29. März 2019

Antrag der AfD-Bundestagsfraktion zum Klimaschutz und Klimaquiz von Karsten Hilse Wie viele Engel passen auf eine Nadelspitze?

Es ist und bleibt praktisch ein Nichts

von Michael Limburg

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Bildquelle: shutterstock Die Klimadiskussion erinnert an scholastische Dispute: Wie viele Engel passen auf eine Nadelspitze?

Die berühmte Frage nach der Zahl der Engel, die auf eine Nadelspitze passen, soll im Mittelalter die Gemüter der Gelehrten schwer erhitzt haben. Andere halten diese überaus spitzfindige Frage für nicht belegt und vermuten eine „böswillige Erfindung des Humanismus“. Sei es, wie es sei.

Die Engel der Gegenwart sind jedenfalls die Nullen hinter dem Komma in dem Betrag, den Deutschlands Beitrag zum Klimaschutz bei völliger Dekarbonisierung liefern könnte. Und um ihre Zahl wird ähnlich erhitzt gestritten, wie es der Überlieferung nach die Scholastiker des Mittelalters getan haben.

Was ist geschehen? Im Juni 2018 brachte die AfD im Deutschen Bundestag den umfangreich begründetenAntrag ein, der Bundestag möge beschließen, dass die Bundesregierung alle „Klimaschutz“-Bemühungen einstellen möge, wegen erwiesener Nutz- und Wirkungslosigkeit. Unter Punkt 6 wurde darin auch – unter bestimmten Annahmen und unter genauer Angabe des Rechenweges – hergeleitet, dass dies nach Deutschlands völligem Verzicht auf seine technischen Kohlendioxid-Emissionen, unter den schlechtmöglichsten Annahmen des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) und seiner Zuarbeiter, nur zu einer Verminderung der Erwärmung von 0,000653 Grad Celsius irgendwann – nämlich bei Erreichung des Gleichgewichts, also irgendwann in ferner unbestimmter Zukunft, führen würde. Und wenn man statt des vom IPCC verwendeten längst wissenschaftlich widerlegten Wertes für die Klimasensitivität von 3,2 die lange etablierten Werte von maximal 0,3 bis ein Grad Celsius zugrunde legt, verminderte sich die Erwärmungsminderung auf ein Delta-T von 0,000065 Grad Celsius bis 0,00020 Grad Celsius.

Um dann mit der Schlussfolgerung zu schließen: „Damit reduziert sich jegliches Klimawandelproblem weltweit, also auch in Deutschland, bei Anwendung der aktuellen Größe des ECS-Wertes – auch bei seinem höchsten Wert von circa einem Grad Celsius – nicht zum Problem.“

Danach geschah etwas Merkwürdiges, nämlich nichts! Es gab keine parlamentarische und auch keine öffentliche Diskussion, keinen Aufschrei, einfach nichts. Niemand nahm öffentlich Anstoß, bezweifelte oder bejahte diese Zahlen. Niemand forderte, sie zu überprüfen, wie es allein schon die Fürsorge-Sorgfaltspflicht jedes Abgeordneten, wegen des ungeheuerlichen Missverhältnisses zwischen Aufwand und Ertrag, gebieten würde. Nichts! Man ging weiter zu den UN-Klimakonferenzen, zog die Fesseln des „Klimaschutzes“ enger und enger. Machte einfach weiter wie bisher.

Und so oft zum Beispiel der Abgeordnete Karsten Hilse in seinen Reden diese Zahl mit der Verminderung der Erwärmung von 0,000653 Grad Celsius auch nannte, niemand der reputierlichen Abgeordneten nahm davon Notiz. Man überging diese Zahl – ob sie richtig oder falsch ist, sei erst mal dahingestellt – einfach mit Schweigen. Und das dauerte an, bis… ja, bis die heilige Greta kam. Genauer, bis der Abgeordnete Hilse ein einfaches Quiz entwarf, mit dem er die Frontkinder der „Friday for Future“-Demo am 15. März 2019 in Bautzen konfrontierte. Diese vergnügliche Aktion hielt man in einem kurzen Video fest.

Offenbar war es so ungeheuerlich, dass jemand die Stirn hatte, den Kindern auch mal ganz einfache Fragen zum Klimathema zu stellen, dass sich nun Stefan Rahmstorf, Klimafolgenforscher aus Potsdam, dazu Greta-Versteher – und „Friday for Future“-Unterstützer – bemüßigt sah, die Fragen aus seiner Sicht zu beantworten. Er nutzte dazu seinen Blog „Scilog“ und nahm in bisher zwei Blogbeiträgen, „Das Schüler-Klimaquiz der AfD: die Auflösung“ und „Herr Hilse von der AfD beantwortet die Fragen derKlima-Lounge“, Stellung. Das Stefan Rahmstorf sich beim zweiten Mal „Klima-Lounge“ nennt, geschenkt. Zumindest der erste Beitrag wurde nach eigenen Angaben über 100.000 Mal aufgerufen.

Nun kam Leben in die Bude. Es wurde öffentlich gefragt, und es wurde öffentlich geantwortet. Wenn auch über Bande. Denn Hilse blieb die Antworten nicht schuldig, auch nicht auf die Frage nach der Herkunft der im Quiz genannten Minderung der globalen Mitteltemperatur dank Deutschlands Beitrag um satte 0,000653 Grad Celsius.

Den nahm sich Herr Rahmstorf besonders auf Korn, übersah zwar in der Hitze des Gefechts einige kleinere Details, lief aber voll in die Falle. Denn er berechnete die zusätzliche Erwärmung, nach der nicht gefragt war (allerdings ohne Angabe des Rechenweges und der gewählten Parameter, beispielsweise der Höhe des ECS-Werts), die Deutschland, bei ungeminderter Emission des jetzigen jährlichen Volumens bis 2100 bewirke. Die betrage, so Rahmstorf, sage und schreibe 0,05 Grad Celsius.

Unterstellt man als von ihm gewählten ECS-Wert die berühmten 3,2 Grad Celsius des IPCC, würde aber den kleineren, wesentlich wahrscheinlicheren Wert von einem Grad Celsius wählen, dann würde die durch Deutschland verursachte zusätzliche Erwärmung sogar auf noch schlappere 0,0152 Grad Celsius sinken. Rahmstorf kommt auf 0,05 bis 0,0152 Grad Celsius, Hilse hingegen auf 0,000653 bis 0,0002 Grad Celsius. Rechnerisch ist das sicher ein Riesenunterschied, aber nur wenn man auf der Nadelspitze tanzen will und dort nach Platz sucht. Aber null Unterschied in der Realität, wie der geneigte Leser zugeben wird. Es ist und bleibt praktisch ein Nichts! Und allein das zu zeigen, darauf wird es der AfD und Hilse angekommen sein. Nicht mehr und nicht weniger!

Denn die Frage muss erlaubt sein: Sollte die Politik sich nicht an der Realität orientieren und ist die Wissenschaft nicht gefordert, allein für eine realistische Politik dieentsprechenden realistischen Grundlagen zu liefern?

Der Fürst der Mathematiker, Carl Friedrich Gauß, mahnte genau dies an, wenn er urteilte: „Übertrieben genaue Rechnung ist das Kennzeichen schlechter Mathematiker.“ Wenn ich also als unverbesserlicher Optimist, der ich bin, unterstelle, dass irgendwann mal wieder die Vernunft auch bei unseren Regierenden einzieht, kann der Schluss nur lauten: Weder 0,05 noch 0,0152 Grad Celsius mehr noch 0,000653 Grad weniger können jemals eine große Transformation dieses Landes rechtfertigen, auf keinen Fall, um damit das „Klima“ zu schützen. Wer das in Abrede stellt, hat ganz andere Ziele. Ziele, die mit dem Klima und seinem „Schutz“ nichts, aber auch gar nichts zu tun haben.

Bleibt nachzutragen, dass sich insbesondere mein Leser Peter Dietze über die genannten 0,000653 Grad Celsius in vielen Mails und Kommentaren echauffiert. Er berechnet stattdessen (satte) 0,053 Grad bei einer ECS von 3,2 Grad und 0,01 Grad (manchmal auch 0,007 Grad) bei Verwendung des von ihm bestimmten geringeren ECS-Wertes von 0,6 Grad. Unter den von ihm gemachten Prämissen mag er sogar recht haben.

Der Physiker Horst-Joachim Lüdecke berechnete für seine Anhörung im Landtag von Nordrhein-Westfalen bei unterstellten 4,5 Grad Celsius (IPCC im Sachstandsbericht AR5, 2015) unter etwas anderen Prämissen 0,009 Grad Celsius , also ebenfalls so gut wie nichts.

Es kommt also alles auf dasselbe hinaus. Dieses Nichts kostet aber Deutschland letztlich seine Existenz.

Antrag der AfD-Fraktion im Deutschen Bundestag zum Klimaschutz

Video von Karsten Hilse beim „Friday for Future“ in Bautzen auf seiner Facebook-Seite

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Seite des Europäischen Instituts für Klima und Energie (EIKE).


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