09. August 2019

„Fridays for Future“ und die Infantilisierung der Politik Lasset die Kinder doch Kinder sein!

Und ihr Erwachsenen, seid erwachsen!

von Dushan Wegner

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Bildquelle: Sandor Szmutko / Shutterstock.com Primat der Gefühle: Klimakids

„Man muss nichts mehr selbst wissen, man kann ja alles im Internet nachschauen!“ – Wer lernt denn heute noch Dinge auswendig, Gedichte und Fakten, Zahlen und Zeiten?

Einiges ist falsch an der Vorstellung, eigenes Wissen, gespeichert und sortiert im eigenen Gehirn, könne durch die Informationshappen auf Wikipedia oder Facebook ersetzt werden, wie allgegenwärtig diese Quellen auch sein mögen, ob via Smartphone oder Desktop-Computer.

Viel, sehr viel spricht dagegen, sich beim Wissen über die Welt allein auf die Klickmedien zu verlassen. Ein Grund ist, dass Medien oft Interessen haben, die wir im Moment des Abrufs nicht immer sofort prüfen können, um die jeweilige Information entsprechend zu werten.

Ein noch gewichtigerer Grund ist, dass wir manche im ersten Moment „trocken“ oder „abstrakt“ wirkende Erkenntnis erst Jahre später verstehen – doch sie kann uns schon die ganzen Jahre über formen und prägen. Das ist ein Grund – der wichtigste Grund –‍, warum ich meine Kinder dazu anleite, Bücher zu lesen, die sie jetzt vielleicht noch nicht verstehen.

Es gibt einen Satz, den ich als Kind und Jugendlicher öfter gehört habe und dessen Bedeutung mir heute, wo ich selbst Kinder habe, vom Bonmot zur prüfenden Frage wurde. Es ist ein Zitat des biblischen Paulus: „Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war.“ (1. Korinther 13:11)

Ein Kind darf – und soll – reden wie ein Kind, ein Erwachsener aber soll reden wie ein Erwachsener. Es ist nicht selbstverständlich, sonst müsste Paulus die Korinther nicht daran erinnern.

Dach über dem Kopf

Ich kann unsere feinen Herrschaften in den klimatisierten Etagen verstehen, wenn sie dankbar sind für jedes Thema, das den Plebs ablenkt vom nachhaltigen Schaden, den die-da-oben übers Land bringen. Wenn eine Ablenkung irgendwie in Steuererhöhungen umgeleitet werden kann, hat man quasi zwei Schmetterlinge mit einer Klappe erschlagen!

Derzeit werden gleich mehrere Ablenkungen mit dem gleichen „nützlichen“ Muster betrieben – sie lenken vom drohenden sozialen Auseinanderbrechen ab, sie sind moralisch aufgeladen, und sie lassen sich als Begründung für Steuererhöhungen nutzen. Eine solche Dauer-Debatte ist der Individualverkehr, eine weitere, aktuell plötzlich wieder angefachte, ist der Fleischkonsum.

Eine in den letzten Monaten extra laute und zugleich erfrischend absurde Debatte drehte sich um die Forderungen der „Fridays for Future“-Kinder – was sich die Smartphone-Generation so unter „politischer Bewegung“ vorstellt. Sicher, es ist Sommer, und die Fluggegner sind in den wohlverdienten Fernurlaub geflogen, doch so ganz sind jene Nachrichten nicht versiegt, oh nein.

Aus der Schweiz hören wir, dass sich die Jünger Gretas zum „Smile for Future“-Klimagipfel getroffen haben – inklusive ihrer kindlichen Kaiserin –‍, und ja, es ist latent schräg, etwas gruselig, und doch zum Lachen komisch.

Die Klimakinder trafen sich ausgerechnet im nicht ganz billigen Lausanne. Stets mit einem Auge auf dem Smartphone wird diskutiert, ob man im Namen des Klimaschutzes den Kapitalismus abschaffen soll (und es wird darüber gemeckert, dass in der Schweiz das EU-Roaming nicht greift). „Für viele ist klar: Unsere Wirtschaft ist böse. Ein deutscher Teilnehmer kommt begeistert aus einer Diskussionsrunde mit der Wirtschaftsprofessorin Julia Steinberger: ‚Der Konsens ist: Kapitalismus muss weg.‘“ („Blick“, 07.08.2019)

Einige fordern sogar illegale und extreme Aktionen – und wir lernen neue Begriffe wie „Klimaschutz-Extremisten“ – für deren Symbole inzwischen sogar im deutschen Staatsfunk geworben werden darf, im Kontext sogenannter „Seenotrettung“, aber das verschwimmt eh alles heute.

Das verheerendste der Probleme ist aber immanent und kaum wegzubekommen – es ist die Gesprächskultur innerhalb des Treffens. Die Grundprämisse der Klimakinder ist ähnlich jener der Gutmenschen: das Primat des Gefühls. Gutmenschen erachten es bekanntlich als moralisch hinnehmbar, Menschenleben zu opfern, wenn das die Folge einer Handlung ist, die sich in dem Moment „moralisch“ anfühlte (man nimmt Ertrunkene in Kauf, weil es sich gut anfühlt, „Seenotretter“ zu spielen und so Menschen aufs Meer zu locken, et cetera).

„‚Es ist schon schön, dass jeder immer über seine Gefühle reden kann‘, kommentiert ein Schweizer Teilnehmer. ‚Ich verstehe aber auch, dass andere mehr arbeiten wollen.‘“ – „Sobald jemand mit den Händen ein Dach über dem Kopf formt, bedeutet das ‚Ich fühle mich unwohl‘. Dann darf er sofort darüber sprechen – selbst im Plenum mit rund 450 Teilnehmern.“ („Blick“, 07.08.2019)

Wo Gefühle alles bedeuten und die Vernunft wenig, dort wird es bald knarzen. Ist es gar gewollt? Wenn ja, von wem?

Gefühlsprimat

Ein Kind wird geboren, und es ist wenig mehr als ein Freudsches Es, ein niedliches Bündel animalischer Triebe, schreiend, glucksend und regelmäßig die Windel füllend.

Äußerst rational – in ihrem eigenen Interesse – vorgehende Kräfte lassen eine neue Kultur der Hysterie und Hyper-Emotionalisierung die alten Werte und Tugenden westlicher Rationalität verdrängen. Claudia Roth, Ikone der kindisch-irrationalen Emotionalität in der Politik, darf im Staatsfunk „Gastkommentare“ schreiben, als wäre sie eine ernst zu nehmende Person. (Randnotiz: Dass eine Claudia Roth als Bundestagsvize auftreten darf, ist doch eine regelmäßige Verhöhnung des Parlaments.)

Der politische Kindlichkeitskult der Linksgrünen hat mindestens drei Aspekte, allesamt, sagen wir mal, „spannend“. Da wäre etwa die so widerliche wie unausrottbare Sexualisierung von Kindern, mit der vor allem die Grünen in Verbindung gebracht werden. Aktueller Auswuchs linker Frühsexualisierung von Kindern ist einerseits die Toleranz von Kopftüchern bereits für kleine Mädchen (die damit als zu verhüllende Sexualobjekte markiert werden), andererseits die Faszination für sogenannte „Drag Kids“, also Kinder, die via Schminke und Kostümierung als Sexobjekte ausstaffiert werden. Sogenannter „Linksliberalismus“ und Kindesmissbrauch finden immer wieder zusammen, und man fragt sich, warum dem so ist.

Der zweite Aspekt des linken Kindlichkeitskultes ist die Reduktion politischer Debatte auf Kindersprache und Kinderlogik. Bei linken politischen Veranstaltungen finden wir nicht nur Buntstifte und Luftballons, sondern immer wieder auch ein Bällebad, für „Erwachsene“ wohlgemerkt. Eltern wissen, dass, wenn einem der Lebenserfolg der Kinder egal wäre, sich diese sehr einfach steuern ließen – gib ihnen Süßkram und süchtig machende Elektronik, lass sie tun, wonach sie sich gerade fühlen, und du hast sie im Griff. So ähnlich ist es mit dem Kindischen in der Politik – aufs Kindsein reduzierte Erwachsene sind sehr einfach steuerbar, selbst wenn sie, wie die Teddybär-Werfer 2015, de facto dafür demonstrieren, das soziale Gefüge des eigenen Landes zu sprengen.

Der dritte Aspekt des linken Kindlichkeitskultes ist in der Aufmerksamkeitsökonomie besonders wirksam – und demokratiegefährdend. Es ist denen-da-oben gar nicht unlieb, dass die kindischen Forderungen der NGOs und ihrer „Kindersoldaten“ in Konsequenz herzlich wenig Sinn ergeben – während die Bevölkerung so damit beschäftigt ist, über groben Unfug zu streiten, macht sie sich weniger Sorgen um die wirklich wichtigen Themen. Der Iran hat neue „intelligente“ Bomben vorgestellt, die auf Drohnen montiert werden können. Konzerne wie Pepsico investieren in China – gleichzeitig ist der Yuan recht schwach. Deutschland zahlt derweil für Strom, den es gar nicht gibt. Und: „Thyssenkrupp senkt Jahresprognose nach erneutem Gewinneinbruch“ („Wirtschaftswoche“, 08.08.2019). Beim „Westfernsehen“ lesen wir: „Die fetten Jahre der deutschen Industrie sind vorbei – Die Industrieproduktion in Deutschland schrumpft und schrumpft. Die Zahlen für das zweite Quartal waren besonders schlecht.“ („Neue Zürcher Zeitung“, 08.08.2019) Ein Teil dieser Meldungen könnte die Bürger verunsichern, also lassen Sie uns lieber über hysterische Kinder reden, die „fürs Klima“ hüpfen und die Schule schwänzen.

Mit großen Augen

Der linksgrüne Kindheitskult hat wenig mit Kindern zu tun. Einem Grünen, der von sexuellen Kontakten mit Kindern träumte, war ja auch nicht am Wohl des Kindes gelegen, sondern zuerst an seiner eigenen Befriedigung. Wenn Linken wirklich so sehr an Kindern gelegen wäre, würden sie nicht Abtreibungen so selbstverständlich wie Stuhlgang machen wollen – und gleichzeitig die Schulen zu Krisenzonen werden lassen.

Man muss kein Freudianer sein, um zu ahnen, dass das Leben im Grunde daraus besteht, mit seiner eigenen Kindheit klarzukommen. Der linksgrüne Kindheitskult hat eine scheinbar „einfache“ Methode gefunden, das eigene Kindheitstrauma anzugehen – man weigert sich einfach, jemals die Kindheit zu verlassen.

„Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind“, sagt Paulus, und der Linke fährt fort: „und heute bin ich alt, und ich rede und denke noch immer wie ein Kind, und es ist mir nicht peinlich, denn die reichen Leute im Staatsfunk denken und reden genauso“. Wenn die Staatsfunk-Kameras ausgeschaltet werden, dann denken und reden die Manipulatoren wahrscheinlich wieder wie Erwachsene, doch das sehen ihre Opfer dann nicht mehr, denn die leben weiter das eigene Kindchenschema aus, mit großen Augen, ganz viel Naivität – und verheerenden Konsequenzen.

Blitze und Funken in Bauch und Herz

Kinder tragen sehr viel Selbstbewusstsein zur Schau, und das ist auch gut so. Doch pubertierende Kinder sind – wie Eltern eigentlich wissen sollten – längst nicht so allwissend, wie sie sich fühlen.

Ich zitierte eingangs den ersten Korintherbrief. Einige Sätze vor dem zitierten Vers steht dieser: „Denn unser Wissen ist Stückwerk, und unser prophetisches Reden ist Stückwerk“ (1. Korinther 13:9). Zum Erwachsenwerden gehört auch, zu wissen und sich stets dessen bewusst zu sein, wie beschränkt unser Wissen und wie dürftig unsere Fähigkeiten zur Vorhersage der Zukunft sind. Für Kinder sind Märchen, Gefühle und die Fakten der Welt gleich real – und im Zweifelsfall zählen die Blitze und Funken in Bauch und Herz weit mehr als die schnöden Realitäten von Wissenschaft und Kausalität.

Ich bitte die Eltern, die ihre Kinder von Manipulatoren aufhetzen und von fragwürdigen NGOs instrumentalisieren lassen, noch mal nachzudenken – gestatten Sie Ihren Kindern doch, Kind zu sein! (Und werfen Sie die Smartphones weg, denn die Batterien sind chemisch giftig, die Gewinnung der Seltenen Erden ist moralisch giftig, und piepsende Social-Media-Apps sind seelisch giftig.)

Kindheit kann und soll eine Zeit der Freude sein – lasst die Kinder doch Kinder sein!

Ja, wir Erwachsene sollten von Kindern lernen, aber nur dann, wenn diese auch Kinder sind, nicht NGO-manipulierte Propaganda-Roboter! Die Kindheit soll und darf eine Zeit der Unbedarftheit sein, und von dieser kann und will ich sehr gern lernen.

Kinder meinen gelegentlich, sie wüssten alles, doch darin irren sie. Wisst, wie wenig ihr wisst, und arbeitet daran, dass es weniger wenig ist!

Freut euch am Leben wie Kinder! Habt Hoffnung, einfach so, weil es dem Menschen eigen ist, Hoffnung zu haben – doch seid klug, wie Erwachsene.

Lasst die Kinder doch Kinder sein – und ihr Erwachsenen, seid erwachsen!

Dieser Beitrag erschien zuerst auf dushanwegner.com.

Dushan Wegner (geb. 1974 in Tschechien, Mag. Philosophie 2008 in Köln) pendelt als Publizist zwischen Berlin, Bayern und den Kanaren. In seinem Buch „Relevante Strukturen“ erklärt Wegner, wie er ethische Vorhersagen trifft und warum Glück immer Ordnung braucht.


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