20. September 2018

Jürgen Mladek im „Nordkurier“ über Hans-Georg Maaßen Eine Staatsaffäre voller Banalität

Nach dem Showdown ist alles wie zuvor

von Holger Finn

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Bildquelle: Grandy02 (CC BY-SA 3.0)/Wikimedia Commons Zum Glück kein Premiumjournalismus: „Nordkurier“

Der „Spiegel“ verweigert wie üblich die Arbeit, „SZ“, „Zeit“ und „taz“ dagegen bleiben bei ihrer ursprünglich erzählten Geschichte, schnell gestrickt, aber zu oft wiederholt, um sie nach vier Wochen noch umbauen zu können. Also muss der „Nordkurier“ ran, ein Heimatblatt aus Angela Merkels Wochenendhausregion Uckermark, das gemeinhin nicht eben verdächtig ist, Premiumjournalismus zu verkaufen.

Aber in der „Maaßen-Krise“ („Nordkurier“) fallen alle Gewissheiten, und so ist es ein Jürgen Mladek, offenbar stellvertretender Chefredakteur der ehemaligen „Freien Erde“, der im apokalyptischen Geschrei um Maaßens Verfehlungen, die Grabenkämpfe in der Koalition und die Taschenspielertricks der Beteiligten die „Medien-Krise“ (Mladek) entdeckt, ohne deren Verständnis nicht zu begreifen ist, wie eine komplette politische Klasse, verschwippt, verschwägert und bei so manchem Glas Wein verschworen, aus so nichtigem Anlass alle Contenance verliert.

Der Kopf soll rollen

„Viele Journalisten wollten Maaßens Kopf rollen sehen, um von ihrer eigenen Unfähigkeit abzulenken“, urteilt der Neubrandenburger Vizechef, noch ehe er die Ereignisse noch einmal Revue passieren lässt. Eine Staatsaffäre voller Banalität scheint auf, „eigentlich total banal“ (Mladek). Ein Videoschnipsel von einer rechten Internetquelle, verbreitet von einer linken Internetquelle, begeistert aufgesogen und wieder ausgespien von ratlosen Medien, die ohne dieses Randereignis gar nicht gewusst hätten, wie sie mit dem „Tod“ (dpa) eines jungen Mannes in Chemnitz hätten umgehen sollen, der jahrelange Bemühungen um ein Drumherumschreiben um bestimmte Phänomene inmitten sinkender Gesamtkriminalität zu desavouieren drohte.

Sie stürzten sich also „darauf, als marschierten da tatsächlich die Braunhemden in Kolonnenstärke durch Sachsen“ („Nordkurier“), sie vergaßen Handwerk, Redlichkeit, Recherche. Wie „peinlich für die Branche, dass dann ausgerechnet ein Behördenchef daran erinnerte, dass man nicht sofort alles ungeprüft verbreiten soll, was aus derart unsicheren Quellen kommt, und dass die Urheber solcher Informationen womöglich auch eigene Absichten verfolgen“ (Mladek).

Es gibt dann kein Verzeihen mehr. Wie der Ziegenbock Bobesch aus „Kater Mikesch“ wurde Maaßen zum zentralen Gegenstand einer symbolischen Reinigung. Wie konnte er nur. Das darf er nicht. Das diene doch nur „den Rechten“, weil es nicht ohne Beweise aburteile, sondern „rechtfertige, relativiere oder was auch immer“. Auch im Norden ist aufgefallen, was für manche Kollegen noch schlimmer war: dass Maaßen „damit der Kanzlerin in den Rücken falle. Ein Beamter. Der Kanzlerin!“

Unerhörter Widerspruch

Gut analysiert, dass die SPD lauter und immer lauter und immer schriller und schriller werden musste, „um in diesem Konzert überhaupt noch gehört zu werden“. Dann hatten alle, was sie zu wollen glaubten, und alle waren enttäuscht, weil niemand bekam, was ihm nach eigener Ansicht zugestanden hätte.

All der Lärm, die Rufe, der Untergang sei nahe, die absurden Vorwürfe, der oberste Verfassungsschützer sei der allerschlimmste Verfassungsfeind, alles vergebens, alles umsonst verbraucht. Nach dem Showdown ist alles wie zuvor, ungerettet die Koalition, unerlöst der Wunsch von Angela Merkel, die letzte Amtszeit ungestört runterregieren zu dürfen, ohne ständig an das erinnert zu werden, was mittendrin schiefgegangen ist.

„Nordkurier“: „Ein unwürdiges Schauspiel – vor allem der Medien“

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Politplatschquatsch“.


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