18. Oktober 2018

„Plagiatsskandal“ um Alexander Gauland, Hitler und den „Tagesspiegel“ Allerechtester Hitler

Äußerungen sind kontextabhängig

von Alexander Wendt

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Bildquelle: ararat.art / Shutterstock.com Alexander Gauland im Urteil von Historikern: Hitler light

Als die „Frankfurter Allgemeine“ am 6. Oktober einen Beitrag des AfD-Vorsitzenden Alexander Gauland in ihrer Rubrik „Fremde Federn“ veröffentlichte, schien – hier passt die Journalistenstanze wirklich – der Skandal perfekt. War er aber nicht. Perfekt wurde er erst, als ein Twitter-Nutzer namens „znuznu“ entdeckte, dass eine kurze Passage aus dem Gauland-Text mit dem Titel „Warum muss es Populismus sein?“ eigentlich von Adolf Hitler stammte. Beziehungsweise von ihm hätte stammen können. Oder ihm jedenfalls nicht völlig unähnlich sah. Der „Tagesspiegel“, im Kampf gegen das Böse stets an vorderster Front dabei, deckte den Skandal auf Seite eins auf.

Worum ging es? Gauland hatte in seinem Beitrag geschrieben: „Wir sind nicht ‚das‘ Volk, aber wir wollen, dass das Volk mehr politischen Einfluss bekommt.“ Dann beschäftigt er sich mit der Frage, wie der Populismus – der seiner Partei regelmäßig vorgeworfen wird – aus seiner Sicht entstanden ist: „Im Zuge der Globalisierung hat sich nach dem Ende des Ost-West-Konflikts eine neue urbane Elite gebildet, man könnte auch von einer neuen Klasse sprechen. Zu ihr gehören Menschen aus der Wirtschaft, der Politik, dem Unterhaltungs- und Kulturbetrieb – und vor allem der neuen Spezies der Informationsarbeiter. Diese globalisierte Klasse sitzt in den international agierenden Unternehmen, in Organisationen wie den UN, in den Medien, Start-ups, Universitäten, NGOs, Stiftungen, in den Parteien und ihren Apparaten, und weil sie Informationen kontrolliert, gibt sie kulturell und politisch den Takt vor. Ihre Mitglieder leben fast ausschließlich in Großstädten, sprechen fließend Englisch, und wenn sie zum Jobwechsel nach London oder Singapur ziehen, finden sie überall ähnliche Appartements, Häuser, Restaurants, Geschäfte und Privatschulen. Dieses Milieu bleibt sozial unter sich, ist aber kulturell ‚bunt‘. Das hat zur Folge, dass die Bindung dieser neuen Elite an ihr jeweiliges Heimatland schwach ist.“ – „Der Regen, der in ihren Heimatländern fällt, macht sie nicht nass.“

Gaulands Passage enthält selbst noch gar keine Wertung, sie ist deskriptiv gehalten. In dieser Beschreibung nun erkannte der Twitterer znuznu und in der Folge der „Tagesspiegel“, die Historiker Wolfgang Benz und Michael Wolffsohn sowie der Privatgelehrte Sigmar Gabriel allerreinsten Hitler, wenn auch ins 21. Jahrhundert transponiert. Denn in der Tat, im November 1933 hatte Adolf Hitler vor Arbeitern des Siemens-Werks in Berlin eine Rede gehalten, in der er gegen eine „kleine wurzelloseClique“ polemisierte, die sich durch Bindungslosigkeit auszeichne: „Es sind das die Menschen, die überall und nirgends zu Hause sind, sondern die heute in Berlin leben, morgen genauso in Brüssel sein können, übermorgen in Paris und dann wieder in Prag oder Wien oder in London, und die sich überall zu Hause fühlen.“ Laut Wolfgang Benz hat sich Gauland an Hitler „angeschmiegt“. Michael Wolffsohn diagnostizierte im „Tagesspiegel“, Gaulands Text sei „Hitler light“.

Nun finden sich in Reden und Aussprüchen ganz verschiedener Politiker zu verschiedenen Zeiten öfters ähnlich klingende Formulierungen, zumal wenn beide noch aus dem gleichen Sprachgebiet stammen, aber selbst wenn sie in unterschiedlichen Sprachen reden. Die Zitate etwa: „Aus diesen Trümmern wird sich siegreich erheben der Phönix eines neuen Geistes“ und: „Es ist das erregende Beispiel eines Volkes, das bereit war, sich aufzuopfern, damit seine Asche als Fundament für eine neue Gesellschaft diene“, sind einander ungefähr so ähnlich wie Gaulands und Hitlers Passage. Der eine Satz stammt von Joseph Goebbels, der andere von Che Guevara. Die Wendung von Martin Schulz, die AfD gehöre „auf den Misthaufen der Geschichte“, lässt sich – ohne AfD natürlich – bei Leo Trotzki nachlesen.

Dass Äußerungen kontextabhängig sind, lernt eigentlich jeder Student irgendeiner Geisteswissenschaft. Früher lernten es sogar Abiturienten. Auch sind die Gedanken Gaulands nicht neu. Darauf erhebt er keinen Anspruch. Sie gehen im Wesentlichen auf den britischen Publizisten David Goodhart zurück, der mit dem Gegensatz zwischen den „Anywheres“, denjenigen also, die überall zu Hause sein können, und den „Somewheres“, die sich an ihren Ort gebunden fühlen oder es tatsächlich sind, das tiefe Zerwürfnis der britischen Gesellschaft über den Brexit erklärt. Der Grundgedanke findet sich auch bei vielen anderen – etwa bei dem amerikanischen Autor Corey Robin („Der reaktionäre Geist“).

Am ähnlichsten sind Gaulands Sätze über die urbane Elite allerdings der Passage eines Textes, der – Tusch, Trommeltremolo – vor einiger Zeit im „Tagesspiegel“ erschien. Dort schrieb der Blogger und Dozent Michael Seemann 2016: „Es gibt heute eine globalisierte Klasse der Informationsarbeiter, der die meisten von uns angehören und die viel homogener und mächtiger ist, als sie denkt. Es sind gut gebildete, tendenziell eher junge Menschen, die sich kulturell zunehmend global orientieren, die die ‚New York Times‘ lesen statt die ‚Tagesschau‘ zu sehen, die viele ausländische Freunde und viele Freunde im Ausland haben, die viel reisen, aber nicht unbedingt um in den Urlaub zu fahren. Es ist eine Klasse, die fast ausschließlich in Großstädten lebt, die so flüssig Englisch spricht wie ihre Muttersprache, für die Europa kein abstraktes Etwas ist, sondern eine gelebte Realität, wenn sie zum Jobwechsel von Madrid nach Stockholm zieht.“

Nach der „Tagesspiegel“‑, Benz- und Wolffsohn-Logik hatte also jemand schon 2016 dem antifaschistisch vorbildlichen Blatt Hitler light untergejubelt. Beziehungsweise Goodhart classic. Bevor ein Medium in Zukunft eine NS-Textanleihe bei einem rechten Publizisten anprangert, sollte es sich erst einmal auf Volltextsuche im eigenen Archiv begeben.

Für die schönste Wendung in diesen Absurditäten sorgte Seemann selbst, denn er beklagt sich nun einerseits, Gauland habe ihn plagiiert, muss aber logischerweise gleichzeitig erklären, warum in seiner eigenen Textpassage kein Hitler steckt. Seine Herleitung zusammengefasst: Er, Seemann, habe ja eigentlich über das „Feindbild der AfD“ geschrieben, das gleiche ja wiederum irgendwie dem Feindbild der NSDAP. Und deshalb sei ein Gedanke, der schon bei Hitler auftauche – und später bei Goodhart und etlichen anderen – bei ihm, Seemann, kein Hitler, bei Gauland, der fast die gleichen Sätze benutzt, aber schon.

Beim „Tagesspiegel“ ist die Not nun so groß, dass Chefredakteur Lorenz Maroldt offenbar endgültig den Überblick verliert, der wahrscheinlich nur mit Ritalin und anderen rücksichtslosesten Maßnahmen wiederhergestellt werden kann. Maroldt twitterte: „Hier der komplette Gastbeitrag von Michael Seemann vom 25.10.16, der nach Meinung einiger Hobbyhistoriker eine Hitler-Rede plagiiert und von Gauland für seinen ‚FAZ‘-Beitrag abgeschrieben wurde.“ Kein Historiker (Benz, Wolffsohn) und auch nicht die Gemeinschaft der Hobbyhistoriker („Tagesspiegel“-Redaktion) hatte je behauptet, Seemann habe Hitler plagiiert. Sondern Wolffsohn und Benz, eigens vom „Tagesspiegel“ angefragt, hatten zweifelsfrei festgestellt, Gauland habe beim Führer abgepinselt. Dummerweise erfolgte diese zweifelsfreie Feststellung eben, bevor der Seemann-„Tagesspiegel“-Text exhumiert wurde. „FAZ“-Redakteur Philip Plickert fragte vorsichtshalber bei Maroldt auf Twitter an, ob er nun Wolffsohn und Benz als Hobbyhistoriker bezeichnen wolle, bekam aber keine Antwort. Tausendmal schade.

Zurück zu Seemann und Gauland: Eine Plagiatsklage dürfte Seemann nicht gewinnen. Dazu ist das Phänomen des Konflikts zwischen mobiler Elite und verwurzeltem Rest zu allgemein. Und offenbar spielt dieser Konflikt auch eine große Rolle. Anderenfalls würden sich nicht so viele an ihm abarbeiten. Eine Partei, die ihn wie die AfD aufgreift, bekommt offensichtlich Zulauf.

„Tagesspiegel“-Autor Sigmar Gabriel scheint das zu ahnen, denn er schreibt, dass das, was Gauland über Somewheres und Anywheres erklärt, ja nicht falsch sei. Deshalb sei es ja so gefährlich. Ganz nebenbei gefragt: gefährlich für wen? Der Ex-SPD-Chef jedenfalls empfiehlt die üblichen Maßnahmen, um die Gaulands zu bekämpfen: mehr Sozialmaßnahmen, mehr Europa. „Um die AfD wieder in Schach zu halten, hilft nur eine Strategie.“ – „tatsächlich mehr soziale, wirtschaftliche, kulturelle und auch regionale Gerechtigkeit schaffen!“ – „Die bevorstehende Europawahl ist eine gute Gelegenheit dafür. Statt Europa nur noch defensiv als Schutzwall gegenüber einer unbequemen Welt zu verteidigen, braucht es eine wirkliche Alternative zum heutigen Europa. Eine, die wieder für ein besseres Leben für alle in Europa eintritt und keine Angst davor hat, sich an das einstige Versprechen des Euro zu erinnern: an das Ziel gleichwertiger Lebensverhältnisse in Europa. Weil der Süden und Westen Europas das Gegenteil erleben und niemand mehr dafür streitet, Europa wieder eine neue Richtung zu geben, scheint zu dem real existierenden und von vielen als trostlos empfundenen Europa nur eine Alternative möglich: die Rückkehr zum nationalen Egoismus. Ich bin überzeugt, dass man im Verlauf von 50 Jahren nicht mehr nur in den Kategorien eines Landes denken wird – viele der heutigen Probleme werden verschwinden, wobei es so viele gar nicht gab –, sondern man wird in kontinentalen Kategorien denken, und das europäische Denken wird von weit größeren Problemen erfüllt sein und bewegt werden. Es will Grenzen niederreißen, die die europäischen Völker noch trennen, und ihnen den Weg zueinander ebnen. Es macht mit einem Zustand Ende, der auf die Dauer die Menschheit natürlich nicht befriedigen konnte.“

In dieses Gabriel-Zitat hat der Autor dieses Textes übrigens nur aus Daffke eine längere Goebbels-Passage eingebaut. Um rituellen Dummstellern den Weg abzuschneiden: Nein, das soll nicht suggerieren, ein glühender Appell für die Vereinigten Staaten von Europa sei Goebbels light. Sondern nur, dass – siehe oben – eine formale Ähnlichkeit zwischen Sätzen noch gar nichts sagt und nur unter Trotteln als Beweis für irgendetwas gilt.

Der Twitterer znuznu nimmt jetzt jedenfalls unter NS-Historikern einen ähnlichen Rang ein wie Antifa Zeckenbiss unter Fernsehberichterstattern. Der „Stern“-Tagebuchschreiber Konrad Kujau musste sich seinerzeit noch deutlich mehr anstrengen, um ein Qualitätsmedium zu beeindrucken.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Publico“.


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