22. Februar 2019

Stromausfall in Berlin Glücksfall für die Grüne Physik

Der Trendstadt gelang der Umstieg

von Holger Finn

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Bildquelle: shutterstock Strahlt im Glanze grüner Energie: Berlin

Es war die erste wirklich große Bewährungsprobe für Deutschlands auf grün gewendete Energieversorgung, eine knifflige Situation, in der die weitreichenden Pläne von schnell hochgefahrenen Windrädern, Solarstromüberschuss und speichernden Netzen erstmals zeigen konnten, wie wirksam und umweltschonend zugleich sie wirklich sind.

Was war geschehen? Einmal mehr hatte ein Schaden an der herkömmlichen Stromversorgung in der deutschen Hauptstadt belegt, wie anfällig die traditionelle Art der Energielieferung für Haushalte und Wirtschaft ist. Wegen eines simplen Kabelschadens im Berliner Bezirk Köpenick waren mehr als 30.000 Haushalte ohne Strom. Kein elektrisches Licht, kein Kühlschrank, kein Fernsehen, keine Ampeln, nicht einmal die Notrufe funktionierten noch.

Ein Blackout, der selbst die professionellen Berliner Behörden überraschte. Der Katastrophenschutz wurde alarmiert, Einsatzkräfte der Malteser rückten aus, die Feuerwehr war ebenso im Einsatz wie das Technische Hilfswerk (THW).

Plan B greift sofort

Besonders wichtig aber war, dass die für den Fall eines Ausfalls der traditionellen Energieversorgung bereits seit Beginn des deutschen Energieausstiegs auch in Berlin in der Schublade liegenden sogenannten Plan-B-Maßnahmen ohne jede Verzögerung in Kraft gesetzt wurden. Die Senatsverwaltung zögerte nicht und rief schon am Dienstagnachmittag Stromvorräte ab, die in den Netzen gespeichert worden waren. Mittwochmorgen dann fuhren Netzbetreiber rund um die Hauptstadt zusätzliche Kapazitäten an Solarstrom und Windenergie hoch, die über zwei jeweils 110.000 Volt führende Großkabel in die Millionenstadt geleitet wurden, in der wichtige Bundesbehörden die Zwischenzeit mit Hilfe von Notstromaggregaten auf Basis von Kohlendioxid-Handelszertifikaten überbrückt hatten.

Der Umstieg gelang nahezu problemlos. Die fossil betriebenen Blockheizkraftwerke wurden binnen weniger Minuten aus der Versorgungskette geschaltet, Windparks aus dem Brandenburgischen übernahmen die Erzeugung der Fernwärme für vorerst 30.000 Haushalte.

Ausgerechnet die als skeptisch geltenden Berliner ernteten damit die Früchte des „Neustarts bei der Energiewende“, den Peter Altmaier bei seinem Amtsantritt als Umweltminister vor sieben Jahren angekündigt hatte. „Wenn man neu in ein Amt kommt, kann man auch neu ansetzen“, hatte der CDU-Politiker damals versprochen und einem „Stillstand in der Umweltpolitik“ eine klare und mutige Absage erteilt.

Mit Recht. Ohne die klimaschädliche Gasbefeuerung der dampfgetriebenen Turbinen erreichte Berlin bereits am frühen Abend seine Klimaziele für 2030, so dass in Tausenden am Fernwärmenetz hängenden Wohnungen Jubel ausbrach. Berlin habe, so hieß es am späten Abend im Roten Rathaus, den Beweis erbracht, dass klug angewendete Grüne Physik mit Hilfe molekularelektronischer Bauelemente die Funktion der ganzen bisherigen überkommenen und schwerfälligen Energieindustrie mit einem schlanken und smarten Speichernetz ersetzen könne.

Ende der fossilen Ära

Ein schwerer Schlag für den schwedischen Vattenfall-Konzern, der Berlin bisher auf herkömmliche und umweltfeindliche Weise versorgt hatte. Gas, Strom, Atom und Kohle, das waren die Energieträger der Wahl, die über Kraftwerke aus der Gründerzeit selbst Sitzungsräume heizten, in denen der Koalitionsausschuss zum Energieausstieg beriet. Der Blackout wurde aber nun zum Glücksfall: Berlin, der Trendstadt, gelang ein Umstieg vom reinen Elektrizitätsverteilungsnetz früherer Tage zum cleveren Energieversorgungsnetz der Zukunft, in dem Wärmedämmung, Elektrofahrzeuge, große Kabelspeicher und neuartige Mikromodulnetzbatterien nach Bauplänen der Grünen Physik Hand in Hand für eine unterbrechungsfreie Stromverfügbarkeit sorgen, die nicht zwingend immer und von jedem zu jeder Zeit genutzt werden muss.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Politplatschquatsch“.


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