12. Juli 2019

Satire zum Klimasommer Sehnsucht nach Schmerzen

Die Bürger sind willig

von Holger Finn

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Bildquelle: shutterstock Wird teurer als eine Kugel Eis: Weltrettung

Wer würde sie nicht retten wollen, unsere Welt, die derzeit noch bei zwölf bis 15 Grad im Klimasommer bibbert, aber auf Jahresfrist vor dem sicheren Hitzetod steht, wenn nicht doch noch ein, zwei deutsche Kohlekraftwerke möglichst sofort abgeschaltet werden und eine Kohlendioxidsteuer dafür sorgt, dass die BürgerInnen des Landes nicht mehr so viel Autofahren und, in kalten Sommernächten wie derzeit bei vielen Wohlhabenden durchaus üblich, nicht mehr so viel heizen.

Die Gesellschaft ist durchaus bereit, eine Kohlendioxidsteuer als Strafe für vergangene Klimasünden zu akzeptieren. Aber schmerzen müsste sie, eine Buße, die jeden jeden Tag daran erinnert, wie er nach Mallorca und Peru geflogen ist, in Mexiko am Strand lag, auf Kreuzfahrt ging und mit dem Auto schnell mal noch zu Freunden fuhr, die man ebenso gut über Skype hätte sprechen können.

Mehr Klimaschutz lässt sich nicht mit Kosmetik erreichen, das wissen die Menschen längst, und sie wollen es doch auch. Die Bundesregierung muss die Gelegenheit nutzen und endlich Klarheit schaffen: Wie tief werden die Einschnitte sein? Wen wird es wie hart treffen? Was bleibt von Wohlstand, Freiheit und Mobilität übrig? Und wer wird es sich noch leisten können?

Welchen Preis darf Klimaschutz haben, wenn der Untergang unmittelbar bevorsteht? Welche Verhandlungsmasse ist noch da, wenn viel zu lange zugewartet wurde, etwas zu tun? Die Fridays-for-Future-Hysterie erst hat Deutschland aufgeweckt und die Politik gezwungen, irgendwas mit Klima in ihren Bauchladen aus Programmversprechen aufzunehmen.

Bei der Umsetzung dann aber herrscht doch wieder die alte Angst vor dem Machtverlust, das Misstrauen dem Bürger gegenüber, der einem die Stimme entziehen könnte, wenn man ihm zu schwer auf die Füße tritt. Im politischen Alltag geht es also nicht um die möglichst schnelle Umsetzung von Klimastrafmaßnahmen gegen Klimasünder, sondern um das übliche Vertagen, Prüfen und Europäische-Lösungen-fordern.

Nationale Anstrengung für die Welt

Selbst die geplante Einführung eines nationalen Kohlendioxidpreises, der dem Finanzminister rund 40 Milliarden zusätzlich bescheren könnte, droht an Egoismen zu scheitern, die nur allzu bekannt sind: Pendler werden gegen die Rettung der Welt ins Feld geführt, Autofahrer insgesamt sollen unter Schutz gestellt werden, mit Blick auf die zuweilen auch kalten Winter im Land entwickelten die Marktradikalen von der FDP Gefühle für Familien, die nach den notwendigen Preissteigerungen bei Öl und Gas im Winter nur noch einzelne kleine Räume würden beheizen können.

Fürsprecher von Menschen, die eigentlich für sich selbst sprechen könnten. Was würden sie sagen? Zweifellos geht die Einsicht bei vielen Klimabetroffenen viel weiter als im politischen Berlin. Akzeptanz für mehr Klimaschutz und höhere Abgaben, um den Staat in die Lage zu versetzen, all das zu finanzieren, ist vorhanden, denn längst ist dem Mittelstand wie den Ärmsten der Armen klar: Ohne höhere Kosten ist mehr Klimaschutz im nötigen Ausmaß schlicht nicht möglich.

Vieles wird teurer werden, vieles sogar teurer als die sprichwörtliche Kugel Eis, die der Umbau der Wirtschaft zur solargetriebenen Ökojobmaschine bis heute gekostet hat. Aber Autofahren mit fossilen Brennstoffen oder Fliegen ist eben derzeit einfach zu teuer, Bahnfahrten zwischen Berlin und München sind für Alleinreisende immer noch billiger als der Weg über die Autobahn. Ein Irrwitz auf Klimakosten! Denn es stößt, wer mit einem vollen Zug unterwegs ist, 36 Gramm Kohlendioxid pro Kilometer aus. Ein vollbesetztes Auto dagegen pustet pro Fahrgast nur 34 Gramm Kohlendioxid aus, so dass ein vollbesetztes Auto klimaschonender ist als der vollbesetzte Zug, das Flugzeug aber klimaschonender als ein Zug, in dem weniger als 20 Prozent der Plätze besetzt sind.

Bürger sind längst willig

Viele Bürger haben das begriffen. Sie sind für volle Züge und gegen Leerfahrten der Bahn, für Gruppenreisen und Raumtemperaturen, die zuerst einmal dem Weltklima dienen und nicht egoistischen eigenen Interessen. Ein höherer Sprit- oder Heizölpreis wird sie damit besonders hart treffen. Besonders Geringverdienern fällt es noch schwerer, sich auf kommende Zeiten einzurichten, in denen Mobilität sich wieder als Exklusivität wird buchstabieren lassen.

Der Kauf eines neuen Elektro- oder Hybridautos ist für viele derzeit schlichtweg nicht drin. Aber, so hofft Umweltministerin Svenja Schulze, kommt erst Druck auf, weil höhere Preise für Sprit das subjektive Empfinden für die Notwendigkeiten des Klimaschutzes stärken, könnten vielleicht doch auch die, die es finanziell nicht zu können glauben, mit Hilfe staatlicher Förderprogramme Elektroautos oder zumindest kleine E-Roller kaufen. Der Rest der ländlichen Regionen wird weitgehend abgehängt, das Leben in Ballungszentren ist klimanützlicher, denn es spart unnütze Wege.

Wie genau die Bundesregierung diese Probleme kurzfristig und auf ihre bekannte entschlussfeste Art löst, wird spannend zu beobachten sein. Die Pläne aus dem Umweltministerium sind ein erster Schritt in eine ergebnisoffene Diskussion, die die Bürgerinnen und Bürger als Verantwortliche des derzeitigen Klimasommers mitnimmt und ihnen klarmacht, dass künftige Belastungen nicht böse gemeint, sondern notwendig sind, um die Menschen von einem klimafreundlichen Wandel ihrer Lebensweise zu überzeugen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Politplatschquatsch“.


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