21. August 2019

Renate Künast will eine Transformation zu einem „nachhaltigen Leben“ Das Funkeln in den Augen der Kurzsichtigen

Wehe dem, der nicht so tut, als sähe auch er nur verschwommen!

von Dushan Wegner

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Bildquelle: Heinrich-Böll-Stiftung (CC BY-SA 2.0)/flickr Der erhobene Zeigefinger vom Dienst: Renate Künast

Haben Sie schon mal einen Menschen getroffen, der eigentlich eine Brille gebraucht hätte, aber partout keine tragen möchte? Es kann modische Gründe haben, es kann am Unwissen um die eigene Sehschwäche liegen, es kann Armut sein, die einen hindert, eine passende Sehhilfe zu tragen – der Effekt ist meist, dass der Mensch die Augen zusammenkneift, mit verschiedenen Sehentfernungen experimentiert oder einfach versucht, mit selbstbewusstem Auftreten und Extrapolation sein Nichtsehen zu überspielen.

So weit, so bekannt – und nun stellen wir uns eine Situation vor, in der nicht nur ein einzelner Kurzsichtiger via Echolot durch die Party navigiert; stellen wir uns vor, dass auf einer Party von 100 Leuten gleich ein Viertel der Anwesenden heftig kurzsichtig, aber zugleich auch gewieft in sozialen Angelegenheiten sind. Die Kurzsichtigen überzeugen einander, dass die Welt nur kurzsichtig und verschwommen „richtig“ gesehen werden kann (Motto: „Der Mensch sieht nur unscharf gut“).

Die einst Normalsichtigen gelten bald als „abnorm“, und es dauert nicht lange, bis auch Leute, die normal sehen können, ebenfalls die Augen zusammenkneifen und so tun, als ob sie kurzsichtig wären – scharf zu sehen ist moralisch verpönt, und wer zu erkennen gibt, dass er scharf sieht, der wird sich auf dieser Party sehr unwohl fühlen.

Die Entrüstungsgeschwindigkeit

Wissen Sie, wer heute Landwirtschaftsminister ist? Ich wusste es auch nicht, ich musste nachschauen – es ist Julia Klöckner, davor war es ein Christian Schmidt. 2004 hieß die Landwirtschaftsministerin Renate Künast. Künast ist eine Grüne. Der Journalist Jan Fleischhauer schrieb einmal über Künast: „Wenn es in der deutschen Politik die Position des erhobenen Zeigefingers zu vergeben gäbe, dann wäre Renate Künast die ideale Besetzung.“ – „Was die Entrüstungsgeschwindigkeit angeht, nimmt es in der Hauptstadt mit ihr niemand so leicht auf.“ (Jan Fleischhauer, spiegel.de, 18.10.2012.)

Künast erfreut sich nicht nur eines selbst für Grünen-Verhältnisse auffallend gern gestreckten moralischen Zeigefingers und verwendet Sprache wie „krankes System“ (zeit.de, 20.08.2019), sie weiß auch darüber Bescheid – glaubt sie –‍, was erfolgreich sein wird und was nicht – und wie Sie das weiß!

2004 hatten Öko-Spekulanten eine andere Vision der mobilen Zukunft als heute. Künast ließ sich damals zitieren, Bauern seien die „Ölscheichs von morgen“ (etwa rundschau-online.de, 30.08.2004). Gemeint war, dass deutsche Bauern riesige Felder voller Raps anlegen sollten, um „Öko-Sprit“ herzustellen. Bauern, die, statt Nahrung anzupflanzen, Pflanzen anbauen mit dem einzigen Ziel, dass sie in Autos verfeuert werden – eine selbst für Grüne zynische Vision der Zukunft.

In der „Zeit“ schrieb Hans Schuh damals: „Doch die gelben Blütenmeere sind ökologische Einöden, mit Pestiziden und Dünger auf hohen Ertrag getrimmt. Und damit eine Bedrohung für bodenbrütende Vögel. Wer Lebensraum von Ammern, Kiebitzen, Lerchen oder Rebhühnern vernichten will, der verwandele Brachen in großflächige Intensivkulturen zur Dieselproduktion.“ – „Nicht nur Hippies hatten sich unter Flower-Power anderes vorgestellt.“ (zeit.de, 09.09.2004.)

Heute ist Künast nicht mehr Landwirtschaftsministerin, sie ist „nur“ Bundestagsabgeordnete, aber ihre gute Laune hat dann doch eine gewisse politische Markenkraft, und also wird sie interviewt von den üblichen

Unverdächtigen.

Frau K. formuliert heute: „Wir brauchen eine Transformation und müssen dafür sorgen, dass das gesunde, nachhaltige Leben das naheliegende, das einfachere ist.“ (zeit.de, 20.08.2019.) Einer der ersten Online-Kommentare unter dem Text weist übrigens auf Künasts Vision von 2004 hin. Sie sagt auch: „Der Atomunfall in Fukushima oder die Dürresommer haben gezeigt, dass man den Klimawandel nicht mehr leugnen kann.“ (zeit.de, 20.08.2019.)

Es ist in grüner Logik nicht einmal „unlogisch“, dass aus der undurchdachten Architektur eines Atomkraftwerks in einer erdbebengeplagten Region die Faktizität des Klimawandels folgt – ähnlich wie für den Logiker „ex falso quodlibet« gilt, wonach man aus Falschem stets Beliebiges folgern kann („wenn eins plus eins drei ist, dann ist der Mond aus Käse“), so folgt auch für den Grünen und Gutmenschen, dass aus großer Emotion alles Beliebige folgt, sei es moralisch oder eben kausal.

Nachtrag 20.08.2019, Abend: Mittlerweile hat Künast gemerkt, dass sie wieder mal Quatsch erzählt (und vermutlich auch freigegeben) hat. „Zeit Online“ meldet auf Twitter: „In einer früheren Version wurde verkürzt ein Zusammenhang zwischen Fukushima, den Dürresommern und dem Klimawandel hergestellt, der Verweis auf die Notwendigkeit der Energiewende fehlte. Wir haben die Passage in Rücksprache mit Frau Künast geändert.“ Meine Anmerkung dazu: Fukushima ist eine geschichtsreiche und vielfältige Präfektur von Japan, und es ist etwas unfair, den Namen „Fukushima“ auf die Katastrophe(n) von 2011 zu reduzieren, aber gut, wir haben es mit Geistesgrößen zu tun, die Lincoln nicht von Washington unterscheiden können, aber das Schicksal von Millionen zu bestimmen sich anmaßen.

Frau K. schließt das Interview so ab: „Das gute Leben wird eine neue Definition haben.“ (zeit.de, 20.08.2019.) Um einen anderen Grünen zu zitieren: „I am not convinced“ – ich bin nicht überzeugt.

Im Effekt wenig Unterschied

Ginge es nach Künast von 2004, würde ganz Deutschland heute mit Raps-Monokulturen bedeckt und alle Autos würden Nahrung verfeuern. Es ging nicht nach Künast. Ginge es nach den Grünen von heute, würden nur noch Öko-Aktivisten und NGO-Bonzen fliegen dürfen, der letzte Hügel wäre mit Vogelhäckslern bedeckt und Fleisch dürfte nur nach moralischer Prüfung und Gesinnungscheck gekauft werden.

Dummheit, Bosheit und Kurzsichtigkeit in gesellschaftlichen Dingen ergeben im Effekt wenig Unterschied, insofern unterstelle ich den lieben Mitmenschen mit dem aufrechten Zeigefinger nicht unbedingt Bosheit, nur eine im Ergebnis nicht zu unterscheidende Kurzsichtigkeit.

Beim Beispiel jener Party, wo die Kurzsichtigen nach und nach durch soziale Tricks das Kommando übernehmen, stellt sich mir die erste Frage: Wie konnte es dazu kommen? Welche Schwächen muss eine Gesellschaft besitzen, damit die sozial Kurzsichtigen es als moralisch gut durchsetzen können, im übertragenen Sinne kurzsichtig zu sein? Ob politische Korrektheit oder Sprachverbote, gefühlte Wahrheiten oder Öko-Aktivismus – „links“ bedeutet heute eine politisch und psychologisch durchgesetzte Zwangs-Kurzsichtigkeit. Politik der offenen Grenzen? Hofieren archaischer Parallelkulturen? Abbau der Industrie für Ökomoral? – All das ist die Herrschaft der aggressiven Kurzsichtigkeit.

Menschlich und verständlich

Die Moral der Grünen und Guten ist aggressiv kurzsichtig. Wer sich weigert, so zu tun, als sähe auch er nur verschwommen, der wird nicht etwa neugierig befragt über das, was er sieht! Wer weiter sieht – oder auch nur so weit, wie man noch vor einem Jahrzehnt gesehen hat –‍, den werden sie beschimpfen, abkanzeln und zu vernichten versuchen. Diese Leute sind kurzsichtig in Angelegenheiten von Gesellschaft und Wirtschaft, und mit moralischen Funkelsternchen und Spezialeffekten gelingt es ihnen, nicht nur von ihrer Kurzsichtigkeit abzulenken, sondern diese sogar als moralischen Standard zu etablieren.

Es ist menschlich und verständlich, wenn du von Zeit zu Zeit so tust, als wärst du kurzsichtig, etwa um die Stimmung nicht zu verderben, um nicht den Job zu verlieren oder um nicht von der Antifa ins Krankenhaus geprügelt zu werden, doch verwechsle nie das opportun Verschwommene mit der Realität.

Eine tradierte Redensart – häufig Newton zugeschrieben – lautet: „Wenn ich weiter blickte als andere, dann lag das daran, dass ich auf den Schultern von Riesen stand.“ Wir dürfen für die Zeit der empörten Kurzsichtigkeit formulieren: Wenn ich mich weigerte, in den Chor der Gehorsamen einzustimmen, dann lag das zuerst daran, dass mir deren Kurzsichtigkeit zuwider war.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf dushanwegner.com.

Dushan Wegner (geb. 1974 in Tschechien, Mag. Philosophie 2008 in Köln) pendelt als Publizist zwischen Berlin, Bayern und den Kanaren. In seinem Buch „Relevante Strukturen“ erklärt Wegner, wie er ethische Vorhersagen trifft und warum Glück immer Ordnung braucht.


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