25. September 2018

„Integrationsbarometer“ des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration Die Deutschen sind verrückt nach noch mehr Flüchtlingen

Die Jubelperserbilanz weckt Erinnerungen

von Michael Klonovsky

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Bildquelle: shutterstock Jubelperser: Deutsche sind begeistert über Integration

Während Nacht für Nacht herumstreunende Passanten müden Neumitbürgern, die sich von ihrem Tagwerk ausruhen wollen, in die Quere kommen (oder umgekehrt), was für Erstere oft in der Notaufnahme oder gar im Leichenschauhaus endet, während „Familien“ oder „Gruppen“ ihre originellen Spontanpartys feiern, während nicht nur die Polizei mit Stichschutzwesten aufrüstet, sondern auch erste Ausländerbehörden mit Schutzwesten nachziehen, während Hauptbahnhöfe Waffenverbote verhängen, Rettungskräfte angegriffen werden, Ärzte gehalten sind, Selbstverteidigungskurse zu absolvieren, Frauen abends nicht allein joggen sollen, Merkelsteine jedes Volksfest zieren und Stuttgart seine Silvesterfeier aus Sicherheitsgründen schon mal absagt...,

... haben Integrationsexperten, vielfach verstärkt im Resonanzraum der kanzleramtsnahen Presse, gute Nachrichten zu verkünden. Das „Integrationsbarometer“, eine Befragung zum „Integrationsklima“ in Deutschland (deshalb der originelle meteorologische Name!), hat ermittelt, dass die Deutschen (im, wie wir gleich sehen werden, weitesten Sinne) ganz verrückt nach noch mehr Flüchtlingen und noch besserer Integration sind. Aussagen wie „Die Flüchtlinge werden Deutschland kulturell langfristig bereichern“ oder Deutschland sollte weiterhin aufnehmen, was da fleucht und womöglich sogar kreucht, auch wenn es das einzige Aufnahmeland in der EU wäre, stießen nämlich auf breite, wo nicht breiteste, jedenfalls mehrheitliche Zustimmung.

„Obwohl Trollarmeen, Fake-News-Schleudern und parlamentarische Panikmacher seit Jahren das Zerrbild des Flüchtlings als messerstechendem Invasoren verbreiten, hat sich die verbreitete Einstellung in der Asyldebatte kaum verändert: Die Mehrheit der Menschen hält Migranten nach wie vor für eine Bereicherung und befürwortet Zuwanderung“, frohlockt „Spiegel Online“. „Das ist kein linksgrünversiffter Lügenpresse-Quatsch, sondern ein empirisch belegter Befund.“

Schauen wir genauer hin. Gleich der erste Satz ist eine, vorsichtig formuliert, tendenziöse Behauptung: „Das Integrationsbarometer ist eine repräsentative Bevölkerungsumfrage unter Menschen mit und ohne Migrationshintergrund in Deutschland.“ Dies wird zwar ein paar Zeilen später zurechtgerückt, aber das „repräsentativ“ sitzt bereits (und auf Journalisten üben erste Sätze eine einnordende, ja vergatternde Wirkung aus): „Ein Alleinstellungsmerkmal des Barometers ist, dass es die Sichtweisen und Bewertungen auf beiden Seiten der Einwanderungsgesellschaft misst.“ – „Eine Stärke ist der hohe Anteil an Befragten mit Migrationshintergrund (über 70 Prozent).“

Die angeblich repräsentative Bevölkerungsumfrage verlief konkret so: „Für die aktuelle Erhebung wurden zwischen Juli 2017 und Januar 2018 insgesamt 9.298 Personen bundesweit interviewt. Davon waren 2.720 Personen ohne Migrationshintergrund, 1.438 Spät‑/Aussiedler und Spät‑/Aussiedlerinnen, 1.479 Türkeistämmige, 1.532 Zuwanderer und Zuwanderinnen aus einem EU-Land und 1.760 Personen mit einem Migrationshintergrund aus der ‚übrigen Welt‘. Zusätzlich wurden 369 Flüchtlinge aus ausgewählten Ländern interviewt, die ab 2014 nach Deutschland eingereist waren.“

Nur 29,25 Prozent der Befragten waren Herkunftsdeutsche (die Zahl der Pass-Deutschen ist nicht angegeben). Nicht einmal ein Drittel. Aber als solches womöglich repräsentativ. Was bei den Medien ankommt, sieht dann so aus: „Große Mehrheit der Deutschen sieht Migration als Bereicherung“ („Welt“); „Mehrheit sieht Flüchtlinge als kulturelle Bereicherung“ („Zeit“), „Die Deutschen sind einer Studie zufolge überwiegend optimistisch beim Thema Integration. Eine Mehrheit findet, dass Flüchtlinge zur wirtschaftlichen Entwicklung beitragen werden“ (Tagesschau.de), und so weiter und so fort.

Man wird einwenden, dass in der Studie die Gruppen ja gesondert aufgeführt werden, man die Erhebung unter den Bio- beziehungsweise Herkunftsdeutschen also auch separat lesen könne und die Unterschiede zwischen den Gruppen insgesamt eher gering ausfielen. Ein Degout bleibt. Warum erscheint die Majorität in einer vor allem sie betreffenden Angelegenheit so unterrepräsentiert?

Nicht besonders seriös ist die allzu große Nähe von „Migranten“ und „Flüchtlingen“ bei den gestellten Fragen, wodurch es in den Köpfen der Befragten zur Vermischung der beiden doch recht verschiedenen Populationen kommt, nämlich durch die Suggestion, dass sich die aktuellen, meist illegalen Neuankömmlinge automatisch in normale Einwanderer verwandeln würden (einmal davon abgesehen, dass viele, wenn nicht die meisten Flüchtlinge gar keine sind, wir also der semantischen Propaganda nicht aus dem Wege gehen). Das gilt etwa für die Frage, ob sie die deutsche Kultur „bereichern“ – wer würde das bei „Migranten“ pauschal verneinen? Am wenigsten ein Migrantenenkel und Migrantenfamilienoberhaupt wie ich. Aber es ist möglich, ja wahrscheinlich, dass viele Deutsche und auch Neudeutsche einen großen Unterschied machen zwischen dem kulturellen Beitrag jener Arbeitsmigranten aus zum Beispiel Osteuropa, Ostasien oder der Türkei, die sich in Deutschland eine Existenz aufgebaut haben, und jenem der zuletzt in Scharen hereingeströmten oftmals analphabetischen Angehörigen orientalischer und afrikanischer Stammeskulturen, verlängert auf welche Zukunft auch immer.

Fragen nach der Zustimmung zu Prognosen wie: „Die aufgenommenen (sic! die ‚nicht aufgenommenen‘ später!) Flüchtlinge werden Deutschland kulturell langfristig bereichern“ oder „Die aufgenommenen Flüchtlinge werden positiv zur wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands beitragen“ sind kaum sinnvoller als „Deutschland wird dank der aufgenommenen Flüchtlinge bestimmt einmal wieder Fußballweltmeister“ (wobei das weit wahrscheinlicher ist) oder „Der Koran wird positiv zur wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands beitragen“. Dasselbe gilt für das Resümee: „Beim Thema Kriminalität sind die Meinungen gespalten: Fast die Hälfte der Befragten ohne Migrationshintergrund glaubt, dass Flüchtlinge die Kriminalität erhöhen. Ähnlich ist das Bild bei den Türkeistämmigen.“ Als ob es eine Rolle spielte, was über eine Tatsache geglaubt wird. Die Kriminalität ist durch Flüchtlinge massiv gestiegen, allen statistischen Manipulationen zum Trotz. Wenn die Hälfte der Befragten meinte, die globale Jahresdurchschnittstemperatur habe in den letzten zehn Jahren zugenommen, dann hätte halt die andere Hälfte recht. Doch auch hier werden die Studienautoren das Argument geltend machen, dass es schließlich nicht um Fakten gehe, sondern um ein gesellschaftliches Klima, das über solche Bewertungen oder Prognosen gemessen werde.

Ich habe keine Beweise gegen diese Studie, ich weiß weder, wie die Kandidaten ausgewählt noch wie sie genau befragt wurden, aber ich traue der Sache methodisch kein Stück. Dazu stehen die Resultate in einem allzu krassen Widerspruch zu dem, was andere Erhebungen vor allem seit 2015 zutage gefördert haben. Im vergangenen Jahr etwa ergab die GfK-Umfrage, dass die Zuwanderung die größte Sorge der Deutschen ist. Eine Insa-Umfrage zur Landtagswahl in Bayern im Auftrag des „Deutschlandkurier“ ergab soeben, dass jeder zweite die Migration für das innenpolitische Hauptproblem hält. In den vergangenen Jahren kamen diverse Umfragen zu dem Resultat, dass eine Mehrheit für die Rückkehr zu Grenzen und Grenzkontrollen plädiert.

Ich würde mich nicht wundern, wenn eines Tages herauskommt, dass das „Barometer“ kaputt gewesen oder manipuliert worden ist. Als einer, der das Ende der DDR erlebt hat, irre ich derzeit ohnehin durch einen Wald von Déjà-vus, und dergleichen Jubelperserbilanzen, die grotesk diametral zu meinen eigenen Beobachtungen standen, waren damals sehr en vogue. Je tiefer sie in den dunkeldeutschen Wald geraten, desto lauter pfeifen auch heute die Lakaien des Establishments das Lied von den erwünschten Illusionen.

Die Studie stammt übrigens vom Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration. Das heißt, ihre Vertrauenswürdigkeit entspricht ungefähr einer von der Tabakindustrie erstellten Studie über die Unbedenklichkeit des mäßigen Rauchens. Zu den Protektoren gehören unter anderem die für ihre rosigen Integrationsprognosen weithin berühmte Bertelsmann-Stiftung sowie die Freudenberg-Stiftung, deren „Berliner Dependance“ sich laut Wikipedia „zusammen mit der Amadeu-Antonio-Stiftung unter derselben Berliner Adresse in der Novalisstraße 12“ die Büroräume teilt. Denn: „Beide Stiftungen haben sich das Schlagwort von der Förderung der ‚demokratischen Kultur‘ auf die Fahne geschrieben.“ Und diese Fahne ist rot...

Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration: „Integrationsbarometer“

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Acta diurna“.


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