26. Juni 2019

Broschüre der katholischen Kirche zum Umgang mit Rechtspopulismus Handreichung gegen Hitler

Das christliche Abendland gab es gar nicht

von Holger Finn

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Bildquelle: Bundesarchiv, Bild 183-R24391 / Unknown / CC-BY-SA 3.0/Wikimedia Commons Die katholische Kirche und der Zeitgeist: Unterzeichnung des Reichskonkordats 1933

Seit Jahren schon steht die katholische Kirche in der vordersten Front derer, die mit Nächstenliebe, Toleranz und dem Ausschluss von Falschglaubenden gegen das Böse, die Bräuche des Heidentums, den Unglauben an die gottgegebene Alternativlosigkeit und die dämonische Kraft der von falschen Ideen Besessenen streiten. Vergebens – je länger die Schlacht, desto weniger Christen kämpfen noch mit. Der Kampf gegen rechts scheint nicht den Naziparteien zu schaden, sondern denen, die mutig gegen sie antreten.

Die katholische Kirche hat jetzt jedoch neu aufmunitioniert: Eine frische Handreichung gibt Tipps zum richtigen Umgang mit den Erben Hitlers – gerade noch rechtzeitig zum anstehenden 86. Jahrestag des Reichskonkordats, mit dem der Papst und der Führer des Deutschen Reiches ihre Zusammenarbeit regelten.

In der Broschüre mit dem Namen „Dem Populismus widerstehen“, mit 70 Seiten voller Sprachregelungen, vorgefertigter Werturteile und Patentrezepte gegen nazistische und nationalistische Sichten, finden verunsicherte und verstörte Gemeinden Zuflucht vor rechtspopulistischen Tendenzen.

„Eine feste Burg ist unser Gott“, übersetzt Gebärdendolmetscherin Frauke Hahnwech das erste Kapitel summarisch, was die Kirche selbst eine „graphisch gestaltete Arbeitshilfe als Expertentext“ nennt. Vorgegeben werden Antworten auf Provokationen wie die Aussage, dass das christliche Abendland durch andere Kulturen bedroht werde, dass die Wirtschaft vor dem Abschwung stehe, die Armut wachse und die EU sich nicht einmal mehr auf die Besetzung ihrer lukrativen Chefposten einigen kann.

Entschieden rechnet die katholische Kirche in ihrem Framing Manual, das Hahnwech aus dem Pastoralen ins Deutsche übersetzt hat, mit solchen und anderen rechten und populistischen Tendenzen ab. „Die Grundbotschaft ist, dass nationalistisches Gedankengut im Konflikt mit der katholischen Kirche stehe“, beschreibt die Expertin für subkutane Botschaften, wie die sich selbst für eine globale Nation haltende Kirche ihren alles überstrahlenden Egoismus hinter der frohen Botschaft versteckt, dass die Kirche für alle da sei, insbesondere für Menschen in Not.

Nicht populistisch natürlich, sondern konkret. Wobei die Kirche täglich darauf achten muss, ihr Gesamtvermögen von mehr als 500 Milliarden Euro allein in Deutschland nicht an Arme, Kranke, Alte, Hungernde und vernachlässigte Kinder zu verschwenden, weil sie sonst morgen schon nicht mehr wirksam helfen könnte. Wo der Populismus tagtäglich „sein bedrohliches Gesicht“ zeige, weil er „zu Schwarz-Weiß-Malerei und neuer Kleingeistigkeit verführt“ (Arbeitshilfe), gebe die Kirche keine einfachen Antworten, sondern Hilfe im Umgang mit Populismus und Fremdenfeindlichkeit.

In der Broschüre wird etwa auf der festen Basis historischer Fakten angezweifelt, ob es das christliche Abendland, auf das sich Rechtspopulisten oft beziehen, je in der von Hetzern, Hassern und Pegida-Sachsen behaupteten Homogenität gegeben hat. Vielmehr sei Tatsache, dass Christen in Spanien viel mehr Hexen verbrannt hätten als ihre Glaubenskollegen in Nordeuropa. Gleichzeitig hätten sich immer wieder Adelshäuser auf christliche Werte berufen, um andere Christen anzugreifen, zu bekämpfen, zu besiegen und zu unterdrücken.

Dass es der kriegerische, aggressive Katholizismus gewesen sei, der das Morgenland gegen das in solcher Homogenität gar nicht existierende Europa aufbrachte, zeige eine katholische Tradition von Werten, die Andersgläubigen auftrumpfend oder ablehnend begegne, heißt es in der Broschüre. Eine Entschuldigung für die Überfälle von mit höchstem christlichem Auftrag ausgesandten Kreuzfahrern auf friedliche Städte in Nordafrika und Asien steht bis heute aus.

Stattdessen sprach Werner Münch, der christdemokratische ehemalige Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, bei einem Kongress des konservativen Forums Deutscher Katholiken in Ingolstadt kürzlich vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk als „zwangsfinanziertem Staatsfunk“, der einer „Gleichschaltung von Meinungen“ diene, die auf eine „Machtergreifung“ und die „Ausschaltung der Meinungsfreiheit“ ziele.

Klassische populistische Rhetorik, die die Kirche nun auch mit Hilfe der neuen Sprachregelungen ausmerzen will. Eifriges Studium der Papiere vorausgesetzt, könne es den vielen engagierten Christinnen und Christen draußen im Lande gelingen, den Populismus mit Fakten und Argumenten zu bekämpfen und Deutschland wieder zu jenem besseren Ort zu machen, der es war, ehe der Rechtspopulismus erfunden wurde.

„Dem Populismus widerstehen. Arbeitshilfe zum kirchlichen Umgang mit rechtspopulistischen Tendenzen“

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Politplatschquatsch“.


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