07. August 2019

Die Ausrufung des „Klimanotstands“ durch deutsche Städte weckt Erinnerungen Die kernwaffenfreie Stadt der Gegenwart

Vor 30 Jahren stiegen immer mehr Kommunen aus

von Holger Finn

Artikelbild
Bildquelle: shutterstock Trend im Kalten Krieg: Atomwaffenfreie Zonen

Es war wie ein Rausch, der die ganze Welt packte. Am Rande des Kalten Krieges, bedroht vom nahen Untergang durch Atomwaffen, hielten immer mehr Städte und Gemeinden weltweit das Karussell an, um auszusteigen. Wie eine Welle lief die Idee um den Erdball, sich selbst zur kernwaffenfreien Zone zu erklären. Simple Mathematik: Wo keine Atombombe wohnt, kann keine starten. Und dort, wo keine starten kann, wird auch niemand ein Ziel sehen.

Die Logik überzeugte so sehr, dass allein in Japan 1.350 Städte ein Netzwerk nuklearfreier Zonen bildeten. „In diesen kernwaffenfreien Gebieten leben etwa zwei Drittel aller Japaner“, meldeten seriöse Medien spürbar bebend vor Ehrfurcht vor dem historischen Moment. In Großbritannien schloss sich unter anderem die Stadt Manchester der Bewegung an, die sich flugs auch ein Internationales Sekretariat für Atomfreie Zonen zulegte, das die Bedeutung kernwaffenfreier Städte, Gemeinden und Regionen für die weltweite Abrüstung untermauern sollte.

Mit Erfolg. Kiel und Mühldorf am Inn machten mit, Offenbach, Hannover und viele andere. In Frankfurt (Main) ließen sich die Stadtverordneten nicht lange bitten, nachdem SPD und Grüne bei der Kommunalwahl vor 30 Jahren erstmals die Mehrheit der Sitze erobert hatten. Die damals viertgrößte Stadt der Bundesrepublik erklärte sich selbst für atomwaffenfrei – gegen den Widerstand der seinerzeit noch stockkonservativen CDU, die eine Abstimmung über eine solche nicht-kommunale Frage rundheraus ablehnte.

Weltweit war Frankfurt damit eine von mehr als 4.000 kernwaffenfreien Gemeinden geworden, symbolisch zumindest, denn in aller Welt gibt es rund fünf Millionen Städte (nicht: „Millionenstädte“), und die meisten von ihnen waren stets kernwaffenfrei. Aber wo es um Signale geht und um ernsthafte Kulthandlungen zur Beschwörung böser Geister, spielte Wirklichkeit noch nie eine Rolle. In den USA beteiligte sich Chicago, das eines viel späteren Tages einen der wenigen US-Präsidenten hervorbringen sollte, die auch für Deutsche wählbar gewesen wären. Auch das kleine Takoma Park machte mit und Berkeley natürlich, immer vorn, wo vorn ist. Insgesamt 130 Städte waren schließlich genauso atomfrei wie vorher, nur eben jetzt nicht nur faktisch, sondern auch propagandistisch.

Ziel erreicht. Mehr passierte nicht, außer dass die Selbstauszeichnungen als kernwaffenfreie Pazifistenzone überall nach und nach vergessen wurden, selbst mitten in den kernwaffenfreien Zonen. Es kam der Mauerfall, das Ende der Sowjetunion, der Irakkrieg und der islamistische Terror, und Atomwaffen waren irgendwann nicht mehr als großes Schreckgespenst tauglich und damit auch nicht mehr geeignet, die eigene vortreffliche Gesinnung wie einen Gebetsteppich vor sich herzurollen.

„Kernwaffenfreie Zone“ zu sein war nicht mehr Ausweis fortschrittlichsten Engagements, sondern eine skurrile Fußnote der Geschichte, über die gnädige Medienarbeiter nach der ersten Welle der Berichterstattung, die es hatte scheinen lassen, als würden die Atomwaffen der Welt nun binnen Wochen heimatlos werden, solidarisch schwiegen.

Wer denkt da nicht automatisch an die Ausrufung des Konstanzer Klimanotstands oder an die Kölner Feierlichkeiten zur Ausrufung des nahen Weltuntergangs?

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Politplatschquatsch“.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Politische Korrektheit

Mehr von Holger Finn

Über Holger Finn

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige