12. Juli 2019

Richard David Precht fordert mehr Verbote für den Klimaschutz Vorgepre(s)cht

Von selbstgenügsam schmatzender Staatsphilosophie

von Axel B.C. Krauss

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Bildquelle: Markus Wissmann / Shutterstock.com Liebt Verbote mehr als die Weisheit: Richard David Precht

Philosophen – zumindest die berühmteren, brillanteren –‍, also Geisteswissenschaftler, sollten sich eigentlich nicht durch bloße Bejahung dessen hervortun, was Heidegger etwas gestelzt das „Gestell“ nannte, auf gut Deutsch: des Status quo, von mir aus auch des „So-Seins“, mit anderen Worten: der bestehenden politischen, kulturellen, wirtschaftlichen Rahmenumstände und Entwicklungen des von ihnen bewohnten Zeitabschnitts, in den sie qua Geburt „geworfen“ wurden, schon gar nicht durch willige argumentationslogistische Unterstützung machtelitär erwünschter und geförderter Motive und Narrative.

Ich habe Heidegger natürlich bewusst erwähnt, weil er – trotz all seiner sonstigen intellektuellen Leistungen – dem Nationalsozialismus zumindest eine Zeitlang auf den Leim ging. Ähnlich wie heute der Philosoph Slavoj Žižek, der in seinen Diagnosen der gegenwärtigen „Weltsituation“ durchaus richtig liegt, allerdings keine tiefenscharfe Ursachenanalyse hinbekommt. Dort haut er regelmäßig daneben, wird aber gerade darum – konkreter: aufgrund seiner stramm linken Ausrichtung – natürlich besonders gerne von den einschlägigen beziehungsweise politisch denkungsverwandten Blättern wie der „Zeit“ und anderen Marxmurks-Postillen zitiert und Lesern als eine der führenden Lichtgestalten der buchstäblich zeit-genössischen Philosophie feilgeboten.

Auch ein weltbekannter Psychoanalytiker wie Carl Gustav Jung verfiel der Nazi-Ideologie. Und ein Ernst Bloch verkannte nicht etwa aus Versehen – dafür war er viel zu gebildet und intelligent –‍, sondern ganz bewusst die realen Folgen des von ihm einstmals so lautstark propagierten Kommunismus. Was man durchaus schon kriminell nennen könnte, denn er wusste, dass seine ideologischen Phantasiegebilde sich mit der erschreckenden politischen Realität nicht deckten. Es ließen sich freilich noch viele andere Beispiele nennen, doch kürze ich hier ab: So was, könnte man umgangssprachlich sagen, kommt eben „in den besten Familien“ vor.

Wobei im Einzelfall zu fragen wäre, ob es wirklich die Besten waren. Denn rhetorische Kunstfertigkeit, Eloquenz, schriftstellerische Kreativität, formale Stilsicherheit und so weiter – das allein gewährt natürlich noch keinen Schutz vor geistigen Verirrungen aller Art, vor allem politischer.

Ich zuckte deshalb ehrlich gesagt etwas lakonisch mit den Schultern, als nun der Vorzeigephilosoph des Mainstreams, also der Talkshow-Dauergast und Erklärbär Richard David, totalitär vorpre‍(s)‍chte, um die Leute wissen zu lassen: Ach kommt, eigentlich liebt ihr doch Verbote. Ihr seid euch dessen manchmal nur nicht richtig gewahr, es ist euch vielleicht noch nicht ins Bewusstsein gedrungen. So ungefähr. Die Leute lieben Verbote.

Als jemand, der selber Philosophie studierte, müsste ich nun erst mal gegenfragen: Wer sind denn nun diese ominösen „Leute“, von denen (Zeit‑) Geistwissenschaftler Precht sprach? Wie grenzt man das ein? Wo finde ich dieses gerade heutzutage immer wieder und gerade von den Polit-Hohepriestern und ihren vermassungsmedialen Palmblattwedlern zwecks effizienterem Massenmanagement stets befächelte „Wir“, das angeblich entscheidet oder sich eben gerne was verbieten lässt?

Sollte es wirklich existieren, müsste ich jetzt eine Träne verdrücken: Ich gehöre nicht dazu, schnüff.

Ich möchte nämlich ganz gewiss nicht, dass diese, die nächste oder die übernächste Regierung – wer auch immer – sich noch stärker ins Privatleben der Bürgen einmischt als bisher ohnehin schon. Als Geisteswissenschaftler möchte ich – was gerade von meiner Zunft verlangt wird – eine möglichst große kritische Distanz zum Zeitgeschehen wahren, statt mich von seinem Strudel mitreißen und davontragen zu lassen in die nächste Diktatur, die sich bereits mit deutlich hörbarem Hackenschlag ankündigt. Ganz profan-alltagssprachlich: Keinen Boggauf.

Ist das eine bloße Behauptung meinerseits, nur ein ganz subjektiver Eindruck? Keineswegs. Wenn der Chef eines der größten Pressekonzerne des Landes, Mathias Döpfner, im Gespräch mit dem Pin-up-Girl des römergemachten Clubwandels, Luisa Neubauer, keineswegs im schlechten Scherz, sondern schon ganz ernsthaft fragt, ob die „Demokratie“, die hinsichtlich der Entscheidungen in den sogenannten „großen politischen Fragen“ ohnehin schon seit langer Zeit nicht mehr existiert, die ja über die Köpfe der Regierten hinweg einfach verhängt beziehungsweise zu deren Verhängnis gefällt werden, nicht vielleicht „zu langsam“ (sic!) sei, um das fiskalische Beuteschema namens „Kohlendioxidsteuer“, also den rotzfrechen Massendiebstahl auf Basis der Lüge vom „menschengemachten Klimawandel“, ebenso geschwind durchpeitschen zu können wie sonst nur eine „alternativlose“ (und ebenso antidemokratische) Eurubel-Rettung oder die ökonomisch und für die Sicherheit der Stromversorgung fatale, zumal ökologisch schlicht schwachsinnige (und abermals antidemokratische) „Energiewende“ –‍ also, da wird mir schon etwas bange, und das mit historischem Geschmäckle.

Und welch ein Zufall, dass auch Robert Habeck kurz zuvor in einem Interview in dasselbe Horn blies, also ebenfalls anmahnte, naja, eigentlich könne sich so was ja niemand wünschen, aber was wollen wir denn machen, wenn sich die Welt spätestens 2025 in eine tote, weißglühende Wüste verwandelt haben wird, sofern wir jetzt nicht endlich alle mal Kohlendioxid-fußabdrücklich mehr so Babyschrittchen machen. Und bist du nicht willig, redet dir die Spalierpresse Flugscham ein und ist sich auch nicht zu blöde, um nicht zu sagen saublöde, in diversen Artikeln in faktenwidrigem Alarmismus zu verkünden: In den Urlaub fliegen können wir ja nun nicht mehr. Geht nicht mehr. Wegen des Klimas. Wie bitte? Und so weiter.

Auch Prechts – gelinde gesagt – naive Behauptung, die Politik tue sich mit Verboten schwer, mutet angesichts so mancher perfiden Masche, mit der jene trickreich durchgesetzt werden sollen, ein wenig weltfremd an. Sei es nun „Staatsterrorismus“, also von Nachrichten- und Geheimdiensten „betreutes Bomben“, wie Andreas von Bülow es mal so vortrefflich nannte, um mehr „Sicherheit“ andrehen zu können, seien es zu ähnlichen Zwecken unterwanderte und teilweise sogar geführte Parteien, gewaltbereite, nutzidiotische Fußtruppen, ob nun von links oder rechts; sei es, um ein in dieser Hinsicht herausragendes Negativbeispiel zu nennen, die „Fridays for Future“-Bewegung, um es so aussehen zu lassen, als höre man doch nur auf „Volkes Stimme“, vor allem der Kinder und Jugendlichen, und erfülle lediglich deren Wünsche nach mehr „Klimaschutz“ – das massenpsychologische Waffenarsenal weist eine ganze Fülle erschreckend abgefeimter Methoden und Instrumente auf, um das gewünschte Ziel zu erreichen.

Um einen Vergleich zu geben: Ein in Anzug und Krawatte gekleideter, adrett frisierter, eloquenter Herr tritt an eine Dame heran, um sie auf einen zwielichtigen Typen hinzuweisen, der in einiger Entfernung lüstern herüberschielt. „Siehst du den Kerl da hinten? Der will dich vergewaltigen. Wirklich. Ich erfinde es nicht. Der will dir ans Leder. Doch ich kann dich schützen. Dazu brauchst du nur einen Teil deiner Einkünfte an mich abzutreten sowie ein paar periphere, ach, eigentlich unwichtige Rechte und Freiheiten.“ Was er dabei verschweigt: Der zwielichtige Kerl schielt in seinem Auftrag. Oder aber – auch eine Möglichkeit – er wurde schon geraume Zeit beobachtet, aber man ließ ihn gewähren und sich der Dame nähern. Sie wissen schon. Das sind dann diese „der Polizei schon seit langem bekannten“ Täter. Gegen die man aber leider nichts unternehmen konnte. Weil dazu das Geld fehlte. Und die Befugnisse. Also her damit. Schnell. Zur Sicherheit.

Warum Precht spurt? Ich erkühne mich hiermit, zu behaupten: Weil er genau weiß, was ihm sonst blüht. Denn dumm ist der Mann ja gewiss nicht. Vielleicht ist er tatsächlich überzeugt von der „Richtigkeit“ seines Denkens; ich für meinen Teil glaube eher, dass die in der Vergangenheit regelmäßig statuierten Exempel im Falle allzu großer Abweichungen vom erwünschten und veröffentlichten Meinensollen ihm verdeutlicht haben, was mit Menschen passiert, die sich einen eigenen Kopf erlauben.

Gerade das aber ist eigentliche Aufgabe eines Geisteswissenschaftlers, eines Philosophen. Etymologisch bedeutet das Wort „Philosophie“ nicht umsonst so viel wie „Liebe zur Weisheit“. Es bedeutet nicht: „Liebe zum Zeitgeist“, „Liebe zur jeweils herrschenden Politik“, „Liebe zur Medienpropaganda“ und so weiter, es bedeutet nicht: „Ich steh‘ auf Sklavenketten“, es heißt nicht: „Bitte nehmt mir und Millionen anderer Menschen so viel wie möglich von den Früchten unserer Arbeit weg“. Mkay? Es bedeutet nicht: „Liebe zu den herrschaftlich gezogenen Grenzen einer in Schulen mittels ausgeklügelt und -gekungelt etatistischer Lehrpläne vermittelten, oktroyierten, ankonditionierten Weisheit“.

Der Precht das Wort sprach. Ich vermute, dass die Ursache dafür darin zu suchen ist, dass er eben jenen bildungssystemischen Teufelskreis durchlief, dessen verdorbene Früchte ja beileibe nicht nur ihm, sondern auch vielen seiner Kollegen in den Geistes- und Sozialwissenschaften ständig aus dem Mund fallen.


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