28. Juli 2019

„Polizeischutz für Leipziger Schweinefleisch-Kitas!“ Fake-Nuss der Woche

Die mediale Arbeitsteilung funktioniert

von Alexander Wendt

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Bildquelle: shutterstock Gleich ist es in den Medien: Polizei im Kindergarten

Der Konfuzius- und der Rolando-Toro-Kindergarten in Leipzig hatten die Eltern vor einigen Tagen darüber informiert, künftig aus Rücksicht wegen zwei muslimischer Kinder beziehungsweise „aus Respekt gegenüber einer sich verändernden Welt“ nur noch schweinefleischfreies Essen auszugeben. Nach Diskussionen unter den Eltern und Protesten nahmen die Einrichtungen die Entscheidung zurück. Wie halten qualitativ hochwertige Medien das Thema weiter in den sommerlichen Schlagzeilen? Durch Steigerung.

Irgendjemand aus der AfD äußerte sich, es gibt „Wut“ – und nun: Polizeischutz für die Kindergärten! Denn, wie die Redakteure in ihren behelfsklimatisierten Büros nach kurzem Faktencheck feststellten: Leipzig! Liegt! In! Sachsen! Dem „dunkelsten Bundesland“ („Stern“), in dem jetzt sogar Kindergärten vor Wutbürgern geschützt werden müssen.

„Wut wegen Schweinefleischverbot – Kitas wegen Speiseplan unter Polizeischutz“, titelte n-tv. Die „Berliner Morgenpost“ meldet: „Es ist das vorläufige Ende eines ausuferndenStreites – der sogar dazu führte, dass die beiden betroffenen Einrichtungen Polizeischutz bekamen.“ Der „Merkur“ wusste: „Sie hatten bereits die Polizeiwagen vor der Türe stehen: Die Entscheidung zweier Leipziger Kitas, ‚aus Respekt gegenüber einer sich verändernden Welt‘ – wie es in der offiziellen Ankündigung hieß – künftig kein Schweinefleisch mehr zu servieren, stieß auf große Kritik. So sollten mögliche Gefahren durch die Polizeipräsenz abgewehrt werden.“ „Spiegel Online“: „Nachdem am Dienstag eine heftige Diskussion über den Verzehr von Schweinefleisch in zwei Leipziger Kitas entbrannt ist, schickte die örtliche Polizei einen Einsatzwagen zu den beiden benachbarten Einrichtungen. Ein Sprecher sagte, die Beamten sollten ‚mögliche Gefahren‘ abwehren.“ Die „Süddeutsche“ jagte eine Twitter-Meldung in die Welt, in der sie sogar den Eindruck erweckte, der „Polizeischutz“ hätte irgendwie dazu geführt, dass die Kindergartenleitung ihre Entscheidung revidierte: „Zwei Kitas in Leipzig wollen Schweinefleisch von der Speisekarte streichen – und sorgen bundesweit für Schlagzeilen. Nach heftiger Kritik und Polizeischutz vor der Tür machen sie einen Rückzieher.“

N-tv und andere illustrierten ihre Meldungen mit dem Foto eines von hinten aufgenommenen Polizisten, der vor einem der Kindergärten steht. Das scheint die Geschichte zu belegen. Nur: Nichts davon stimmt.

„Es ist nicht richtig, dass es dort Polizeischutz gibt oder gab“, teilt Leipzigs Polizei mit. Das heißt: Kein Redakteur, der die Geschichte vom „Polizeischutz“ textete, hatte sich die Mühe gemacht, bei der Leipziger Polizei oder den Kindergärten deswegen nachzufragen. „Spiegel Online“ fragte offensichtlich nach, machte dann aber aus der Mitteilung der Polizei, Polizisten seien zu dem Kindergarten gefahren, um dort kurz mit den Leitern zu sprechen, und dann wieder abgefahren, einen „Einsatzwagen“, der jetzt „vor den benachbarten Einrichtungen“ stehe. Für etwa 30 Minuten stimmte das ja auch. Tatütata!

Ich fragte bei der Polizei nach, wie das vermeintliche Belegbild mit dem Polizisten zustande kam. „Kollegen von uns haben gestern ein präventives Gespräch mit den Verantwortlichen des Kindergartens geführt“, sagt Katharina Geyer, Sprecherin der Polizei Leipzig. Mit anderen Worten – sie fragten, ob alles in Ordnung sei. Und das war es wohl auch. Nie sei ein Polizeischutz gewünscht oder gar für nötig gehalten worden. „Da waren Kollegen vor Ort, sind ausgestiegen, reingegangen und dann wieder weggefahren. Bei der Gelegenheit muss irgendjemand fotografiert haben“, so Geyer: „Zack, ist es in der Welt.“

Jedenfalls funktioniert die mediale Arbeitsteilung nach wie vor: Im Kommentarteil über Fake News und Hysterisierung der Gesellschaft klagen – und natürlich über Wutbürger –‍, und im Nachrichtenteil: siehe oben.

Immerhin: Die „Süddeutsche“ korrigierte ihre ursprüngliche Online-Meldung über den Polizeischutz.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Publico“.


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