21. Februar 2019

„Die Zeit“ über Konformismus im Internet Sollte eigentümlich frei eine Satirezeitschrift werden?

Oder ist das gar nicht mehr nötig, wenn die Realität Monty Python überholt?

von Axel B.C. Krauss

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Bildquelle: Brian Kenney / Shutterstock.com Längst Realität: Ministerium für dumm gelaufen

Wissen Sie, ich habe mir schon überlegt, Herrn Lichtschlag zu fragen, ob er nicht Lust hätte, aus eigentümlich frei eine Satirezeitschrift zu machen. Aber dann hielt ich inne: Moment, das käme ja viel zu spät! Denn wenn die Wirklichkeit, vor allem die politmediale, selbst das berühmte „Ministerium für dumm gelaufen“ in den Schatten stellt, die Realität also längst zur Satire wurde, besteht keinerlei Notwendigkeit mehr dazu.

Ich habe mich redlich bemüht, aus dem irrwitzigen Nachgerichteten allein der letzten Woche die schimmerndsten Perlen zu picken. Keine leichte Aufgabe, kann ich Ihnen sagen. Erst finden – so war in irgendeinem niederstufigen Fischröckchen zu lesen – zwei schwedische Wissenschwafler heraus, Kinder seien die größten „Klimakiller“ (sic!), da sie mehr Kohlendioxid produzierten als – hält ihr Zwerchfell noch? – „24 Autos“, dann verblüfft das VEB Buntfernsehen der Volksrepublik Merkelkorea („Tageswegschau“) auf seiner Website mit der biologisch revolutionären Erkenntnis: „Kanadas Wald – Eine CO2-Schleuder“ (Mega-sic!), dann schreibt Clemens Wergin in der „Welt“, Deutschland habe keine andere Wahl, als IS-Terroristen und/oder deren Anhänger aufzunehmen, denn das – Sie essen oder trinken im Augenblick doch nichts, oder? Also ich komme nicht für die Reinigungskosten auf! – sei der „einzig korrekte Weg“ – wie Sie unschwer erkennen können, scheint der geistige Verfall im Failstream so schnell fortzuschreiten, wie man es sonst nur aus diesen putzigen Natur-Dokus kennt, die im Zeitraffer zeigen, wie ein Apfel verfault, ein Vergissmeinnicht sich aus dem Boden räkelt (obwohl dieser Vergleich natürlich hinkt, denn Vergissmeinnicht sind, im Gegensatz zum heutigen Journalismus, schöne, anmutige Pflanzen) oder wie Wanderameisen ein Beutetier zernagen, bis nichts mehr übrig bleibt.

Nun gut: Ich hatte ja schon vor dem Jahreswechsel angekündigt, dass keine Besserung zu erwarten stehe, im Gegenteil. Die Propaganda würde nur schlimmer werden, schrieb ich. Danke für den (nieder‑) schlagenden Beweis, lieber Failstream.

Es galt diese Woche aber ein ganz besonderes Goldstück zu entdecken, einen Tausendkaräter von Fehlschuss, den vorläufigen Spitzenreiter in den nach unten offenen Hitparaden der Weltentrücktheit. Den konnte ich Ihnen natürlich unmöglich vorenthalten.

Film ab: „Im Internet eine unkonventionelle Meinung zu vertreten, ist anstrengend. Daher üben sich auch aufgeklärte Menschen sicherheitshalber im Konformismus. Das ist gefährlich.“ Kein Quatsch. Nein, ich habe es nicht frei erfunden. Nachzulesen in einem abstrakt artikelähnlichen Textsurrogat der „Zeit“ vom 19. Februar im Jahre des die Hände über dem Kopf schreiend zusammenschlagenden Herrn Zweitausendundneunzehn.

Lieber Leser: Seien Sie also bitte auf der Hut vor dem gefährlichen Konformitätsdruck des Internets! Diskutieren Sie lieber mit uns, den freiheitlichsten, meinungsdiversesten, tolerantesten, aufgeklärtesten, stets total entspannt jede Meinung respektierenden Qualitätswächtern aus Hamburg.

Bitte vermeiden Sie dabei allerdings: Europahass, Euro-Zweifel, Merkel-Bashing, Klima- und Feinstaubleugnung, Rechtspopulismus, ‑extremismus, ‑nazismus, ‑nihilismus, ‑nationalismus und... ach, seien Sie einfach links, das kann doch nicht zu viel verlangt sein, Regierungsfeindlichkeit, Sexismus, Manspreading und Mansplaining, Russland-Verständnis, Antiamerikanismus, Verschwörungstheorien aller Art (was das ist, bestimmen wir), altweiß-abgehängtes, toxisches Köter‑, Kack- und Kotzmännertum, AfD-Sympathien, Dieselaffinität und sollten Sie, pfui Teufel, weißer Hautfarbe sein, lässt sich mit einem Döschen Schuhcreme leicht Abhilfe schaffen, verzichten Sie bitte ferner auf... ach, unterlassen Sie einfach schädliche Gedanken.

Sollte Ihnen das schwerfallen, kein Problem: Unsere aus technischen Gründen geschlossenen Kommentarspalten helfen Ihnen gerne weiter.

Mit totalitären, irgendwie nostalgischen, längst überwunden geglaubten, stets nach einfachen Lösungen für komplexe Probleme suchenden Grüßen, Ihr

Pressegehege


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