10. April 2019

Statistik des saarländischen Innenministeriums zur Messer-Kriminalität Wie sich Medien beim Versuch blamierten, die AfD zu blamieren

Viele Journalisten können relative nicht von absoluten Mehrheiten unterscheiden

von Alexander Wendt

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Bildquelle: neotemlpars / Shutterstock.com Kein Wunder bei dem Vornamen: Messerstecher Michael Myers

Heißen die meisten Messerstecher mit Vornamen „Michael“? Zumindest im Saarland? Genau das behauptete eine ganze Reihe von Medien, nachdem das saarländische Innenministerium auf die Anfrage des AfD-Landtagsabgeordneten Rudolf Müller zur sogenannten Messer-Kriminalität geantwortet hatte.

Der AfD-Politiker wollte nicht nur die Nationalität der Tatverdächtigen wissen, sondern – allerdings nur bezogen auf Tatverdächtige mit deutschem Pass – auch deren Vornamen, geordnet nach Häufigkeit. Offenbar meinte der Fragesteller, damit Passinhaber mit nichtdeutschen Wurzeln aufspüren zu können. Das war ein ziemlich unintelligenter Versuch, der allerdings, wie sich zeigt, eine noch viel dümmere Berichterstattung nach sich zog. Aus der Statistik des Innenministeriums ergab sich, dass bei 1.490 polizeibekannten Fällen zwischen dem 1. Januar 2016 und dem 30. April 2018 in einer Teilmenge der Vorname „Michael“ am häufigsten vorkam, nämlich 24 Mal. Es folgen „Daniel“ (22) und „Andreas“ (20).

„Die meisten Messerangreifer heißen Michael“, titelte „Spiegel Online“. „Messerstecher heißen im Saarland meistens Michael“, meldete RTL. Die „Bild“ versuchte es schon etwas vorsichtiger: „Die meisten deutschen Messerstecher heißen Michael“. Die Aussage aller drei Schlagzeilen, die jeweils einen Text mit dem sinngemäßen Inhalt: „so blamierte sich die AfD“ einleiteten, war falsch. In keiner Redaktion fiel es auf, dass zwischen der Aussage: „Michael ist unter den namentlich bekannten deutschen Tatverdächtigen der häufigste Vorname“ (mit etwa drei Prozent) und der Behauptung: „Die meisten Tatverdächtigen heißen Michael“ ein erheblicher Unterschied besteht. Nämlich der zwischen relativer und absoluter Mehrheit. Ganz abgesehen davon, dass die Statistik Ordnungswidrigkeiten und Straftaten im Zusammenhang mit einem Messer zusammenfasste. Es ging also keineswegs nur um Messerstecher, sondern auch um Personen, die andere mit einem Messer bedrohten oder ein illegales Messer mit sich führten.

Nur: Was geht aus der Messer-Statistik des saarländischen Innenministeriums tatsächlich hervor? Die Beamten registrierten in dem fraglichen Zeitraum insgesamt 1.490 Verdächtige im Zusammenhang mit Messern. Namentlich bekannt waren davon 1.201. Über die anderen 289 liegen keine Erkenntnisse vor, das heißt, es kann sich theoretisch ausschließlich um Deutsche, ausschließlich um Nichtdeutsche oder eine Kombination beider Teilmengen handeln.

Von den 1.201 bekannten Personen waren 842 Deutsche, 122 Syrer, 36 Afghanen und 94 EU-Ausländer. Unter denen, die einen deutschen Pass besaßen, verfügten 14 noch über einen weiteren Pass; die Gruppe der Doppelstaatler fiel also, anders als wahrscheinlich von der AfD vermutet, kaum ins Gewicht.

Der Anteil deutscher Verdächtiger in der Aufstellung lag also bei 70,1 Prozent, der von Nichtdeutschen bei 20,9 Prozent. Eine Nationalität stach besonders hervor, die der Syrer, und zwar mit einem Anteil von 10,15 Prozent.

Von der Bevölkerung des Saarlandes, gut eine Million (991.433, Stand 30.09.2018), sind 12,04 Prozent laut Statistischem Landesamt Nichtdeutsche. Davon wiederum stammt je etwa die Hälfte aus anderen EU-Ländern, die andere Hälfte aus anderen Staaten. Der Anteil von Syrern an der Bevölkerung im Saarland liegt bei etwa 0,9 Prozent.

Das heißt: Laut Polizeistatistik sind nichtdeutsche Täter im Zusammenhang mit Messern im Saarland mehr als doppelt überrepräsentiert. Täter syrischer Herkunft sind mehr als zwölffach überrepräsentiert. Dass in einem Bundesland, das zu 87,6 Prozent von Deutschen bewohnt wird, die immerhin 70,1 Prozent der Messer-Täter hervorbringen, ein deutscher Vorname am häufigsten vorkommt, und zwar wiederum ein sehr häufiger Vorname – das entspricht allen statistischen Erwartungen. Leider auch die Überrepräsentation von Einwohnern arabischer Herkunft bei Gewalt- wie Sexualstraftaten. Sie entspricht den Werten von etlichen anderen Polizeidaten. So stieg vom ersten Halbjahr 2016 zum ersten Halbjahr 2017 in Bayern die Zahl der Sexualstraftaten um 48 Prozent. Daran hatten wiederum Zuwanderer

(überwiegend Asylantragssteller) einen Anteil von 18 Prozent bei einem Bevölkerungsanteil von 1,1 Prozent (126 Tatverdächtige von insgesamt 685). Von den Tätern aus der Gruppe der Zuwanderer stammten laut bayerischem Innenministerium gut 70 Prozent aus dem Nahen Osten. Nach einer Untersuchung im Auftrag des Bundesfamilienministeriums am Beispiel Niedersachsens stellten Zuwanderer aus Marokko, Algerien und Tunesien 17,1 Prozent aller Tatverdächtigen – bei einem Bevölkerungsanteil von 0,9 Prozent.

Die Frage der AfD nach den Vornamen der Täter mochte also plakativ sein und an der statistischen Wahrscheinlichkeit vorbeigehen. Trotzdem bestätigten die Zahlen des Innenministeriums die kriminologische Erfahrung, dass junge Männer mit arabischem Migrationshintergrund weit überdurchschnittlich häufig bei Straftaten allgemein und Messervorfällen im Besonderen auftauchen.

Die saarländischen Zahlen sagen also: Erstens: Die meisten Verdächtigen im Saarland in Zusammenhang mit Messern heißen nicht Michael (98 Prozent heißen anders). Zweitens: Auch die meisten deutschen Tatverdächtigen heißen nicht Michael, sondern anders. Drittens: Über die Vornamen speziell von Messerstechern gibt die Statistik überhaupt keine Auskunft. Viertens: Deutsche Tatverdächtige sind unterrepräsentiert. Fünftens: Nichtdeutsche Tatverdächtige sind überrepräsentiert. Sechstens: Syrische und auch afghanische Tatverdächtige sind weit überrepräsentiert.

Und siebtens: Viele Journalisten haben offensichtlich größte Schwierigkeiten, selbst einfache Statistiken auszuwerten, relative von absoluten Mehrheiten zu unterscheiden, Tatkategorien korrekt abzulesen und Ruhe zu bewahren, wenn es um die AfD geht, ganz besonders, wenn es ihnen schon in den Fingern zuckt, zu tippen: „So blamierte sich die AfD“.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Publico“.


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