposition loben, also lassen die Eltern das lieber sein. Sportclubs und Freizeitprogramme sind längst „auf Linie“, Kultur, Theater und Museen sowieso, doch die meisten werden am Abend sowieso Staatsfernsehen schauen und schließlich zum Rhythmus der Propaganda einschlafen.

Es kommt schon mal vor

Wenn ein Vulkan ausbricht, erleben die Menschen zuvor verschiedene und zeitlich versetzte Phänomene. Der Ausbruch des Vesuv kündigte sich durch Erdbeben an, teils Jahre zuvor. Und dann stieg der Ascherauch auf, giftige Dämpfe und Lava.

Wir haben in Deutschland und Europa mehr als einmal den Totalitarismus erlebt, und es passiert nie „einfach“ so. Es hatte immer verschiedene, auch internationale Begleiterscheinungen.

Am letzten Wochenende wurden die Sozialen Medien gespalten in jene, die wie ich gewisse Panik und Abneigung verspüren, wenn Deutsche wieder „diktieren“ wollen, wie die Gesellschaft auszusehen habe – und in die, die eine Diktatur im Namen der Moral jubelnd begrüßen würden.

Wir lesen aktuell: „Bildungsniveau der Zuwanderer in Integrationskursen sinkt“ (welt.de, 18.09.2019). Simple Fragen: Wird die Zuwanderung von Tausenden Bildungsfernen aus archaischen Kulturkreisen die totalitären Tendenzen in der Gesellschaft aufhalten oder bremsen? Werden sich archaischer und gutmenschlicher Totalitarismus gar ergänzen? (Wie war es eigentlich das letzte Mal, als Deutschland der Welt den Weg weisen wollte, wie war damals das Verhältnis zum fremden Totalitären?)

Es kommt schon mal vor, nennen wir es einen Betriebsunfall oder eine homöopathische Dosis an kritischem Journalismus, dass auch im Staatsfunk über das Beben vorm Vulkanausbruch berichtet wird, wenn auch versteckt im Ultranischenprogramm. Bei arte.tv sehen und lesen wir: „Katar: Millionen für Europas Islam“ (arte.tv, 18.09.2019).

Ist der Mensch zur Freiheit geschaffen? Sind wir überhaupt in der Lage, frei zu leben, frei zu denken?

Demokratie ist kein „natürliches“ Konzept. Die Ausrichtung nach einem brüllenden Mann und das Aufgehen als Teilchen in einer Masse ist dem Menschen weit „natürlicher“ als demokratisches Streiten für die Freiheit des Andersdenkenden, ob dieser brüllende Mann nun Politiker, Rocksänger oder Mullah ist. Einem lauten Mann zu folgen, der selbstbewusst brüllt, man wolle allen Abweichlern diktieren, wie die Gesellschaft auszusehen habe, das ist dem Menschen angeboren, deshalb passiert es wieder und wieder. Freiheit, Demokratie, das Aushandeln und Ertragen von Kompromissen und Andersartigkeit, all das muss anerzogen werden, das Nachbrüllen von tumben, ausgrenzenden Parolen wie „Wir sind mehr“, das kommt ganz „natürlich“.

Eine passende Metapher

Der berühmte Ausbruch von 79 war nicht der erste – und auch nicht der letzte. Wir haben Berichte und Bilder von „sanften“ Ausbrüchen im 17. Jahrhundert, aus dem 19. Jahrhundert kennen wir schon ein Foto, 1906 starben über 100 Menschen bei einem Vesuv-Ausbruch, und 1944 griff der Vesuv sogar in den Zweiten Weltkrieg ein, indem er 80 auf dem Militärflugplatz stationierte amerikanische Flugzeuge zerstörte. Ein Vulkan, der Dutzende Maschinen der amerikanischen Luftwaffe zerstört – wahrlich eine passende Metapher für den Totalitarismus.

Wenn der Vesuv nun so gefährlich ist, warum wohnten und wohnen Menschen da – bis heute? Die einfache Antwort: Es ist wunderschön dort – zartwarme Luft, reiche Erde, sattgrüne Natur, seelenstreichelndes Panorama und der Blick auf Felder, Hügel und das Meer. Es tut der Seele gut, es „fällt leicht“, es ist „zutiefst menschlich“, an den Flanken des Vesuv leben zu wollen – und von Zeit zu Zeit tötet es eben einige der Menschen.

An den Flanken

Ich mag Vulkane, doch nur die richtigen Vulkane. Die brennende, zerstörende Lava des Totalitarismus, die bereitet mir Angst – es kann aber auch daran liegen, dass meine Familie zweimal auf der Empfängerseite des Totalitarismus war, während die, die sich heute zu den „Guten“ erklären – seien wir stets ehrlich – schon mal nicht nur die geistigen Erben der Täter, Mitläufer und Gewinnler sind, manchmal buchstäblich und finanziell.

Vertun wir uns nicht: Es kann sich wunderbar anfühlen, an den Flanken eines Vulkans zu leben – doch es kann einen töten, wenn man die Zeichen ignoriert und sich nicht früh genug in Sicherheit bringt.

Vertun wir uns nicht: Es kann sich wunderbar anfühlen, mit der Masse zu brüllen, was auch immer die Masse brüllt – doch es kann einen töten, wenn man sich nicht früh genug dem Geschmeichel, dem Geschrei und schließlich der Gewalt des Totalitarismus entzieht, und bevor es deinen Leib tötet, wird es deinen Geist sterben lassen.

Es rumort in Deutschland. Wenn ihr flieht, dann flieht rechtzeitig. Ich mag Vulkane, ich mag sie sehr, aber nur die echten.

Wenn ihr eine Idee habt, wie wir diesen Vulkan daran hindern, wieder auszubrechen, dann sagt es mir. Bis dahin, lasst uns den Ausblick genießen, die grüne Natur und den weiten Blick, wo er noch nicht verstellt ist. Es rumort in Deutschland, ja, doch noch ist es eben auch schön, wirklich schön.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf dushanwegner.com.

Dushan Wegner (geb. 1974 in Tschechien, Mag. Philosophie 2008 in Köln) pendelt als Publizist zwischen Berlin, Bayern und den Kanaren. In seinem Buch „Relevante Strukturen“ erklärt Wegner, wie er ethische Vorhersagen trifft und warum Glück immer Ordnung braucht.


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