04. Juli 2019

Talkshow „Anne Will“ zum Mord an Walter Lübcke Panik bei der CDU

Annegret Kramp-Karrenbauer pfeift auf dem letzten Loch

von Phil Mehrens

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Bildquelle: Foto-berlin.net / Shutterstock.com Pfeift auf dem letzten Loch: Annegret Kramp-Karrenbauer

Die jüngste Talkrunde bei Anne Will war ein Offenbarungseid für die CDU: Nach dem Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke sieht sich die Partei unter ihrer neuen Vorsitzenden genötigt, eine Zusammenarbeit mit der AfD kategorisch auszuschließen. Die CDU erweist sich damit als politisches Treibgut der linken Orthodoxie. Gleichzeitig wächst, genau wie vor 200 Jahren, die Gefahr repressiver staatlicher Maßnahmen zur Eindämmung unerwünschter Meinungen.

Ich gebe es zu: In mir keimte Hoffnung, als Annegret Kramp-Karrenbauer zur CDU-Vorsitzenden gewählt wurde. Als bekennende Katholikin hatte sie es gewagt, mit der „Ehe für alle“ eine der fettesten heiligen Kühe der Linken durch ein paar geschickt verabreichte Fußtritte zu entweihen, indem sie die Argumente von konservativen Kritikern aufgriff. Wer die Ehe in der Form, wie sie das Grundgesetz unter seinen Schutz stellt, verneint, begibt sich, hatte AKK angedeutet, im christlich geprägten Abendland auf Abschiedstour und wird auch Forderungen nach alternativen Ehemodellen seitens anderer Interessengruppen argumentativ nicht lange erfolgreich standhalten können. Die SPD-Migrationsbeauftragte Aydan Özoğuz hatte bereits 2016 beim Thema Kinderehen mehr Toleranz eingefordert. Schließlich sollen die Muslime, die Kinderehen bejahen, später auch die SPD bejahen. Mit ihrem herrlichen Fastnachtswitz zum Genderquatsch im Sanitärbereich drängte sich dem erleichterten Ex-CDU-Wähler dann endgültig der Eindruck auf: Die Frau hat Courage. Die pfeift auf den linken Meinungsimperialismus!

Doch nun erlebt der deutsche Wahlbürger eine CDU-Chefin, die auf dem letzten Loch pfeift, eine Parteivorsitzende im Panikmodus. Unter dem Eindruck des widerwärtigen Mordes an dem Kasseler Migrationspopulisten Lübcke und der daraufhin wie auf Kommando öffentlich hochgeschäumten Empörungswelle, die die gesamte CDU-Führung umwarf und ins Rote Meer plumpsen ließ, unter dem Eindruck – ganz offensichtlich – auch sinkender Umfragewerte, reagierte AKK nun geradezu willfährig auf die von entrüsteten Medienschaffenden geschürte Stimmung. Sie reagierte ganz genau so, wie die Empörten sich das gedacht haben: Anstatt den durch geschickt gesetzte Piekser gegen das linke Establishment erzielten Vertrauenszuwachs unter Konservativen nun durch eine strikte Fortführung dieses Kurses zu konsolidieren, anstatt bei Angriffen von den Quatschköniginnen Maischberger und Will zum Thema „Ehe für alle“ einfach mal Haltung zu zeigen, mit Argumenten in die Offensive zu gehen und mit der von ihr bekannten Nonchalance darauf zu verweisen, dass Homosexuelle nicht zuvörderst von Menschen, sondern von der Natur diskriminiert werden, weil aus ihrem geschlechtlichen Miteinander auch in tausend Jahren keine Kinder hervorgehen können, wurde sie kleinlaut. Anstatt darauf zu verweisen, dass der Katechismus der katholischen Kirche praktizierte Homosexualität als abwegig bezeichnet, dass sich ein gläubiger Mensch selbstverständlich auf die Freiheit seines Gewissens berufen kann, solange er in einem Land lebt, das seinen Bürgern eine solche Freiheit garantiert, und anstatt erklärend hinzuzufügen, dass in der Präambel des Gesetzes, in dem diese Garantie steht, von einer „Verantwortung vor Gott“ die Rede ist, anstatt also selbstbewusst in den Attackemodus zu schalten, ließ AKK sich von den TV-Hüterinnen der Rechtgläubigkeit in die Defensive drängen. Dabei ist die CDU-Chefin mit Sicherheit sowohl intellektuell als auch rhetorisch begabt genug, um dem Lesbenterror, der in Anne Wills Augen aufblitzte, als am 23. Juni in deren gleichnamiger Talkrunde ihr Lieblingsthema zur Sprache kam, Paroli zu bieten. Aber man muss es auch wollen!

Stattdessen aber ließ AKK keinen Zweifel daran, dass die miserablen Umfragewerte und die geschmacklose Ausschlachtung des Lübcke-Mordes durch die Anhänger einer linken Einheitsmeinung sie endgültig auf Kurs gebracht haben. Die Bluttat von Kassel könnte, wenn sich die Demokratie als schwach genug erweist, zum Kotzebue 2.0 werden. Vor 200 Jahren erstach ein Burschenschafter den Systemlakaien August von Kotzebue und rechtfertigte damit die Karlsbader Beschlüsse, durch die elementare bürgerliche Freiheiten ausgehebelt wurden. Schon werden auch hierzulande Stimmen laut, die das illiberale Netzwerkdurchsetzungsgesetz für viel zu zahnlos halten, um unpopuläre Meinungen wirklich zu unterbinden, Stimmen, die etwa die Identitären, die man mit einigem Recht als Seelenverwandte, als geistige Nachfahren der Burschenschafter von 1819 sehen kann, kriminalisieren und aus dem Verkehr ziehen wollen. Wie dereinst für den Restaurationsfürsten Metternich ist der Mord an Lübcke ein willkommener Anlass, um zum Endkampf gegen Nationalgefühl und Freiheitswillen zu blasen, also gegen alles, was der Achtundsechziger-Orthodoxie als Ketzerei gilt, pauschal subsumiert unter „rechts“.

Es ist alarmierend: Nur zwei Jahre nach dem von Linksautonomen unter bereitwilliger Schützenhilfe der Hamburger Grünen angezettelten Semi-Bürgerkrieg anlässlich des G-20-Gipfels in der Hansestadt ist linker Terror aus dem öffentlichen Bewusstsein fast vollständig verschwunden. Die letzten Reste kehren SPD, Linke und Grüne, aus deren gemeinsamer Ideologie dieser Terror hervorspross, gerade mit hämischem Grinsen vor die Tür. Die Reaktionen auf den Lübcke-Mord stehen überdies – auch das eine höchst unwillkommene Beobachtung – in einem beispiellosen Kontrast zu der Art und Weise, wie auf die 14 Messerstiche eines afghanischen Flüchtlings auf eine 17-Jährige letztes Jahr in Flensburg reagiert wurde. Denn diese Tat versinkt förmlich in der Masse gleichartiger Fälle. Auch der Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt 2016 ist in der aktuellen Debatte wie ausgelöscht. Migrantenterror gibt es im deutschen Sprachgebrauch gar nicht. Würde man in der Bundesrepublik nicht notorisch mit zweierlei Maß messen, hätten Göring-Eckardt, Giffey und Co nach jenen Vorfällen einen sofortigen Zuwanderungsstopp fordern müssen. Niemand wagte bei Anne Will an diese Gräuel zu erinnern. Es hätte nach Relativierung der Bluttat von Kassel gerochen. Die Lehre, die jetzt unbedingt zu ziehen ist, lautet: Nichts ist schlimmer als rechter Terror. Unisono schlägt jetzt alles in Politik- und Meinungsgeschäft in diese Kerbe, obwohl der Täter noch nicht einmal eindeutig überführt ist. Besonders erbärmlich war der Versuch von Homo-Ehe-Befürworter und Ex-CDU-Generalsekretär Tauber, konservative Oppositionelle zu diffamieren, indem er der ehemaligen Parteikollegin Erika Steinbach vorwarf, sie trage eine „Mitschuld“ an dem Mord, nur weil sie Lübckes Politik kritisiert hatte. Das ist Metternich-Rhetorik vom Feinsten – und eine Einladung zum Hassen, die AKK gern annahm: Man solle die Augen schließen und sich Walter Lübcke vorstellen und werde nie mehr auf die Idee kommen, „dass man mit einer Partei wie der AfD als Christdemokrat zusammenarbeiten kann“, erklärte sie gegenüber Anne Will. In einem letzten Auflodern von journalistischer Überparteilichkeit bemerkte diese verdeckte Hassbotschaft sogar die Moderatorin. Dafür konnte sie kaum den Schaum zurückhalten, der ihr aus dem Mund zu triefen drohte, als sie auf Joachim Gaucks Forderung nach mehr „Toleranz gegen rechts“ zu sprechen kam. Steilvorlage für den ebenfalls geladenen Talkgast Katrin Göring-Eckardt, selbst als Predigerin von Hassbotschaften („Arschlöcher“) im Bundestag auffällig geworden und Aushängeschild einer Partei, die die Ausschreitungen beim G20-Gipfel durch Rückzugsräume für Krawallmacher begünstigte. Ihr bereitete es sichtlich Vergnügen, vom Gewaltproblem der eigenen Partei ablenken zu können, die 2007 den RAF-Terroristen und Schwerverbrecher Christian Klar gar nicht schnell genug von seiner verdienten Haftstrafe erlösen konnte, um ihn wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Schließlich sind die Grünen Integrationsobermeister. Sicher werden sie sich auch um den Lübcke-Mörder später mal so liebevoll kümmern. Auf solche bizarren Inkongruenzen bei den Grünen hätte die CDU-Chefin ruhig mal kurz hinweisen dürfen, anstatt bei Katrin Göring-Eckardt Liebedienerei zu betreiben, die wohl der nächsten Koalition das Feld bereiten soll. Anders als der Bundespräsident außer Dienst, der nicht mehr auf Umfragewerte zu schielen braucht und einfach sagen kann, was er denkt, dass nämlich die perfide Gleichsetzung von konservativ und rechtsradikal, von AfD und Neonazis eine demagogische Irreführung ist, muss Annegret Kramp-Karrenbauer indes um ihre Karriere als CDU-Frontfrau besorgt sein. Sie weiß: Jede Medienkampagne kann diese zertrümmern wie die Präsidentschaft Christian Wulffs oder die ehrenwerte Arbeit von Hans-Georg Maaßen.

Anne Will und ihre linken Mitkombattantinnen nutzten die Chance, die durch Gauck angestoßene Debatte gleich wieder mit dem Knüppel des Lübcke-Mordes zu atomisieren. AKK verpasste die Chance, Rückgrat zu zeigen und erkennen zu lassen, dass nicht Journalisten und andere Linksintellektuelle den Kurs ihrer Partei bestimmen, sondern der Wähler und der gesunde Menschenverstand. Gleich am nächsten Tag gab ihre Partei dem Druck der Meinungslenker nach und erklärte Kooperationen mit der AfD zur Tabuzone. Welch glorreicher Dienst an der Demokratie!

Für den Wähler im Osten unserer Republik kann nach der Europawahl die Devise bei den anstehenden Urnengängen daher nur sein: Make the CDU small again! Und die anderen gleich mit.


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