23. Juli 2019

Der Posener Erzbischof Stanisław Gądecki zur Diskussion um Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche Gefahr der Instrumentalisierung?

Die Lehren behalten ihre Gültigkeit

von Felix Honekamp

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Bildquelle: shutterstock War nie als moralische Instanz gedacht: Katholische Kirche

Wenn es etwas gibt, das die Kirche zumindest in der westlichen oder westlich geprägten Welt gerade belastet, dann ist das sicher der Missbrauchsskandal. Und mir fällt auch nicht viel ein, was ein Priester oder Bischof Grauenvolleres tun könnte, als sich auf diese Weise an einem Menschen zu vergehen, der ihm anvertraut ist. Missbrauch durch einen Priester: das ist ein Verbrechen, das offenbar direkt in der Hölle erfunden wurde.

Sprachlosigkeit im Angesicht der Verbrechen

Und als Gläubiger, der dennoch hinter seiner Kirche steht, der sich bewusst ist, dass die Kirche aus Menschen besteht, die sündigen (einfach weil man als Gläubiger selbst um seine Verstrickungen in Schuld weiß), und trotzdem eine heilige Kirche ist, weil sie die Kirche ist, die Jesus gegründet hat, tue ich mich schwer, die Angriffe abzuwehren, die gegen „meine Kirche“ in Stellung gebracht werden. Wie soll man auch reagieren, wenn man mit Opfern konfrontiert ist, die solche Verbrechen erdulden mussten? Wie umgehen, wenn Eltern von betroffenen Minderjährigen das Vertrauen in die Institution Kirche verlieren und darüber auch das Vertrauen in Gott zu verlieren drohen? In manchen Situationen versagt die Sprache – das ist so eine.

Dazu kommt noch, dass mich das ungute Gefühl beschleicht, dass mit den bisherigen Missbrauchsfällen noch lange nicht das Ende erreicht ist, und mir fehlt vor allem die Phantasie, dass die „Deckung“ schuldig gewordener Priester in den oberen Etagen der Kirchenhierarchie weitgehend unentdeckt geblieben sein sollte. Ich möchte mir lieber nicht vorstellen und doch muss geklärt werden, wer da noch alles schuldig geworden ist, was bislang nur noch nicht öffentlich geworden ist.

Evangelisierung als Zweck der Kirche

Das alles macht es schwer, die Kirche noch als moralische Instanz anzusehen. Dabei muss man vielleicht darauf hinweisen, dass sie so auch nie gedacht war, allerdings so wahrgenommen wurde und der eine oder andere Vertreter sie auch so hat aussehen lassen. Der Zweck der Kirche ist die Evangelisierung. Evangelisierung bedeutet wiederum – in meinen einfachen Worten –‍, Menschen zu Christus zu führen. Das schließt allerdings auch die Unterweisung darin ein, was auf diesem Weg förderlich und was hinderlich ist. Die Sünde – und schon sind wir bei der „Moralinstanz“ – entfernt von Gott, ein gut ausgebildetes Gewissen schützt vor den größten Hindernissen und Umwegen auf dem Weg zu ihm, und darum ist es auch Aufgabe der Kirche, auf „Fallstricke“ hinzuweisen, die uns von Gott trennen.

Die darin enthaltenen Botschaften, kurz bezeichnet mit dem Begriff der „Morallehre“, gefallen aber nicht jedem, und weil auch die Kirche in der Vergangenheit nicht immer besonders geschickt agiert hat bei diesen Themen (damit meine ich nicht die Missbrauchsfälle oder andere eigene Verfehlungen, sondern das Arbeiten mit „Verboten“ statt mit „Argumenten“), wird sie nun von ihren Gegnern genau hier angegriffen: Wie kann sich „die Kirche“ und wie können sich Priester und Bischöfe ein moralisches Urteil erlauben, vor allem in Fragen der Sexualität, wenn sie doch selbst in so abstoßender Weise schuldig geworden ist beziehungsweise sind?

Warnung vor Instrumentalisierung

So warnt der Vorsitzende der Polnischen Bischofskonferenz, der Posener Erzbischof Stanisław Gądecki, zu Recht, dass der Missbrauchsskandal instrumentalisiert werden kann. Die Schwierigkeit der aktuellen Lage bestehe darin – so zitiert „Die Tagespost“, „dass das Thema Pädophilie – nicht nur in Polen, sondern fast auf der ganzen Welt – ein leicht ausnutzbares Thema für Angriffe auf die moralische Glaubwürdigkeit der Kirche geworden ist“.

Trotzdem zuckt man als Katholik unwillkürlich zusammen: Darf man auf so etwas hinweisen im Hinblick auf die Monstrosität der Verbrechen, die geschehen sind? Darf man, wie der Erzbischof, darauf hinweisen, dass die Kirche „die letzte Stimme in der Gesellschaft“ sei, die keine Kompromisse mit den gegenwärtigen „demoralisierenden Strömungen“ eingehe? Man kann aber auch deutlicher fragen: Ist die Morallehre, die die Kirche im Namen Jesu vertritt, nicht mehr gültig, nur weil Priester und Bischöfe gegen sie verstoßen? Oder in einem anderen Bild: Ist ein Gesetz ungültig, weil Juristen sich nicht daran halten?

Der Auftrag bleibt

Die Antwort liegt auf der Hand, und doch ist es schwer, sie so einfach zu geben, will man sich nicht dem Vorwurf der Verharmlosung aussetzen. Auch der ist allerdings nicht berechtigt, denn im Moment sehe ich weit und breit niemanden, der das Missbrauchsthema in der Kirche noch verharmlosen würde. Man streitet über den richtigen Umgang damit und kommt zu unterschiedlichen Schlüssen. Das ist legitim und zeugt nur von der ernsthaften Auseinandersetzung, die in der Vergangenheit sicher auch gefehlt hat. Aber die Beschäftigung mit den eigenen Fehlern darf umgekehrt nicht dazu führen, dass der eigentliche Auftrag der Kirche dabei unter die Räder gerät.

Bis jetzt hat in den wesentlichen deutschen Medien den Vorstoß Erzbischofs Gądeckis noch niemand lautstark thematisiert; ich bin aber sehr sicher, dass das noch kommen wird und dass man kein gutes Haar an seiner Äußerung lassen wird. Umso wesentlicher ist aber, dass uns allen bewusst ist, dass es eine Aufgabe, einen Zweck der Kirche gibt, dass sich aus diesem Zweck auch Lehren herausbilden, die unabhängig vom Verhalten von Kirchenvertretern oder auch einfacher Gläubiger ihre Gültigkeit behalten. Wer heute im Anblick der Monstrosität der Missbrauchsfälle meint, die Morallehre der Kirche gehöre geschliffen, hat weder mit der Kirche noch mit den Menschen Gutes im Sinn.

„Die Tagespost“: „Erzbischof Gadecki warnt vor Instrumentalisierung des Missbrauchs“

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem „Papsttreuen Blog“.


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