13. September 2018

Strategien gegen das Böse Der Fall Frank, entfremdet von sich selbst

Wie soll man umgehen mit den Menschenfeinden?

von Holger Finn

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Bildquelle: shutterstock Hoffnungsloser Fall: Rentner Frank

Seit den ersten plötzlichen Wahlerfolgen der AfD und den jüngsten Herzversuchen von Chemnitz und Köthen stellen sich im zwischenmenschlichen Bereich immer neue Fragen. Wie soll man umgehen mit den Menschenfeinden? Welches Maß an Nähe ist noch erlaubt, wo verläuft die Grenze zur widerrechtlichen Kollaboration? Wie scharf muss Ausgrenzung von Rechten, Rechtspopulisten, Rechtsradikalen und Rechtsextremen sein, damit sie wirkt?

Fragen, die sich vor allem im zwischenmenschlichen Bereich stellen. Aus Freunden werden Mitbürger der besorgten Art, die gegen unsere Regierung hetzen, Fremde ablehnen und dem völkischen Glauben anhängen, sie seien durch die Gnade ihrer Geburt im richtigen Land gelandet. Im schlimmsten Fall sind es Verwandte und Freunde, die sich nicht einmal mehr schämen, zuzugeben, dass sie die menschenfeindliche AfD wählen. Freundinnen aus dem Chor zeigen Sympathien für Horst Seehofer, gute Kumpel driften nach rechts.

Im Fachblatt „Psychs in Psychology” haben Wissenschaftler des An-Instituts für Angewandte Entropie des Wuppertaler Instituts für System- und Innovationsforschung jetzt eine Metastudie vorgestellt, die zeigt, wie wichtig rechtzeitiges Gegenhalten, eine gute humanistische Gesinnung und der feste Glaube an die eigenen Argumente in der Auseinandersetzung mit Abtrünnigen sind. Sich distanzieren könne man immer noch, raten die Forscher. Aber erst dann, wenn die Betreffenden sich endgültig als verloren für die gemeinsamen europäischen Werte erwiesen hätten.

Beinahe jeder kennt das inzwischen aus seinem privaten Umfeld: Eben noch waren Frank, Ute und Axel ganz normale Menschen, gut situiert, fest verankert im bürgerlichen Milieu, bekennende Grün- oder Links- oder gar SPD-Wähler. Und auf einmal hört man im Gespräch heraus, dass sie die AfD für ein notwendiges Korrektiv in einer Gesellschaft halten, in der der Bundestag nur noch selten zu grundsätzlichen Fragen abstimmt und die EU immer mehr zur Vorgabemaschine für Entscheidungen wird, die die Regierung selbst nicht verantworten will.

Wenn alte Kumpels so gefährlich nach rechts driften, stellt das die FreundInnen vor Probleme. Soll man die jahrzehntelangen Freundschaften, Bergsportgruppen, Musikabende sofort auflösen? Sich distanzieren, abwenden, einen Schlussstrich ziehen? Oder ist es nicht gerade jetzt nötig, den Kontakt zu halten, um die Betroffenen von ihrem falschen Weg abzubringen?

Hier ein ernster und akuter Fall: Frank, ein klavierspielender Praktiker der Verachtung anderer, der gut lebt, sich selbst aber für ein Opfer der Verhältnisse hält. „Merkel muss weg“, sagt er öfter und lacht dabei. Doch Frank meint es ernst!

Frank ist 66 Jahre alt, Hobbypianist, Politologe, er sammelt Flaschen, weil seine Rente nicht reicht. Er ist in Bautzen aufgewachsen, war früher wie Angela Merkel in der FDJ aktiv und hat lange für einen linken Bundestagsabgeordneten gearbeitet. Franks Thema sind die muslimischen Männer. Er hält es für einen „schweren Fehler“, „Hunderttausende von jungen, arbeitslosen und wenig gebildeten muslimischen Männern“ ins Land gelassen zu haben. Jede Nachricht über Gewalt durch Geflüchtete gilt ihm als Bestätigung, er triumphiert geradezu, wenn neue Meldungen über Männergewalt auftauchen.

Die Vorstellung, man müsse durch das Asylrecht als Westeuropäer den Afrikanern beim Aufbau ihres Kontinents helfen, weil sie ja auch durch unsere Exportwirtschaft und den Kolonialismus in Armut leben, war früher eine von Franks Grundüberzeugungen. Doch schon seit er nach seiner Frühverrentung mit dem Flaschensammeln begonnen hat, ist der fröhliche Menschenfreund nicht mehr er selbst. „Ich befinde mich selbst am Rande der Altersarmut“, sagt Frank, „warum muss ich mich da noch für irgendwelche Afrikaner verantwortlich fühlen?“

Frank wählte früher die SED, dann die SED-PDS, dann die PDS, schließlich die Linkspartei, zuletzt aber die AfD. „Darüber ärgern sich die da oben am meisten“, sagt er, „außerdem kommt so endlich mal Leben in die Bude“.

Der praktische Umgang mit Frank

Bei Frank scheint Hopfen und Malz verloren. Allenfalls mit krassen Gegenfragen lässt sich vielleicht kurzzeitig noch Wirkung bei ihm erzielen, da die üblichen moralischen Vorwürfe verpuffen dürften. Fragen Sie Frank, ob er dagegen wäre, nordafrikanischen Staaten viel Geld dafür zu geben, dass sie Flüchtlinge mit Gewalt davon abhalten, nach Europa zu kommen. Was sagt er, wenn Sie ihm dann vorhalten, dass das Geld bei seiner Rente fehlt? Wäre es für ihn erstrebenswert, Verfolgte, Gefolterte, Kriegsflüchtlinge aus Diktaturen an den Grenzen des wirtschaftsstarken Deutschland zurückzuschicken, obwohl die demographische Lage nur durch Zuzug gerettet werden kann? Und findet er es gerecht, dass in vielen Herkunftsländern nicht einmal die Möglichkeit besteht, Flaschen zu sammeln, weil Flaschenpfand dort unbekannt ist?

Bedenken Sie immer, dass Sie Frank wohl trotz aller Raffinesse nicht werden retten können. Betrachten Sie Gespräche mit ihm als Übung für Fälle, in denen Sachargumente wie „Deutschland ist reich“, „Wir schaffen das“ und „wertvoller als Gold“ noch etwas ausrichten. Hier können Sie an einem vermutlich bereits verlorenen Gegenüber austesten, wie Sie Ihre stärksten Schlagworte anordnen müssen, damit sie eine Wirkung erzielen, wie sie ARD und ZDF, aber auch die „SZ“, die „taz“ und die „Zeit“ regelmäßig erreichen.

Damit trennen Sie Ihre Sachargumentation vom erhofften Gesprächsergebnis, das Frank gern weiter in der Gemeinde der Demokraten halten würde. Wichtig: Selbst niemals auf vermeintliche Argumente eingehen, mit denen Frank versuchen wird, Sie auf die böse, menschenfeindliche Seite zu ziehen! Nichts von dem stimmt, was er sagt, und wenn doch, ist es noch lange kein Grund, etwas davon zu glauben!

Bieten Sie Frank einen alternativen Kanal an für seine Wut. Sagen Sie: „Flüchtlingsfrage hin oder her, aber werden da nicht künstlich Sündenböcke aufgebaut? Wir reden nicht mehr über die Macht der Großkonzerne, der Superreichen, nicht mehr darüber, dass der teuerste Flüchtling der Steuerflüchtling ist.“ Erinnern Sie ihn an den Staatsbürgerkundeunterricht, fahren Sie ein Ablenkungsmanöver, indem Sie daran erinnern, wie Sie gemeinsam Ausländer und Schwarze wie Luis Corvalán und Angela Davis freigekämpft haben.

Sie können auch eine überraschende Wendung vollziehen und sagen, dass sie die AfD zu links finden, sich von ihr an die einstige SED erinnert fühlen und Gauland ein Ostdeutscher zu viel an der Spitze der Bundesrepublik ist. Frank wird sicher widersprechen und Ihnen erzählen, zu was wir in Deutschland unter Führung einer Ostdeutschen fähig sind. Sagt er: „Wir haben eine Million Flüchtlinge aufgenommen und trotzdem Haushaltsüberschüsse, die Zuwanderung ist eine Jobmaschine für Lehrpersonal, Bauwirtschaft, Verwaltungen“, dann stimmen Sie einfach zu.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Politplatschquatsch“.


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