14. November 2018

Historische Kenntnisse und Politische Korrektheit bei Schülern und Studenten Ohne Erinnerung keine „Erinnerungswende“

„Moralkunde“ statt Geschichte

von Michael Klonovsky

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Bildquelle: shutterstock Wissen wenig über Geschichte: Junge Leute von heute

In der aktuellen Ausgabe der „Jungen Freiheit“ schildert Nicolaus Fest, wie er sich während des Wahlkampfs für seine Bundestagskandidatur im vergangenen Jahr an mehreren Berliner Gymnasien und andernorts Diskussionen mit Schülern und Studenten gestellt habe. Überall sei er durchaus „scharf und unfreundlich“ angesprochen worden, unter anderem auch wegen Björn Höckes Forderung nach einer „180-Grad-Wende in der Erinnerungspolitik“. Überall habe er, wenn die Situation es erlaubte, darum gebeten, Gegenfragen an seine Gesprächspartner richten zu dürfen. Diese Fragen lauteten beispielsweise: Was war die Emser Depesche, was die Goldene Bulle, was das Mirakel des Hauses Brandenburg? Was beinhalteten die Benesch-Dekrete? Wie hießen die Staatsratsvorsitzenden der DDR? Wann und durch wen wurde die Weimarer Republik ausgerufen? Mit welchem Vertragswerk endete der Dreißigjährige Krieg? Welche Einheit beschwor die SED in ihrem Namen?

Mit Ausnahme einer winzigen Minderheit historisch Interessierter sei niemand im Auditorium in der Lage gewesen, solche Fragen zu beantworten. „Es herrschte historische Demenz“, resümiert Fest. Nicht einmal zum Dritten Reich seien unter den jungen Leuten mehr als nur ein paar Stichworte abrufbar gewesen. Die Kenntnis der kommunistischen Staatsverbrechen tendierte erst recht gegen null. Deshalb habe er den Scholaren die beruhigende Auskunft erteilen können, ihre Furcht vor einer „Erinnerungswende“ sei vollkommen unbegründet. Eine Wende setze voraus, dass man überhaupt in irgendeine Richtung segele. Sie aber lägen „fest vertäut im Hafen des historischen Analphabetismus“.

Dieser – also der Analphabetismus, nicht der Hafen – verschränkt sich bekanntlich gern mit moralischer Präpotenz. Sogar ein Berliner Partybürgermeister wusste nicht, wann genau ein gewisser Weltkrieg begonnen hatte, aber wer die Schuld an diesem Krieg trug, darüber befand er sich sehr genau im Bilde. Die Antworten der Schüler, so Fest, „gingen immer in dieselbe Richtung: Nicht Kenntnis war wichtig, sondern Urteil. Krieg böse, Armut böse, Kolonialisierung böse, Kapitalismus böse.“ Sie wissen historisch praktisch nichts, können aber alles korrekt bewerten. Für all die Ambivalenzen, von denen die Historie voll ist, besitzen sie kein Organ mehr. Statt Geschichte haben sie „Moralkunde“ gelernt. Statt Vielfalt herrscht in den Köpfen die binäre Logik der Hypermoral.

Nichts ist für die Abrichtung folgsamer Untertanen wichtiger, als ihnen den Blick in die reale Geschichte zu verstellen, die Wurzeln – und damit den historisch gegründeten Eigensinn – zu beschneiden und ihnen stattdessen ein Geschichtsbild anzudressieren, aus dem sie eine moralische Legitimation beziehen dürfen, die zufällig jener ihrer Lehrmeister genau entspricht. Die Ahnungslosigkeit als Grundbedingung für jede Art Karriere.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Acta diurna“.


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