28. Dezember 2018

Kritik an der Entwicklungshilfe Afrika hat genug von seinen Helfern

Das menschliche Potenzial wird nicht ausgeschöpft

von Volker Seitz

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Bildquelle: shutterstock Hat ungenutztes menschliches Potenzial: Afrika

Anderen Menschen zu helfen – oder zumindest zu glauben, dass man es tut – ist ein vermutlich altes, allzu menschliches Bedürfnis. Es wird ein gutes Gefühl erzeugt, weil man vermeintlich die Notleidenden bedacht hat. Die gute Absicht zählt. Unsere Gaben für Afrika lösen aber tiefgreifende gesellschaftliche Grundprobleme nicht. Entwicklungshilfeorganisationen müssen sich auch selbstkritisch fragen, wie es kommt, dass sie eher als Bevormunder denn als Wegbereiter zur Selbsthilfe wahrgenommen werden. Es fehlt an der Bereitschaft der Entwicklungshelfer, sich nach einer gewissen Zeit überflüssig zu machen. Die Entwicklungshilfe hat in den letzten 50 Jahren weitgehend ihr Ziel verfehlt und eher die Oberschicht alimentiert. „Es herrscht in der Oberschicht nicht die geringste (Selbst‑) Verantwortung dafür, die sozio-ökonomischen Verhältnisse so gestalten zu wollen, dass für junge Menschen auch wirklich Arbeitsplätze geschaffen werden, ja, im Gegenteil: Die Migration entlastet in enormem Ausmaß von einer Verpflichtung. Und zusätzlich: Man kann so potenzielle politische Unruhestifter ins Ausland evakuieren“ (Hans F. Illy).

David Signer schrieb am 18. August 2018 in der „NZZ Online“ („Entwicklungshilfe ist ein Auslaufmodell“): „Es ist einfacher, Hilfsgelder zu verlangen, als eine funktionierende Wirtschaft aufzubauen. In manchen Ländern gibt es mehr NGOs als Firmen. Das ist eine fatale Interessenkonvergenz zwischen Wohlmeinenden und Despoten. Für einen Regenten ist es angenehm, wenn er kein Volk von Steuerzahlern vor sich hat, sondern Vertreter von Organisationen, die froh sind, wenn sie ihre Projekte durchführen können.“

Und weiter: „Es gibt vielerorts in Afrika, gerade unter Staatschefs, die Tendenz, die Weißen für alle Übel des Kontinents verantwortlich zu machen und sich so aus der Verantwortung zu stehlen. Bezeichnend ist allerdings, dass dabei ‚der Europäer‘, auch im Verständnis der Bevölkerung, oft ambivalent besetzt ist. Er ist Übeltäter, Kolonialist, Ausbeuter, Unterdrücker, Rassist, aber auch Retter, Heilbringer, Geber, Wohltäter. Diese Widersprüchlichkeit spiegelt sich auch in der Migration, wenn sich Ausreisewillige Europa als Garten Eden vorstellen, zugleich aber einen angeblich allgegenwärtigen Rassismus beklagen.“

Der Kontinent degradierte sich zum ewigen Bittsteller

Entwicklungspolitiker haben eine Wohlfahrtsmentalität geschaffen, weil afrikanische Regierungen erkannten, dass es keine Notwendigkeit gibt, irgendetwas für sich selbst zu tun, weil jemand in Berlin, Paris oder London es für sie schon machen wird. Sie lässt ganze Staaten in Agonie verharren. Straßen und Versorgungsnetze für Strom und Wasser verkommen, bis sie nicht mehr funktionieren! Beispiel „Straßen“: Wer hindert denn die afrikanischen Staaten daran, ihre geringen Lohnkosten zu nutzen und Straßen arbeitsintensiv zu bauen, mit Tausenden Arbeitslosen statt mit Caterpillar-Maschinen? Geschenkte Geräte etwa in Krankenhäusern werden nicht repariert, weil immer neue Produkte geliefert werden.

Der Kontinent degradierte sich zum ewigen Bittsteller. Die Hilfsgelder haben sich fest etabliert, weil die Schuldgefühle der ehemaligen Kolonialmächte in eine Goldmine internationaler Hilfe umgemünzt werden konnten. Beispiel „Handel“: Es ist doch völlig unglaubwürdig, darüber zu reden, ohne zugleich die Handelsprivilegien zu erwähnen, die Amerikaner und Europäer eingeräumt haben.

Die Geldgeber haben nichts getan, um zu verhindern, dass sich einige Länder zu autokratischen und gegenüber sozialen Belangen gleichgültigen Staaten entwickelt haben. Aus meinen vielen Gesprächen, Begegnungen und anderweitig gewonnenen Eindrücken in Afrika weiß ich, dass es immer öfter an Möglichkeiten fehlt, den Zustrom des Geldes sinnvoll einzusetzen. Wir werden mit unserer Übereifrigkeit und dem Zwang, das einmal bewilligte Geld auch ausgeben zu müssen, von Afrikanern nicht ernst genommen.

Warum sollten sie Probleme lösen, wenn sie „outsourcen“ können? Die Geber stehen doch Schlange, um helfen zu dürfen. Alle Regierungen, mit denen ich zu tun hatte, denken sofort an die Geber, wenn ein Problem auftaucht. So hat Entwicklungshilfe überall in Afrika zerstörerische Wirkung entfaltet. Natürlich haben die Helfer und übermäßig barmherzige Gutachter ein wesentliches Interesse daran, für den Rest des Arbeitslebens in der Entwicklungshilfe zu bleiben. Resignierend kann man das Verhalten nur mit Mark Twain kommentieren: „Als wir die Orientierung verloren hatten, verdoppelten wir unsere Anstrengungen.“

Für Afrikaner ist jeder Entwicklungshelfer reich

Alex Perry, Auslandskorrespondent von „Time“ und „Newsweek“, schreibt in seinem Buch „In Afrika: Reise in die Zukunft“: „Die Frage, ob Hilfe auch schaden kann, wird selten gestellt“ (Seite 45). „1969 – das erste Jahr, für das statistische Daten vorliegen – betrug die Entwicklungshilfe für Afrika 596,4 Millionen US-Dollar oder etwas mehr als zwei US-Dollar pro Afrikaner jährlich. In den folgenden 50 Jahren verdoppelte sich diese Summe alle paar Jahre. Bis 2013 hatte sie sich verhundertfacht und erreichte mehr als 50 US-Dollar pro Afrikaner und Jahr; zu dieser Zeit waren in diesem Bereich weltweit dreimal so viele Menschen beschäftigt wie in der Erdöl- und Erdgasindustrie, dem größten Wirtschaftszweig der Welt“ (Seite 198). „In den reicheren Teilen der Erde findet die Hilfe ihr Maß in der Großzügigkeit: in der Höhe der beschafften Gelder und der Spenden. In der armen Welt wird sie daran gemessen, wofür das Geld ausgegeben wird, aus dieser Perspektive ergibt sich oft ein ganz anderes Bild.“ – „Zuweilen kann der Eindruck entstehen, die Hilfe wäre nichts anderes als ein von Hilfsorganisationen für ihre eigenen Mitarbeiter erdachtes Programm zu deren Bereicherung und Wohlleben“ (Seite 199). „Viele Hilfsorganisationen profitieren von der schlechten Datenlage und der Ferne zu ihrem Publikum. Es gab kaum Möglichkeiten, sie daran zu hindern, gute oder sogar großartige Erfolge für sich zu reklamieren“ (Seite 202).

Für Afrikaner ist jeder Entwicklungshelfer reich. Alle Weißen sind für sie reich. In manchen Hauptstädten wie zum Beispiel im kenianischen Nairobi sind die Lebenshaltungskosten schmerzhaft hoch, nicht zuletzt wegen der starken Präsenz internationaler Hilfsorganisationen. Entwicklungshilfe, die mit einer Änderung bestehender Bräuche verbunden ist, will lang und breit mit den Betroffenen beraten sein. Stattdessen setzen Entwicklungshelfer einfach voraus, dass jedermann den angestrebten Fortschritt nur begrüßen könne. Projekte sollten sich möglichst eng an afrikanische Gewohnheiten und Möglichkeiten anlehnen. Einheimische sollten mit dem Ziel ausgebildet werden, nicht nur untergeordnete, sondern auch leitende Funktionen auszuüben.

Mir ist immer wieder aufgefallen, dass afrikanische Frauen lernbereiter als Männer waren. Die Hilfsorganisationen übernehmen meist in Eigenregie die konkrete Überprüfung ihrer Projekte. Dies hat noch nie funktioniert. Das bundeseigene Deutsche Evaluierungsinstitut der Entwicklungszusammenarbeit (Deval) in Bonn hat im Mai 2018 kritisiert, dass nicht korrekt überprüft wird, ob die Projekte wirklich effektiv umgesetzt und die gesteckten Ziele erreicht werden. Die Bereitschaft, zu lernen, und das heißt: die eigenen Positionen immer wieder zu überdenken, ist auch in der Entwicklungshilfe unabdingbar. Wer dem globalen Hilfsbusiness kritisch gegenübersteht, wird in die Ecke der „sozialen Kälte“ gestellt. Diejenigen, die die Probleme kennen, wissen, dass niemand ihre Einwände hören will. Meinung und Tatsachen werden ständig verwechselt. Zerstörtes Vertrauen wird erst durch vollständige Berichterstattung ohne beschönigendes Verschweigen wiederaufgebaut.

Regierungen vieler reicher Staaten, wie etwa Angola, Kamerun, Kenia und die beiden Kongos, verstecken sich hinter ihren armen Menschen, während sie ihre Klientel mit Staatsposten versorgen. Gerade in diesen Staaten sind die Korruption und der Schlendrian auf höchstem Niveau nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Wir sollten die Wahrheit nicht dem opfern, was politisch korrekt oder pädagogisch wertvoll erscheint. Möglicherweise, so vermutete Umberto Eco, ist die politische Korrektheit überhaupt dazu da, das zugrundeliegende Problem, weil es ungelöst ist, sprachlich zu kaschieren.

Das menschliche Potenzial wird nicht ausgeschöpft

Die Entwicklungen in Afrika sind keineswegs vom Himmel gefallen. Das oft gelobte Wirtschaftswachstum in einigen Staaten berührt nicht einmal die Oberfläche dessen, was möglich wäre. Wenn man dem Durchschnittsafrikaner sagt, die Wirtschaft seines Landes wachse, wird er fragen: „Für wen?“ Das menschliche Potenzial wird nicht ausgeschöpft. Es fehlen in vielen Ländern Afrikas Politiker mit Führungstalent und der Bereitschaft zu Veränderung. Von ihren Regierungen im Stich gelassen, sind Afrikaner gezwungen, ihre eigenen Dienstleistungen zu schaffen, eigene Privatschulen einzurichten, private Sicherheitskräfte einzustellen, eigene Stromgeneratoren zu betreiben und selbst Brunnen zu bohren.

„Afrika ist reich, nur seine Politik ist armselig“, sagt der ghanaische Ökonom George Ayittey, und der ivorische Journalist und Schriftsteller Vénance Konan schreibt in seinem Buch „Chroniques afro-sarcastiques“: „Houphouët-Boigny, ehemaliger Präsident der Elfenbeinküste, sprach eines Tages zu seinem Volk und fragte: ‚Welcher seriöse Geschäftsmann hat kein Konto in der Schweiz?‘ Und sein Volk jubelte. Man muss aber wissen, dass unsere Chefs auch Geschäftsleute sind. Sie besitzen die besten Unternehmen des Landes. Ohnehin kann niemand im Lande Geschäfte machen, ohne an sie eine Kommission zu zahlen oder sie selbst, ihre Frauen, ihre Geliebten, Söhne, Neffen oder andere Verwandte, am Gewinn zu beteiligen.“ Auch heute haben viele afrikanische Spitzenpolitiker unermessliche Reichtümer angehäuft. Auf die Seite der Gewinner schafft es nur, wer gute politische Beziehungen hat. Einen Job an ein Clanmitglied zu vergeben, ist für sie nicht Vetternwirtschaft, sondern eine Verpflichtung. Sie verteilen Pfründen, so dass eine bezahlte Klasse von Ergebenen entsteht.

Hauptthema der meisten Fernsehsender in Afrika sind selten die wichtigsten Ereignisse des Tages. Stattdessen geht es darum, was der Präsident an diesem Tage gesagt oder getan hat. Zeitungen müssen auf der ersten Seite das übliche Foto des Staatspräsidenten bei der Erledigung der Staatsgeschäfte drucken. In den letzten 40 Jahren habe ich von vielen Regierungsvertretern in Afrika nur schöne Worte und Phrasen gehört oder in Interviews gelesen. Das klingt dann sehr tatkräftig, aber so gut wie nie wurde gesagt, was in den letzten Monaten und Jahren geschafft wurde.

Immer wurde „in Aussicht gestellt“ oder: „sehen wir in Zukunft“, „planen wir, XY bietet künftig große Chancen“, „Die Regierung sieht großes Potenzial“, oder es wird wieder einmal angekündigt: „Unser Ziel ist es, die Unternehmensgründungen zu erleichtern“, und so weiter. Die groß angekündigten Neuerungen bleiben genau das: Ankündigungen. Einige Länder wie Angola, Äquatorialguinea, Demokratische Republik Kongo, Gabun, Kamerun, Nigeria, um hier nur sechs zu nennen, verfügen zwar dank ihrer Öl- und Mineralvorkommen über märchenhaften Reichtum – zum Aufbau eines eigenen funktionierenden Gesundheits- oder Bildungswesens hat es jedoch bislang nicht gereicht.

Es fehlt die Erkenntnis, dass Bildung Zukunftspotenzial ist. Es gibt viel Potenzial in Afrika, aber so wenig wird davon genutzt. Ämter werden schamlos ausgenutzt, um sich zu bereichern. Deshalb ist das Vertrauen in die politische Klasse sehr gering. Überall da, wo die Politiker im Verdacht stehen, korrupt zu sein, ist das Vertrauen denn auch tief erschüttert. Die Politikerverachtung in diesen Ländern ist besonders groß, weil sich die Bevölkerung von einer Machtelite entmündigt fühlt. Extreme Wurstigkeit ist das Merkmal dieser „Eliten“, die weiter in den Tag hinein leben.

Die „Love-Africa-Typen“

Der Wirtschaftsingenieur und Autor Luc Degla aus Benin hat mit „Wenn die Gäste bleiben“ ein witziges, informatives, gut lesbares, immer noch aktuelles Buch vorgelegt. Der klarsichtige Text – mit Unterstützung des Hochschulrates der Universität Freiburg/Schweiz geschrieben – hält uns den Spiegel vor. Das Buch lehrt uns, dass viele Europäer und Afrikaner (er beschreibt Erlebnisse vorwiegend aus Benin, Togo und Ghana) sich keine Vorstellung machen, wie die Realität in Afrika beziehungsweise in Europa aussieht. Luc Degla betrieb seine ethnologische Feldforschung vorwiegend in der Schweiz, nutzte aber auch seine Erfahrungen in Russland und in Deutschland, wo er seit Jahren in Braunschweig lebt.

Man lernt einiges über uns und relativiert nach der Lektüre die eigene Sicht der Dinge, zumindest macht sie nachdenklich. „Warum kommen die Menschen nach Europa?“, fragt Degla. „Es geht nicht unbedingt um Geld, vielmehr um einen planbaren Alltag, um den Umgang zwischen den Menschen.“ Bei Gesprächen mit afrikanischen Würdenträgern macht er sich keinen Freund, weil er nicht an die Entwicklungshilfe aus Europa glaubt. Er schreibt: „Die schwarze Haut ist armutsfotogen und wird intensiv von Hilfsorganisationen und der Entwicklungshilfeindustrie benutzt.“

Die Schriftstellerin Yvonne Adhiambo Owuor aus Kenia nennt „Entwicklungshelfer mit messianischem Funkeln in den Augen“ die „Love-Africa-Typen“ und fragt sich: „Ist er ein Brunnenbauer? Ein Armutsbekämpfer?“ Viele kritische Afrikaner (nur eine kleine Auswahl: Thabo Mbeki, Wole Soyinka, Teju Cole, Andrew Mwenda, Henry Lubega, Dambisa Moyo, Themba Sono) können die Wirklichkeit des Kontinents besser beschreiben als westliche Experten mit angestrengter Sprache und grandiosen Thesen.

Gerne wird ihnen das abwertende Etikett „umstritten“ oder gar „ideologisch geprägte Programmatik“ angehängt, weil sie sich gegen Entwicklungshilfe aussprechen. Es gibt lautstarken Protest – aber nicht gegen die Zustände, sondern gegen die Ehrlichkeit, die als Munition für Kürzungen im Entwicklungshilfehaushalt gesehen wird. Welche Rolle spielen schon die Meinungen von Afrikanern, wenn Weiße beschließen, ihnen zu „helfen“?

Es sind unbequeme Wahrheiten – nicht zuletzt, weil afrikanische Regime, Entwicklungspolitiker und die internationale Medienwelt das Elend der Bevölkerung systematisch als Ressource nutzen. Der kongolesische Schriftsteller und Renaudot-Preisträger Alain Mabanckou sagte schon im Februar 2009 in einem Interview mit der französischen Zeitschrift „Jeune Afrique“: „Man kann immer mit dem Finger auf den Westen zeigen, aber wir sind auch für unsere eigenen Unglücke verantwortlich. Wir suchen immer den westlichen Vermittler, der die Lösung bringen soll. Ich gehöre zu denen, die zuerst die afrikanischen Fehler sehen.“ Im März 2018 zitiert der Deutschlandfunk James Shikwati: „Die Hilfe subventioniert indirekt schlechte Politik. Nehmen Sie zum Beispiel den Kongo oder auch Kenia. Die Konflikte dort werden im Grunde von den Eliten verursacht, die sich um das Geld aus dem Westen streiten.“

Und der bereits genannte Vénance Konan sagt in einem Interview mit Radio France Internationale am 14. Mai 2018: „Es gibt ein neues Übel: die Entwicklungshilfe. Wir sind so weit gekommen, dass wir glauben, nichts ohne Hilfe tun zu können. Nach 50 Jahren Unabhängigkeit können wir nicht einmal eine elektrische Steckdose herstellen. 55 Staaten bringen es nicht fertig, Geld für den Bau ihres Organisationssitzes (Afrikanische Union) aufzubringen. Es ist Zeit, sich zu erheben.“

Dieser Artikel erschien zuerst auf der „Achse des Guten“.


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