06. Juli 2019

Kult um Greta Thunberg, Deniz Yücel und Carola Rackete Wir basteln uns eine Establishment-Ikone

In der Welt schüttelt man den Kopf über Deutschland

von Maximilian Kneller

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Bildquelle: shutterstock Von den Massen verehrt: Establishment-Ikonen

Was haben ein unscheinbares Mädchen aus Schweden, ein durchschnittlicher linksliberaler Journalist und eine Besserverdiener-Tochter, die sich als Menschenschleuserin im Mittelmeer betätigte und dafür nun zur Rechenschaft gezogen wird, gemeinsam?

Alle drei wurden durch ihre Biographie zu Helden der deutschen Eliten und als solche auf einen beinahe unberührbaren Sockel gehoben. Bei Greta Thunberg war es der, aufgrund ihres Autismus vermutlich nicht ganz rationale, Entschluss, die Schule zu schwänzen, bis die Politik „irgendwie mehr für das Klima macht“. Das markante Gesicht, das eher nach zwölf als 16 Lebensjahren aussieht, und die beiden Pippi-Langstrumpf-Zöpfe ließen gewiefte PR-Leute und die grüne Fankurve, die sich in Deutschland „Presselandschaft“ nennt, schnell ihre Kampagnenfähigkeit erkennen. Die mehrheitlich rot-grünen Pädagogen an den Schulen und sogar Kitas taten ihr Übriges, um das wöchentliche Schuleschwänzen für die Schüler wie für so ziemlich jeden Establishment-Politiker zu einem großartigen Event hochzujazzen. Bei den etablierten Parteien hörte man nur von Christian Lindner homöopathische Kritik an dem Vorgang des Schuleschwänzens. Sofort holte das gesamte Establishment dankend zum gemeinsamen Schlag aus. Christian Lindner wurde als uncooler Technokrat dargestellt, der kein Ohr für die Jugend habe. Die AfD wurde natürlich ohnehin in altbekannter Manier abgekanzelt, sie sei rückwärtsgewandt und leugne ja ohnehin den Klimawandel, und so weiter. Alles irgendwie nicht neu und dennoch immer wieder atemberaubend, wie schnell sich echte Infantilität und Naivität (bei den Kindern, die lieber ein paar dumme Sprüche auf Schilder malten, als Mathe zu machen) und industrialisierte beziehungsweise in strukturelle Kanäle gegossene Infantilität und Naivität (auch „Sozialismus“ oder „grüne Politik“ genannt) zu einer Melange verknüpft hatten. Bemerkenswert auch, dass bei einer Kampagne, die von allen Eliten des Landes gepusht wurde, am Ende doch das Narrativ entstand, es würde sich hier um eine Rebellion seitens der Schüler gegen eben diese handeln. Hätte Robin Hood sich wohl auch für die Hofschreiberlinge des Sheriffs von Nottingham zu einem Botschafter seiner kleptokratischen Politik machen lassen? Oder war Robin Hood am Ende nur ein vom Sheriff angeheuerter Betrüger und die beiden haben bei der Hausratsversicherung halbe-halbe gemacht? So genau ist das nicht überliefert. Fest folgt man hier dem Narrativ, die „jungen Menschen“, ähnlich wie in autokratischen Regimen als homogene Einheit dargestellt, würden auf die Straße gehen, weil es „fünf vor zwölf“ sei und „endlich mehr getan“ werden müsse, weil es „keinen Planet B“ gebe. Nimmt man noch Greta Thunberg als charismatische Führerin hinzu, hat man die Schulbuchdefinition einer populistischen Bewegung, aber Populisten, das können ja nur die sein, die falschliegen. Und wer falschliegt, das bestimmt hierzulande immer noch die Kanzlerin. Oder der „Spiegel“.

Deniz Yücel war bis zu seiner Festnahme Ende Februar 2017 ein gewöhnlicher Journalist. Für die Welt-N24-Gruppe war er als Türkei-Korrespondent tätig und war mit gelegentlichen deutschenfeindlichen Ausfällen und sonst vor allem durchschnittlichem Geschreibsel in der Journalistenlandschaft Deutschlands völlig unauffällig. Als Erdoğan ihn inhaftieren ließ, avancierte er von einem auf den anderen Tag zum Nationalhelden. Da begründete Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Inhaftierung bestanden, war es richtig und wichtig, dass sich die deutschen Institutionen, in diesem Falle Botschaft und Außenministerium, um seine Freilassung bemühten, und zwar vollkommen unabhängig davon, wie er sich davor über dieses Land geäußert hatte. Natürlich war auch klar, dass das Establishment vor allem um die eher linken Parteien die Angelegenheit nutzte, um mal wieder einen Märtyrer zu haben. Migrationshintergrund, links und latent deutschenfeindlich waren dem zupasskommende Charakteristika. Jeder Journalist wollte auch etwas von dem Ruhm dieser unrechtmäßigen Inhaftierung als Beleg nutzen, um auf der Suche nach Bedeutung die Gefährlichkeit des eigenen Berufs zu unterstreichen. Schnell hatte man fast schon kommerzielle Strukturen um diesen Fall gestrickt. Bei seiner Freilassung brach alles in großen Jubel aus, und nun lebt er wieder in Deutschland und genießt fortan sein Heldendasein.

Billy Six erfüllt alle diese Kriterien leider nicht: Er ist „Biodeutscher“, kommt aus Ostberlin, und als wäre das nicht schlimm genug, ist er auch noch konservativ und nicht links. Lediglich den Beruf des Journalisten teilt er sich mit Yücel. Die Tatsache, dass auch er, und das aus noch windigeren Gründen, von einem Unrechtsregime, nämlich dem venezolanischen, inhaftiert wurde, nahm man hierzulande kaum zur Kenntnis. Die konservative Wochenzeitung „Junge Freiheit“ berichtete regelmäßig, diverse andere „alternative“ Medien ebenfalls, das große Presseecho mit Sondersendungen und gemeinsamen Aufrufen im Bundestag, mit Petitionen von Künstlern und Appellen des Außenministers blieb leider aus. Halbherzige Aussagen auf Nachfrage von ein paar Politikern, aber keine tatsächliche Aufmerksamkeit und erst recht keine groß angelegten Kampagnen waren hierzulande die Reaktion. Dabei hatte Cem Özdemir in einer seiner großen Theaterdonner-Reden gesagt, er würde sich bei jedem anderen deutschen Staatsbürger und ohne Ansehen der Person genauso einsetzen.

Deutschland ist Doppelmoral-Weltmeister, glaubt dabei aber selbst stets, alle anderen Staaten moralisch kolonisieren zu können, womit wir beim letzten Fall wären. Carola Rackete wurde von italienischen Behörden verhaftet, weil sie sich als Kapitänin eines Schiffs an Menschenschleuserei beteiligte, und dies ganz bewusst und industrialisiert. Rackete kommt aus reichen Verhältnissen, und Sea-Watch ist nicht der kleine, gemeinnützige Verein, für den es sich ausgibt. Die evangelische Kirche, diverse Bündnisse und Promis sowie andere Netzwerke sind im Hintergrund aktiv. Die „Sea-Watch“ ist auch nicht, wie in der Fan-PR der deutschen Presse dargestellt, ein Rettungsschiff, das anstrandende Flüchtlinge rettet, vielmehr handelt es sich um koordinierte Aktionen, in denen man bis kurz vor die libysche Küste fährt, um dort Flüchtlinge in Schlauchbooten aufzulesen, die von Anfang an auf dieses Taxi spekulierten. Man begünstigt also proaktiv Schleppertum, indem man ihnen durch Hilfskriminalität die Arbeit abnimmt, und erhöht die Bereitschaft illegaler Immigranten, die Überreise anzutreten. In Deutschland wird dies nun mit dem Bild des eben vor dem Ertrinken geretteten Flüchtlings pathetisiert.

Carola Rackete hatte somit vorher schon in entsprechenden Kreisen den Heldenstatus. Als sie jedoch in einer kalkulierten Aktion illegal in Lampedusa anlegte, dies vorher selbstredend medienwirksam auf Facebook ankündigte und dann nun einige Tage im Hausarrest verbrachte, lief in Deutschland sofort die große Gesinnungsethiker-Kampagne an. Bundespräsident, Außenminister und sonstige Offizielle äußerten sich in einer arroganten, dummen und postfaktischen Weise, die jedem Deutschen peinlich sein muss. „Wer Menschenleben rettet, der kann kein Verbrecher sein!“, hieß es da sofort. Wenn es darum geht, in moralischen Imperativen zu sprechen und aller Welt den eigenen Hippie-Schwachsinn aufs Auge zu drücken, beweist das deutsche Establishment ein beeindruckendes Selbstbewusstsein. Italien wird hier wie eine Kolonie behandelt, wie eine Bananenrepublik, die über keinen Rechtsstaat verfügt und Menschen einfach nach Belieben wegsperrt. „Sie ist an einem sicheren Ort!“, hieß es im angeblich konservativen „Focus“, nachdem Rackete Italien verlassen hatte. Seit dort nicht mehr Sozialisten korrumpieren und (runter‑) wirtschaften können, scheint aus Sicht der provinziellen wie kleingeistigen deutschen Presse Italien zu einer Art europäischem Nordkorea verkommen. In Berlin mag das abwegig erscheinen, aber es gibt noch Länder, in denen nicht das Recht des Linkeren herrscht, sondern Gesetze. Doch egal, wie sich der mittlerweile aufgehobene Hausarrest und das weitere Verfahren gegen Rackete entwickeln, in Deutschland ist sie für ihre Straftaten bereits prädestiniert für das Bundesverdienstkreuz und eine endlose Tour durch jedes bekannte Talkshow-Format. In ihr manifestiert sich die ganze moralische Eitelkeit einer einstmals großen Nation, die mittlerweile in allen Bereichen außer in der Selbstüberschätzung und der Abgabenquote unteres Mittelmaß und im Abstieg begriffen ist.

Abschließend lässt sich also sagen: Ob deutschenfeindlicher Migrant, schwänzende Autistin oder linksradikale Menschenschleuserin – wenn man genug Minderheitenrechte auf sich vereint und das richtige Narrativ mitbringt, dann kann man in Deutschland schnell zur Held*in avancieren. Dass man dabei noch so borniert ist, zu glauben, man würde irgendwo in Europa und der Welt nicht den Kopf über uns schütteln, ist das eigentlich Bemerkenswerte.


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