08. Januar 2019

Proteste gegen Präsident Omar al-Baschir im Sudan Aufstand an Universitäten

In Deutschland undenkbar

von Michael Klein

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Bildquelle: Petr Adam Dohnálek (CC BY-SA 3.0 CZ)/Wikimedia Commons Hort des Widerstands: Universität Khartum

Stellen Sie sich vor, deutschen Professoren reicht es. Sie solidarisieren sich mit denen, die ebenfalls der Meinung sind, die politische Korrektheit sei zu weit gegangen. Sie gehen auf die Straße, um gegen Gender Studies und Spruchbeutel auf Professuren zu demonstrieren, die nicht nur die Sozialwissenschaften lächerlich machen. Professoren der renommiertesten deutschen Universitäten von München bis Heidelberg setzen sich zusammen, um sich jegliche Einmischung des Staates in das Curriculum der Hochschulen zu verbieten… Stellen Sie sich vor, deutsche Professoren zeigen Rückgrat in einer Situation, die ihnen persönliche Nachteile bringen kann, in einer Situation, in der sie das Risiko staatlicher Sanktion eingehen… Unvorstellbar?

Stimmt. Mir auch. Unvorstellbar. Ich kann mir keine Situation vorstellen, die dazu führt, dass deutsche Professoren ihren Hintern in die Höhe bekommen, um sich dagegen zur Wehr zu setzen, dass ihre Wissenschaft zerstört wird. In sogenannten Entwicklungsländern ist das anders.

Der Sudan zählt zu den ärmsten Ländern der Erde. Die Hälfte der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze. Das Land ist unter den zehn am höchsten verschuldeten Ländern der Erde zu finden. Die Inflation galoppiert mit 32,4 Prozent (2017). Der Sudan hat ein Außenhandelsdefizit von 4,8 Milliarden US-Dollar, die Vorräte in Devisen sind fast aufgebraucht, mit anderen Worten, das Land steht am Rande eines wirtschaftlichen Kollapses und das, obwohl die Hauptexportgüter Gold, Erdöl und Petroleum sind. Das Land wurde bis zu Beginn der 2010er Jahre von Bürgerkrieg gebeutelt, bis 2017 waren Sanktionen der USA gegen den Sudan in Kraft. An der Spitze des Sudan steht mit Omar al-Baschir ein Präsident, der 1989 durch einen Militärcoup an die Macht kam und seither seine autokratische Macht immer weiter ausgebaut hat, so dass die Republik Sudan in politikwissenschaftlicher Kategorisierung als eine autoritäre Regierungsform angesehen werden muss. Wie in allen Formen autoritärer Herrschaft, so wird auch im Sudan mit einem umfangreichen Polizei- und Militärapparat Widerstand in der Bevölkerung unterdrückt. Wer sich gegen al-Baschir stellt, spielt nicht nur mit seiner wirtschaftlichen, sondern auch mit seiner physischen Existenz.

Seit dem 19. Dezember 2018 stellen sich dennoch Tausende gegen al-Baschir. Der deutschen Presse, die meint, Telefonnummern von Politikern, die veröffentlicht wurden, tagelang zum beherrschenden Thema machen zu müssen, ist das, was sich im Sudan derzeit ereignet, keinen Bericht wert. Wozu auch, das Land der Nubier liegt irgendwo kurz vor Schwarzafrika im arabischen Teil Afrikas, irgendwo in der Gegend um Ägypten und hat keinen Club Med und keinen Strand vorzuweisen, an dem man als Deutscher Urlaub mit TUI machen kann. Daher sind die bislang nach Zählung von Amnesty International 37 Toten keiner Erwähnung wert, ebenso wenig wie ein Ereignis vom Sonntag, das man kaum überschätzen kann: 100 Professoren und Dozenten der altehrwürdigen Universität Khartum haben sich an Protesten gegen Omar al-Baschir beteiligt, das heißt, sie wollten sich beteiligen, wurden aber nach Angaben von Al Jazeera von Polizei und Militär daran gehindert, ihre Universität zu verlassen.

Die 100 Professoren und Dozenten, die den Rücktritt von Omar al-Baschir fordern, gehen mit ihrer Aktion ein erhebliches existenzielles Risiko ein, nicht nur im Hinblick auf ihre wirtschaftliche, sondern auch im Hinblick auf ihre physische Existenz. Das Regime von al-Baschir ist nicht zimperlich, dennoch haben sich die Professoren und Dozenten am Protest in der Hauptstadt beteiligen wollen.

In Deutschland gehen Professoren auf die Straße, um ihre Übereinstimmung mit der Regierungspolitik kundzutun, nicht um gegen die Regierung zu demonstrieren. Sie protestieren gegen die vermeintlichen Feinde ihrer Regierung, biedern sich an und verdingen sich als in Hochschulen institutionalisierte Vasallen. Die meisten kommen nicht einmal entfernt auf die Idee, gegen die staatlichen Eingriffe in Hochschulen, gegen deren zunehmende Ideologisierung und die immer drastischere Gängelung von Personen, die nicht den politisch korrekten Kanon der Gesinnungswächter unterschreiben, Widerstand zu leisten, Widerstand, der für sie als Beamte nahezu folgenlos wäre.

Manchmal, wenn man Nachrichten wie die aus dem Sudan liest, kann man nicht anders, als einen Vergleich mit den Verhältnissen in Deutschland anzustellen und sich zu fragen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit wäre, dass Professoren und Dozenten, die nicht einmal Widerstand leisten, wenn die Kosten gering oder nicht existent sind, es dann tun, wenn die Kosten für Leib und Leben hoch sind.

Und man kennt die Antwort.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Sciencefiles“.


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