28. Juli 2019

Klimasommer 1957 Hitzealarm aus dem Archiv

Die kapitalistische Marktwirtschaft war den Temperaturen nicht gewachsen

von Holger Finn

Artikelbild
Bildquelle: shutterstock Die Reaktionen waren anders: Hitze früher

„Weiterhin Tro­pen­hitze in ganz Mit­tel­eu­ropa“, hieß es im Juli vor 62 Jahren in der „Berliner Zeitung“, damals noch Organ der SED der DDR und im frühen Klimakampf deutlich weniger einsatzfreudig als die Journalistenenkel heutzutage. In Prag war es seinerzeit „heißer als am Äquator“, und die DDR-Nachrichtenagentur ADN hatte zudem Aussichten ausgemacht, die in der Gegenwart mindestens einen Live-Blog zur Hitze, wenn nicht gar einen Hitzeticker verlangen würden. „Nach vorübergehender, nur geringer Abkühlung wird die über Mitteleuropa lastende Tropenhitze auch in den nächsten Tagen noch anhalten.“

Nicht Lingen oder ein Stück rotgeglühte Autobahn bei Gallargues-le-Montueux in Frankreich schaffte damals den „absoluten Hitzerekord“ (ADN), sondern Prag, „wo das Thermometer Freitagnachmittag auf 41 Grad kletterte“. In Banjul in der damals noch von den französischen EU-Friedenspartnern mit Waffengewalt gehaltenen Kolonie Französisch-Äquatorialafrika wurden gleichzeitig nur 30 Grad gemessen. Sechs Jahre später musste Frankreich seinen zentralafrikanischen Vorposten aufgeben und der Gründung der vier Staaten Kongo, Gabun, Zentralafrikanische Republik und Tschad zustimmen.

Dort sind es derzeit um die 30 Grad, es ist in 60 Jahren taggleich kaum wärmer im Klimasommer 2019 geworden. Auch in Mitteleuropa reichte es rechnerisch nur zu einer Hitzerekordsteigerung von drei bis vier Grad, für sechs Jahrzehnte eine vergleichsweise magere Ausbeute.

Allerdings ist die Reaktion auf die Hitze grundlegend anders. „Wie die Hauptverwaltung Wasserstraßen im Ministerium für Verkehrswesen mitteilt, ist die Erholung der Werktätigen auf den Fahrgastschiffen der ‚Weißen Flotte‘ Dresden-Sächsische Schweiz weiterhin gesichert“, hieß es damals beruhigend. „Auf einem Zeltplatz bei einem niederländischen Bauernhof ist 20 Kindern durch die Hitze so übel geworden, dass sie behandelt werden mussten“, schreibt die „FAZ“ heute. Pilgerte ganz Leipzig seinerzeit bei 38 Grad – dem „heißesten Tag seit zehn Jahren“ – in die Sommerbäder, tauchen heute überall Hitzeexperten auf, die dazu raten, sich im Schatten aufzuhalten und viel zu trinken.

Zur klammheimlichen Freude der DDR-Presse hatten sich solche Geheimrezepte im Sommer 1952 zumindest im Westen noch nicht herumgesprochen. Die Quittung der menschenverachtenden Verweigerung notwendiger Hilfe für Hitzeratsuchende: „In Westdeutschland hat das heiße Wetter zahlreiche Menschenopfer gefordert“, zählte ADN, „nachdem in Nordrhein-Westfalen bereits am vergangenen Wochenende 20 Menschen ums Leben gekommen waren, ertranken innerhalb der letzten fünf Tage wiederum 20 Personen.“ In Baden-Württemberg habe es sogar „die ersten beiden Todesopfer durch Hitzschlag“ gegeben.

Damals schon war die kapitalistische Marktwirtschaft der Hitze, die aus ihrer klimaschädlichen Gewinnsucht resultierte, nicht gewachsen. Neben der Sperrung zahlreicher Asphaltstraßen, auf denen der Asphalt unter der Hitzeeinwirkung flüssig geworden war, kam es auch im Schienenverkehr zu Störungen, seitdem eine schöne Tradition. In Stuttgart musste die Zahnradbahn stillgelegt werden, weil sich die Zungen der Weichen verbogen hatten, eine Straßenbrücke bei Rendsburg, die über den Nord-Ostsee-Kanal führt, verklemmte sich und konnte zeitweilig nicht ausgeschwenkt werden. Unter der sengenden Hitze streikten selbst öffentliche Uhren, etwa in Wanne-Eickel, wo beim Versuch einer Reparatur der Bahnhofsuhr im Uhrgehäuse 56 Grad Celsius gemessen wurden.

Ein Hitzerekord, immer noch.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Politplatschquatsch“.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Klima

Mehr von Holger Finn

Über Holger Finn

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige