29. August 2019

Die Bundesregierung beruft sich in ihrer Antwort auf eine Anfrage der AfD zur globalen Erwärmung auf eine fragwürdige Metastudie 97 Prozent sind nicht genug!

Jetzt sollen es 99,84 Prozent sein

von Michael Limburg

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Bildquelle: shutterstock Überwältigend: Klimakonsens

Im Bundestag behauptete Bundesumweltministerin Svenja Schulze: „97 Prozent der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sagen uns, dass der Klimawandel menschengemacht ist und wir etwas dagegen tun müssen.“ In ihrer Antwort auf eine Kleine Anfrage erhöht die Bundesregierung diese 97 Prozent auf sozialistische 99 Prozent. Als Quelle nennt sie einen Autor, der „peer reviewed“ zeigt, wie man mit einem einzigen Suchwort in Zigtausenden Fachartikeln Klimapolitik machen kann. Und die Bundesregierung trägt diesen eindeutigen Unsinn wie ein Banner vor sich her und macht ihn sich zu eigen.

Am 8. Mai 2019 sagte die amtierende Bundesumweltministerin Svenja Schulze auf eine entsprechende Frage des AfD-Abgeordneten Karsten Hilse: ,,Sehr geehrter Herr Abgeordneter, 97 Prozent der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sagen uns, dass der Klimawandel menschengemacht ist und wir etwas dagegen tun müssen.“

Doch diese Antwort war in jeder Hinsicht ebenso falsch wie unerheblich (jedenfalls in Bezug auf den Mechanismus für wissenschaftliche Wahrheitsfindung), obwohl sie millionenfach, insbesondere von den Medien, aber auch von der Politik landauf, landab immer wieder als Beweisersatz verbreitet wird. Deshalb nahm sie die AfD-Fraktion im Deutschen Bundestag zum Anlass, mittels einer Kleinen Anfrage die Bundesregierung aufzufordern, den Wahrheitsgehalt der ministerialen Aussage zu belegen, nicht ohne zuvor im selben Text die verschiedenen immer wieder vorgeschobenen Quellen (Oreskes, Cook, Anderegg, Doran & Zimmermann) als nicht brauchbar zu belegen und zu verwerfen. Die Fragen lauteten: „Hat die Bundesregierung Zugang zu Studien, andere als die oben genannten, welche die Behauptung stützen, dass, Zitat: ‚97 Prozent der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sagen uns, dass der Klimawandel menschengemacht ist und wir etwas dagegen tun müssen‘? Wenn ja: Bitte machen Sie uns diese Studie zugänglich und belegen präzise, was in diesen Studien festgestellt wurde. Bitte nicht die ‚IPCC Reports‘ als Ersatz angeben, darin steht sehr vieles, aber nicht das, was die Bundesregierung öffentlich behauptet hat. Wenn nein: Auf welche Weise – bitte nach Art, Zeit, Inhalt und vermutlichen Kosten aufschlüsseln – wird die Bundesregierung öffentlich dem falschen Eindruck entgegentreten, den die oben zitierte Äußerung auslöste beziehungsweise zementiert hat? Was wird die Bundesregierung in Bezug auf die anstehende Gesetzgebung (Klimaschutzgesetz) unternehmen, deren wissenschaftliche Begründung sich allein und sehr selektiv nur auf die IPCC-Berichte stützt und die mandatsgemäß Tausende von wissenschaftlichen Papers, die zu gegenteiligen Ergebnissen kommen, außen vor lässt? Falls der Bundesregierung Klima-Wissenschaftler bekannt sind, die eine Dringlichkeit zur Ergreifung gravierender Maßnahmen einfordern – trotzdem gerade vom MPI-Direktor Jochem Marotzke (Details siehe ‚Der Spiegel‘, 06.10.2018, Seite 111, siehe auch Bundesdrucksache 19/10450 vom 24.05.19) das Gegenteil festgestellt wurde: bitte die Namen dieser Wissenschaftler im Einzelnen benennen, ihre Aufgaben- und Forschungsschwerpunkte angeben, ihre eventuelle Zuarbeit zu Behörden und Ämtern, auch in Kommissionen von Landesregierungen und/oder der Bundesregierung auflisten.“

Die Antwort kam mit Datum vom 21.08.2019 innerhalb des vorgegebenen Zeitrahmens und stellte kurz und knapp die folgenden Behauptungen auf: „Die in der Anfrage zitierte Untersuchung von Cook et al. aus dem Jahr 2013, aus der die Zahl von 97 Prozent der Wissenschaftler stammt, wird mittlerweile durch aktuellere Studien ergänzt. So analysiert James Powell in einer Metastudie aus dem Jahr 2016 insgesamt 54.195 durch Fachkollegen geprüfte (peer reviewed) wissenschaftliche Artikel aus dem Zeitraum von1991 bis 2015. Davon bejahen im Durchschnitt 99,94 Prozent den menschengemachten Klimawandel. Eine frühere Untersuchung von Powell zu geprüften Fachaufsätzen für den Veröffentlichungszeitraum 2013 bis 2014 zeigt dieselbe Tendenz zu einem weitgehenden Konsens in der Wissenschaftswelt: Hier stehen vier von 69.406 Verfassern (0,0058 Prozent) dem menschengemachten Klimawandel kritisch gegenüber. Vor dem Hintergrund dieser neueren Erkenntnisse vertritt die Bundesregierung nunmehr die Auffassung, dass rund 99 Prozent der Wissenschaftler, die Fachaufsätze zum Klimaschutz veröffentlichen, der Überzeugung sind, dass der Klimawandel durch den Menschen verursacht ist.“

Die Powell-Studien sind Betrug

Nun ist leicht vorstellbar, welche Freude im Ministerium bei der federführenden Staatssekretärin Rita Schwarzelühr-Sutter geherrscht haben muss, als ihr fleißig googelnde Referenten endlich einen weiteren Treffer melden konnten. Und der wird wohl die bösen Zweifler der AfD so richtig treffen, mögen sich die Autoren gedacht haben, nachdem sie fieberhaft nach weiteren „Studien“ gesucht hatten, die die vorigen, schon lange als Fakes entlarvten, würden ersetzen können. Und nun fanden sie sogar gleich zwei neue „Studien“, die nicht nur auf (Fake‑) 97 Prozent kommen, sondern die Zustimmung sogar auf über 99 Prozent steigerten.

In ihrer Freude fiel ihnen aber nicht auf, dass satte 99 Prozent (und sogar noch ein Schnaps mehr) Zustimmung zumal in der kontroversen Klimawissenschaft Ergebnisse darstellen, wie sie sorgsam in den ehemaligen sozialistischen Diktaturen des Ostblocks im vorigen Jahrhundert organisiert wurden. Für jeden einigermaßen integren Beobachter riecht das nicht nur nach Betrug, es ist auch Betrug, wie ich im Folgenden darlegen werde. Und trotzdem scheut sich die Bundesregierung nicht, stolz die über 99 Prozent „wissenschaftlich bewiesene“ Zustimmung zu vermelden und sie sich auch gleich zu eigen zu machen.

Denn schon am von der Bundesregierung verwendeten Wort „Zustimmung“ kann man feststellen, dass sich die Autoren der Antwort nicht mal die Mühe gemacht hatten, die „Studien“ zu lesen. Denn darin steht kein Wort davon, dass die „untersuchten“ Studien der Behauptung von Schulze zustimmten: „97 Prozent der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sagen uns, dass der Klimawandel menschengemacht ist und wir etwas dagegen tun müssen“, sondern diese neuen Zauberstudien untersuchten allein, ob in den untersuchten Papers das Wort „reject“ (ablehnen, zurückweisen) verwendet wurde. Und zwar nur in den Studien, die nach Wahl des Autors James Powell sich, in ansonsten unbekannt bleibender Art und Weise, mit den Begriffen: „global warming“ oder „global climate change“ oder „climate change“ – so Powell – auseinandersetzten.

Beide Powell-Studien sind im Internet zu finden, die eine, ältere, hinter einer Zahlschranke, die andere frei zugänglich (siehe Link unten). Und – Überraschung – in beiden Studien steht de facto dasselbe. Der Autor machte sich nämlich nicht die Mühe, die propagierte Zustimmung zur Hypothese von der menschgemachten globalen Erwärmung zu analysieren, sondern suchte, ganz simpel, nur nach dem Wörtchen „reject“, also zurückweisen. Und das tat er in der ersten Studie zunächst nur in den Texten, die von vorangegangenen Autoren wie Oreskes, Cook und dann auch zweimal von ihm selbst erstellt wurden, und siehe da: Er wurde nur ganz, ganz selten fündig. Nach seinen Angaben fand er nur in 31 von insgesamt 54.154 Studien die ihm, Cook und Orestes als Textmaterial dienten, das Zauberwort „reject“ im Zusammenhang mit global warming, wie er versichert. Das sind nur 0,06 Prozent.

Welch Glück!

Und alle anderen, also satte 99,94 Prozent, deutete er und mit ihm die Bundesregierung nach dieser ebenso effektiven wie politisch-semantischen Glanzleistung als Zustimmung!

Und weil das so schön einfach war, legte er mit seiner zweiten Studie noch ein bisschen nach, brühte den kalten Kaffee der ersten Studie noch mal auf und brachte das Ergebnis seiner eigenen Textdateien (Powell: Suche nach „statements of rejection“) noch mal in einem separaten Artikel unter. Darin erfindet er für die errechneten 99,98 Prozent den Begriff der „Quasi-Einstimmigkeit“ womit er die Artikel meint, wo die Wörter „reject“ oder „rejection“ nicht vorkommen.

Das Schöne daran ist, so mag er, aber auch die Bundesregierung gedacht haben, damit werden aus einer Untersuchung gleich zwei, und das auch noch „peer reviewed“, und die Bundesregierung freut sich, kann sie doch einmal mehr zeigen, dass ihr jedes Mittel der Propaganda recht ist, egal wie irreführend es ist, Hauptsache, es dient ihrem Ziel.

Doch wer der Sprache nur rudimentär – egal ob in Deutsch oder Englisch – mächtig ist, kann und darf zwar Politiker werden – offensichtlich auch Autor und Peer-Reviewer für einen „renommierten“ wissenschaftlichen Verlag –‍, zeigt aber gleichzeitig, dass er nicht weiß oder nicht wissen will, dass etwas „zurückweisen“ nicht gleichbedeutend ist mit „dem Gegenteil zustimmen“, oder gar dass, wenn man das Wort „Zurückweisung“ („zurückweisen“) nicht ausdrücklich erwähnt, man nicht dem unterstellten Gegenteil ausdrücklich und/oder eingeschränkt zustimmt.

Das ist Neusprech nach George Orwells Klassiker „1984“, doch selbst Orwell könnte heutzutage von den Klimaalarmisten noch einiges dazulernen.

Powell leistet sich dann noch ein paar andere Klopper, wenn er schreibt: „Meine Suche ergab 24.210 Artikel von 69.406 Autoren. Meines Erachtens lehnten nur fünf Artikel die menschengemachte globale Erwärmung ab: Avakyan (2013a, 2013b), Gervais (2014), Happer (2014) und Hug (2013). Dies entspricht einem Anteil von einem Artikel an 4.842 oder 0,021 Prozent. In Bezug auf die Autoren lehnen vier die menschengemachte globale Erwärmung ab: einer von 17.352 oder 0,0058 Prozent. Wie bereits erläutert, würde dies bedeuten, dass 99,99 Prozent der veröffentlichenden Wissenschaftler die menschengemachte globale Erwärmung akzeptieren: Quasi-Einstimmigkeit.“

Das ist natürlich wissenschaftlicher Schrott, und selbst das Alarmisten-Portal „Skeptical Science“ hält Powells Methode für völlig falsch, weil es keine zulässig anwendbaren Kriterien verwendet: „Indem Powell davon ausgeht, dass ‚No-Position‘-Abstracts oder ‑Papers stillschweigende Zustimmungen sind, begeht er denselben Fehler, den Kritiker machen, wenn sie behaupten, dass ‚No-Positions‘ als Ablehnungen oder ‚ich weiß nicht‘ gezählt werden. Wenn Sie solche Annahmen treffen, erhalten Sie entweder das Ergebnis, dass der Konsens unplausibel groß oder absurd klein ist.“

Weitere dicke Fehler der Studie

Powell behauptet, dass er die 24.210 von ihm erfassten Abstracts genau gelesen und auf Ablehnung der Hypothese vom menschengemachten Klimawandel untersucht habe. Diese umfassen jedoch stolze 9.486 Seiten und 5.670.937 Wörter. Das Webtool „Read-o-Meter“ schätzt für 733 englische Wörter gleich eine A4-Seite drei Minuten und 39 Sekunden Lesedauer. Für die obengenannten 9.486 Seiten wären also 34.624 Minuten Lesezeit erforderlich. Das entspricht 577 Stunden beziehungsweise 72 Arbeitstage à acht Stunden. Das ist höchst unglaubwürdig, weil das niemand – auch nicht ein Staatsbeamter wie Powell – durchhält, also sucht er ausschließlich per Suchfunktion – das dauert nur einige Sekunden – nach dem Wort „reject“. Weil dieses Wort aber nicht zwangsläufig im Paper – und erst recht nicht im Abstract – verwendet zu werden braucht, um den menschlichen Einfluss zu negieren oder für unbedeutend zu halten, weil sehr, sehr viele Skeptiker der menschengemachten globalen Erwärmung von einem natürlichen Treibhauseffekt ausgehen, aber den anthropogenen Anteil für überschätzt halten. Wie zum Beispiel beim ebenso aufgeführten Paper „Spontaneous abrupt climate change due to an atmospheric blocking-sea-ice-ocean feedback in an unforced climate model simulation“ von S. Drijfhout, E. Gleeson, HA. Dijkstra und V. Livina in den „Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America“. Darin wird sehr genau – schon im Abstract – dargelegt, warum Klimamodelle, die sich allein auf den menschengemachten Klimawandel beziehen, versagen müssen. Powell rechnet das fälschlich als Zustimmung.

Außerdem wurde die Zahl der Autoren nicht um Dopplungen bereinigt. Viele Skeptiker der menschengemachten globalen Erwärmung spülen überdies in ihren Abstracts die Ergebnisse weich, um überhaupt ins Peer Review zu kommen und dieses dann zu überstehen. Und inzwischen werden fast alle Paper von Skeptikern von den meisten Fachzeitschriften von vornherein abgelehnt.

Ergänzung: Die seit 2014 – also dem Ende der Powell-Untersuchung – erschienenen mehr als 1.350 begutachteten Studien (Quelle: populartechnology.net), die sich negativ über die Hypothese der menschengemachten globalen Erwärmung äußern oder ihr nicht die große Bedeutung beimessen, inzwischen kamen jährlich einige Hundert dazu, wurden von Powell und Konsorten nicht eines Blickes gewürdigt. Von den auf populartechnology.net für das Jahr 2014 aufgeführten 251 skeptischen Artikeln erscheint – nach Stichprobenprüfung – kein einziger in seiner Auswertung. Wenn man also kritische Literatur komplett unbeachtet lässt, kann man leicht vermeintliche 100 Prozent Zustimmung erreichen. Ein uralter Trick, der bekanntermaßen besonders bei sogenannten Wahlen in Diktaturen zur Anwendung kommt.

Auf die zweite wichtige und präzise begründete Frage nach der behaupteten Dringlichkeit der erforderlichen Maßnahmen antwortete die Bundesregierung erwartungsgemäß ausweichend, indem sie nur auf das IPCC verwies, das diese Dringlichkeit schon seit langem fordere. Die in der Frage dargestellte Entspannung dank kräftiger Erhöhung des Kohlendioxid-Budgets ließ sie unbeachtet.

„Skeptical Inquirer“: „The Consensus On Anthropogenic Global Warming“ (Englisch)

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Seite des Europäischen Instituts für Klima und Energie (EIKE).


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